• Klinik

Verhütung und Früherkennung beruflich bedingter Schäden

Abstract

Um beruflich bedingte Schäden gegebenenfalls frühzeitig zu erkennen oder gar vermeiden zu können, sind vom Gesetzgeber verschiedene Bestimmungen vorgegeben. Bei Ausführung gefährdender Tätigkeiten (z.B. Umgang mit Gefahrstoffen) müssen (verpflichtend für Arbeitgeber und -nehmer) Vorsorgeuntersuchungen angeboten bzw. wahrgenommen werden. Im Rahmen einer Abschätzung der jeweiligen Arbeitsplatz -und Berufsbelastungen können verschiedene Messwerte erhoben werden, zum Beispiel die Ermittlung der körperlichen Leistungsfähigkeit auf dem Laufband. Je nach Berufstätigkeit ergeben sich charakteristische Belastungssituationen – exemplarisch aufgeführt (und insb. für Mediziner interessant) sind hier Folgen von Computerarbeit sowie Nacht-/Schichtarbeit.

Arbeitsmedizinische Untersuchungen

  • Vorsorgeuntersuchung
    • Voraussetzung: Arzt/Ärztin muss berechtigt sein, die Gebietsbezeichnung „Arbeitsmedizin“ oder die Zusatzbezeichnung „Betriebsmedizin“ zu führen
    • Arten der Vorsorgeuntersuchung [1]
      • Pflichtvorsorge: Muss bei bestimmten gefährdenden beruflichen Tätigkeiten durch den Arbeitgeber veranlasst werden , bspw. bei
        • Tätigkeiten mit speziellen Gefahrenstoffen (z.B. Asbest oder Benzol) unter bestimmten Bedingungen
        • Tätigkeiten mit sonstigen Gefahrenstoffen (z.B. Feuchtarbeit von regelmäßig >4 Stunden pro Tag oder Exposition gegenüber Labortierstaub in Tierhaltungsräumen)
        • Physikalische Einwirkungen (z.B. Lärm- oder Hitzebelastung)
        • Sonstige Tätigkeiten (z.B. Tragen von Atemschutzgeräten)
      • Angebotsvorsorge: Muss bei bestimmten gefährdenden beruflichen Tätigkeiten durch den Arbeitgeber angeboten werden
      • Wunschvorsorge: Gilt für alle anderen Tätigkeiten, die nicht durch den Bereich der Pflicht- oder Angebotsvorsorge abgedeckt sind und muss auf Wunsch des Arbeitnehmers angeboten werden
  • Nachuntersuchung: Untersuchung während Ausübung der Tätigkeit
  • Nachgehende Untersuchung: Untersuchung nach Ausscheiden aus einer gefährdenden Tätigkeit oder nach stattgehabter Gefahrstoff-Exposition

Nur Bedenken im Rahmen von Pflichtuntersuchungen sind auch ohne Einwilligung des Arbeitnehmers(!) an den Arbeitgeber zu übermitteln!

Analyse von Arbeitsplatz- und Berufsbelastungen

Arbeitsphysiologie [2]

Grundlegende Begriffe der Arbeitsphysiologie

  • Belastung: Objektivierbare Belastung am Arbeitsplatz (äußere Faktoren)
    • Messbare Belastung: Bspw. physische Belastung, Schadstoffe, physikalische Einwirkungen wie Schall
    • Analyse durch standardisierte Untersuchungsprozesse
  • Beanspruchung: Subjektive Beanspruchung des Arbeitnehmers, also Auswirkung der Belastung auf den individuellen Organismus
  • Leistungsfähigkeit: Individuelle Faktoren des Beschäftigten, die ihn zur Erbringung einer Arbeitsleistung befähigen (Geschlecht, Alter, motorische Leistungsfähigkeit, Qualifikation, Motivation etc.)

