• Klinik

Ticstörungen

Abstract

Bei Ticstörungen leiden die Patienten vor allem unter unwillkürlichen, im gleichen Muster wiederkehrenden motorischen Bewegungen oder vokalen Äußerungen, die bis zu einem gewissen Grad unterdrückt werden können. Ticstörungen werden zu den extrapyramidal-motorischen Hyperkinesien gezählt. Dabei wird zwischen einfachen und komplexen Tics unterschieden. Allgemein bekannt (wenn auch klinisch eher selten) sind die komplexen motorischen und vokalen Tics beim Gilles-de-la-Tourette-Syndrom. Ticstörungen zeigen in der Regel einen progredienten Verlauf und sind sehr schwer zu therapieren. Medikamentös werden Dopaminantagonisten (bevorzugt Tiaprid) eingesetzt. Einen Sonderfall bilden die Ticstörungen im Kindesalter, die häufig auftreten (etwa jedes 4. Kind) und in den allermeisten Fällen nach Tagen bis Wochen spontan sistieren und daher i.d.R. nicht therapiebedürftig sind.

Allgemein

  • Definition eines Tics: Unwillkürliche, rasche, wiederholte, unrhythmische Bewegung meist umschriebener Muskelgruppen oder eine Lautproduktion, die plötzlich einsetzt und keinem erkennbaren Zweck dient.
  • Vokale Tics
    • Einfache vokale Tics: z.B. Räuspern, Schmatzen, Bellen
    • Komplexe vokale Tics: z.B. Koprolalie, Echolalie
  • Motorische Tics
    • Einfache motorische Tics: z.B. Stirnrunzeln, Augenblinzeln,
    • Komplexe motorische Tics: z.B. Springen, Körperverdrehungen, Echopraxie

Tourette-Syndrom (F95.2)

Das Gilles-de-la-Tourette-Syndrom ist eine Störung, die durch multiple motorische und vokale Tics charakterisiert ist. Der unwillkürliche Gebrauch von obszönen Begriffen (Koprolalie) ist dabei zwar sehr charakteristisch, aber eher ein seltenes Symptom.

  • Klinik: Komplexe multiple motorische Tics und vokale Tics, die nicht gleichzeitig auftreten müssen
  • Verlauf: Eine Aggravation der Symptome während der Adoleszenz und eine Persistenz ins Erwachsenenalter ist häufig
  • Geschlecht: >
  • Komorbiditäten: ADHS, Asperger-Autismus, weitere psychiatrische Erkrankungen

Therapie

Ticstörungen werden zu den extrapyramidal-motorischen Hyperkinesien gezählt. In der Regel liegt ein Dopaminüberschuss in den Basalganglien vor, so dass die Therapieansätze auf einen Dopaminantagonismus abzielen.

Differentialdiagnose: Muskelzuckungen des Gesichts

Erkrankung Charakteristika Therapie
Blepharospasmus
  • Fokale Dystonie des M. orbicularis oculi
  • Meist beidseitig, synchron, symmetrisch
  • Zunächst vermehrtes Blinzeln bis hin zu minutenlangen Krämpfen → Funktionelle Blindheit
  • Sistiert im Schlaf
Oromandibuläre Dystonie
  • Extrapyramidal-motorische Bewegungsstörung
  • Repetitiv anhaltende Muskelkontraktionen vorwiegend der unteren Gesichtshälfte
Spasmus hemifacialis
  • Ätiologie: Diskutiert werden in Analogie zur Trigeminusneuralgie eine vaskuläre Kompression des N. facialis nach Austritt aus dem Hirnstamm sowie eine zentrale Übererregbarkeit der Hirnnervenkerne
  • Streng einseitige, schmerzlose, sehr kurze, klonische Kontraktionen (<0,1 sec)
  • Beginnt meist am Auge, kann im Verlauf auf die komplette, vom N. facialis innervierte Gesichtshälfte übergreifen
  • Es kann aber auch zu länger andauernden tonischen Krämpfen kommen → Funktionelle Blindheit, asymmetrische Gesichtszüge
  • Auch im Schlaf nachweisbar
Faziale Tic-Störung
  • Extrapyramidal-motorische Hyperkinesien
  • Komplexe Zuckungen auch über das Innervationsgebiet des N. facialis hinaus , die länger als 0,15 Sekunden andauern
  • Willentlich meist unterdrückbar und Sistieren im Schlaf

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2018

  • F95.-: Ticstörungen
    • Syndrome, bei denen das vorwiegende Symptom ein Tic ist. Ein Tic ist eine unwillkürliche, rasche, wiederholte, nichtrhythmische Bewegung meist umschriebener Muskelgruppen oder eine Lautproduktion, die plötzlich einsetzt und keinem erkennbaren Zweck dient. Normalerweise werden Tics als nicht willkürlich beeinflussbar erlebt, sie können jedoch meist für unterschiedlich lange Zeiträume unterdrückt werden. Belastungen können sie verstärken, während des Schlafens verschwinden sie. Häufige einfache motorische Tics sind Blinzeln, Kopfwerfen, Schulterzucken und Grimassieren. Häufige einfache vokale Tics sind z.B. Räuspern, Bellen, Schnüffeln und Zischen. Komplexe Tics sind Sich-selbst-schlagen sowie Springen und Hüpfen. Komplexe vokale Tics sind die Wiederholung bestimmter Wörter und manchmal der Gebrauch sozial unangebrachter, oft obszöner Wörter (Koprolalie) und die Wiederholung eigener Laute oder Wörter (Palilalie).
    • F95.0: Vorübergehende Ticstörung
      • Sie erfüllt die allgemeinen Kriterien für eine Ticstörung, jedoch halten die Tics nicht länger als 12 Monate an. Die Tics sind häufig Blinzeln, Grimassieren oder Kopfschütteln.
    • F95.1: Chronische motorische oder vokale Ticstörung
      • Sie erfüllt die allgemeinen Kriterien für eine Ticstörung, wobei motorische oder vokale Tics, jedoch nicht beide zugleich, einzeln, meist jedoch multipel, auftreten und länger als ein Jahr andauern.
    • F95.2: Kombinierte vokale und multiple motorische Tics [Tourette-Syndrom]
      • Eine Form der Ticstörung, bei der gegenwärtig oder in der Vergangenheit multiple motorische Tics und ein oder mehrere vokale Tics vorgekommen sind, die aber nicht notwendigerweise gleichzeitig auftreten müssen. Die Störung verschlechtert sich meist während der Adoleszenz und neigt dazu, bis in das Erwachsenenalter anzuhalten. Die vokalen Tics sind häufig multipel mit explosiven repetitiven Vokalisationen, Räuspern und Grunzen und Gebrauch von obszönen Wörtern oder Phrasen. Manchmal besteht eine begleitende gestische Echopraxie, die ebenfalls obszöner Natur sein kann (Kopropraxie).
    • F95.8: Sonstige Ticstörungen
    • F95.9: Ticstörung, nicht näher bezeichnet

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2018, DIMDI.