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Schädel (Cranium)

Abstract

Der menschliche Schädel besteht aus bis zu 30 Knochen und kann anatomisch in zwei große Anteile gegliedert werden: den Gesichtsschädel und den Hirnschädel. Der Gesichtsschädel umfasst dabei die Knochen, die das Gesicht formen; der Hirnschädel jene, die das Gehirn beherbergen. Schädelnähte und die sog. Fontanellen zwischen den Knochen des Schädeldachs ermöglichen, dass er für die Geburt formbar bleibt und sich dem Wachstum des Gehirns anpassen kann. An der Unterseite des Schädels befindet sich die innere und äußere Schädelbasis, die von Durchtrittsstellen für Nerven, Arterien und Venen geprägt ist. Ein wichtiges Gelenk, da für die Nahrungsaufnahme hauptverantwortlich, ist das Kiefergelenk. Dieses verbindet den beweglichen Unterkieferknochen mit dem Rest des Schädels und ist durch Bänder und eine Gelenkkapsel stabilisiert.

Die Augen- und die Nasenhöhle werden jeweils in eigenen Kapiteln besprochen (siehe: Auge und Orbita; Nase und Nasennebenhöhlen).

Schädelknochen

Der Schädel kann funktionell grob in einen Gehirn- (Neurocranium) und einen Gesichtsschädel (Viscerocranium) unterteilt werden . Der Gesichtsschädel umfasst weitestgehend die Knochen, die dem Gesicht seine Struktur geben, der Gehirnschädel die Knochen, die das Gehirn umgeben. Für Primaten, also auch für Menschen, ist es typisch, dass der Gehirnschädel größer ist als der Gesichtsschädel.

Knochen Gesichtsschädel

Knochen Hirnschädel

Schädeldach

Das Schädeldach (auch Calvaria oder Schädelkalotte genannt) setzt sich zusammen aus dem Os frontale, Os parietale und Os occipitale. Das Schädeldach ist von außen glatt und nur durch die Schädelnähte und Fontanellen unterbrochen. Auf der Innenseite ist es von knöchernen Vorsprüngen zur Befestigung des Gehirns sowie von Furchen und Löchern geprägt, durch die Gefäße ziehen.

Knöcherne Strukturen

Vom Os temporale und vom Os occipitale sind in der Sicht von oben auf das Schädeldach nur kleine Anteile zu sehen. Sie sind daher nicht maßgeblich strukturbestimmend und werden nicht gesondert abgehandelt.

Außenseite Innenseite
Os parietale
  • Sulci arteriosi: Einkerbungen, in der die Aa. meningeae verlaufen
  • Sulcus sinus sagittalis superioris: Einkerbung, in dem der Sinus sagittalis superior verläuft
  • Foveolae granulares
    • Kleine Löcher entlang des Sulcus sinus sagittalis superioris
    • Entstehen durch Aussackungen der Arachnoidea
  • Emissarien: Einkerbung für die Vv. emissariae
Os frontale
  • (keine)

Schädelnähte (Suturen)

Schädelnähte sind Bandstrukturen – ähnlich einer Syndesmose – zwischen den Knochen des Schädeldachs, die im Kindesalter oder im Laufe des Lebens verknöchern. Sie gehören zu den unechten Gelenken und dienen der Verformbarkeit des Schädels. Insgesamt gibt es ca. 33, von denen vier die Hauptnähte darstellen.

Craniosynostosen
Ein vorzeitiger Verschluss von Schädelnähten führt zu typischen Schädeldeformitäten, die auch Craniosynostosen genannt werden!

Fontanellen (Fonticulus)

Fontanellen sind nicht-verknöcherte Bereiche zwischen den Schädelknochen, die sich im Kindesalter in der Regel verschließen. Sie machen den Schädel des Un- bzw. Neugeborenen so formbar, dass er durch den Geburtskanal passt und sich an das Größenwachstum des Gehirns anpassen kann. Die beiden wichtigsten Fontanellen sind die vordere, große Fontanelle und die hintere, kleine Fontanelle. Außerdem gibt es noch die weniger bedeutsamen Fonticulus sphenoidalis am Os sphenoidale und Fonticulus mastoideus am Os mastoideum.

Liquorgewinnung über die Fontanelle
Bei Meningitisverdacht kann bei Säuglingen Liquor aus der großen Fontanelle gewonnen werden.

Orientierungspunkt bei der Geburt
Die kleine Fontanelle ist wichtig für Geburtshelfer und dient ihnen als Orientierungspunkt für die Lage des kindlichen Kopfes beim Geburtsvorgang.

Aufbau Schädelknochen

Das Schädeldach setzt sich aus zwei Schichten kompaktem Knochen (Lamina externa und Lamina interna) und einer dazwischen liegenden Schicht schwammartigem Knochen (Spongiosa) zusammen.

