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Transfusion von Erythrozytenkonzentraten - Klinische Anwendung

Abstract

Erythrozytenkonzentrate (EKs) können im Rahmen von akutem oder chronischem Blutverlust transfundiert werden. Es wird unterschieden zwischen allogenen EK-Konzentraten (Fremdblutspende) und autologen EK-Transfusionen (Eigenblutspende). Das vorliegende Kapitel beschränkt sich auf Informationen zur Fremdblutspende. Nach der Indikationsstellung zur EK-Transfusion erfolgen die Aufklärung und Einwilligung des Patienten sowie das Anfordern des EK. Vor der Transfusion müssen ein Datenabgleich erfolgen, Verfallsdatum und Gültigkeit des EK geprüft sowie eine visuelle Prüfung der EKs durchgeführt werden. Unmittelbar vor der Gabe des EK erfolgen eine Identitätsprüfung des Patienten und der Bedside-Test. Die Geschwindigkeit der Transfusion wird an den klinischen Zustand des Patienten angepasst. Nach erfolgter Transfusion wird dieser insb. während der ersten zehn Minuten bezüglich des Auftretens von Akutreaktionen überwacht.

Zu den Komplikationen nach Transfusion von Erythrozytenkonzentraten gehören akute Transfusionszwischenfälle, die während der Transfusion oder innerhalb von sechs Stunden nach der Transfusion auftreten können sowie verzögerte Transfusionszwischenfälle.

Grundlagen

Arten der EK-Transfusion

  • Allogene EK-Transfusion: Fremdblutspende mit intravenöser Transfusion eines EK aus der Vollblutspende eines fremden Spenders
  • Autologe EK-Transfusion: Eigenblutspende mit intravenöser Transfusion eines EK aus einer Vollblutspende des Empfängers
    • Akute normovolämische Hämodilution
    • Eigenblutspende
      • Entnahme einer oder mehrerer Vollblutspenden 6–12 Monate vor einem elektiven Eingriff mit zu erwartendem hohen Blutverlust
      • Gewonnene EKs werden konserviert (z.B. durch Kryokonservierung), gelagert und dem Patienten autolog transfundiert
    • Maschinelle Autotransfusion
      • Intraoperatives Wund- und Drainageblut wird aufgefangen
      • Erythrozyten werden durch einen maschinellen Prozess („Cellsaver“) herausgewaschen und als Erythrozytensuspension dem operierten Patienten wieder transfundiert

Der weitere Inhalt dieses Kapitels ist auf das Vorgehen einer EK-Transfusion bei Fremdblutspenden fokussiert!

Logistik und Organisation

  • Bestandteile: Erythrozytenkonzentrate sollten morphologisch und funktionell intakte Erythrozyten enthalten, um einen therapeutischen Effekt entfalten zu können
  • Lagerung und Transport
    • Lagerung bei 4 ± 2 °C in geeigneten Kühlvorrichtungen mit fortlaufender Temperaturregistrierung
    • Transport bei Temperaturen von 1–10 °C

Indikation

Grundsätzlich sollte aufgrund der Möglichkeit von Transfusionsreaktionen und -komplikationen eine kritische Indikationsstellung zur EK-Transfusion erfolgen. Für genaue Informationen siehe: Indikationsstellung zur EK-Transfusion

