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Virostatika

Letzte Aktualisierung: 22.9.2021

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Virostatika sind gegen Viren gerichtete Medikamente, die ihre Wirkung an verschiedenen Punkten des viralen Vermehrungszyklus entfalten. Durch die enge Verknüpfung der Viren mit ihrer Wirtszelle ist eine Selektivität der Medikamente nicht immer zu erreichen, was zu ausgeprägter Toxizität für den Menschen führen kann. Ziel ist es, durch eine frühzeitige Therapie mit Virostatika Symptome sowie Infektiosität zu mindern und die Krankheitsdauer zu verkürzen. Die größten Fortschritte wurden bisher im Bereich der HIV-Therapie erreicht: In Deutschland hat sich die HIV-Infektion durch konsequente Anwendung der Medikamente mittlerweile zu einer chronischen Erkrankung mit zunehmend normaler Lebenserwartung entwickelt. Da sich die Infektionen durch medikamentöse Behandlung oft nur eindämmen lassen, aber selten vollständig ausheilen, kommt weiterhin der Infektionsprophylaxe durch Hygiene und Impfung eine große Bedeutung zu. Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die wichtigsten antiviralen Chemotherapeutika.

Der Vermehrungszyklus von Viren ist obligat an die Leistungen der Wirtszelle gebunden. Die meisten antiviralen Medikamente greifen an Schlüsselproteinen der viralen Vermehrung an, mit dem Versuch eine möglichst große Selektivität zu erreichen. Da der Höhepunkt der viralen Vermehrung meist mit Einsetzen der klinischen Symptomatik schon erreicht ist, muss eine rasche Diagnostik erfolgen, um die Virostatika rechtzeitig einsetzen zu können.

Ansatzpunkt im viralen Vermehrungszyklus Wichtige Medikamente und Wirkstoffgruppen
Anheften und Eindringen des Virus in die Wirtszelle, Freisetzung der Nukleinsäure
Replikation des viralen Genoms Ansatzpunkt DNA-Polymerase
Ansatzpunkt Reverse-Transkriptase (z.B. bei HIV-Infektion)
Translation der viralen mRNA
Zusammenbau der Viruskomponenten
Ausschleusung und Freisetzung neuer Viren aus der Wirtszelle

Seit der Entdeckung des HI-Virus wurde eine Vielzahl an wirksamen Medikamenten mit unterschiedlichsten Angriffszielen zur antiviralen Therapie entwickelt. Der Einsatz der Medikamente erfolgt als sogenannte cART (früher HAART). Siehe auch: Substanzen in der HIV-Therapie

Wirkstoffgruppen Wichtige Pharmaka Wirkmechanismus Nebenwirkungen Anwendungsgebiet
DNA-Polymerase-Inhibitoren

Aciclovir

(Prodrug ist Valaciclovir)

Nukleosidanalogon mit selektiver Wirkung

Infektionen mit:

Aciclovir ist dabei die einzige auch parenteral anwendbare Substanz

Ganciclovir

Nukleosidanalogon mit geringerer Selektivität

Schwere Infektionen Zytomegalie-Virus (CMV)
Foscarnet

Hemmt direkt die viralen DNA-Polymerasen (benötigt daher keine Aktivierung)

Antisense-Oligonukleotid Fomivirsen

"Antisense"-Medikament

Nebenwirkungen bei Anwendung am Auge:

  • Augenentzündungen
  • Steigerung des Augeninnendrucks
  • Netzhautödeme
lokale Therapie der CMV-Retinitis bei AIDS
Wichtige Pharmaka Wirkmechanismus Nebenwirkungen Anwendungsgebiet
Amantadin

Ionenkanalblocker

Oseltamivir

Neuraminidase-Hemmer → Hemmen die Ausknospung des Virus und verhindern die Aussaat in die Blutbahn

Wichtige Pharmaka Wirkmechanismus Nebenwirkungen Anwendungsgebiet
Antivirale Pharmaka gegen Hepatitis B
Tenofovir, Adefovir
  • Nephrotoxizität
  • Kopf- und Bauchschmerz
  • Exazerbation der Erkrankung möglich