  1. Lamina externa
    • Liegt unterhalb der Kopfschwarte
    • Von Periost bedeckt
  2. Spongiosa (Diploe)
  3. Lamina interna

Durch die venösen Verbindungen des Schädeldachs zum Gehirn können sich Infektionen leicht ausbreiten!

Gewalteinwirkung auf das Schädeldach
Die Lamina interna gilt als besonders brüchig und wird daher auch Glashaut (Lamina vitrea) genannt. Bei Gewalteinwirkung auf das Schädeldach kann es daher dazu kommen, dass die Lamina externa intakt und die Lamina interna zersplittert ist.

Schädelgruben und Schädelbasis

Die Schädelbasis befindet sich an der Unterseite des Schädels. Es gibt eine innere (Basis cranii interna) und eine äußere Schädelbasis (Basis cranii externa), die jeweils in drei verschiedene Abschnitte untergliedert werden können. Die innere Schädelbasis teilt man dabei anhand der drei sog. Schädelgruben (Fossa cranii anterior, Fossa cranii media, Fossa cranii posterior) auf. Die äußere Schädelbasis wird hingegen durch ihre strukturgebenden Knochen in einen vorderen, mittleren und hinteren Abschnitt unterteilt. Die beiden Schädelbasen sind von kleinen Löchern und Kanälen geprägt, durch die eine Vielzahl von Leitungsbahnen ziehen. Die wichtigsten sollen in den folgenden Tabellen dargestellt werden.

Schädelgruben (Fossae cranii)

Die Schädelhöhle kann von vorne nach hinten in drei Vertiefungen unterteilt werden: Fossa cranii anterior, Fossa cranii media und Fossa cranii posterior. Sie helfen dabei, Strukturen des Schädels und Gehirnabschnitten eine räumliche Zuordnung zu geben.

Schädelgrube Beteiligte Knochen Markante Strukturen Inhalt
Fossa cranii anterior (vordere Schädelgrube)
Fossa cranii media (mittlere Schädelgrube)
Fossa cranii posterior (hintere Schädelgrube)

Innere Schädelbasis (Basis cranii interna)

Die innere Schädelbasis bezeichnet die dem Gehirn zugewandte Unterseite des Schädels.

Beteiligte Schädelgrube Beteiligte Knochen Durchtrittsstellen Durchziehende Leitungsbahnen Benachbarte Strukturen
Fossa cranii anterior
  • V. emissaria
Fossa cranii media
  • N. mandibularis (V3)
  • A. meningea accessoria
  • Plexus venosus foraminis ovalis

Die beiden Nerven ziehen vom Foramen lacerum weiter durch den Canalis pterygoideus.

Fossa cranii posterior
  • Rückenmarkskanal

Äußere Schädelbasis (Basis cranii externa)

Die äußere Schädelbasis bezeichnet die dem Gehirn abgewandte Unterseite des Schädels.

Abschnitt Beteiligte Knochen Durchtrittsstellen Durchziehende Leitungsbahnen Benachbarte Strukturen
Vorne
  • N. nasopalatinus (aus V2)
  • A. nasopalatina
  • N. palatinus major (aus V2)
  • A. palatina major
  • N. palatinus minor (aus V2)
  • A. palatina minor
Mitte
Mitte
  • s.o.
Hinten
  • V. emissaria mastoidea
  • V. emissaria condylaris


Fossa temporalis, Fossa infratemporalis, Fossa pterygopalatina

Neben den großen Höhlen für unsere Sinnesorgane gibt es im Schädel noch weitere wichtige Vertiefungen, durch die Nerven und Gefäße ziehen. Drei werden hier detaillierter besprochen.

Vertiefung Lage Begrenzung Verbindung zu anderen Schädelhöhlen (über … → in …) Wichtigster Inhalt
Fossa temporalis (Schläfengrube)

Fossa infratemporalis (Unterschläfengrube)

  • Unterhalb der Fossa temporalis, medial des Arcus zygomaticus und Ramus mandibulae

Fossa pterygopalatina (Flügelgaumengrube)

Operativer Zugang beim Nasenrachenfibrom
Das Nasenrachenfibrom ist ein histologisch gutartiger und klinisch bösartiger Tumor, der in der Fossa pterygopalatina lokalisiert sein kann. Das heißt, dass er zwar nicht metastasiert, aber durch die Symptome, die es verursacht (z.B. wiederholtes Nasenbluten, behinderte Nasenatmung, eitriger Nasenausfluss), die Betroffenen stark einschränken kann. Das Nasenrachenfibrom tritt vor allem bei männlichen Jugendlichen ab dem 10. Lebensjahr auf. Zur operativen Entfernung wird meist ein Zugang über die Fossa infratemporalis gewählt.

