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Schizophrenie

Letzte Aktualisierung: 20.7.2022

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Die Schizophrenie ist eine psychische, i.d.R. episodisch verlaufende Erkrankung, die durch eine vielfältige und komplexe Symptomatik gekennzeichnet ist. Dabei können Teile der Wahrnehmung, des Denkens, der Ich-Umwelt-Grenzen, des Affektes und der Psychomotorik betroffen sein. Je nach vordergründiger Klinik unterscheidet man verschiedene Unterformen. Am häufigsten findet sich dabei die paranoide Schizophrenie, bei der insb. akustische Halluzinationen, Wahn sowie Ich-Störungen auftreten. Neben dieser überwiegend in akuten Krankheitsphasen auftretenden Positivsymptomatik kann die Schizophrenie auch mit sog. Negativsymptomatik wie Affektverflachung und sozialem Rückzug einhergehen. Eine eher seltene Schizophrenieform ist die katatone Schizophrenie, bei der insb. psychomotorische Symptome imponieren (bspw. Stupor, Negativismus und Katalepsie).

Die Ursache der Schizophrenie ist bis heute nicht abschließend geklärt. Sie ist am ehesten multifaktoriell bedingt und durch genetische, umweltassoziierte, biochemische sowie strukturelle Einflüsse zu erklären. Differenzialdiagnostisch kommen eine Vielzahl somatischer, psychiatrischer und medikamenteninduzierter Krankheitsbilder in Betracht, sodass eine ausführliche Diagnostik unvermeidbar ist.

Therapeutisch kommen neben der pharmakologischen Behandlung mit Antipsychotika auch psychotherapeutische und psychosoziale Verfahren zum Tragen. Wichtig ist dabei das multiprofessionelle und empathisch-wertschätzende Vorgehen mit Rücksicht auf die Wünsche der Betroffenen und unter Einbeziehen wichtiger Vertrauenspersonen. Somatische Komorbiditäten sind häufig und sollten ebenso wie mögliche medikamentöse Nebenwirkungen stets im Blick behalten werden.

  • Lebenszeitprävalenz [1][2][3]
  • Jahresinzidenz [1]
    • Weltweit 15/100.000 Personen
    • Leicht erhöhte Inzidenz in städtischen Regionen im Vergleich zu ländlichen Regionen
  • Alters- und Geschlechterverteilung [1]
    • Erkrankungsbeginn: Meist zwischen 15. und 35. Lebensjahr
      • Erkrankungsbeginn bei Männern durchschnittlich 3–4 Jahre früher als bei Frauen
      • Zweiter Erkrankungsgipfel postmenopausal bei Frauen
    • Lebenszeitrisiko:

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Die Ursache der Schizophrenie ist bis heute nicht abschließend geklärt. Sie ist am ehesten multifaktoriell bedingt.

Genetische Faktoren

  • Insg. große Rolle der Erblichkeit bei Entstehung einer Schizophrenie , jedoch keinesfalls als alleiniger Einflussfaktor zu sehen
  • Vermutlich polygener Erbgang mit mittlerweile über 100 identifizierten Risikogenen
  • Risikofaktor für genetische Veränderungen: Hohes paternales Alter

Umweltassoziierte Faktoren [3]

  • Prä-, peri- und postnatale Hirnschädigungen, bspw.
  • Saisonale Faktoren: Gehäuftes Auftreten bei Wintergeburten
  • Noxen im Kinder-, Jugend- und frühen Erwachsenenalter
  • Sozialstatus: Gehäuftes Auftreten in sozial benachteiligten Schichten mit geringerem Bildungsstand
  • Weitere Faktoren
    • Familienstand: Alleinstehende > Verheiratete
    • Hormonelle Einflüsse

Neurobiologische Faktoren

Neurochemische Befunde und Hypothesen [3]

Im Folgenden werden Fehlregulationen verschiedener Neurotransmitter und damit einhergehende Hypothesen beschrieben. Man geht dabei von einer Dysbalance zwischen erregenden und hemmenden Neurotransmittersystemen aus (insb. Glutamat, GABA, Dopamin), die nicht einzeln, sondern eher als miteinander agierende neuronale Regelkreise zu betrachten sind.

