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Therapeutische Antikoagulation - Klinische Anwendung

Letzte Aktualisierung: 28.4.2021

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Die Antikoagulation durch Hemmstoffe der plasmatischen Blutgerinnung ist ein wichtiger Bestandteil insb. der Therapie von tiefer Beinvenenthrombose (bzw. Lungenembolie), Vorhofflimmern und nach mechanischem Herzklappenersatz. Durch die demographische Entwicklung werden diese Erkrankungen, deren Prävalenz mit steigendem Alter zunimmt, zusätzlich an Bedeutung gewinnen. Die richtige praktische Durchführung und die Auswahl geeigneter und für die jeweilige Indikation zugelassener Substanzen ist in der klinischen Praxis essentiell. Neben Kenntnissen in der Pharmakologie der Antikoagulantien inklusive ihrer speziellen Nebenwirkungen, Kontraindikationen und Wechselwirkungen sind praktische Hinweise im Rahmen einer Erstverordnung und ggf. die Überwachung einer Therapie wichtige praktisch-klinische Fähigkeiten.

Zum Einsatz kommen neben oralen Antikoagulantien auch nicht-orale Antikoagulantien, die insb. in der Eindosierungsphase einer Antikoagulation bedeutsam sind.

Gebräuchliche Antikoagulantien nach Indikationen

Substanz/Gruppe Phlebothrombose/Lungenembolie Thromboembolieprophylaxe bei Vorhofflimmern Mechanischer Herzklappenersatz
Nicht-orale Antikoagulantien

Unfraktioniertes Heparin (UFH)

Niedermolekulare Heparine (NMH) Certoparin (z.B. Mono-Embolex®) (✓)
Dalteparin (z.B. Fragmin®)
Enoxaparin (z.B. Clexane®)
Nadroparin (z.B. Fraxiparin®)
Reviparin (z.B. Clivarin®)
Tinzaparin (z.B. Innohep®)
Pentasaccharide Fondaparinux (z.B. Arixtra®) (✓)
Vitamin-K-Antagonisten (VKA)
Phenprocoumon (z.B. Marcumar®) ✓ (Therapie der 1. Wahl) ✓ (Therapie der 1. Wahl)
Warfarin (z.B. Coumadin®)
Direkte orale Antikoagulantien
Orale Xa-Inhibitoren Apixaban (z.B. Eliquis®)
Edoxaban (z.B. Lixiana®)
Rivaroxaban (z.B. Xarelto®)
Orale Thrombin-Inhibitoren Dabigatran (z.B. Pradaxa®)

Weitere Indikationen für eine Therapie mit Antikoagulantien

Neben den vier klassischen Indikationen (Vorhofflimmern, mechanischer Herzklappenersatz, Lungenembolie und Phlebothrombose) gibt es eine Vielzahl an Erkrankungen, die ebenfalls eine therapeutische Antikoagulation erforderlich machen können. Hierfür muss die Indikationsstellung unter Berücksichtigung der jeweiligen Erkrankung und individueller Faktoren erfolgen. Folgend sind beispielhaft einige mögliche Indikationen aufgelistet:

Therapeutische Antikoagulation in der Notfallmedizin

Therapeutische Antikoagulation mit unfraktioniertem Heparin (UFH)
Laborkontrolle vor Therapie Bestimmung der PTT (Ausgangswert vor der Therapie)
Startdosierung 5000–10000 IE i.v. als Bolus, alternativ Berechnung individuell mit 70–80 IE pro kg Körpergewicht
Perfusor-Dosierung Heparin-Perfusor (500 IE/ml) mit einer Dosis von 15–20 IE pro kg Körpergewicht pro Stunde fortführen
Berechnung der Dosierung Bei 70 kg Körpergewicht beträgt die Erhaltungsdosis demnach zwischen 1050 IE und 1400 IE pro Stunde → Perfusor demnach auf 2,4 mL/h einzustellen (Bereich zwischen 2,1 und 2,8 mL/h)
Therapiesteuerung Steuerung nach PTT → Ziel 60–92 Sekunden (1,5–2,5-fache Verlängerung des Ausgangswertes)
Anpassung der Perfusor-Infusionsrate nach PTT
PTT <48 Sekunden Bolus wie zum Therapiebeginn und Dosissteigerung um 4 IE pro kg Körpergewicht pro Stunde
PTT 48–60 Sekunden Bolus in halber Dosierung wie zum Therapiebeginn und Dosissteigerung um 2 IE pro kg Körpergewicht pro Stunde
PTT 60–92 Sekunden Nichts ändern!
PTT 92–120 Sekunden Dosisreduktion um 2 IE pro kg pro Stunde
PTT >120 Sekunden Perfusor 1 h pausieren, danach Fortführung mit Dosisreduktion um 3 IE pro kg Körpergewicht pro Stunde
Laborkontrollen unter der Therapie
PTT Alle 6 h
AT-III Bestimmen, wenn die PTT keine zu erwartenden Änderungen zeigt.
  • Häufige Probleme bei der Therapie mit unfraktioniertem Heparin
    • Schlechte Steuerbarkeit: Heparin kann trotz Beachtung gängiger Regeln sehr schlecht steuerbar sein
    • Hoher personeller Aufwand: Blutentnahmen alle 6 Stunden binden Zeit und Personal
    • Eingeschränkter Komfort: Bei einer dauerhaften intravenösen Infusion muss eine Therapie stationär erfolgen
Therapeutische Antikoagulation mit niedermolekularen Heparinen (NMH)
Wirkstoffe Dosierung Dosisanpassung Niereninsuffizienz bei NMH
Certoparin (z.B. Mono-Embolex®)
  • 8000 IE s.c. 1-0-1
  • Jegliche Niereninsuffizienz: Anti-Xa-Kontrollen , bei therapeutischer Dosierung ggf. Dosisanpassung
  • GFR ≤30 mL/min → Dosisreduktion und engmaschige Anti-Xa-Kontrolle
Dalteparin (z.B. Fragmin®)
  • 100 IE/kgKG s.c. 1-0-1 oder
  • 200 IE/kgKG s.c. 1-0-0
  • Jegliche Niereninsuffizienz: Anti-Xa-Kontrollen , bei therapeutischer Dosierung ggf. Dosisanpassung
  • GFR ≤30 mL/min → Dosisreduktion und engmaschige Anti-Xa-Kontrolle
Enoxaparin (z.B. Clexane®)
  • 1 mg/kgKG s.c. 1-0-1
  • Alternativ bei Pat. mit niedrigem Risikoprofil : 1,5 mg/kgKG s.c. 1-0-0
  • Jegliche Niereninsuffizienz: Anti-Xa-Kontrollen , bei therapeutischer Dosierung ggf. Dosisanpassung
    • I.d.R. Dosisreduktion auf 1 mg/kgKG s.c. 1-0-0
  • GFR ≤30 mL/min → Dosisreduktion und engmaschige Anti-Xa-Kontrolle
Nadroparin (z.B. Fraxiparin®)
  • 0,1 mL/10 kgKG s.c. 1-0-1
  • CAVE: Abweichung bei Einsatz des Präparats Fraxodi®
  • Jegliche Niereninsuffizienz: Anti-Xa-Kontrollen , bei therapeutischer Dosierung ggf. Dosisanpassung
  • GFR ≤30 mL/min → Kontraindikation!
Reviparin (z.B. Clivarodi®)
  • Als Clivarodi® 0,6 mL s.c. 1-0-0 bei Körpergewicht ≥60 kg
  • GFR ≤50 mL/min → Dosisanpassung und Anwendung nur unter Anti-Xa-Kontrollen
  • GFR ≤30 mL/min → Kontraindikation
Tinzaparin (z.B. Innohep®)
  • 175 IE/kg Körpergewicht s.c. 1-0-0
  • Der Einsatz von Tinzaparin wird bei mechanischen Herzklappen ausdrücklich nicht empfohlen
  • GFR ≤50(30) mL/min → Dosisanpassung und Anwendung nur unter Anti-Xa-Kontrollen
  • GFR ≤20 mL/min → Kontraindikation
Pentasaccharide
Fondaparinux (z.B. Arixtra®)
  • 7,5 mg s.c. 1-0-0
  • Körpergewicht ≤50 kg: 5 mg s.c. 1-0-0
  • Körpergewicht ≥100 kg: 10 mg s.c. 1-0-0
  • GFR ≤50(30) mL/min → Dosisanpassung und Anwendung nur unter Anti-Xa-Kontrollen
  • GFR ≤30 mL/min → Kontraindikation
Laborkontrollen bei therapeutischer Antikoagulation mit NMH
Anti-Xa-Test
  • Indikation: Bei vorbekannter Niereninsuffizienz und Änderungen der Nierenfunktion unter Therapie
