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Unterkieferfraktur

Letzte Aktualisierung: 5.10.2021

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Frakturen des Unterkiefers zählen zu den häufigsten Frakturen des Gesichtsschädels und werden je nach Lokalisation in Korpus-, Kieferwinkel-, Ramus-, Muskelfortsatz- oder Gelenkfortsatzfrakturen eingeteilt. Häufig sind Männer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren betroffen. Ursächlich sind meist Verkehrsunfälle, Rohheitsdelikte, Stürze oder Sportunfälle. Neben den allgemeinen Frakturzeichen fallen v.a. eine Okklusionsstörung und eine behinderte Mundöffnung auf. Diagnostisch ist wichtig zu bedenken, dass der Unterkiefer aufgrund seiner Form häufig gleichzeitig an zwei verschiedenen Stellen bricht. Neben der klinischen intra- und extraoralen Untersuchung sollte eine röntgenologische Darstellung der Fraktur in zwei Ebenen erfolgen. Bei mehreren Verletzungen am Kopf oder bei komplexen Frakturen kann eine Darstellung mittels CT sinnvoll sein. Das Therapieregime richtet sich maßgeblich nach Lokalisation und Art der Fraktur. Weiterhin ist zu beachten, dass Frakturen im zahntragenden Abschnitt als offene Frakturen gelten. Zähne im Bruchspalt müssen zudem gezielt auf Erhaltungswürdigkeit evaluiert werden.

  • Häufigkeit: Zählen zu den häufigsten Gesichtsfrakturen [1][2][3]
  • Risikofaktoren
    • > [2][3][4][5]
    • Altersgipfel 20–30 Jahre [3][3][5][6]

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

  • Häufigste Ursache: Trauma [2][3][6], bspw.
  • Schwächende Faktoren des Unterkiefers [1][6]
    • Weisheitszähne
    • Verlagerte überzählige Zähne
    • Lange Zahnwurzeln (v.a. Eckzahnwurzeln)
    • Zysten, Tumoren oder andere pathologische Prozesse
    • Milch- und Wechselgebissphase: nahe und übereinanderliegende Zahnkeime

Einteilung nach Lokalisation [6]

Klassifikation der Gelenkfortsatzfrakturen nach Spiessl und Schroll (1972) [1][6][7]
Typ Beschreibung
1 Alle undislozierten Frakturen
2 Tiefe/basale Fraktur
3 Hohe Fraktur
4 Tiefe/basale Fraktur mit Kiefergelenkluxation
5 Hohe Fraktur mit Kiefergelenkluxation
6 Intrakapsuläre Fraktur (Gelenkkopffraktur, Capitulumfraktur)

Alle Frakturen vom Typ 2–6 sind definitionsgemäß disloziert laut obiger Klassifikation!

Alle Frakturen im zahntragenden Bereich gelten als offene Frakturen mit bakterieller Kontamination! [1]

Der Unterkiefer bricht häufig an zwei Stellen!

Bei beidseitigen paramedianen Frakturen kann es durch eine gemeinsame Dislozierung von Mandibulafragment, Mundboden und Zunge nach dorsal zu einer akuten Atemwegsverlegung kommen!

Anamnese und körperliche Untersuchung

Anamnese und körperliche Untersuchung richten sich nach Situation und Ausprägung der Symptome, wobei offensichtliche Frakturen nicht unnötig manipuliert werden sollten.

Extraorale Untersuchung und Befunde

Intraorale Untersuchung und Befunde

  • Inspektion
    • Mittellinienverschiebung des Unterkiefers zur Frakturseite (insb. bei Gelenkfortsatzfrakturen) [6]
    • Offener Biss durch veränderte Ramushöhe auf der frakturierten Seite [1][6]
      • Einseitige Gelenkfortsatzfraktur: Offener Biss im Seitenzahnbereich der Gegenseite durch Frühkontakte bei der frakturierten Seite
      • Beidseitige Gelenkfortsatzfraktur: Frontal offener Biss durch beidseitige Verkürzung der Ramushöhe mit Frühkontakten im Molarenbereich
  • Zahnstatus: Fokus auf Zahnverletzungen, Vitalität und Lockerungsgrad der Zähne im Bruchspalt

Apparative Diagnostik [1][6]