Strukturelle und funktionelle Veränderungen [2][3]

  • Verminderung der grauen Substanz in kortikalen und subkortikalen Regionen [4][7]
  • Vergrößerung der Seitenventrikel und des 3.Ventrikels
  • Minderaktivität frontaler Hirnregionen: „Hypofrontalität“
  • Fronto-temporo-limbische Netzwerkstörung (Diskonnektivitätshypothese)

Pathophysiologische Modellvorstellungen

Bei den folgenden Modellen handelt es sich um Modelle zur Erklärung des Zusammenspiels verschiedener krankheitsbegünstigender Faktoren:

Die Symptomatik ist vielfältig und interindividuell unterschiedlich. Je nach vordergründiger Klinik unterscheidet man verschiedene diagnostische Unterformen der Schizophrenie.

Allgemeine Symptomatik [2]

Einteilung nach Positiv- und Negativsymptomatik [4][9]

Positivsymptomatik

Negativsymptomatik

  • Auftreten: Insb. in chronischen Phasen der Erkrankung
  • Definition: Nicht-produktive Symptome (im Vergleich zum „Normalzustand“ wird etwas abgezogen)

Die Negativsymptomatik lässt sich gut mit den 6 “A“ merken: Anhedonie, Apathie, Affektverflachung, Aufmerksamkeitsstörungen, Asozialität und Alogie!

Einteilung nach K. Schneider

Symptome 1. Ranges

Symptome 2. Ranges

Frühwarnzeichen eines psychotischen Rezidivs [3]

  • Definition: Unspezifische und individuell unterschiedliche Prodromi („Vorboten“) eines möglichen Rezidivs
  • Bedeutung: Wichtig, um frühzeitige Maßnahmen zur Abwendung bzw. Abmilderung eines Rezidivs einleiten zu können
    • Sowohl die Betroffenen als auch enge Bezugspersonen sollten die individuellen Frühwarnzeichen kennen
  • Symptome: Bspw.
    • Unruhe, Nervosität, Anspannung
    • Schlafstörungen
    • Reizbarkeit
    • Geräuschempfindlichkeit
    • Konzentrations- und Gedächtnisstörungen
    • Überforderungsgefühl
    • Sozialer Rückzug
    • Depressive Verstimmung, Grübeln, Stimmungsschwankungen
    • Misstrauen

Situatives diagnostisches Vorgehen

Diagnostik bei Erstmanifestation psychotischer Symptome [1]

Diagnostik bei Remanifestation einer Schizophrenie

Eine psychotische Symptomatik ist nicht primär „psychiatrisch“. Auch eine somatische Erkrankung kann als Ursache vorliegen und sollte unbedingt durch eine differenzierte Diagnostik abgeklärt werden!

Sofern keine vollständige Befunderhebung in der Erstdiagnostik stattgefunden hat, sollte dies möglichst nachgeholt werden! [1]

Hinweise auf eine somatische Genese der psychotischen Symptomatik [1]

Komorbiditäten [1][2][3]

Das Risiko somatischer Komorbiditäten ist bei der Schizophrenie signifikant erhöht!

Allgemeine Kriterien der Schizophrenie nach ICD-10 (F20.0-F20.3) [10]

Diagnostische Kriterien einer Schizophrenie nach ICD-10
Dauer
  • ≥1 Monat
≥1 Symptom
Oder
≥2 Symptome
Ausschlusskriterien
  • Einteilung je nach vordergründiger Klinik
  • Unterformen in DSM-5 und ICD-11 größtenteils nicht mehr aufgeführt

Paranoide Schizophrenie (F20.0)

Hebephrene Schizophrenie (F20.1)

Katatone Schizophrenie (F20.2)

Weitere Schizophrenieformen [1][3][10]

Bei der Katatonie handelt es sich um ein komplexes neuropsychiatrisches Syndrom bestehend aus psychomotorischen und affektiven Störungen sowie Verhaltensstörungen.

