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Psychostimulanzien (Intoxikation und Abhängigkeit)

Letzte Aktualisierung: 17.5.2021

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Zu den Psychostimulanzien werden psychoaktive Substanzen mit unterschiedlicher chemischer Struktur zusammengefasst, die über eine sympathomimetische Rauschwirkung verfügen. Hauptvertreter sind das Amphetamin („Speed“), seine Derivate (z.B. „Ecstasy“), Methamphetamin („Crystal Meth“) und Kokain. Bei einer Intoxikation kann die sympathische Überstimulation u.a. zu Agitation, Herzrhythmusstörungen und zerebralen Krampfanfällen führen. Insb. Kokain und Methamphetamin haben ein starkes Abhängigkeitspotential mit ausgeprägten Entzugssyndromen und Langzeitschäden.

Epidemiologie des Amphetamin- und Ecstasy-Konsums [1]

Wirkstoffe

Zu den Psychostimulanzien werden verschiedene Wirkstoffe gezählt, die sich durch eine sympathomimetische Hauptwirkung auszeichnen. Hauptwirkstoffe sind Amphetamine und Ecstasy, die im Zentrum dieses Abschnitts stehen. Wegen seiner speziellen Charakteristika und Therapieanforderungen wird Methamphetamin gesondert aufgeführt.

Rechtsmedizinischer Nachweis von Amphetaminen und Ecstasy

Wirkungen

Zeitlicher Ablauf [3]

  • Amphetamin
    • Wirkbeginn: Je nach Konsumform wenige Sekunden (intravenös), Minuten (intranasal) oder ca. eine ½ Stunde (oral)
    • Wirkdauer: 6–8 Stunden
  • Ecstasy
    • Wirkbeginn: ½ Stunde nach oraler Einnahme
    • Wirkdauer: 3–6 Stunden

Körperliche Wirkungen

Sympathomimetisches Wirkprinzip mit vermehrter Ausschüttung und Hemmung der Wiederaufnahme von Noradrenalin und Dopamin

Psychische Wirkungen

  • Euphorie
  • Erhöhte Vigilanz und Konzentration
  • Gesteigertes Selbstbewusstsein
  • Appetitminderung
  • Libidosteigerung
  • Logorrhö

Nebenwirkungen

Langzeitschäden

  • Gewichtsverlust durch erhöhten Bewegungsdrang und Appetitminderung (insb. bei regelmäßigem Konsum)
  • Hinweise auf neurotoxische Wirkungen, insb. in serotonergen und dopaminergen Zielgebieten [4] [5]

Weitere Wirkungen und Nebenwirkungen speziell bei Ecstasy

Zusätzliche Wirkungen durch vermehrte Ausschüttung von Serotonin sowie Ähnlichkeiten mit halluzinogenen Substanzen

Häufig ist bei Intoxikation mit Amphetamin oder seinen Derivaten die Beruhigung und Reizabschirmung des Patienten ausreichend. Allerdings haben insb. die steigenden Wirkstoffdosen in Ecstasy-Pillen dazu geführt, dass immer häufiger auch eine medikamentöse, z.T. auch intensivmedizinische Behandlung erforderlich ist. [3]

Die Gabe von Antidepressiva (insb. von SSRI) ist bei Ecstasy-Intoxikation aufgrund der Begünstigung eines lebensbedrohlichen Serotoninsyndroms kontraindiziert!

Die Gabe von Antipsychotika ist bei Ecstasy-Intoxikation wegen Hinweisen auf eine Exazerbation aversiver psychischer Rauschwirkungen nicht empfohlen.

Da bei der Intoxikation mit Psychostimulanzien Mischintoxikationen häufig sind, sollten sedierende Medikamente mit großer Vorsicht und unter engmaschiger Kontrolle verabreicht werden.

Diagnosekriterien

Abhängigkeitsentwicklung und Entzugssymptomatik

Therapie bei Abhängigkeit

  • I.d.R. im Rahmen einer polytoxischen Substanzabhängigkeit
  • Bestandteile
    • Psychotherapeutische Behandlungsansätze: Gute Evidenz für Wirksamkeit
    • Medikamentöse Therapieoptionen bei Entzugssymptomatik: Symptomorientiert unter Beachtung psychiatrischer Komorbiditäten
  • Zum allgemeinen Vorgehen bei Abhängigkeitserkrankungen siehe: Therapie von Abhängigkeiten

Bei Methamphetamin handelt es sich ebenfalls um ein Amphetaminderivat. Wegen seiner speziellen Charakteristika und Therapieanforderungen wird es hier gesondert aufgeführt.