Kiefer und Kiefergelenk

Kiefer

Der Kiefer setzt sich aus den beiden Oberkieferknochen (rechte und linke Maxilla) und dem Unterkieferknochen (Mandibula) zusammen, die über das Kiefergelenk (Articulatio temporomandibularis) funktionell miteinander verbunden sind.

Oberkiefer (Maxilla)

Der Oberkieferknochen ist Teil des Gesichtsschädels und besteht aus:

Unterkiefer (Mandibula)

Der Unterkieferknochen ist u-förmig gebaut und besteht aus:

  • Corpus mandibulae (Unterkieferkörper)
    • Partes alveolares (Alveolarteil): Sitz der Zähne
    • Foramen mentale: Austrittspunkt des N. mentalis (aus N. V3)
  • Angulus mandibulae (Unterkieferwinkel): Verbindet Corpus mandibulae und Ramus mandibulae
  • Ramus mandibulae (Unterkieferast): Rechts und links des Corpus mandibulae aufsteigende Knochenäste
    • Lingula mandibulae (Unterkieferzünglein): Kleiner Knochenvorsprung auf der Innenseite in direkter Nachbarschaft zum Foramen mandibulae
    • Caput mandibulae (Unterkieferkopf)

Zur Betäubung des Unterkiefers für eine zahnärztliche Behandlung reicht die Betäubung des N. alveolaris inferior aus. Hierfür wird die Lokalanästhesie an der Innenseite des R. mandibulae injiziert!

Kiefergelenk (Articulatio temporomandibularis)

Kieferklemme und Kiefersperre
Bei einer weiten Öffnung des Mundes kann es passieren, dass der Gelenkkopf des Unterkiefers vor das Gelenkhöckerchen gleitet und sich dort verhakt. Dies hat zur Folge, dass der Mund nicht mehr geschlossen werden kann und es zur sog. Kiefersperre kommt.

Schlussbissstellung (Okklusion)
Als Okklusion bezeichnet man die Stellung beider Zahnreihen bei kontrahierten Kaumuskeln. Je nach Stellung der oberen und unteren Zahnreihe zueinander unterscheidet man verschiedene Zahnstellungen. In Deutschland ist der Überbiss (Psalidodontie) am häufigsten, bei dem sich die Oberkieferschneidezähne vor die Unterkieferschneidezähne schieben. Eine seltenere Form ist der Unterbiss (Progenie), bei dem die Schneidezähne des Unterkiefers vor denen des Oberkiefers stehen.

Entwicklung

Ossifikation der Schädelknochen

Histologisch unterscheidet man bei der Ossifikation von Schädelknochen zwischen einer desmalen und einer chondralen Ossifikation. Bei der desmalen Ossifikation entsteht der Knochen direkt aus mesenchymalem Bindegewebe, bei der chondralen Ossifikation indirekt über einen Umbau von Knorpelgewebe. Je nach Art der Ossifikation kann man daher die Schädelknochen entwicklungsgeschichtlich in Desmo- und Chondrocranium unterteilen (siehe auch: Knochengewebe).

Knochen des Desmocraniums Knochen des Chondrocraniums

Dysostosis cleidocranialis
Die Claviculae (Schlüsselbeine) sind die einzigen Röhrenknochen, die desmal ossifizieren. Sollte es also im Rahmen der kindlichen Entwicklung zu einer Störung der desmalen Ossifikation kommen, sind der Schädel und die Schlüsselbeine deformiert, klein oder nicht ausreichend ausgebildet.

Wiederholungsfragen zum Kapitel Schädel

Schädeldach

Wo liegt die große bzw. kleine Fontanelle? Welche Schädelnähte grenzen jeweils an?

Welches sind die vier Hauptnähte des Schädels? Wie verlaufen sie?

Schädelgruben und Schädelbasis

Wo tritt die A. ophthalmica aus der Schädelbasis aus?

Aus welchen Knochen bildet sich die Fissura orbitalis superior? Welche Strukturen ziehen durch sie hindurch?

Welche Strukturen treten durch die benachbarten Foramina ovale, rotundum und spinosum?

Welche Durchtrittsstellen für welche Strukturen liegen im Os temporale?

Welche Strukturen ziehen durch das Foramen magnum?

Welche Durchtrittsstellen liegen in der Fossa cranii posterior im Os occipitale?

Welche Strukturen treten durch die Fissura orbitalis inferior?

Wo liegt die Fossa pterygopalatina und welche Rolle hat sie?

Durch welche Verbindung ist die Orbita mit der Fossa pterygopalatina verbunden?

Kiefer und Kiefergelenk

Wo am Schädel kommt ein Discus articularis vor und welche Funktion hat er?

Durch welches Foramen tritt der N. alveolaris inferior und warum ist dies klinisch bedeutsam?

Eine Sammlung von allgemeineren und offeneren Fragen zu den verschiedenen prüfungsrelevanten Themen findest du im Kapitel Beispielfragen aus dem mündlichen Physikum.