Epidemiologie [12]

  • Prävalenz: 7–15%
  • 59% der Fälle bleiben unterdiagnostiziert, davon wiederum werden 37% nicht adäquat therapiert

Ätiologie [13]

  • Mögliches Symptom vieler verschiedener Erkrankungen
  • Vermutete Störung des zentralen Neurotransmittersystems und Dysfunktion des basalgangliothalamisch-kortikalen Netzwerkes [12]
    • Unterfunktion des dopaminergen Systems
    • Verminderte GABA-A-Aktivität
    • Unterfunktion des glutamatergen Systems (NMDA-Rezeptor-Unterfunktion)

Klinik [13]

  • Insg. vielfältige Symptomatik mit häufig fluktuierendem Verlauf

Motorische Störungen [14]

Hypophänomene

  • Reduzierte Lidschlagfrequenz (Starren)
  • Motorische Hemmung
  • Stupor, Akinese
  • Sperrung: Plötzlicher Abbruch des Bewegungsablaufes ohne nachvollziehbaren Grund
  • Negativismus: Verweigerung von Handlungen, zu denen aufgefordert wurde
  • Katalepsie ≈ Haltungserstarren
    • Passiv vorgegebene, selbst unangenehme Körperhaltungen werden über einen abnorm langen Zeitraum nicht verändert
    • Häufig in Kombination mit Flexibilitas cerea (lat. für „wächserne Biegsamkeit“): Bei passiver Bewegung durch die untersuchende Person fällt eine wächserne, zähe Beweglichkeit der Gliedmaßen auf
  • Haltungsstereotypie
    • Spontanes Einnehmen von und Verharren in bestimmten Haltungen über einen abnorm langen Zeitraum
    • Im Gegensatz zur Katalepsie keine Veränderung der Haltung durch äußere Versuche möglich [15]
    • Beispiel: Oreiller psychique (franz. für „psychisches Kopfkissen“): Nach Wegziehen des Kopfkissens bleibt der Kopf der betroffenen Person unverändert in seiner Position und schwebt förmlich in der Luft [16]

Hyperphänomene

  • Erhöhte Lidschlagfrequenz (Blinzeln)
  • Psychomotorische Erregung
  • Nesteln
  • Bewegungsstereotypien: Repetitive Bewegungen, die keinerlei Funktion erfüllen und teilweise mit rhythmischem Charakter auftreten (Iterationen)
  • Manierismen
  • Grimassieren
  • Automatismen: Verhaltensweisen, die ohne erkennbare willentliche Kontrolle durchgeführt werden
  • Katatone Erregung: Nicht-zielgerichtete Unruhe mit unkontrollierten Bewegungen und sprachlichen Äußerungen
    • Raptus: Abrupter Wechsel von psychomotorischen Hypophänomenen zu einem Zustand ausgeprägter psychomotorischer Erregung, mitunter mit impulsiver und unkontrollierbarer Aggression (Erregungssturm)

Katatone Sprachstörungen

Katatone Affektstörungen

Bei einer Katatonie kann es zu einem Raptus kommen, d.h. einem abrupten Wechsel von psychomotorischen Hypophänomenen zu einem Zustand ausgeprägter psychomotorischer Erregung, der mit impulsiver und unkontrollierbarer Aggression einhergehen kann!

Diagnostik der Katatonie [12][13][14]

Um den Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung zu stärken, sollte das diagnostische Vorgehen behutsam und wiederholt mit den Betroffenen thematisiert werden.

