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Vulvodynie

Letzte Aktualisierung: 25.11.2022

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Die Vulvodynie ist eine chronische Schmerzerkrankung der Vulva und insb. des Vestibulum vaginae (dann als Vestibulodynie bezeichnet), die über mind. 3 Monate besteht. Die Symptome umfassen in den meisten Fällen brennende, stechende Schmerzen, Juckreiz und ein Wundgefühl am äußeren Genitale spontan oder nach Berührung.
Die genaue Ursache ist ungeklärt, es wird jedoch eine multifaktorielle Genese vermutet, wobei sowohl psychosoziale als auch organische Faktoren eine Rolle spielen. Bei den meisten Betroffenen liegt eine Vielzahl psychischer Symptome vor (wie z.B. Schlafstörungen oder Depressionen). Auch häufige Anwendungen von Antimykotika oder Antibiotika werden als Auslöser diskutiert.
Oftmals vergehen Jahre zwischen den ersten Symptomen und einer korrekten Diagnosestellung, wobei die Betroffenen unter einem erheblichen Leidensdruck stehen. Die Therapie ist langwierig und umfasst u.a. verhaltenstherapeutische Maßnahmen, Entspannungstechniken und lokale/systemische Medikamente wie bspw. trizyklische Antidepressiva oder SSRIs.

Chronische Schmerzstörung der Vulva, die über mind. 3 Monate besteht und der sowohl physische als auch psychische Prozesse zugrunde liegen [1][2]

  • Nach Lokalisation
  • Nach Zeitpunkt
    • Primäre Vulvodynie: Ab der Kindheit/Menarche oder ersten vaginalen Penetration
    • Sekundäre Vulvodynie: Im Verlauf des Lebens nach vorheriger Symptomfreiheit
  • Auslöser
    • Provoziert: Durch Berührung (sexuell/nicht-sexuell)
    • Nicht-provoziert: Spontan auftretend

Es wird eine sehr hohe Dunkelziffer vermutet. Aufgrund verschiedener Beobachtungsstudien kann die Epidemiologie nur geschätzt werden.

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Die genaue Ursache der Vulvodynie ist (noch) nicht abschließend geklärt. Es wird eine multifaktorielle Genese vermutet, wobei sowohl psychosoziale als auch organische Faktoren eine Rolle spielen. Oftmals besteht anfänglich eine Infektion mit Candida albicans, die mehrfach und frustran mittels Antimykotika behandelt wird. Bei vielen Betroffenen liegen psychische Symptome vor (z.B. Schlafstörungen, Depressionen), wobei nicht geklärt ist, ob diese ursächlich oder primär als Komorbidität vorliegen. Viele der nachfolgend aufgeführten Faktoren treffen auf einen Großteil der Patientinnen zu. [2]

  • Psychisch
    • Psychosoziale Belastungen, emotionale Konflikte
    • Chronischer Stress und/oder Trauma in der Kindheit
  • Organisch
  • Insb. bei lokaler Vulvodynie (Vestibulodynie), u.a.

Klassifikation der Vulvodynie von 2015 nach SSV , ISSWSH und IPPS [2][6]

Klassifikation von Vulvaschmerzen und Vulvodynie nach ISSV, ISSWSH und IPPS von 2015 [2][6]
A: Vulvaschmerzen aufgrund einer spezifischen Erkrankung
1. Infektion
2. Inflammation
3. Neoplasie
4. Neurologisch
B: Vulvodynie
1. Generalisiert
1.1 Provoziert
1.2 Nicht-provoziert (spontan)
1.3 Gemischt
2. Lokalisiert (Vestibulodynie, Klitorodynie, Hemivulvodynie)
2.1 Provoziert
2.2 Nicht-provoziert (spontan)
2.3 Gemischt

Lokale Symptome [2][3]

Die Auswirkungen auf die Lebensqualität der Betroffenen (inkl. psychische Stabilität, Partnerschaft etc.) sind oftmals gravierend! Die Symptome beginnen häufig nach einer vaginalen Infektion oder einer Urozystitis mit erfolgter antimykotischer/antibakterieller Therapie. [1][7]