Epidemiologie [1]

Wirkstoff [3]

  • Chemisch: N-Methylamphetamin
  • Szenenamen: „Crystal“, „Crystal Meth“, „Ice“, „Pico“, „Crank“, „Yaba“, „Vint“, „Shishe“ oder „Pervitin
  • Herstellungsformen: I.d.R. als Kristalle oder als weißes Pulver
  • Konsumformen: Oral, intranasal, inhalativ oder intravenös
  • Historische Verwendung
    • Industrielle Herstellung in Deutschland ab den 1930ern (Handelsname: Pervitin®) zur
      • Medizinischen Verwendung bei Asthma und Kreislaufschwäche
      • Leistungssteigerung in der Militärmedizin, insb. im Zweiten Weltkrieg
    • Weiterverwendung im deutschen Militär bis Ende der 1980er
    • Steigende illegale Produktion in Mexiko, Bolivien und Ländern des ehemaligen Ostblocks seit den 1970ern
    • Aktuell wichtigstes Herkunftsland: Tschechien [7]
  • Pharmakokinetik
    • Hohe Lipophilie
    • Lange HWZ von >11 Stunden
    • Abbau: Langsam und unvollständig über die Leber

Rechtsmedizinischer Nachweis

  • Blut: Ca. 24 h, je nach Konsummuster ggf. auch länger
  • Urin: 1–7 Tage

Wirkmechanismus und zeitlicher Ablauf

  • Wirkmechanismus
  • Wirkbeginn
    • Oral: Ca. 30 Min.
    • Intranasal: Ca. 10 Min.
    • Inhalativ: Wenige Sekunden
    • Intravenös: Wenige Sekunden
  • Wirkdauer: Dosisabhängig zwischen 6–20 Stunden

Wirkungen

Körperliche Wirkungen

Psychische Wirkungen [3] [7]

  • Starke Euphorie
  • Erhöhte Vigilanz und Konzentration
  • Gesteigertes Selbstbewusstsein
  • Kurzzeitig erhöhte Leistungsfähigkeit
  • Appetitlosigkeit
  • Starke Libidosteigerung
  • Logorrhö
  • Soziale Enthemmtheit
  • Vermindertes Schmerzempfinden
  • Gefallen an stereotypen Tätigkeiten

Nebenwirkungen/Komplikationen [3] [7]

Langzeitschäden

Management bei Methamphetamin-Intoxikation [7]

Bei ausgeprägter sympathoadrenerger Symptomatik ist oft eine intensivmedizinische Behandlung notwendig. Bei Eigen- und Fremdgefährdung hat hingegen die akutpsychiatrische Behandlung Vorrang, sofern keine unmittelbar behandlungsbedürftige somatische Komorbidität vorliegt.

Allgemein

  • Engmaschige Überwachung mit Kontrolle von Vitalfunktionen
  • Reizabschirmung, beruhigende Ansprache (Talking Down), wenn möglich Begleitung durch konstante Bezugsperson
  • Mischintoxikationen im toxikologischen Screening beachten

Der Schweregrad einer Methamphetamin-Intoxikation lässt sich insb. gut am Ausmaß der Tachykardie und Hypertonie beurteilen.

Psychopharmakologische Therapieoptionen

Antipsychotika senken die Krampfschwelle und können die Wahrscheinlichkeit eines zerebralen Krampfanfalls erhöhen, weshalb eine Gabe so kurz und niedrig dosiert wie möglich erfolgen sollte!

Die Pharmakotherapie sollte nur begonnen werden, wenn sie nicht vermeidbar ist und währenddessen ein Monitoring durchgeführt werden kann! Es drohen insb. bei unklaren oder Mischintoxikationen medikamentös induzierte Komplikationen wie Atemdepression oder eine Verschlechterung der Bewusstseinslage!

Notfallmedizinische Therapie

Die Therapie erfolgt symptomorientiert inkl. Monitoring und Sicherung der Vitalparameter. Im Folgenden sind insb. für die Methamphetamin-Intoxikation besonders zu beachtende Punkte dargestellt. Weitere Informationen finden sich in den notfallmedizinischen Fachkapiteln.