Stuporöse Patient:innen sind kaum in der Lage zu kommunizieren, sie verstehen jedoch alles und können sich nach Abklingen der Symptomatik meistens an alles erinnern! Obwohl man es ihnen nicht ansieht, können sie stark erregt oder ängstlich sein. Ein behutsamer Umgang ist hier gefordert! [13]

Diagnostische Kriterien [10]

Differenzialdiagnostik [12]

Vorkommen katatoner Symptome [13]

Das erstmalige Auftreten katatoner Symptome, insb. bei einem sonst unauffälligen psychopathologischen Befund erfordert immer ein multidisziplinäres differenzialdiagnostisches Vorgehen!

Therapie

Allgemeine Therapiemaßnahmen bei Katatonie [13]

Therapeutisch steht bei der Katatonie die Reduzierung von Ängsten und Anspannung im Vordergrund!

Pharmakotherapie der Katatonie [18]

Pharmakotherapie von Stupor und Katatonie bei unbekannter Ursache

Pharmakotherapie der Katatonie bei Schizophrenie [18]

Pharmakotherapie bei organisch katatoner Störung [18]

Die Gabe von Antipsychotika sollte nur erfolgen, wenn ein malignes neuroleptisches Syndrom sicher ausgeschlossen ist!

Komplikation: Perniziöse Katatonie

Bei der sehr seltenen perniziösen Katatonie handelt es sich um einen lebensbedrohlichen Zustand.

Katatones Dilemma: Differenzialdiagnostisch sind ein MNS und eine perniziöse Katatonie nur schwer voneinander abzugrenzen. Die perniziöse Katatonie erfordert jedoch die sofortige Gabe eines Antipsychotikums, das MNS hingegen ein sofortiges Absetzen dieser Medikamente!

Ist nicht klar, ob ein MNS oder eine perniziöse Katatonie vorliegt, sollte neben einer intensivmedizinischen Überwachung pharmakologisch die alleinige Gabe von Benzodiazepinen erfolgen!

Einer psychotischen Symptomatik können neben einer Schizophrenie eine Vielzahl weiterer somatischer, psychiatrischer und pharmakologischer Ursachen zugrunde liegen. Im Folgenden aufgeführt sind beispielhafte, wichtige Ursachen ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Psychiatrische Differenzialdiagnosen [23]

Nicht-organische Störungen [1]

Schizotype Störung (schizotype Persönlichkeit, schizotype Persönlichkeitsstörung, F21) [10]

  • Definition: Psychische Störung mit exzentrischem Verhalten, paranoid bizarren Ideen und Anomalien des Denkens, die auf Dritte schizophren wirken
  • Diagnostische Kriterien

Wahnhafte Störung (F22.0) [10]

  • Definition: Psychische Störung mit langandauerndem Wahn als einziges oder deutlich im Vordergrund stehendes Symptom
  • Diagnostische Kriterien

Akute vorübergehende psychotische Störung (F23) [10]

  • Definition: Akute Entwicklung einer psychotischen Störung (≤2 Wochen) mit ebenso rascher Rückbildung ohne Nachweis einer organischen Ursache
  • Allgemeine Kriterien für eine akute vorübergehende psychotische Störung
  • Therapie: Therapie mit Antipsychotika führt i.d.R. zu einem raschen Sistieren der Symptomatik [18]
  • Unterformen mit ihren diagnostischen Kriterien

Induzierte wahnhafte Störung (Folie à deux, F24) [10]

  • Definition: Wahnhafte Störung, die zwei Personen betrifft, die in einem engen emotionalen Verhältnis zueinander stehen
  • Diagnostische Kriterien
    • Eine der beiden Personen leidet unter einer psychotischen Störung (F20–23), meist mit Wahnvorstellungen
    • Symbiontischer Wahn: Die andere Person entwickelt Wahnvorstellungen, die sie vor Kontakt mit der erkrankten Person nicht hatte
    • Die andere Person litt in der Vergangenheit nicht an einer psychotischen Störung (F20–23)
    • Beide Personen haben eine sehr enge Beziehung zueinander und leben isoliert von anderen Menschen

Schizoaffektive Störung (F25) [10]

Weitere

Organische psychische Störungen

Nicht-psychiatrische Differenzialdiagnosen

Überblick

Medikamenteninduzierte Psychosen [1][23]

Eine Vielzahl an Medikamenten kann eine psychotische Symptomatik induzieren, sodass bei jeder akuten psychotischen Symptomatik immer ein Medikationscheck durchgeführt werden sollte. Im Folgenden findet sich eine Auswahl dieser Medikamente.