Entecavir, Lamivudin, Telbivudin

Antivirale Pharmaka gegen Hepatitis B und C
(PEG‑)Interferon-α
  • Antiviral und immunmodulatorisch über inter- und intrazelluläre Mechanismen
  • Ggf. bei akuter Hepatitis C und chronischer Hepatitis B
    • Aufgrund des Nebenwirkungsspektrums, vieler Kontraindikationen und gegebener Alternativen soll (PEG‑)Interferon-α nicht mehr oder nur bei speziellen Indikationen angewandt werden
    • Außerdem ist ein Marktrückzug von (PEG‑)Interferon-α aus wirtschaftlichen Gründen für Ende 2022 angekündigt
Antivirale Pharmaka gegen Hepatitis C (für Dosierungen und Handelspräparate siehe auch: Therapie der Hepatitis C)

Glecaprevir, Grazoprevir, Voxilaprevir, Paritaprevir

  • NS3-Protease-Inhibitoren
  • Zahlreiche Arzneimittelinteraktionen
  • Juckreiz

Simeprevir

Telaprevir , Boceprevir

  • Aufgrund schlechterer Wirksamkeit und Verträglichkeit nicht mehr empfohlen (ehemals: Kombinationstherapie bei Hepatitis C mit HCV-Genotyp 1)

Ledipasvir, Elbasvir, Velpatasvir, Pibrentasvir, Ombitasvir , Daclatasvir

  • NS5A-Inhibitoren
  • Zahlreiche Arzneimittelinteraktionen

Sofosbuvir

  • NS5B-Inhibitoren
  • Pangenotypischer Wirkstoff zur Kombinationstherapie bei Hepatitis C
Dasabuvir
  • Zahlreiche Arzneimittelinteraktionen

Ribavirin

  • Ggf. bei Hepatitis C in Kombination mit direkt antiviral wirkenden Substanzen (DAA), Ribavirin-freie Therapieregime sollten jedoch bevorzugt werden

Aciclovir

Wirkstoff

Aciclovir (z.B. Zovirax®, Acic®)

Applikation
Standarddosierung
Indikationen
Zu beachten
  • I.v.-Gabe: Immer langsame Kurzinfusion über min. 60 Min: Bei Paravasat kann es zu Hautnekrosen kommen!
  • Kurze Wirkdauer bei oraler Gabe: Mindestens 4 Gaben pro Tag sind erforderlich
  • Auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr während der Therapie achten (insb. bei älteren und/oder niereninsuffizienten Patienten)

Kontraindikationen

  • Überempfindlichkeit gegenüber dem Wirkstoff oder einem der Hilfsstoffe
DANI
  • Ab GFR <50 ml/min: Verlängerung des Dosierungsintervall, ggf. Dosisreduktion
    • GFR 25-50 ml/min
      • p.o. Individuelle Verlängerung des Dosierungsintervall
      • i.v.: Max 2x tägliche Gabe
    • GFR 10-25 ml/min
      • p.o.: Max. 3x tägliche Gabe
      • i.v.: Max 1x tägliche Gabe
    • GFR <10ml/min
      • p.o.: Max. 2x tägliche Gabe
      • i.v.: Max 1x tägliche Gabe, Einzeldosis halbiere
DALI
  • Keine Anpassung notwendig
Gravidität/Stillzeit
  • Gravidität: Nur unter strenger Nutzen-Risiko-Abwägung eingeschränkt verwendbar. Topisch verwendbar.
  • Stillzeit: Die Substanz kann in der Stillzeit bei eindeutig notwendiger Indikation verwendet werden

Keine Gewähr für Vollständigkeit, Richtigkeit und Aktualität der bereitgestellten Inhalte. Die Angaben erfolgen nach sorgfältigster redaktioneller Recherche. Insbesondere aktuelle Warnhinweise und veränderte Empfehlungen müssen beachtet werden. Soweit nicht anders genannt, beziehen sich die genannten Empfehlungen auf Erwachsene.

  1. Herold et al.: Innere Medizin. Eigenverlag 2012, ISBN: 978-3-981-46602-7 .
  2. Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie 2010 .
  3. Groß: Kurzlehrbuch Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie. 3. Auflage Thieme 2013, ISBN: 978-3-131-41653-7 .