Der Konsum von Methamphetamin bewirkt eine schnelle Toleranzentwicklung mit hohem psychischen Abhängigkeitspotential. Es kommt oft zu einer raschen Dosissteigerung und die Abhängigkeit ist häufig mit ausgeprägten psychosozialen Folgeschäden wie beruflicher und sozialer Desintegration verbunden. [3]

Diagnostik

Diagnosekriterien

Anamnese

Körperliche Untersuchung

  • Komplette körperliche Untersuchung mit Fokus auf somatische Folgeschäden, z.B.
    • Körpergewicht
    • Beurteilungen von Hautexkoriationen und – bei intravenösem Konsum – von Einstichstellen
    • Beurteilung von Zahnstatus , Mund- und Nasenschleimhaut
    • Hinweise auf Verletzungen durch körperliche Gewalt
    • Zusätzlich bei Frauen: Gynäkologische Untersuchung

Kardiologische und pulmonologische Diagnostik

Labordiagnostik

Entzugssyndrom

  • Dauer: Oft mehrere Wochen, teils auch Monate anhaltend
  • Psychisch
  • Körperlich

Therapieangebote [7]

Das Angebot ambulanter, teilstationärer und stationärer Therapieformen für Methamphetaminabhängige ist breit. Die Auswahl der richtigen Maßnahme richtet sich u.a. nach Bedarf, Abstinenzmotivation und sozialem Umfeld des Patienten. I.d.R. wird eine stationäre, qualifizierte Entzugsbehandlung empfohlen.

Medikamentöse Therapieoptionen des Entzugssyndroms [7]

Bei Gabe von Antipsychotika im Rahmen eines Methamphetamin-Entzugssyndroms ist eine Reevaluation und ggf. ein Ausschleichen nach sechs Monaten empfohlen. Besteht die psychotische Symptomatik nach sechsmonatiger Therapie weiter, so muss differentialdiagnostisch an eine zugrunde liegende Schizophrenie gedacht werden.

Wegen ihres Abhängigkeitspotentials sind Benzodiazepine zurückhaltend und nur zeitlich begrenzt einzusetzen!

Epidemiologie

  • Prävalenz von Abhängigkeit [9]
    • Gesamt: 0,2%
    • In der Altersgruppe 18–29 Jahre: 1%
  • Jahresprävalenz des Kokainkonsums
    • Jahresprävalenz Gesamtbevölkerung: 0,8% [9]
  • Lebenszeitprävalenz des Kokainkonsums
    • Gesamtbevölkerung (18–64 Jährige): 3,8% [1]
    • Junge Erwachsene in Großstädten: 5–10% [3]

Herstellungs- und Konsumformen

  • Gewinnung
    • Aus Blättern des Kokastrauches
    • Verarbeitung der Kokablätter zu einer Paste
    • Gewinnung von Kokainchlorid aus der Paste (entspricht der Pulverform)
  • Herstellungsformen
    • „Crack“: Mischung aus Kokain und Natronlösung
    • „Freebase“/„Steine"/„Base: Freie Kokainbase
  • Konsumformen
    • Oral: Schlucken von Kokain, Kauen von Kokablättern
    • Intranasal: Schnupfen von Kokain
    • Intravenös: Injektion von mit Ascorbinsäure versetzem „Crack“ oder Kokain
    • Inhalativ: Rauchen der Kokapaste, einer freien Base oder von „Crack“ in einer Pfeife oder von einer Alufolie

Pharmakokinetik

Wirkungen

Kokain wirkt sympathomimetisch. Viele Symptome entsprechen der „Fight-or-Flight“-Reaktion.

  • Körperliche Wirkungen
  • Psychische Wirkungen
    • Euphorie
    • Verbesserung von Vigilanz und Konzentration
    • Steigerung des Selbstbewusstseins
    • Steigerung der Libido
    • Logorrhö

Nebenwirkungen

Akute Nebenwirkungen

Langzeitschäden

  • Körperlich
    • U.a. Gewichtsverlust, Immunsuppression, toxische Leberschädigung
    • Applikationsabhängige Schäden
      • Intranasale Anwendung: Nasenschleimhautentzündung, Nekrotisierung im Nasopharyngealbereich, Anosmie
      • Intravenöse Anwendung: Allgemeine Risiken intravenösen Drogenkonsums wie bakterielle Endokarditis, lokale Abszesse, intravenös übertragbare Erkrankungen wie Hepatitis B und C, HIV uvm.
  • Neurologisch/Psychiatrisch

