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Spannungskopfschmerz (Kopfschmerz vom Spannungstyp)

Abstract

Beim Spannungskopfschmerz bzw. Kopfschmerz vom Spannungstyp handelt es sich um den häufigsten Kopfschmerztyp. Diese Form des primären Kopfschmerzes ist in ihren Ursachen noch unzureichend verstanden. Depressionen, Angststörungen und Stress gehören zu den ätiologischen Faktoren. Unterschieden werden der episodisch und der chronisch auftretende Spannungskopfschmerz. Die episodische Form wird akut mit gängigen Schmerzmitteln wie Acetylsalicylsäure, Ibuprofen oder Paracetamol behandelt. Bei der chronischen Form sollte eine medikamentöse Prophylaxe mit Amitriptylin erfolgen. Bei beiden Formen des Spannungskopfschmerzes sind nicht-medikamentöse Maßnahmen wie Entspannungstechniken oder Massagen wesentliche Bestandteile der Therapie. Eine häufige Komplikation der Selbstmedikation ist die Entwicklung eines Medikamenten-induzierten Kopfschmerzes durch zu häufige Analgetikaeinnahme.

Epidemiologie

  • Häufigste Kopfschmerzerkrankung
  • Prävalenz
    • Episodischer Spannungskopfschmerz: 40–90%
    • Chronischer Spannungskopfschmerz: 3%
  • Geschlecht: Frauen etwas häufiger
  • Alter
    • Häufigster Erkrankungsbeginn im dritten Lebensjahrzehnt, teilweise schon im Schulalter auftretend
    • Episodischer Spannungskopfschmerz im Alter weniger
    • Chronischer Spannungskopfschmerz im Alter gehäuft

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Ätiologie

  • Multifaktorielle Genese
  • Ätiologische Faktoren
    • Depressive Störungen
    • Angst
    • Psychosozialer Stress
    • Muskulärer Stress
    • Missbrauch von Analgetika gegen Kopfschmerzen vom Spannungstyp
    • Oromandibuläre Dysfunktion

Klassifikation

Kopfschmerz vom Spannungstyp - Einteilung in episodische und chronische Form

Die Unterschiede zwischen beiden Formen sind beträchtlich: Während ein vom episodischen Kopfschmerz Betroffener seinem Alltag häufig weitgehend uneingeschränkt nachgehen und etwa arbeiten kann, kann die chronische Form mit gravierenden sozioökonomischen Konsequenzen einhergehen.

Pathophysiologie

  • Unzureichend verstanden
  • Mögliche pathophysiologische Abfolge:

Symptome/Klinik

  • Kopfschmerzen
    • Typischerweise bifrontal, okzipital oder holozephal
    • Dumpf drückend, Engegefühl („Schraubstockgefühl“)
    • Meist leichte bis mäßige Intensität
  • Weitere Charakteristika
    • Keine Verstärkung durch körperliche Tätigkeit
    • Keine vegetativen Begleitsymptome, allenfalls Phono- oder Photophobie bzw. Übelkeit (letztere nur bei der chronischen Form)

Erbrechen ist mit Kopfschmerzen vom Spannungstyp nicht vereinbar!

Diagnostik

Klinisch-neurologische Diagnostik

  • Kopfschmerz- und Medikamentenanamnese
  • Unauffälliger neurologischer Status: Keine Zusatzdiagnostik indiziert, insbesondere keine Bildgebung von Kopf oder Halswirbelsäule

Diagnosekriterien des Spannungskopfschmerzes gemäß International Classification of Headache Disorders (ICHD-3)

  • Differenzierung zwischen episodischer und chronischer Form: Wichtig für unterschiedliche Pharmakotherapie

Episodischer Kopfschmerz vom Spannungstyp: Sporadisch auftretend

Kriterien Beschreibung
A

Mindestens 10 Episoden, die

  • die Kriterien B–D erfüllen und
  • durchschnittlich an <1 Tag pro Monat (<12 Tage pro Jahr) auftreten
B

Kopfschmerzdauer zwischen 30 Minuten und 7 Tagen

C Der Kopfschmerz weist mindestens zwei der folgenden vier Charakteristika auf:
  • Beidseitig
  • Schmerzqualität drückend oder beengend, nicht pulsierend
  • Leichte bis mittlere Schmerzintensität
  • Keine Verstärkung durch körperliche Alltagsaktivitäten (etwa Gehen oder Treppensteigen)
D Beide der folgenden Punkte sind erfüllt:
  • Keine Übelkeit oder Erbrechen
  • Photophobie oder Phonophobie kann vorhanden sein
E Nicht besser durch eine andere Diagnose aus der Klassifikation begründbar

Es werden zudem folgende Formen unterschieden

  • Mit Schmerzempfindlichkeit der perikranialen Muskulatur bei manueller Palpation
    • Manuelle Palpation an acht Muskelpaaren
    • Diagnosestellung: Mehr als Hälfte der palpierten Stellen schmerzhaft
    • Verwendung eines Druckalgometers möglich
      • Schmerzreize werden standardisiert appliziert
      • Kontinuierliche Drucksteigerung bis zum Erreichen der individuellen Schmerzschwelle
  • Ohne Schmerzempfindlichkeit der perikranialen Muskulatur bei manueller Palpation