Die Therapieentscheidung über ein konservatives oder operatives Vorgehen richtet sich maßgeblich nach mehreren Faktoren: [6][7]

Konservative Therapie [11]

  • Indikationen [1]
  • Verfahren: Einsatz je nach Art der Fraktur [6][11][12]
    • Intermaxilläre Fixation (IMF) bzw. mandibulo-maxilläre Fixation (MMF)
      • Aufklärung über
        • Entfernung der IMF im Notfall, Aushändigen einer (Draht‑)Schere
        • Nachteile: Reduzierter Komfort, wöchentliche Kontrollen, erschwerte Mundhygiene und Nahrungsaufnahme, möglicher Gewichtsverlust, Beeinträchtigung in Beruf und Alltag
        • Alternative Verfahren
      • Dauer
      • Fixierung mittels
    • Flüssige oder weiche Kost (kein Kauen!)
    • Funktionelle Behandlung über 3–6 Monate, bspw. mit intermaxillärer Gummiführung an Schienen [7]
    • Kieferorthopädische Funktionstherapie, bspw. mit Aktivator [7][14][15]
    • Regelmäßige Verlaufskontrollen (klinisch und radiologisch)

Unabhängig vom gewählten Verfahren sollten regelmäßige klinische und radiologische Verlaufskontrollen stattfinden!

Operative Therapie [6][11][14]

  • Indikationen: Therapie der Wahl bei Korpus- und Ramusfrakturen, ggf. bei Gelenkfortsatzfrakturen
  • Ziel: Sofortige Wiederherstellung physiologischer Bewegungen und Vermeidung einer länger dauernden IMF
  • Grundlagen der Osteosynthese im Unterkieferbereich
    • Biomechanik: Stark vereinfachte Einteilung des Unterkiefers in Zug- und Druckzonen möglich [11]
      • Zugzone: Oberer Bereich des Unterkieferkorpus und Kieferwinkels
      • Druckzone: Unterer Bereich des Unterkieferkorpus und Kieferwinkels
    • Zugang: Intraoral oder extraoral
    • Intraoperative Reposition: Manuell oder mittels temporärer IMF [1]
    • Load-sharing Osteosynthese durch Miniplatten [11]
      • Definition: Allgemeine Bezeichnung für Platten in der MKG mit einer max. Dicke von 1,3 mm
      • Anwendung: Weniger komplexe Frakturen mit monokortikalen Schrauben
        • Korpus: I.d.R. je 1 Platte in Zug- und Druckzone
        • Kieferwinkel: Häufig 1 Platte im Bereich der Linea obliqua externa ausreichend [1]
        • Kollum: Idealerweise 2 Platten, die nach oben hin V-förmig zueinander verlaufen [6]
    • Load-bearing Osteosynthese durch Reko-Platten bzw. Rekonstruktionsplatten [16][17][17]
      • Definition: Stabilere Platten mit vergleichsweise größerer Dimension, in der MKG meist mit 2,5 mm Dicke
      • Anwendung: Bspw. bei Defekt- oder Trümmerfrakturen, Pseudarthrose oder beim unbezahnten, atrophen Kiefer [1][14]
    • Schraubenosteosynthese: Bspw. bei Unterkiefersymphysenfraktur oder bei Frakturen des Gelenkkopfes
  • Neuromonitoring des N. facialis [1][11][14]
  • Intraoperativ zu schonende Strukturen: Je nach Frakturlokalisation bzw. Operationsgebiet

Vor Wundverschluss immer Okklusionskontrolle, damit die Plattenlage bei unzureichender Okklusion korrigiert werden kann!

Je weniger Knochen vorhanden ist, desto größer sollte die Dimension der Osteosyntheseplatte sein! [1]

Zähne im Bruchspalt [1][6][11]

  • Indikation zur Extraktion: Zur Vermeidung einer vom Zahn ausgehenden Infektion der Wunde oder des Knochens bei
    • Behinderung der Reposition
    • Beschädigten oder entzündeten Zähnen
    • Teilretinierten Weisheitszähnen [1]
    • Zahnfraktur
  • Indikationen zum Belassen der Zähne
    • Symptomlose, wurzelkanalgefüllte Zähne
    • Symptomlose, vollständig retinierte Zähne
  • Nachsorge: Regelmäßige Kontrolle von im Bruchspalt belassenen Zähnen auf häufige Komplikationen, bspw.
    • Posttraumatische Parodontopahien
    • Resorptionen an der Zahnwurzel
    • Verlust der Vitalität