  • Abnahmezeitpunkt: Abnahme 4 h nach subkutaner Gabe
  • Kontrollintervalle: Bei Therapiebeginn Abnahme an Tag 2 und 6, danach bei stabiler Nierenfunktion alle zwei Wochen
  • Referenzbereiche
    • Bei therapeutischer Dosierung: 0,4–1,0 Anti-Xa IU/mL
    • Bei prophylaktische Dosierung: 0,2–0,4 Anti-Xa IU/mL
Therapeutische Antikoagulation mit Vitamin-K-Antagonisten (VKA)
INR-Zielbereiche nach Indikation
Grundsätze
Phenprocoumon (z.B. Marcumar®)
Eindosierung und Weiterbehandlung
Warfarin (z.B. Coumadin®)
Eindosierung und Weiterbehandlung
  • Tag 1 und 2: Je 1 Tablette als Einzeldosis (1 Tablette enthält 5 mg)
  • Tag 3: ½ Tablette als Einzeldosis (2,5 mg)
  • INR: Kontrollen täglich ab Tag 3 → Wenn INR >2 → Absetzen der parenteralen Antikoagulation
  • Erhaltungsdosis: Individuell im Bereich von ½–2 Tbl. täglich (INR-Steuerung)
Laborkontrollen
INR-Kontrolle
  • Therapiewochen 1-4: Engmaschig, nach Eindosierung etwa alle 7–14 Tage
  • Therapiefortführung: Ärztliche Einschätzung der Dosisstabilität → Bei stabilen Verhältnissen und guter Compliance → Ausdehnung des Kontrollintervalls auf 4 Wochen
  • Selbstmessung: Pat. anbieten, die langfristig mit Vitamin-K-Antagonisten behandelt werden müssen (Schulung notwendig)
Wirkstoffe Dosierung Dosisanpassung (bei Niereninsuffizienz) [1][2] Wichtige Interaktionen
Direkte Xa-Inhibitoren
Apixaban (z.B. Eliquis®)
  • Bei Phlebothrombose und Lungenembolie
    • Initial: 7 Tage lang 10 mg p.o. 1-0-1
    • Erhaltung: 5 mg p.o. 1-0-1
    • Bei verlängerter Erhaltungstherapie >6 Monate: 2,5 mg p.o. 1-0-1
  • Bei Vorhofflimmern
    • 5 mg p.o. 1-0-1, keine Eindosierung notwendig
  • Absolute Kontraindikation: GFR <15 mL/min
  • Dosisreduktion: In allen Indikationen ist bei GFR 15–30 mL/min ist größte Vorsicht geboten, Anwendung nur unter Dosisreduktion und Überwachung der Retentionsparameter, indikationsspezifisch gelten folgende Empfehlungen
    • Indikation Vorhofflimmern: Dosishalbierung auf 2,5 mg p.o. 1-0-1 bei Zutreffen von mind. 2 der folgenden 3 Kriterien
      • GFR 15–29 mL/min oder Serumkreatinin >1,5 mg/dL (133 μmol/L)
      • Alter >80 Jahre
      • Körpergewicht <60 kg
    • Indikation Phlebothrombose und Lungenembolie: Es wird, wenn überhaupt, eine vorsichtige Anwendung empfohlen
Rivaroxaban (z.B. Xarelto®)
  • Bei Phlebothrombose und Lungenembolie
    • Initial: 21 Tage lang 15 mg p.o. 1-0-1
    • Erhaltung: 20 mg p.o. 1-0-0
    • Verlängerte Erhaltungstherapie > 3 Mon.: 10 mg p.o. 1-0-0
  • Bei Vorhofflimmern
    • 20 mg p.o. 1-0-0, keine Eindosierung notwendig
  • Absolute Kontraindikation: GFR <15 mL/min
  • Dosisreduktion: Bei GFR <50 mL/min empfohlen
  • Bei GFR 15–30 mL/min ist immer größte Vorsicht geboten, Anwendung nur unter Dosisreduktion und Überwachung der Retentionsparameter
Edoxaban (z.B. Lixiana®)
  • Absolute Kontraindikation: GFR <15 mL/min
  • Dosisreduktion: Auf 30 mg p.o. 1-0-0 bei Zutreffen eines der folgenden Kriterien:
    • GFR 15–50 mL/min
    • Körpergewicht <60 kg
    • Komedikation mit bestimmten P-Glykoprotein-Inhibitoren
  • Bei GFR 15–30 mL/min ist immer größte Vorsicht geboten, Anwendung nur unter Dosisreduktion und Überwachung der Retentionsparameter
  • Besonderheit der „zu guten“ Nierenfunktion: In der Indikation Vorhofflimmern wird bei hochnormaler GFR (>95 mL/min) von Edoxaban abgeraten, da eine Abnahme der Effektivität der Antikoagulation gegenüber Warfarin beobachtet wurde [3][4]
Direkte Thrombin-Inhibitoren
Dabigatran (z.B. Pradaxa®)
  • Kontraindikation: GFR <30 mL/min
  • Dosisreduktion: Auf 110 mg p.o. 1-0-1 bei
    • GFR 30–50 mL/min, wenn das Blutungsrisiko hoch erscheint
    • Alter 75–80 Jahre, wenn das individuelle Blutungsrisiko hoch bzw. das individuelle Thromboembolie-Risiko als relativ gering eingestuft wird
    • Alter >80 Jahre
    • Vorsicht bei gleichzeitiger Einnahme von P-Glykoproteinhemmern
Laborkontrollen

