• Klinik

Sprachentwicklungsstörungen

Abstract

Eine Sprachentwicklungsstörung gilt es differentialdiagnostisch abzuklären, wenn sich die Sprachproduktion eines Kindes nicht altersentsprechend entwickelt. Die Sprachstörung kann dabei umschrieben sein, sich also hauptsächlich auf die expressive bzw. rezeptive Sprachfertigkeit auswirken oder zusätzlich zu weiteren Komorbiditäten vorhanden sein. Zu unterscheiden sind diese Störungen von den in der Allgemeinheit bekannteren Sprechstörungen, zu denen das Näseln, das Stammeln (fehlerhafte Aussprache einzelner Buchstaben), das Poltern und das Stottern gehören. Diese sind häufig bis zum 4. Lebensjahr physiologisch und grundsätzlich nicht unbedingt pathologisch.

Umschriebene Sprachstörungen

Expressive Sprachstörung (F80.1)

Die Fähigkeit zu sprechen bleibt unterhalb des Intelligenzniveaus (IQ im Normbereich) des Kindes.

Leitsymptome sind:

  • Reduzierte expressive Sprachfertigkeit
  • Eingeschränktes Vokabular
  • Die rezeptive Sprachfertigkeit (Sprachverständnis) ist nicht betroffen
  • Versuch der gestischen und mimischen Kompensation des Sprachdefizits

Rezeptive Sprachstörung (F80.2)

Das Sprachverständnis bleibt unterhalb des Intelligenzniveaus (IQ im Normbereich) des Kindes.

Sprechstörungen

Sprechstörung Klinisches Bild Mögliche Ursache

Rhinolalie (Näseln)

Geschlossenes Näseln
  • Nasal klingende Sprache
Offenes Näseln
  • Mangelnder Abschluss von Mundhöhle und Nasenrachenraum, z.B. durch:
    • Gaumenspalte
    • Gaumensegellähmung

Stammeln (Dyslalie)

Phonetisch
  • Lautbildungsstörung
    • Sigmatismus (Lispeln): s/sch/ch-Lautbildungsstörung
    • Rhotazismus
    • Kappazismus
    • Lambdazismus
    • etc.
  • Hörstörungen
  • Zungen-, Kiefer- oder Zahnfehlstellungen
  • Mangelnde sprachliche Anregung von den Eltern/der Umwelt
Phonologisch
  • Lautverwendungsstörung
    • Artikulatorisch richtig gebildete Laute werden nicht korrekt im Wort angewandt

Poltern

  • Sprachformulierungsschwäche mit Störung des Redeflusses
  • Hastiges Sprechen führt zur Umstellung und Auslassung von Silben. Wenig Mitbewegungen der Extremitäten.
  • Langsames Reden führt anders als beim Stottern zur Symptombesserung

Stottern (Balbuties)

  • Redeflussstörung mit Wiederholung von Lauten und Unterbrechung des Sprechablaufs
  • Langsames Sprechen führt zu Verschlechterung der Symptome. Häufig mit Mitbewegung von Extremitäten.

Stammeln ist bis zum Abschluss des 4. Lebensjahres physiologisch!

Eine Hörprüfung gehört zu jeder Diagnostik einer Sprachstörung!

Dysgrammatismus (Agrammatismus)

Dysgrammatismus und Agrammatismus bezeichnen Sprachstörungen, bei denen die Kinder nur begrenzt dazu in der Lage sind, grammatikalisch korrekte Sätze zu artikulieren (Syntax-Störung). Eine leichte Störung ist durch Fehler beim Konjugieren gekennzeichnet, bei einer schweren Störung formulieren die Kinder meist nur noch Einwortsätze.

Dysgrammatismus ist bis zum Abschluss des 4. Lebensjahres physiologisch!

Legasthenie (Lese-Rechtschreib-Störung)

  • Kurzbeschreibung: Häufige multifaktorielle Teilleistungsstörung mit Beeinträchtigung von Lese- und Rechtschreibfähigkeit, die nicht auf eine Intelligenzminderung zurückzuführen ist
  • Epidemiologie: Jungen sind deutlich häufiger betroffen (> 2:1)
  • Verlaufsformen
    • Lese- und Rechtschreibstörung (F81.0)
      • Auslassen von Buchstaben, Silben und Wörtern
      • Niedrige Lesegeschwindigkeit
      • Syntaxfehler
      • Vertauschen von Buchstaben in Wörtern
      • etc.
    • Isolierte Rechtschreibstörung (F81.1)
    • Rechenstörung (F81.2)
    • Kombinierte Störung schulischer Fertigkeiten (F81.3)
  • Genetik: Zwillingsstudien deuten auf eine vererbbare Komponente hin
  • Assoziation: Gehäuftes Vorkommen bei ADHS

Funktionelle Stimmstörung

  • Kurzbeschreibung: Dysphonie mit psychogener Komponente durch zu starke Anspannung oder zu starke Schonhaltung der Stimmlippen.
  • Epidemiologie: Frauen sind wesentlich häufiger betroffen
  • Klinik: Leitsymptome sind
    • Heisere, raue Stimme schon bei geringer Stimmbelastung
    • Klangvoller Hustenstoß
    • Kratzen oder Druckgefühl im Hals
    • Entstehung von Stimmlippenknötchen

Differentialdiagnosen

Landau-Kleffner-Syndrom (F80.3)

Das Landau-Kleffner-Syndrom beschreibt eine erworbene Aphasie mit Epilepsie. Die Sprachentwicklung der betroffenen Kinder zeigt sich im Gegensatz zu den Sprachentwicklungsstörungen bis zum 3. Lebensjahr zunächst normal. Die Kinder verlieren anschließend aber (zwischen dem 3. und dem 7. Lebensjahr) sowohl die rezeptiven als auch die expressiven Sprachfähigkeiten. Charakteristisch sind epileptische Anfälle und weitere neurologische Auffälligkeiten, die im EEG dargestellt werden können.