Parameter der körperlichen Leistungsfähigkeit

  • Muskelkraft
    • Geschlechtsabhängig: Muskelkraft der Frau beträgt durchschnittlich ca. 70% der Muskelkraft des Mannes
    • Altersabhängig
    • Unterscheidung von dynamischer und statischer Muskelarbeit
  • Motorische Leistungsfähigkeit
    • Abhängig von Koordinationsfähigkeit, Geschicklichkeit, Bewegungsgeschwindigkeit und Körperbeherrschung
    • Altersabhängig: Abnahme nach dem 40. Lebensjahr
  • Leistungsfähigkeit des kardiopulmonalen Systems

Diagnostik in der Arbeitsmedizin [2]

  • Untersuchungsmethoden
  • Parameter
    • Maximale O2-Aufnahme (VO2max): Objektives Maß für Arbeitsschwere
    • Herzfrequenz: 120/min ist Grenze für Dauerbelastung
    • W170 (auch als W150 möglich): Leistung (in Watt), die bei einer Herzfrequenz von 170/min bzw. 150/min bei W150 (auf einem Ergometer) erbracht wird
    • Bestimmung der Dauerleistungsgrenze: Leistungsgrenze, bis zu der statische oder dynamische Arbeit ohne eine zunehmende muskuläre Ermüdung erbracht werden kann
      • Berechnung nach Energieumsatz
        • : 2,6–2,8 kcal/min (11–12 kJ/min)
        • : 4,0–4,2 kcal/min (16–17 kJ/min)
      • Berechnung nach Herzfrequenz: 30–35 Pulsschläge über Ruhepulsfrequenz
      • Berechnung nach maximaler O2-Aufnahme (VO2max): Die Dauerbelastung sollte beim Untrainierten 30% der VO2max ohne Pausen (bzw. 50% der VO2max mit Pausen) nicht überschreiten
    • Physiologische Anpassungen an schwere körperliche Dauerbelastung: Zunahme von HZV, Hb, Vitalkapazität, Blutvolumen und Ruheumsatz
    • Siehe auch: Leistungsphysiologie und Altern

Beispiel: Ergonomie am Computerarbeitsplatz(G37)

  • Anforderungen an den Arbeitgeber
    • Angebotsvorsorgeuntersuchung durch fachkundige Personen und ärztliche Bewertung
    • Bereitstellung von speziellen Sehhilfen
    • Nachuntersuchung: Alle 5 Jahre (<40-Jährige), alle 3 Jahre (>40-Jährige)
  • Ziele
    • Sehachse leicht oberhalb der obersten Bildschirmzeile
    • Hände und Ellenbogen auf gleicher Ebene wie Tastatur und Maus
    • 90°-Winkel zwischen Ober- und Unterarm sowie zwischen Ober- und Unterschenkel
    • Abstand zwischen Monitor und Augen ca. 50–70 cm
    • Wiederholungsfrequenz des Monitors 75–85 Hz
    • Blickrichtung auf den Monitor parallel zum Fenster
    • Festes Aufliegen der Füße

Nacht- und Schichtarbeit

  • Hintergrund
    • Veränderung des zirkadianen Rhythmus: Beeinflussung des Melatoninhaushalts
    • Keine rasche Adaptation möglich
  • Gesundheitliche Folgen
    • Appetitlosigkeit
    • Schlafstörungen und -mangel
    • Gastrointestinale Beschwerden
    • Risiko für koronare Herzkrankheit
  • Weitere Folgen: Soziale Einschränkungen, Verminderung der Leistungsfähigkeit, Beeinflussung des Melatonin-Haushaltes
  • Empfehlungen
    • Möglichst nicht mehr als drei Nachtschichten in Folge
    • Vorwärtswechsel: Frühschicht-Spätschicht-Nachtschicht
    • Freizeitausgleich
    • „Healthy-worker“-Effekt: Gruppen von langjährigen Nachtarbeitern wirken gesünder, weil sie hauptsächlich aus „robusteren“ Menschen bestehen, während die Kranken mit der Zeit tendenziell ausscheiden.
  • Erholung
    • Kurzpausen
    • Erholungszuschlag: Zusätzliche Pause, um Überlastung zu vermeiden