Weitere Indikationseinschränkungen

DOAK sind in einer Vielzahl denkbarer Indikationen für eine Antikoagulation noch nicht ausreichend untersucht und daher nicht zugelassen.

Insbesondere bei Pat. mit guter Einstellung unter Vitamin-K-Antagonisten ist ein Wechsel auf die neuen Wirkprinzipien nicht unbedingt notwendig!

Möglichkeiten der therapeutischen Antikoagulation bei nachgewiesener Heparin-induzierter Thrombozytopenie Typ II

Wirkstoffe Therapieeinleitung Fortführung der Therapie
Argatroban (z.B. Argatra®)
  • 2 μg/kgKG pro Minute i.v. als Perfusor
  • Dosisreduktion bei Leberinsuffizienz und kritisch Kranken
    • 0,5 μg/kgKG pro Minute
  • Anpassung der Dosierung nach PTT
    • Ziel 1,5–3,5-fache PTT (60–100 Sekunden)
  • Maximale Therapiedauer: 14 Tage (keine klinische Erfahrung längerer Anwendungen)
Danaparoid (z.B. Orgaran®)
  • 2250 Anti-Xa-Einheiten i.v. als Bolus (in einer Injektionslösung sind 750 Anti-Xa-Einheiten → 3 Injektionslösungen)
  • Nach dem Initialbolus und vor der Erhaltungsdosis werden zunächst 400 Einheiten in 4 h, dann 300 Einheiten in 3 h, in der Folge die Erhaltungsdosis gegeben
  • Erhaltungsdosis 150–200 Anti-Xa-Einheiten/h i.v. über 5–7 Tage
    • Steuerung nach Anti-Xa-Zielwerten: 0,5–0,8 Anti-Xa IE/mL
  • Im Verlauf Umstellung auf s.c. Anwendung möglich
    • 1250 Anti-Xa-Einheiten 1-0-1, ggf. auch 1-1-1
      • Anti-Xa-Ziel 0,5–0,8 IU/mL
    • Reduktion auf 750 Anti-Xa-Einheiten 1-0-1 sobald eine Therapie mit Vitamin-K-Antagonisten als Anschlusstherapie begonnen wird
  • Maximale Therapiedauer: 14 Tage, es sei denn, es gibt langfristig keine therapeutische Alternative
Alternative (off label use)
Fondaparinux z.B. (Arixtra®)
Bivalirudin (z.B. Angiox®)