Ein Medikationscheck ist obligat bei jeder neu aufgetretenen psychotischen Symptomatik!

Somatische Differenzialdiagnosen [1][23]

Erkrankungen des ZNS

Internistische Erkrankungen

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Allgemein [1]

Überblick über Therapiemaßnahmen

Medikamentöse Therapie

Nicht-medikamentöse Therapie

Die Therapie erfolgt multiprofessionell unter partizipativer Entscheidungsfindung, phasenspezifisch und integriert in einen Gesamtbehandlungsplan!

Zusammengefasst empfehlen sich eine frühzeitige medikamentöse Akutbehandlung, eine konsequente Rückfallprophylaxe, eine Psycho- und Soziotherapie sowie die soziale Wiedereingliederung!

Die medikamentöse Therapie sollte immer gemeinsam mit psychotherapeutischen und -sozialen Maßnahmen erfolgen. Wichtig ist dabei die vorherige Aufklärung der Betroffenen über Wirkungen und Nebenwirkungen der jeweiligen Medikamente sowie die Durchführung einiger Routineuntersuchungen (Labordiagnostik, EKG etc.). Medikamentöse Zwangsbehandlungen sind möglichst zu vermeiden.

Antipsychotische Therapie [1]

Wahl des Antipsychotikums

Dosierung und Applikationsform

  • Dosierung: Möglichst niedrig
    • Niedrigste Einstiegsdosis, langsame Steigerung
    • Individuelle Dosierung je nach Risiko-Nutzen-Abwägung
      • Häufig niedrigere Dosierungen notwendig bei Erstmanifestation , höherem Lebensalter und weiblichem Geschlecht
      • Bei Rezidiv mit akuter, schwerer Symptomatik: Sofortiger Behandlungsbeginn mit höherer Einstiegsdosis und relativ rascher Aufdosierung
    • Ausreichendes Abwarten nach relevanter Dosissteigerung, ggf. für 2–4 Wochen
    • Stetige Risiko-Nutzen-Abwägung und ggf. Dosisreduktion
  • Applikationsform: Bevorzugt oral

Für genauere Informationen zu Dosierungen der einzelnen Antipsychotika siehe: Antipsychotika - Wirkstoffe und Dosierungshinweise

Es ist eine orale antipsychotische Monotherapie in möglichst niedriger Dosierung zu bevorzugen!

Notwendige Maßnahmen im Verlauf der Behandlung

Vorgehen bei Unverträglichkeit oder ausbleibendem Therapieerfolg einer Antipsychotikatherapie [1][18]

Das Nutzen-Risiko-Verhältnis einer Pharmakotherapie sollte regelmäßig überprüft werden!