Vorbereitung

Aufklärung und Einwilligung zur Transfusion von Erythrozytenkonzentraten

  • Ärztliche Aufklärungspflicht: Bei allen elektiv durchgeführten Transfusionen und vor operativen Eingriffen, bei denen eine Transfusion im OP-Verlauf ernsthaft in Betracht kommt
  • Umfang der Aufklärung: Für den Empfänger verständliche Information über das absehbare Ausmaß des Transfusionsbedarfs und Aufklärung über Risiken der Transfusion von EK aus Fremdblut
    • Dokumentation: Die Aufklärung muss vom aufklärenden Arzt mündlich erfolgen und in der Patientenakte schriftlich dokumentiert werden
  • Zeitpunkt der Aufklärung: Im besten Fall möglichst zeitnah und zumindest 24 h vor einer Transfusion
  • Bei Einwilligungsunfähigkeit: Aufklärung des gesetzlichen Vertreters, z.B. Eltern bei Minderjährigen, ggf. gesetzliche Betreuer
  • Verzicht auf Aufklärung: In Notfällen, d.h. wenn ein Aufschieben der Transfusion zwecks Aufklärung lebensgefährdend sein kann
  • Ablehnung der Einwilligung: Lehnt ein einwilligungsfähiger Patient die Transfusion ab, ist eine Transfusion zu unterlassen!
    • Ablehnung durch Eltern von Kindern: Einbeziehung des Familiengerichts, bei (Lebens‑)Gefahr im Verzug kann beim Kind aus medizinischen Gründen eine EK-Transfusion erfolgen
  • Nachträgliche Sicherungsaufklärung: Erhält ein (passager) nicht einwilligungsfähiger Patient im Notfall eine EK-Transfusion, muss eine nachträgliche Aufklärung über potentielle Risiken stattfinden.

Not kennt kein Gebot! Ist eine Transfusion lebensrettend erforderlich, tritt die Aufklärungspflicht in den Hintergrund!

Anforderung des EK

  • Verschreibung und Anforderung: Unter Verwendung eines Anforderungsscheins mit Patientenetikett oder anhand digitaler Anforderungssysteme
    • Folgende Angaben müssen gemacht werden
      • Diagnose zur Indikationsstellung für die Transfusion
      • Schwangerschaftsanamnese
      • Anamnese bezüglich erfolgter Transplantationen, insb. Stammzelltransplantationen
      • Besondere Medikamente, welche die Durchführung der Verträglichkeitsproben beeinträchtigen
      • Ggf. Vorbefunde einer Blutgruppenbestimmung
      • Dringlichkeit und vorgesehener Transfusionszeitpunkt
      • Entnahmedatum und -zeit
      • Name und Unterschrift des anfordernden Arztes
  • Identitätssicherung und Blutentnahme: Grundsätzlich alle Blutröhrchen vor Abnahme mit Patientenetikett versehen und Identität des Patienten feststellen
  • Abholung der EKs: Zu transfundierende EKs werden mit einer Kopie des Anforderungsscheins abgeholt, die patientenbezogene Herausgabe der EKs wird hierbei erfasst und mit einem Begleitschein dokumentiert

Prüfung des EK vor Transfusion

  • Prüfung der serologischen Verträglichkeitsprobe: Siehe auch EK-Kompatibilität
  • Datenabgleich
    • Chargennummer des EK mit der dokumentierten Chargennummer auf dem Begleitschein
    • Patientenangaben (Name, Vorname, Geburtsdatum) auf EK mit den Daten auf dem Begleitschein
    • Blutgruppe (AB0-Gruppe und Rhesusfaktor D) auf dem EK-Etikett und Blutgruppe des Patienten nach aktueller Bestimmung
  • Verfallsdatum und Gültigkeit
    • Verfallsdatum des EK auf dem Etikett prüfen
    • Gültigkeit der Kreuzprobe auf dem Begleitschein prüfen
  • Visuelle Prüfung: Äußere Beschädigung, Gerinnselbildungen, Verfärbungen, Hämolysezeichen und sonstige Auffälligkeiten

Umgang mit dem EK vor Transfusion

  • Kein Aufwärmen: I.d.R. ist ein Aufwärmen des EK weder notwendig noch sinnvoll
    • Ausnahmen: Ein Aufwärmen des EK durch hierfür geeignete Apparaturen ist sinnvoll und erforderlich bei

Vorbereitung des EK für die Transfusion

Vor dem Vorbereiten des EK für die Transfusion sollte letztmalig sichergestellt werden, dass die Aufklärung des Patienten erfolgt und die Einwilligung dokumentiert ist!