Problemdefinitionen

Phlebothrombose und Lungenembolie

  • Therapie der 1. Wahl: Niedermolekulares Heparin in therapeutischer Dosierung
    • Therapiedauer: Mind. 3 Monate, danach in ggf. reduzierter Dosierung bis mind. 6 Wochen nach der Geburt (Pausierung während der Geburt, s.u.)
  • Rezidivprophylaxe
    • I.d.R. ist die Anwendung prophylaktischer Dosierungen von NMH ausreichend
  • Alternative: Fondaparinux in therapeutischer Dosierung
  • Relativ kontraindiziert: Vitamin-K-Antagonisten (Marcumar)
    • Nur nach strenger Risikoaufklärung und wenn andere Therapien nicht in Frage kommen einsetzbar

Vorhofflimmern mit Risikofaktoren

Mechanischer Herzklappenersatz

Antikoagulation und Geburt

Applikationsformen

HWZ Einschränkung bei Niereninsuffizienz

Monitoring

Antidot Vorteile/Nachteile

Unfraktioniertes Heparin (UFH)

  • Subkutan: Zur Prophylaxe
  • Intravenös mit Perfusor: Zur Therapie
  • Ca. 2 h
  • Keine Einschränkung

  • Immer Monitoring durch PTT notwendig
  • Schneller Wirkungseintritt (in Notfallsituationen einsetzbar)
  • HIT als NW
  • Siehe auch Vor- & Nachteile von UFH und NMH

Niedermolekulare Heparine (NMH)

  • Ca. 3–4 h
  • Kontraindiziert bei GFR <30 mL/min
  • Kein Monitoring notwendig

Vitamin-K-Antagonisten

Phenprocoumon (z.B. Marcumar®)
  • Nur oral
  • Ca. 6,5 Tage
  • Formal kontraindiziert!
  • Dennoch aus Mangel an Alternativen häufig eingesetzt
  • Immer Monitoring durch INR notwendig
  • Größte Langzeiterfahrungen vorteilhaft
  • Monitoring kann auch vorteilhaft sein
Warfarin (z.B. Coumadin®)
  • Ca. 30–45 h

Direkte orale Antikoagulantien

Rivaroxaban (z.B. Xarelto®)

  • Nur oral
  • Ca. 5–9 h
  • Kontraindiziert bei GFR <15 mL/min
  • Kein Monitoring notwendig
  • Kritische Kumulation bei Niereninsuffizienz möglich
  • Keine Langzeiterfahrung
  • Aufgrund der kurzen HWZ kann sich ein Vergessen der Medikation schnell negativ auswirken
Apixaban (z.B. Eliquis®)
  • Im Mittel ca. 13 h
  • Kontraindiziert bei GFR <15 mL/min

Edoxaban (z.B. Lixiana®)

  • Ca. 11,5 h
  • Kontraindiziert bei GFR <15 mL/min
Dabigatran (z.B. Pradaxa®)
  • Ca. 13–18 h
  • Kontraindiziert bei GFR <30 mL/min

Spezifische Maßnahmen bei Blutungen unter Antikoagulation richten sich v.a. nach der Schwere der Blutung! Für unspezifische Sofortmaßnahmen bei schwerer Blutung siehe auch: Notfallmanagement - Critical Bleeding, Notfallmanagement - Circulation und Hämorrhagischer Schock - AMBOSS-SOP.