Episodischer Kopfschmerz vom Spannungstyp: Häufig auftretend

Kriterien Beschreibung
A

Mindestens 10 Episoden, die

  • die Kriterien B–D erfüllen und
  • durchschnittlich an ≥1 Tag pro Monat, aber an <15 Tagen pro Monat über mindestens 3 Monate auftreten (≥12 und <180 Tage pro Jahr)
B

Kopfschmerzdauer zwischen 30 Minuten und 7 Tagen

C Der Kopfschmerz weist mindestens zwei der folgenden Charakteristika auf:
  • Beidseitig
  • Schmerzqualität drückend oder beengend, nicht pulsierend
  • Leichte bis mittlere Schmerzintensität
  • Keine Verstärkung durch körperliche Alltagsaktivitäten (etwa Gehen oder Treppensteigen)
D Beide der folgenden Punkte sind erfüllt:
  • Keine Übelkeit oder Erbrechen
  • Photophobie oder Phonophobie kann vorhanden sein
E Nicht besser durch eine andere Diagnose aus der Klassifikation begründbar

Es werden zudem folgende Formen unterschieden

  • Mit Schmerzempfindlichkeit der perikranialen Muskulatur bei manueller Palpation
  • Ohne Schmerzempfindlichkeit der perikranialen Muskulatur bei manueller Palpation

Chronischer Kopfschmerz vom Spannungstyp

Kriterien Beschreibung
A

Kopfschmerz, der

  • die Kriterien B–D erfüllen und
  • durchschnittlich an ≥15 Tagen pro Monat über mindestens 3 Monate (mindestens 180 Tage pro Jahr) auftritt
B

Kopfschmerz über Stunden bis Tage oder kontinuierlich vorhanden

C Der Kopfschmerz weist mindestens zwei der folgenden Charakteristika auf:
  • Beidseitig
  • Schmerzqualität drückend oder beengend, nicht pulsierend
  • Leichte bis mittlere Schmerzintensität
  • Keine Verstärkung durch körperliche Alltagsaktivitäten (etwa Gehen oder Treppensteigen)
D

Beide folgenden Punkte sind erfüllt:

  • Maximal ein Merkmal zutreffend: milde Übelkeit oder Photophobie oder Phonophobie
  • Weder Erbrechen noch mittlere bis starke Übelkeit
E Nicht besser durch eine andere Diagnose aus der Klassifikation begründbar

Wahrscheinlicher Kopfschmerz vom Spannungstyp

  • Kopfschmerzen, die ein diagnostisches Kriterium o.g. Verlaufsformen des Kopfschmerzes vom Spannungstyp verfehlen und keine diagnostischen Kriterien einer anderen Kopfschmerzerkrankung erfüllen.

Differentialdiagnosen

Die hier aufgeführten Differentialdiagnosen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Therapie

Allgemeine Therapiehinweise

  • Häufig Selbstmedikation
  • Kausale Therapie von Begleiterkrankungen (etwa Angststörungen, Depressionen)
  • Kopfschmerztagebuch führen über:
    • Kopfschmerzsymptomatik
    • Begleitsymptomatik
    • Therapeutische Maßnahmen und deren Wirkung
  • Aufklärung über Kopfschmerzen
  • Chronische Form: Behandlung in spezialisierten Kliniken/Praxen sinnvoll

Nicht-medikamentöse Prophylaxe

Medikamentöse Therapie

Akuttherapie

Akuttherapie des episodischen Kopfschmerz vom Spannungstyp

Akuttherapie des chronischen Kopfschmerz vom Spannungstyp

  • Wie beim episodischen Kopfschmerz vom Spannungstyp
  • Dauermedikation sollte vermieden werden
  • Medikamentöse Prophylaxe sowie nicht-medikamentöse Maßnahmen bevorzugen

Die zu häufige Einnahme von Analgetika sollte vermieden werden – durch medikamenteninduzierten Kopfschmerz droht ein Teufelskreis!

Prophylaxe des chronischen Kopfschmerz vom Spannungstyp

  • Nur bei chronischer Form
  • Ziel: Reduktion der Kopfschmerzsymptomatik
  • 1. Wahl
    • Amitriptylin
      • Mittel der 1. Wahl
      • Wirkbeginn nach 2–3 Wochen
      • Langsame Aufdosierung reduziert Risiko für Nebenwirkungen (insbesondere Mundtrockenheit, Müdigkeit)
      • Keine Monotherapie, sondern eingebettet in Behandlungskonzept mit nicht-medikamentösen Maßnahmen
      • Dosisreduktion im Verlauf anstreben
  • 2. Wahl (Off-label-Therapie)
    • Mirtazapin
      • Wirkbeginn nach 1–2 Wochen
    • Venlafaxin
      • Regelmäßige Blutdruckkontrollen zu Behandlungsbeginn
      • Bei unretardierter Form Verteilung auf mehrere Tagesdosen
    • Tizanidin
  • Unwirksam: Botulinumtoxin

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2018

  • G44.2: Spannungskopfschmerz
    • Chronischer Spannungskopfschmerz
    • Episodischer Spannungskopfschmerz
    • Spannungskopfschmerz o.n.A.

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2018, DIMDI.