Materialien

  • Unsterile Handschuhe
  • Infusionsständer
  • Normiertes Transfusionsbesteck mit Standardfilter mit einer Porengröße von 170–230 μm
  • Erythrozytenkonzentrat
  • Bedside-Test-Karte
  • Kanüle und kleine Spritze zur Entnahme von etwa 3–5 mL Blut für den Bedside-Test
  • Reichlich Tupfer und ggf. weitere Blutentnahme-Utensilien
  • Hautdesinfektionsmittel

„Anstich“ des EK mit dem Transfusionsbesteck

  • Sauberes Arbeiten: Händedesinfektion und Anziehen von Handschuhen
  • EK anstechen: Vollständiges Einführen des Dorns des Transfusionsbestecks in den Transfusionsstutzen der Blutkonserve unter Vermeidung einer Kontamination
    • Keine Kraftspiele: Geduldige, leicht drehende Bewegungen beim Einführen des Dorns helfen, eine grobe Kraftanwendung ist i.d.R. zwecklos und frustrierend!
  • Befüllen von Tropfkammer und Schlauchsystem
    • Filterniveau der Tropfkammer beachten: Die Tropfkammer sollte ein Stück weit über dem Niveau des Filters befüllt sein, ein direktes mechanisches Auftropfen der Erythrozyten aus dem EK auf den Filter ist zu vermeiden
    • Schlauchsystem luftfrei befüllen: Luftfreies Befüllen des Schlauchsystems bis zum Auslaufen eines Tropfens aus dem EK auf einen zurechtgelegten Wattetupfer, auf Luftbläschenbildung achten

Räumlichkeit

  • Ruhiger und störungsfreier Raum
  • Untersuchungsstuhl oder Patientenbett

Ablauf/Durchführung

Vorbereitung des Patienten

  • Venöser Zugang: Vorgehen der Wahl ist ein periphervenöser Zugang, es sollten außer kristalloider Infusionslösung zur Spülung keine weiteren Medikamente über den Zugang verabreicht werden
    • Transfusion über ZVK: Nur als Notlösung, separaten ZVK-Schenkel verwenden, vor und nach der EK-Transfusion großzügig mit isotonischer Kochsalzlösung spülen
  • Patientenlagerung: Sitzend oder liegend mit möglichst horizontaler und bequemer Lagerung des für die Transfusion verwendeten Arms

Identitätsprüfung und Bedside-Test

  • Identitätsprüfung
    • Beim ansprechbaren Patienten: Frage nach Stammdaten wie Vornamen, Geburtsdatum, Schreibweise des Familiennamens
    • Beim nicht ansprechbaren Patienten: Identifizierung ggf. anhand eines Patientenarmbandes, Befragung der zuständigen Pflegekraft und Bitte um Bestätigung der Identität – jeglicher Zweifel ist zu beseitigen!
  • Bedside-Test: Mit einigen mL Blut des Patienten, ggf. Abnahme auch bei Anlage des venösen Zugangs

Transfusion des EK

Nachsorge

  • Transfusionsbeutel mit Restblut steril verschließen (bspw. durch Abklemmen) und für 24 h bei 4 ± 2 °C aufbewahren
  • Einmal eröffnete EKs müssen innerhalb von 6 Stunden verwendet werden
  • Überwachung des Patienten für mindestens 30 Minuten nach erfolgter Transfusion
  • Ambulante Bluttransfusionen
    • Vor Entlassung: Untersuchen und Befragen des Patienten nach unerwünschten Transfusionsreaktionen sowie Aufklärung über mögliche Reaktionen und Mitgabe einer Kontaktadresse für den Notfall (Name und Telefonnummer)
  • Dokumentationspflicht nach §14 des Transfusionsgesetzes

Komplikationen

Es wird zwischen akuten Transfusionszwischenfällen, die während oder innerhalb von 6 Stunden nach der Transfusion auftreten, und verzögerten Transfusionszwischenfällen unterschieden.