Patienteninformationen

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2018

  • F80.-: Umschriebene Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache
    • Es handelt sich um Störungen, bei denen die normalen Muster des Spracherwerbs von frühen Entwicklungsstadien an beeinträchtigt sind. Die Störungen können nicht direkt neurologischen Störungen oder Veränderungen des Sprachablaufs, sensorischen Beeinträchtigungen, Intelligenzminderung oder Umweltfaktoren zugeordnet werden. Umschriebene Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache ziehen oft sekundäre Folgen nach sich, wie Schwierigkeiten beim Lesen und Rechtschreiben, Störungen im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen, im emotionalen und Verhaltensbereich.
    • F80.0: Artikulationsstörung
      • Eine umschriebene Entwicklungsstörung, bei der die Artikulation des Kindes unterhalb des seinem Intelligenzalter angemessenen Niveaus liegt, seine sprachlichen Fähigkeiten jedoch im Normbereich liegen.
      • Dyslalie, Entwicklungsbedingte Artikulationsstörung, Funktionelle Artikulationsstörung, Lallen, Phonologische Entwicklungsstörung
      • Exklusive: Artikulationsschwäche (bei)
        • Aphasie o.n.A. (R47.0), Apraxie (R48.2), mit einer Entwicklungsstörung der Sprache: expressiv (F80.1), rezeptiv (F80.2‑), Hörverlust (H90-H91), Intelligenzstörung (F70-F79)
    • F80.1: Expressive Sprachstörung
      • Eine umschriebene Entwicklungsstörung, bei der die Fähigkeit des Kindes, die expressiv gesprochene Sprache zu gebrauchen, deutlich unterhalb des seinem Intelligenzalter angemessenen Niveaus liegt, das Sprachverständnis liegt jedoch im Normbereich. Störungen der Artikulation können vorkommen.
      • Entwicklungsbedingte Dysphasie oder Aphasie, expressiver Typ
      • Exklusive: Dysphasie und Aphasie: entwicklungsbedingt, rezeptiver Typ (F80.2‑), o.n.A. (R47.0), Elektiver Mutismus (F94.0), Erworbene Aphasie mit Epilepsie [Landau-Kleffner-Syndrom] (F80.3), Intelligenzstörung (F70-F79), Tiefgreifende Entwicklungsstörungen (F84.‑)
    • F80.2-: Rezeptive Sprachstörung
      • Eine umschriebene Entwicklungsstörung, bei der das Sprachverständnis des Kindes unterhalb des seinem Intelligenzalter angemessenen Niveaus liegt. In praktisch allen Fällen ist auch die expressive Sprache deutlich beeinflusst, Störungen in der Wort-Laut-Produktion sind häufig.
      • Angeborene fehlende akustische Wahrnehmung
      • Entwicklungsbedingt
      • Worttaubheit
      • Exklusive: Autismus (F84.0-F84.1), Dysphasie und Aphasie: entwicklungsbedingt, expressiver Typ (F80.1), o.n.A. (R47.0), Elektiver Mutismus (F94.0), Erworbene Aphasie mit Epilepsie [Landau-Kleffner-Syndrom] (F80.3), Intelligenzstörung (F70-F79), Sprachentwicklungsverzögerung infolge von Schwerhörigkeit oder Taubheit (H90-H91)
      • F80.20: Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung [AVWS]
      • F80.28: Sonstige rezeptive Sprachstörung
    • F80.3: Erworbene Aphasie mit Epilepsie [Landau-Kleffner-Syndrom]
      • Eine Störung, bei der ein Kind, welches vorher normale Fortschritte in der Sprachentwicklung gemacht hatte, sowohl rezeptive als auch expressive Sprachfertigkeiten verliert, die allgemeine Intelligenz aber erhalten bleibt. Der Beginn der Störung wird von paroxysmalen Auffälligkeiten im EEG begleitet und in der Mehrzahl der Fälle auch von epileptischen Anfällen. Typischerweise liegt der Beginn im Alter von 3-7 Jahren mit einem Verlust der Sprachfertigkeiten innerhalb von Tagen oder Wochen. Der zeitliche Zusammenhang zwischen dem Beginn der Krampfanfälle und dem Verlust der Sprache ist variabel, wobei das eine oder das andere um ein paar Monate bis zu zwei Jahren vorausgehen kann. Als möglicher Grund für diese Störung ist ein entzündlicher enzephalitischer Prozess zu vermuten. Etwa zwei Drittel der Patienten behalten einen mehr oder weniger rezeptiven Sprachdefekt.
      • Exklusive: Aphasie bei anderen desintegrativen Störungen des Kindesalters (F84.2-F84.3), Aphasie bei Autismus (F84.0-F84.1), Aphasie o.n.A. (R47.0)
    • F80.8: Sonstige Entwicklungsstörungen des Sprechens oder der Sprache
    • F80.9: Entwicklungsstörung des Sprechens oder der Sprache, nicht näher bezeichnet
      • Sprachstörung o.n.A

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2018, DIMDI.