Durchgebrochene Zähne im Bruchspalt gelten aufgrund der bakteriellen Kontamination über das Parodont immer als offene Fraktur und sollten bis zum Heilen der Eintrittspforte (mind. 3 Tage) antibiotisch behandelt werden! [1]

Fraktur im zahnlosen atrophen Unterkiefer [1][6]

  • Ätiologie: Meist Stürze
  • Lokalisation: Meist im Bereich des Corpus mandibulae
  • Symptome/Klinik: Ausgeprägter Druckschmerz, Schwellung, eingeschränkte Mundöffnung , Mundbodenhämatom
  • Diagnostik: Analog zur Unterkieferfraktur - Diagnostik
  • Therapie
    • Konservativ
      • Nicht-dislozierte Frakturen: Flüssige Kost für 1–2 Wochen mit anschließendem Kostaufbau
      • Wenig dislozierte Frakturen
        • Geschlossene Reposition
        • Ggf. Reparatur und/oder Modifikation der Prothese
        • Zirkummandibuläres Einbinden der Prothese mit Drahtligaturen
        • Intermaxilläre Fixation (IMF) für 6 Wochen
    • Operativ: Dislozierte Frakturen
      • Intra- oder extraoraler Zugang
      • Rekonstruktionsplatten, ggf. mit Knochenaufbau
      • Ggf. primäre Knochentransplantation erwägen

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2021, DIMDI.

  1. Hausamen, Machtens et al.: Mund-Kiefer- und Gesichtschirurgie. 4. Auflage Springer 2012, ISBN: 3-642-17801-4 .
  2. Munante-Cardenas et al.: Etiology, Treatment, and Complications of Mandibular Fractures In: Journal of Craniofacial Surgery. Band: 26, Nummer: 3, 2015, doi: 10.1097/scs.0000000000001273 . | Open in Read by QxMD p. 611-615.
  3. Joachim et al.: Trigeminal Neuropathy After Mandibular Fractures In: Journal of Craniofacial Surgery. Band: 30, Nummer: 4, 2019, doi: 10.1097/scs.0000000000005215 . | Open in Read by QxMD p. 1113-1117.
  4. Afrooz et al.: The Epidemiology of Mandibular Fractures in the United States, Part 1: A Review of 13,142 Cases from the US National Trauma Data Bank In: Journal of Oral and Maxillofacial Surgery. Band: 73, Nummer: 12, 2015, doi: 10.1016/j.joms.2015.04.032 . | Open in Read by QxMD p. 2361-2366.
  5. Pungrasmi, Haetanurak: Incidence and etiology of maxillofacial trauma: a retrospective analysis of King Chulalongkorn Memorial Hospital in the past decade In: Asian Biomedicine. Band: 11, Nummer: 4, 2018, doi: 10.1515/abm-2018-0007 . | Open in Read by QxMD p. 353-358.
  6. Kruse et al.: Facharztwissen Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Springer 2013, ISBN: 978-3-642-30002-8 .
  7. Neff: Traumatologie des Unterkiefergelenkfortsatzes In: Der MKG-Chirurg. Band: 4, Nummer: 3, 2011, doi: 10.1007/s12285-010-0201-3 . | Open in Read by QxMD p. 229-244.
  8. Mittermiller et al.: The Comprehensive AO CMF Classification System for Mandibular Fractures: A Multicenter Validation Study In: Craniomaxillofacial Trauma & Reconstruction. Band: 12, Nummer: 4, 2019, doi: 10.1055/s-0038-1677459 . | Open in Read by QxMD p. 254-265.
  9. Mueller et al.: Mund-, Kiefer- und Gesichtsverletzungen In: Trauma und Berufskrankheit. Band: 12, Nummer: 3, 2010, doi: 10.1007/s10039-010-1668-x . | Open in Read by QxMD p. 208-214.
  10. Haßfeld, Rother: Röntgendiagnostik in der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie In: Der MKG-Chirurg. Band: 1, Nummer: 2, 2008, doi: 10.1007/s12285-008-0035-4 . | Open in Read by QxMD p. 137-147.
  11. AO Surgery Reference: Mandible. . Abgerufen am: 11. August 2021.
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