Medikamentöse Kombinationsbehandlung bei Schizophrenie

Erhaltungs- und Langzeittherapie

  • Indikation: Rezidivprophylaxe
  • Dauer : Soll individuell, in partizipativer Entscheidungsfindung, abgestimmt werden unter Beachtung von [1]
    • Schwere der Erkrankung und der jeweiligen Episode
    • Bisheriges Therapieansprechen
    • Nebenwirkungen
    • Motivation der Betroffenen
    • Stabilität des sozialen Netzwerkes
    • Familienanamnese
  • Vorgehen [1]
    • Kontinuierliche Fortführung der antipsychotischen Medikation in möglichst niedriger Dosierung
    • Ggf. kontrollierte Dosisreduktion auf individuell niedrigstmögliche Dosierung, ggf. bis zum Absetzen [1]
      • Langsam und unter engmaschiger Begleitung
      • Aufklärung über Reduktions- und Absetzsymptome , Frühwarnsymptome und Rezidivraten unter Einbeziehung enger Bezugspersonen
      • Reduktionsschritte von 5–20% der aktuellen Dosis (zu Beginn größere, später kleinere Dosisreduktionen)
      • Stabilität über 6–12 Wochen vor nächstem Reduktionsschritt
      • Beachtung guter Schlafhygiene
      • Bei beginnendem Rezidiv: Aufdosierung auf vorherige Dosis oder mehr
      • Beobachtungszeitraum nach Absetzen der Medikation: Mind. 2 Jahre [1]
    • Regelmäßige Kontrolluntersuchungen bei Antipsychotika-Gabe
  • Applikationsform: Bevorzugt oral, alternativ als Depotgabe [1]

Es wird eine kontinuierliche antipsychotische Rezidivprophylaxe in möglichst niedriger Dosierung empfohlen!

Therapie von Begleitsymptomen und komorbiden Störungen bei Schizophrenie

Bei allen Kombinationsbehandlungen sollte auf ein höheres Interaktionspotenzial sowie das erhöhte Risiko von Nebenwirkungen geachtet werden!

Therapie von Begleitsymptomen

Therapie komorbider Störungen

Psychotherapeutische und psychosoziale Verfahren [1]

Die medikamentöse Therapie sollte immer gemeinsam mit psychotherapeutischen und -sozialen Maßnahmen erfolgen.

Psychoedukation

Die Psychoedukation ist wesentlicher Bestandteil der Therapie. Gleichzeitig kann das Wissen über die eigene Erkrankung und ihre potenziellen Folgen auch belastend sein und mit erhöhter Suizidalität einhergehen.

Kognitive Verhaltenstherapie [1]

  • Indikation
    • Ggf. bei erhöhtem Psychoserisiko
    • Alle Menschen mit Schizophrenie
      • I.d.R. gemeinsam mit einer medikamentösen Therapie [1]
  • Bestandteile
    • Beziehungsaufbau bei empathischer, entpathologisierender und nicht-konfrontativer Haltung der Therapierenden
    • Erarbeitung von Erklärungsmodellen
    • Ggf. kognitive Umstrukturierung von
    • Rückfallprophylaktische Interventionen
  • Dauer: ≥16 Sitzungen, bei komplexeren Therapiezielen ≥25 Sitzungen
  • Setting: Stationär oder ambulant

Allen Menschen mit Schizophrenie soll ein Angebot zur kognitiven Verhaltenstherapie gemacht werden! [1]

Metakognitives Training (MKT) [1]

Weitere psycho- und soziotherapeutische Verfahren

  • Familienfokussierte Interventionen [1][26]
    • Indikation: Alle Menschen mit Schizophrenie sowie ihre Angehörigen bzw. engen Vertrauenspersonen [1]
    • Bestandteile: Je nach Schwerpunkt, bspw. [1]
      • Psychoedukation
      • Problemlöse- und Kommunikationstraining
      • Förderung von Vernetzung untereinander bzw. gegenseitiger Unterstützung
      • Erarbeitung eines Krisenplans
    • Dauer: 3 Monate bis 1 Jahr mit mind. 10 Sitzungen [1]
    • Ziel
      • Senkung der Rezidivrate durch Aufklärung
      • Emotionale Entlastung der Angehörigen/Vertrauenspersonen
  • Soziales Kompetenztraining [1]
    • Indikation
    • Sonderform: Integriertes psychologisches Therapieprogramm
      • Kombiniert soziales Kompetenz- und Problemlösetraining [3]
  • Kognitive Remediation [1]
    • Indikation: Kognitive Defizite
    • Bestandteile
      • Training zur Verbesserung kognitiver Prozesse und der Alltagsfunktionen mit dem Ziel der leichteren beruflichen und sozialen Wiedereingliederung
      • In Kombination mit anderen psychosozialen oder rehabilitativen Interventionen
  • Weitere Verfahren

