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Thrombose-mit-Thrombopenie-Syndrom (TTS)

Letzte Aktualisierung: 25.8.2022

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Das Thrombose-mit-Thrombopenie-Syndrom (TTS), auch vakzininduzierte immunogene thrombotische Thrombozytopenie (VITT) oder vakzininduzierte prothrombotische Immunthrombozytopenie (VIPIT) genannt, ist eine seltene Impfkomplikation nach Verabreichung von Vektorimpfstoffen gegen COVID-19. Betroffen sind insb. Frauen ≤60 Jahren. Die Erkrankung entsteht ähnlich einer HIT II durch Antikörperbildung gegen das Thrombozytenantigen Plättchenfaktor 4 (PF-4).

Das TTS kann sich ca. 4–30 Tage nach Impfung je nach Lokalisation durch entsprechende Symptome venöser und arterieller Thrombosen äußern. Diagnostisch wegweisend ist neben der Thrombozytopenie eine Erhöhung der D-Dimere sowie der Nachweis von Antikörpern gegen Plättchenfaktor 4 (PF-4). Bei klinischem V.a. eine Thrombose ist zudem eine Bildgebung indiziert. Die Therapie erfolgt mit einer Antikoagulation sowie der Verabreichung von Immunglobulinen. Die Letalität liegt bei 20–50%.

Die Erkrankung wurde erstmals im Rahmen der COVID-19-Pandemie beschrieben und tritt in seltenen Fällen als Impfkomplikation auf. [1][3][4][5]

  • Inzidenz: 0,5–10:1.000.000 Impfungen
  • Altersverteilung: Insb. <60-Jährige
  • Geschlechtsverteilung: >
  • Risikofaktoren: Kein Zusammenhang zu klassischen Risikofaktoren für Thromboembolien

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Das Thrombose-mit-Thrombopenie-Syndrom entsteht durch Antikörperbildung gegen Plättchenfaktor 4 und ähnelt der HIT II (sog. HIT Mimicry)!

Allgemeines [2][3][4][7]

Während eine Impfreaktion mit Abgeschlagenheit, Fieber und Kopfschmerzen in den ersten 1–3 Tagen nach Impfung auftritt, beginnt die Symptomatik des TTS (meist) mit einer zeitlichen Verzögerung von ≥3 Tagen!

Lokalisation der Thrombosen [3][4]

Beim Thrombose-mit-Thrombopenie-Syndrom treten häufig auch mehrere Thrombosen auf!

Vorgehen

  • Bei unspezifischen Symptomen ambulanter Patient:innen nach Impfung → Labordiagnostik
  • Bei kritischer Erkrankung oder hochgradigem Verdacht → Sofortige Einweisung in ein Zentrum mit hämostaseologischer/neurologischer Expertise

Treten 3–30 Tage nach einer COVID-19-Impfung mit einem Vektorimpfstoff Symptome auf, sollte eine weiterführende Diagnostik durchgeführt werden!

Da auch COVID-19 zu thromboembolischen Ereignissen führen kann, sollte eine akute Infektion ausgeschlossen werden!

Allgemeine Labordiagnostik

Die Labordiagnostik ist abhängig von dem klinischen Bild sowie der Akuität des Krankheitsverlaufs.

Bei Personen mit unspezifischen Symptomen nach Impfung (Vektorimpfstoff) sollte ein Blutbild ± D-Dimere zum Ausschluss durchgeführt werden!

Spezielle Labordiagnostik

  • Nachweis der Antikörper gegen Plättchenfaktor 4
    1. HIT-Screening auf Antikörper gegen Plättchenfaktor 4
      • Positiv → HIT-Bestätigungstest
      • Negativ → Ggf. HIT-Bestätigungstest
    2. HIT-Bestätigung mit Heparin-induziertem Plättchenaggregationsassay (HIPA) oder Serotoninfreisetzungtest (SRA, Serotonin-release Assay) und ggf. modifiziertem HIPA
      • Positiv → Bestätigung der Diagnose (siehe unten: Falldefinition)
      • Negativ → Ggf. modifizierter HIPA

Bildgebung

Falldefinition mit Kriterien [2][3]

Falldefinition des Thrombose-mit-Thrombozytopenie-Syndroms (TTS)
Wahrscheinlichkeit der Diagnose Diagnostik
Gesichert
Wahrscheinlich
  • D-Dimere >4.000 FEU bzw. >8-fache Erhöhung gegenüber dem oberen Normwert + 1 der obigen 5 Kriterien nicht erfüllt oder
  • D-Dimere unbekannt oder 2.000–4.000 FEU bzw. >4–8-fache Erhöhung gegenüber dem oberen Normwert + alle anderen obigen Kriterien
Möglich
  • D-Dimere unbekannt oder 2.000–4.000 FEU bzw. >4–8-fache Erhöhung gegenüber dem oberen Normwert + 1 der obigen 5 Kriterien nicht erfüllt oder
  • 2 der obigen 5 Kriterien nicht erfüllt
Unwahrscheinlich

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Therapieprinzipien

Antikoagulation

Heparine sollten initial nur verwendet werden, wenn keine anderen Antikoagulanzien verfügbar sind – eine schnelle Therapieeinleitung ist entscheidend!