  • Variable Symptome im Bereich der Vulva
    • Brennen
    • Juckreiz
    • Stechen
    • Wundgefühl
    • Trockenheitsgefühl
    • Spontan auftretende Schmerzen oder bei/nach Berührung
    • Dyspareunie
    • Keine oder intermittierend auftretende Hautrötung und Schwellung (Inflammation, keine Infektion!)
  • Lokalisation der Symptome
  • Zeitlicher Verlauf der Schmerzen
    • Permanent, intermittierend oder periodisch (dann insb. prämenstruell)
    • Auftreten plötzlich oder mit langsamer Progredienz
    • Meist abends stärker als morgens

Häufige psychische Symptome [2][8]

Komorbiditäten [2]

Von den ersten Symptomen bis zur Diagnosestellung vergehen meist mehrere Jahre. Oft stellen sich die Patientinnen bei bis zu 10 verschiedenen Ärzt:innen vor (bspw. Dermatologie, Gynäkologie, Urologie, Proktologie).
Im Mittelpunkt der Diagnostik steht eine ausführliche und einfühlsame(!) Anamnese ohne zeitlichen Druck. Die betroffene Frau soll sich verstanden und ernstgenommen fühlen, weshalb behandelnde Gynäkolog:innen ausreichend Erfahrung (und Kenntnis, bspw. der Vulvadermatosen), Verständnis, Empathie haben und sich Zeit (30–90 Minuten) nehmen sollten, um die Diagnose zu stellen. [2][3]

  • Ausführliche Anamnese/Exploration
  • Gynäkologische Untersuchung
    • Inspektion
    • Vaginales Nativpräparat und pH-Messung zum Ausschluss gynäkologischer Infektionen
    • Wattestäbchentest zur Beurteilung der Schmerzausdehnung
    • Ggf. vaginale Pilzkultur [3]
  • I.d.R. nicht notwendig
  • Kontraindiziert: Emla-Test [3]
  • Ggf. urologische, internistische oder dermatologische Mitbeurteilung

Die Diagnosestellung erfolgt anhand des klinischen Bildes.

Zum Ausschluss von Infektionen sollten keine Pilzkulturen der Vulva durchgeführt werden, ggf. jedoch aus der Vagina! [3]

Folgende Differenzialdiagnosen sollten ausgeschlossen werden:

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Die Therapie ist langwierig und sollte multimodal erfolgen (Physiotherapie, Psychotherapie, Schmerztherapie und Osteopathie)! Ein wichtiger Grundsatz der Therapie ist es, der Patientin Zuversicht zu vermitteln, dass die Erkrankung behandelt werden kann. [2]

Erstmaßnahmen

  • Erkrankungsbild erklären → Betroffene sollen die Vulvodynie als körperliche Krankheit annehmen [1][2]
  • Absetzen aller lokal angewendeten Antimykotika/Antibiotika
  • Verhaltensstrategien [10]
    • Vulva ausschließlich mit Wasser waschen
    • Behutsames Trockentupfen
    • Ggf. milde Pflegecreme verwenden
    • Baumwollunterwäsche und locker sitzende Hosen tragen
    • Vulva sanft mit Wasser abspülen (nach Wasserlassen und Geschlechtsverkehr)
    • Nach Wasserlassen und Geschlechtsverkehr Vulva sanft mit Wasser abspülen
    • Entspannungsübungen in den Alltag integrieren (inkl. Dehnübungen für den Beckenboden)

Durch die Diagnosestellung verspüren viele Frauen nach mehrjährigem „Ärzt:innen-Marathon“ eine Erleichterung, die für die weitere Therapie und Heilungsaussicht förderlich ist! [10]

Der Patientin sollen Verständnis, Zuversicht und Hoffnung vermittelt werden!

Multimodale Therapie [2][11]

Die multimodale Therapie besteht aus 3 Grundpfeilern zur Schmerzreduktion. Da sich die Beschwerden sehr individuell verhalten, müssen meist verschiedene Dinge ausprobiert werden. Für viele nachfolgende Therapiemöglichkeiten gibt es wenig Evidenz (es existieren wenig randomisiert-kontrollierte Studien). Bei ca 20% der Fälle sistiert die Vulvodynie spontan wieder. [12]

Steigerung des Wohlbefindens (ganzheitlicher Ansatz!)