Nicht-invasive Stimulationsverfahren [1]

Suizidalität

Fremdaggressives Verhalten

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

Krankheitsphasen [1][9]

  • Prodromalphase (Stadium des erhöhten Psychoserisikos)
    • Unspezifische Symptomatik über Monate bis Jahre vor Erstmanifestation ohne Erfüllung der Diagnosekriterien
    • Bei ca. 75% der Betroffenen
    • Für Informationen zu Früherkennung und Früherkennungszentren siehe: Tipps & Links
  • Akutphase : Überwiegende Positivsymptomatik
  • Postakute Stabilisierungsphase: Überwiegende Negativsymptomatik
  • Remissionsphase: Vollremission oder Teilremission mit Residuum (überwiegende Negativsymptomatik)

Verlaufsformen [1]

  • Individuelle Verläufe nicht vorhersagbar
    • 20% Vollremission nach erster Krankheitsepisode ohne späteres Rezidiv
    • ⅔ episodischer Verlauf
      • Mit zwischenzeitiger Vollremission oder
      • Mit zwischenzeitiger Teilremission
    • 5–10% chronisch progredienter Verlauf

Prognose [1]

  • Lebenserwartung: Ca.15 Jahre weniger als Gesamtbevölkerung
  • Mortalität: 2,6-fach höher als Gesamtbevölkerung

Prognostische Faktoren [3]

Prognostische Faktoren der Schizophrenie
Eher ungünstiger Verlauf Eher günstiger Verlauf
  • Alleinstehend
  • Männlich
  • Sozial schlecht integriert
  • Durch „High expressed Emotions“ geprägtes Familienklima
  • Schleichender Krankheitsbeginn
  • Initiale Negativsymptomatik
  • Häufigere und länger andauernde schizophrene Episoden
    • Insb. lange Dauer der unbehandelten initialen Psychose [1]
  • Substanzmissbrauch, insb. Cannabis
  • Verheiratet
  • Weiblich
  • Sozial gut integriert
  • Extrovertierte Persönlichkeitszüge
  • Akuter Krankheitsbeginn
  • Seltenere und eher kürzere schizophrene Episoden
    • Insb. kurze Dauer der unbehandelten initialen Psychose [1]
  • Emil Kraepelin: Erstbeschreiber der Schizophrenie, die er als „Dementia praecox“ bezeichnete
  • Eugen Bleuler: Bleuler prägte den Begriff „Schizophrenie“, da er feststellte, dass die Erkrankung keine frühzeitige Demenz, sondern ein eigenständiges Krankheitsbild darstellt
  • Kurt Schneider: Begründer der Symptome 1. und 2. Ranges

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Schizophrenie

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Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2022, DIMDI.

  1. WHO - World Health Organization: Taschenführer zur ICD-10-Klassifikation psychischer Störungen. 9. Auflage Hogrefe 2019, ISBN: 978-3-456-85992-7 .
  2. Schizophrenie, Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Stand: 15. Juli 2010. Abgerufen am: 23. August 2021.
  3. Mathias Berger: Psychische Erkrankungen. 6. Auflage Elsevier, Urban & Fischer Verlag 2018, ISBN: 978-3-437-22485-0 .
  4. S3-Leitlinie Schizophrenie (Langfassung). Stand: 15. März 2019. Abgerufen am: 12. Oktober 2020.
  5. e.g. Bäuml, Pitschel-Walz: Psychoedukation und Angehörigenarbeit bei Schizophrenie In: PSYCH up2date. Band: 14 (2), 2020, doi: 10.1055/a-0748-8998 . | Open in Read by QxMD p. 111-127.
  6. Rentrop et al.: Klinikleitfaden Psychiatrie Psychotherapie. 7. Auflage Elsevier / Urban&Fischer 2019, ISBN: 978-3-437-23155-1 .
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