Einschätzen der Schwere der Blutung

  • Nicht-lebensbedrohliche Blutung: Hämodynamisch stabil
  • Lebensbedrohliche Blutung: Hämodynamisch instabil
    • Bspw. jede intrakranielle Blutung

Antagonisierung von UFH und Antagonisierung von NMH [5][6]

Antidot und Dosierung: Protamin

  • Wirkstoff: Protaminhydrochlorid
  • Handelsname: Bspw. Protamin ME 1000 IE/mL Injektionslösung®
    • Darreichungsform: 1 Ampulle (5 mL) enthält 50 mg (5.000 IE) Protaminhydrochlorid
    • Wirkung: 1 mL der Lösung (10 mg Protaminhydrochlorid) neutralisiert etwa 1.000 IE UFH, Faustregel: 1 IE Protamin neutralisiert 1 IE UFH
    • Dosierung: Richtet sich nach Schwere der Blutung, Zeitpunkt, Art und Menge der letzten Heparin-Gabe
  • Wirkstoff: Protaminsulfat
  • Handelsname: Bspw. Protaminsulfat LEO Pharma 1.400 Heparin-Antidot IE/mL Injektionslösung und Infusionslösung®
    • Darreichungsform: 1 Ampulle (5 mL) enthält 50 mg (7.000 IE) Protaminsulfat
    • Wirkung: 1 mL der Lösung (10 mg Protaminsulfat) neutralisiert etwa 1.400 IE UFH
    • Dosierung: Richtet sich nach Schwere der Blutung, Zeitpunkt, Art und Menge der letzten Heparin-Gabe

Protaminsulfat hat eine kurze HWZ, ggf. sind wiederholte Gaben nötig!

Indikationen

Gabe von Protamin nur in schweren Fällen erwägen!

Hinweise zur Anwendung

  • Antagonisierung von UFH: Sehr kurze HWZ, bei akuten Blutungen kann es unter Umständen ausreichen, die Infusion zu unterbrechen
  • Antagonisierung von NMH: Keine vollständige Antagonisierung von NMH durch Protamin möglich
    • Anti-Faktor-II-Aktivitäten von NMH werden durch Protaminhydrochlorid schnell und fast vollständig aufgehoben
    • Anti-Faktor-Xa-Aktivitäten von NMH werden durch Protaminhydrochlorid unvollständig aufgehoben
    • Bei lebensbedrohlicher Blutung unter NMH: Zusätzliche Gabe von rekombinantem FVIIa
  • Wirkmechanismus: Neutralisation von Heparinen durch KomplexbildungKeine gleichzeitige Gabe anderer Substanzen über denselben i.v. Zugang, insb. Antibiotika wie Cefazolin oder Kontrastmittelgabe
  • Koagulationstests: Kontrolle zur Überwachung der Antagonisierung und Dosisanpassung
    • Aktivierte Gerinnungszeit (Activated Clotting Time, ACT), aktivierte partielle Thromboplastinzeit (aPTT), Anti-Xa- und Protamin-Titrationstest
    • Zeitpunkt: Durchführung ca. 5–10 min nach Gabe von Protamin
  • Nebenwirkungen: Bei Überdosierung u.a. gerinnungshemmend, Auslösen von anaphylaktischen Reaktionen
  • Keine Daten zur Anwendung
    • Bei Kindern, Schwangeren und während der Stillzeit
    • Keine klaren Empfehlungen zur Dosisanpassung bei älteren Pat.
Antagonisierung von NMH mit Protaminhydrochlorid
Wirkstoff Effekt von 1 mg bzw. 100 IE Protamin ME 1.000 IE/mL®
Certoparin (z.B. Mono-Embolex®) Neutralisiert 200 IE Certoparin bzgl. der verlängerten aPTT, Thrombin, Blutungszeit
Dalteparin (z.B. Fragmin®) Neutralisiert 100 IE Dalteparin bzgl. der verlängerten aPTT
Enoxaparin (z.B. Clexane®) Neutralisiert 0,01 mL Anti-IIa Enoxaparin
Nadroparin (z.B. Fraxiparin®) Neutralisiert 160 IE Anti-Xa Nadroparin
Reviparin (z.B. Clivarin®) Neutralisiert 82 IE Anti-Xa Reviparin
Tinzaparin (z.B. Innohep®) Neutralisiert 100 IE Anti-Xa Tinzaparin