Besonderheiten der Kokainwirkung [3]

  • Phasen des Kokainrauschs
    1. Frühes Rauschstadium
      • Klinik: Positiv empfundene Rauschwirkungen, insb. hohes Selbstbewusstsein und starke Euphorie
      • Dauer: Sekunden bis wenige Minuten
    2. Umkehr der psychischen Symptomatik
      • Klinik: Noch leicht gehobene Stimmung, gemischt mit ängstlich-paranoiden Gefühlen
      • Dauer: 1–2 Stunden
    3. Abklingender Rausch
      • Klinik: Ausgeprägter Angstzustand, Dysphorie, Müdigkeit, Antriebslosigkeit, bei chronischen Konsumenten häufig verbunden mit Suizidgedanken und ausgeprägtem paranoidem Wahn
      • Dauer: z.T. mehrere Stunden anhaltend
  • Sensibilisierung: Zunahme der stimulierenden Wirkung bei regelmäßigem Konsum

Kokainabhängigkeit

Diagnosekriterien

Entzugssymptome

  • Dauer
    • Gipfel in den ersten 4 Tagen der Abstinenz
    • Ausgeprägtes Craving noch nach Monaten
  • Körperlich: Eher unspezifisch und schwach ausgeprägt
  • Psychisch

Therapie der Kokainintoxikation

Auch die Hypertonie und Tachykardie normalisieren sich i.d.R. bei ausreichender Sedierung mit Benzodiazepinen.

Therapie der Kokainabhängigkeit

  • Blut: Nachweis des Metaboliten Benzoylecgonin bis 3 Tage nach Konsum
  • Urin: Nachweis über Metaboliten Benzoylecgonin
    • Gelegenheitskonsum: Bis ca. 3 Tage nach Konsum
    • Chronischer Konsum: Bis ca. 3 Wochen nach Konsum
  • Haar: Bis zu mehrere Monate nach Konsum

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Kaffee und Koffein

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F14.-: Psychische und Verhaltensstörungen durch Kokain

F15.-: Psychische und Verhaltensstörungen durch andere Stimulanzien, einschließlich Koffein

T40.-: Vergiftung durch Betäubungsmittel und Psychodysleptika [Halluzinogene]

T43.-: Vergiftung durch psychotrope Substanzen, anderenorts nicht klassifiziert

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2021, DIMDI.

  1. DEUTSCHLAND Bericht 2017 des nationalen REITOX-Knotenpunkts an die EBDD .
  2. Glaeske, Holzbach: Medikamentenabhängigkeit Suchtmedizinische Reihe In: Suchtmedizinische Reihe. Nummer: Band 5, 2013, .
  3. Pabst et al.: Substanzkonsum und substanzbezogene Störungen in Deutschland im Jahr 2012 In: SUCHT. Band: 59, Nummer: 6, 2013, doi: 10.1024/0939-5911.a000275 . | Open in Read by QxMD p. 321-331.
  4. Batra, Bilke-Hentsch: Praxisbuch Sucht. Thieme 2016, ISBN: 978-3-131-49202-9 .
  5. Braunwarth et al.: S3-Leitlinie Methamphetamin-bezogene Störungen 2017, doi: 10.1007/978-3-662-53541-7 . | Open in Read by QxMD .
  6. Parrott: Human psychobiology of MDMA or ‘Ecstasy’: an overview of 25 years of empirical research In: Human Psychopharmacology: Clinical and Experimental. Band: 28, Nummer: 4, 2013, doi: 10.1002/hup.2318 . | Open in Read by QxMD p. 289-307.
  7. Halpern et al.: Residual neurocognitive features of long-term ecstasy users with minimal exposure to other drugs In: Addiction. Band: 106, Nummer: 4, 2011, doi: 10.1111/j.1360-0443.2010.03252.x . | Open in Read by QxMD p. 777-786.
  8. Scahill, Anderson: Is Ecstasy an Empathogen? In: Biological Psychiatry. Band: 68, Nummer: 12, 2011, doi: 10.1016/j.biopsych.2010.10.020 . | Open in Read by QxMD p. 1082-1083.
  9. Mousavi et al.: The efficacy of N-acetylcysteine in the treatment of methamphetamine dependence: a double-blind controlled, crossover study. In: Archives of Iranian medicine. Band: 18, Nummer: 1, 2015, p. 28-33.