Thrombozytopenien sind in diesem Fall keine Kontraindikation für die therapeutische Antikoagulation!

Immunglobuline [2]

Weitere Möglichkeiten

Auch bei stattgehabtem Thrombose-mit-Thrombozytopenie-Syndrom sollte die Grundimmunisierung gegen COVID-19 vervollständigt werden!

Trotz seltener Impfkomplikationen besteht ein grundsätzlich positives Nutzen-Risiko-Verhältnis der Vektorimpfstoffe! [18]

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  1. Long et al.: Thrombosis with thrombocytopenia syndrome associated with COVID-19 vaccines In: The American Journal of Emergency Medicine. Band: 49, 2021, doi: 10.1016/j.ajem.2021.05.054 . | Open in Read by QxMD p. 58-61.
  2. Greinacher et al.: Vaccine‐induced immune thrombotic thrombocytopenia (VITT): Update on diagnosis and management considering different resources In: Journal of Thrombosis and Haemostasis. Band: 20, Nummer: 1, 2021, doi: 10.1111/jth.15572 . | Open in Read by QxMD p. 149-156.
  3. Pavord et al.: Clinical Features of Vaccine-Induced Immune Thrombocytopenia and Thrombosis In: New England Journal of Medicine. Band: 385, Nummer: 18, 2021, doi: 10.1056/nejmoa2109908 . | Open in Read by QxMD p. 1680-1689.
  4. Thrombosis with thrombocytopenia syndrome (TTS) following COVID-19 vaccination. Stand: 12. Mai 2021. Abgerufen am: 19. Mai 2021.
  5. Sicherheitsbericht: Verdachtsfälle von Nebenwirkungen und Impfkomplikationen nach Impfung zum Schutz vor COVID-19. Stand: 23. Dezember 2021. Abgerufen am: 4. Januar 2022.
  6. A Prothrombotic Thrombocytopenic Disorder Resembling Heparin-Induced Thrombocytopenia Following Coronavirus-19 Vaccination. Stand: 28. März 2021. Abgerufen am: 12. April 2021.
  7. Aktualisierte Stellungnahme der GTH zur Impfung mit dem AstraZeneca COVID-19 Vakzin. Stand: 1. April 2021. Abgerufen am: 3. April 2021.
  8. Vakzine-induzierte immunogene thrombotische Thrombozytopenie (VITT). Stand: 12. April 2021. Abgerufen am: 13. April 2021.
  9. Beschluss der STIKO zur 16. Aktualisierung der COVID-19-Impfempfehlung. Stand: 13. Januar 2022. Abgerufen am: 28. Dezember 2021.
  10. Guidance for clinical case management of thrombosis with thrombocytopenia syndrome (TTS) following vaccination to prevent coronavirus disease (COVID-19). Stand: 19. Juli 2021. Abgerufen am: 7. Januar 2022.
  11. Rote-Hand-Brief zu COVID-19 Vaccine AstraZeneca: Risiko von Thrombozytopenie und Gerinnungsstörungen. Stand: 24. März 2021. Abgerufen am: 25. März 2021.
  12. Rote-Hand-Brief zu Vaxzevria (COVID-19 Vaccine AstraZeneca): Zusammenhang zwischen dem Impfstoff und dem Auftreten von Thrombosen in Kombination mit Thrombozytopenie .
  13. Rote-Hand-Brief zu Vaxzevria® (COVID-19 Vaccine AstraZeneca): Thromboserisiko in Kombination mit Thrombozytopenie – aktualisierte Informationen .
  14. Rote-Hand-Brief zu Vaxzevria® (COVID-19 Vaccine AstraZeneca): Kontraindikation bei Personen mit früherem Kapillarlecksyndrom .
  15. Rote-Hand-Brief zu COVID-19 Vaccine Janssen Injektionssuspension: Zusammenhang zwischen Impfstoff und dem Auftreten von Thrombosen in Kombination mit Thrombozytopenie. Stand: 26. April 2021. Abgerufen am: 28. April 2021.
  16. Rote-Hand-Brief zu COVID-19 Vaccine Janssen: Kontraindikation bei Personen mit vorherigem Kapillarlecksyndrom (Capillary Leak Syndrom, CLS) und aktuelle Informationen zum Thrombose-mit-Thrombozytopenie Syndrom .
  17. Lacy et al.: VITT and Second Doses of Covid-19 Vaccine In: New England Journal of Medicine. Band: 386, Nummer: 1, 2022, doi: 10.1056/nejmc2118507 . | Open in Read by QxMD p. 95-95.
  18. PEI - CO­VID-19-Impf­stoff Astra­Zene­ca – Er­geb­nis der Si­cher­heits­be­wer­tung 18.03.2021. Stand: 19. März 2021. Abgerufen am: 20. März 2021.