Allgemein erforderliche Maßnahmen bei Transfusionszwischenfällen

  • Klinische Maßnahmen
    • Je nach Schwere und Art der Symptome Abbrechen der Transfusion
    • Verwendeter venöser Zugang für eventuell erforderliche i.v.-Applikationen belassen und durch eine Dauertropfinfusion offenhalten
    • Vorrangig Ausschluss einer intravasalen Hämolyse
    • Möglichst keine weitere Gabe von Blutkonserven bis zur Klärung
    • Kontinuierliche Überwachung des Patienten bis zum Nachlassen der Symptome
  • Dokumentationspflichten
    • Für weitere erforderliche Untersuchungen: Einsenden der aufbewahrten Blutkonserve und einer EDTA-Blutprobe des Patienten mit schriftlichen Unterlagen zur Transfusion ins Labor
    • Information des Transfusionsbeauftragten bzw. -verantwortlichen der jeweiligen Einrichtung
    • Aufbewahrung der Unterlagen über den Zwischenfall für 15 Jahre

Übersicht der Häufigkeiten

Akuter Transfusionszwischenfall Häufigkeit [2]
Allergische Transfusionsreaktion
Febrile, nicht-hämolytische Transfusionsreaktion
Hämolytische Transfusionsreaktion vom Soforttyp
Verzögerter Transfusionszwischenfall Häufigkeit
Hämolytische Transfusionsreaktion vom verzögerten Typ

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

Akute Transfusionszwischenfälle

Definition: Transfusionszwischenfälle, die während oder innerhalb von 6 Stunden nach der Transfusion auftreten

Hämolytische Transfusionsreaktion vom Soforttyp

Febrile, nicht-hämolytische Transfusionsreaktion

  • Ursache
  • Klinik
    • Hyperthermie mit einem Anstieg der Körpertemperatur um >1 °C, Schüttelfrost, Kältegefühl
    • Gelegentlich Hypotension und Hautrötungen
  • Diagnostisches Vorgehen
  • Therapeutisches Vorgehen
    • Bei wiederholten febrilen, nicht-hämolytischen Transfusionsreaktionen: Vorbehandlung mit antipyretischen Substanzen
    • Bei wiederholten febrilen, nicht-hämolytischen Reaktionen und Nachweis auf Basis von Eiweißunverträglichkeiten: Gabe gewaschener EKs

Allergische Transfusionsreaktion

Transfusionsreaktion durch bakterielle Kontamination

  • Ursache: Durch Mikroorganismen aus Blut oder von der Haut des Spenders infizierte EKs
  • Klinik
    • Symptome einer Sepsis: Hyperthermie, Schüttelfrost, Hypotonie, Tachykardie, Übelkeit/Erbrechen, Diarrhö
  • Diagnostisches Vorgehen
  • Therapeutische Maßnahmen
  • Prophylaktische Maßnahmen
    • Prüfen des EK auf äußere Beschädigung, Gerinnselbildung, Verfärbungen und sonstige Auffälligkeiten
    • Überprüfen des Haltbarkeitsdatums des EK
    • Einhalten der Kühlkette
    • Blutkonserve erst unmittelbar vor Transfusion zur Einführung des Transfusionsbestecks eröffnen
    • Blutkonserven innerhalb von 6 Stunden nach Eröffnen verbrauchen

Transfusionsassoziierte akute Lungeninsuffizienz (TRALI)

Siehe: TRALI

Hypervolämie, transfusionsassoziierte zirkulatorische Überladung (TACO)

Weitere akute Transfusionszwischenfälle

Verzögerte Transfusionszwischenfälle

Definition: Transfusionszwischenfälle, die nach mehr als einem Tag nach Transfusion auftreten

Hämolytische Transfusionsreaktion vom verzögerten Typ

Weitere verzögert auftretende Komplikationen

  • Transfusionsassoziierte Virusinfektionen
  • Transfusionshämosiderose: Bei Gabe von kumulativ 100 EKs insgesamt bzw. 20 EKs in einem Jahr droht eine sekundäre Hämochromatose mit Eisenüberladung
  • Transfusionsassoziierte Parasitosen
  • Übertragung von Prionen