Entspannung der Beckenbodenmuskulatur

Medikamentös (in Studien untersucht, jedoch Off-Label Use) [2][4][12]

Operative Therapie (Ultima Ratio!) [4][12]

Die meisten Studien wurden retrospektiv mittels Patientinnenbefragung ausgewertet und betrafen v.a. Frauen mit Vestibulodynie. Eine operative Therapie sollte nur dann durchgeführt werden, wenn die konservative Therapie versagt.

  • Vestibulektomie (oder Vestibuloplastik) bei erfahrenen Operateur:innen
  • Schwenklappenplastik: Neues, noch nicht im Rahmen einer Vulvodynie publiziertes Verfahren
  • Lasertherapie: Bisher nicht empfehlenswert, jedoch zu wenig Daten für eine abschließende Aussage

Alternative Methoden (Therapieversuch) [4][10]

  • Ernährung: Ggf. Lebensmittel wie Käse, Rotwein, Kaffee (histaminhaltig, gefäßerweiternd) meiden, oxalathaltige Lebensmittel meiden
  • Akupunktur
  • Hypnose
  1. Härtl et al.: Vulvodynie und Pruritus vulvae In: Der Gynäkologe. Band: 44, Nummer: 4, 2011, doi: 10.1007/s00129-010-2716-0 . | Open in Read by QxMD p. 315-322.
  2. Mendling: Schmerzen statt Lust: Vulvodynie – eine diagnostische und therapeutische Herausforderung In: Geburtshilfe und Frauenheilkunde. 2020, doi: 10.1055/s-0039-3402954 . | Open in Read by QxMD .
  3. W. Mendling: Vestibulodynie Teil 1: Symptomatik, Pathophysiologie, Diagnostik In: Frauenarzt. Band: 5, Nummer: 55, 2014, p. 470 – 477.
  4. Morgentau, Reinartz: Osteopathische Behandlung bei Vulvodynie In: DO - Deutsche Zeitschrift für Osteopathie. Band: 19, Nummer: 02, 2021, doi: 10.1055/a-1345-6005 . | Open in Read by QxMD p. 14-19.
  5. Netzwerk Vulvodynie. Stand: 18. September 2022. Abgerufen am: 27. September 2022.
  6. Härtl et al.: Chronische Schmerzen bei Vulvodynie und Pruritus vulvae In: Psychotherapeut. Band: 55, Nummer: 3, 2010, doi: 10.1007/s00278-010-0741-z . | Open in Read by QxMD p. 241-246.
  7. Vulvovaginalkandidose (ausgenommen chronisch mukokutane Kandidose). Stand: 1. September 2020. Abgerufen am: 29. September 2022.
  8. S. Weinschenk: Neuraltherapie bei chronischem Unterbauchschmerz und bei Vulvodynie In: Deutsche Zeitschrift für Akupunktur. Band: 62, Nummer: 4, 2019, doi: 10.1007/s42212-019-00215-w . | Open in Read by QxMD p. 259-263.
  9. W. Mendling: Vestibulodynie Teil 2: Therapie In: Frauenarzt. Band: 6, Nummer: 55, 2014, p. 564 – 569.
  10. Ghisu, Gian-Piero et al.: Vulvodynie - Multimodales Behandlungskonzept In: Zurich Open Repository and Archive. 2019, .
  11. Bornstein et al.: 2015 ISSVD, ISSWSH and IPPS Consensus Terminology and Classification of Persistent Vulvar Pain and Vulvodynia In: Obstetrics & Gynecology. Band: 127, Nummer: 4, 2016, doi: 10.1097/aog.0000000000001359 . | Open in Read by QxMD p. 745-751.
  12. Bergeron et al.: Vulvodynia In: Nature Reviews Disease Primers. Band: 6, Nummer: 1, 2020, doi: 10.1038/s41572-020-0164-2 . | Open in Read by QxMD .