Sofort die Heparin-Gabe unterbrechen bei Auftreten schwerer Blutungen!

Die Antagonisierung von Heparinen sollte bspw. anhand der Thrombinzeit überwacht werden. Sobald der neutralisierende Effekt ausreichend ist, muss die Infusion des Antidots gestoppt werden, um eine Überdosis von Protamin zu vermeiden!

Antagonisierung von VKA [7][8][9][10]

Antidot und Dosierung: Vitamin K

  • Wirkstoff: Phytomenadion (synthetisches Vitamin K1)
  • Handelsname: Bspw. Konakion®

Indikationen

  • Blutungen aufgrund Vitamin-K-Mangels, bspw. durch zu hohe Dosierung von Cumarinderivaten
  • CAVE: Langsame Antagonisierung bzw. verzögerter Wirkeintritt

Hinweise zur Anwendung

Zur Antagonisierung von Phenprocoumon kann zusätzlich Colestyramin verabreicht werden (Unterbrechung des enterohepatischen Kreislaufs)!

Maßnahmen bei erhöhter INR unter Therapie mit VKA [7][8][9]
INR Blutung Gabe von VKA Gabe von Vitamin K Weitere Maßnahmen
<5 Keine oder leichte Blutung
  • VKA pausieren, ggf. Dosisanpassung
  • Keine Gabe
  • Häufigere Kontrollen
≥5–<9
  • VKA pausieren (reguläre Einnahme der nächsten 1–2 Dosen ausfallen lassen)
>9
  • VKA absetzen
? Schwere Blutung
  • PPSB 25 IE/kgKG
  • (Evtl. rVIIa)
  • (Evtl. FFP)
Lebensbedrohliche Blutung
  • PPSB 30–50 IE/kgKG
  • Evtl. rVIIa 20–90 μg/kgKG
  • Warfarin: Evtl. FFP

Antagonisierung von DOAK [1][7][10]

Antidot und Dosierung

  • Rivaroxaban und Apixaban: Andexanet alfa
    • Initiale Dosis
      • Niedrige Dosis: Bei Rivaroxaban mit letzter Einnahme vor >7 h oder Apixaban
      • Hohe Dosis: Bei Rivaroxaban mit letzter Einnahme vor <7 h (oder unbekanntem Zeitpunkt der Einnahme)
    • Erhaltungsdosis
      • Niedrige Dosis: Bei Rivaroxaban mit letzter Einnahme vor >7 h oder Apixaban
      • Hohe Dosis: Bei Rivaroxaban mit letzter Einnahme vor <7 h (oder unbekanntem Zeitpunkt der Einnahme)
  • Edoxaban: Bisher kein spezifisches Antidot zugelassen
  • Dabigatran: Idarucizumab

Indikationen

  • Lebensbedrohliche bzw. nicht beherrschbare Blutungen
  • Notfall-OP oder dringliche Operation
  • Bestimmte diagnostische Maßnahmen (bspw. Liquorpunktion)
  • Ggf. systemische Thrombolyse (Einzelfallentscheidung) [7]

Eine Intoxikation mit DOAK ohne Blutung ist keine Indikation für eine Antagonisierung!

Hinweise zur Anwendung

Maßnahmen je Schwere der Blutung unter Therapie mit DOAK [7]
Blutung Gabe von DOAK Gabe des Antidots bei Dabigatran, Apixaban und Rivaroxaban Weitere Maßnahmen
Leichte Blutung
  • DOAK pausieren (reguläre Einnahme der nächsten Dosis nach hinten verschieben oder ausfallen lassen)
  • Keine Gabe
  • Keine weiteren Akutmaßnahmen erforderlich
Schwere Blutung
Lebensbedrohliche oder organgefährdende Blutung
  • Edoxaban
    • PPSB 50 IE/kgKG i.v. als Kurzinfusion über 15 min
    • FFP

Bei lebensbedrohlichen Blutungen unter DOAK-Einnahme gilt es, schnellstmöglich die antikoagulatorische Wirkung aufzuheben!

Andexanet alfa ist bisher nicht zugelassen als Antidot für Edoxaban aufgrund der lückenhaften Studienlage! Der Wirkmechanismus legt jedoch eine Wirksamkeit nahe.

  1. Steffel et al.: The 2018 European Heart Rhythm Association Practical Guide on the use of non-vitamin K antagonist oral anticoagulants in patients with atrial fibrillation In: European Heart Journal. 2018, doi: 10.1093/eurheartj/ehy136 . | Open in Read by QxMD .
  2. Fanikos et al.: Renal Function Considerations for Stroke Prevention in Atrial Fibrillation In: The American Journal of Medicine. Band: 130, Nummer: 9, 2017, doi: 10.1016/j.amjmed.2017.04.015 . | Open in Read by QxMD p. 1015-1023.
  3. Bohula et al.: Impact of Renal Function on Outcomes With Edoxaban in the ENGAGE AF-TIMI 48 Trial In: Circulation. Band: 134, Nummer: 1, 2016, doi: 10.1161/circulationaha.116.022361 . | Open in Read by QxMD p. 24-36.
  4. Lindner et al.: Treatment Consistency Across Levels of Baseline Renal Function With Rivaroxaban or Warfarin In: Circulation. Band: 135, Nummer: 10, 2017, doi: 10.1161/circulationaha.116.024666 . | Open in Read by QxMD p. 1001-1003.
  5. Fachinformation: Protamin ME 1000 I.E./ml, Injektionslösung. Stand: 1. Juni 2013. Abgerufen am: 4. Juni 2020.
  6. Fachinformation: Protaminsulfat LEO Pharma 1400 Heparin-Antidot I.E./ml Injektionslösung und Infusionslösung. Stand: 1. Oktober 2014. Abgerufen am: 4. Juni 2020.
  7. Leitfaden der AkdÄ: Orale Antikoagulation bei nicht valvulärem Vorhofflimmern - Empfehlungen zum Einsatz der direkten oralen Antikoagulanzien Dabigatran, Apixaban, Edoxaban und Rivaroxaban. Stand: 1. November 2019. Abgerufen am: 25. Mai 2020.
  8. Fachinformation: Konakion® MM 10 mg. . Abgerufen am: 4. Juni 2020.
  9. Dempfle, Borggrefe: Vermeidung von Notfallsituationen bei gerinnungshemmender Therapie mit Vitamin-K-Antagonisten In: Der Internist. Band: 46, Nummer: 9, 2005, doi: 10.1007/s00108-005-1479-5 . | Open in Read by QxMD p. 1006-1013.
  10. Sembill et al.: Management von intrazerebralen Blutungen unter oraler Antikoagulation In: Herz. Band: 44, Nummer: 4, 2019, doi: 10.1007/s00059-019-4802-y . | Open in Read by QxMD p. 315-323.
  11. Rote-Hand-Brief zu Ondexxya® (Andexanet alfa): Anti-FXa-Aktivitätstests für Messung der Anti-FXa-Aktivität ungeeignet. Stand: 19. Juni 2020. Abgerufen am: 21. Juni 2020.
  12. Ondexxya (Andexanet alfa): Vermeiden Sie die Anwendung von Andexanet vor einer Heparinisierung. Stand: 9. November 2020. Abgerufen am: 9. November 2020.
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