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Planetary Health in der hausärztlichen Praxis: Hitze

Letzte Aktualisierung: 15.8.2022

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Extreme Hitzebelastungen, insb. in Form von Hitzewellen, werden in Folge des Klimawandels häufiger und intensiver. Für den menschlichen Körper bedeuten sie eine erhebliche Herausforderung und erhöhen sowohl Morbidität als auch Mortalität. Gerade für Hausärzt:innen, die ihre Patient:innen oft nur in größeren Zeitabständen sehen, ist es daher wichtig, die Gesundheitsrisiken hoher Temperaturen im Blick zu behalten und auf Basis individueller Risikoprofile zu geeigneten Schutzmaßnahmen zu (be‑)raten. Darüber hinaus können Dosisanpassungen von Medikamenten oder weitere therapeutische Maßnahmen notwendig sein. Das Risiko für hitzeassoziierte Gesundheitsstörungen kann auch bspw. durch Änderungen in der Praxisorganisation gesenkt werden.

In diesem Kapitel sind die wichtigsten Informationen für den hausärztlichen Alltag in Kürze zusammengefassst. Eine ausführlichere Darstellung der zugrundeliegenden Wechselwirkungen zwischen planetarer und individueller Gesundheit findet sich im Kapitel Planetary Health – Grundlagen.

  • Hohe Temperaturen früh im Jahr
  • Hohe Temperaturen mit hoher Luftfeuchtigkeit, v.a. bei gleichzeitiger hoher Sonneneinstrahlung und wenig Wind (siehe auch: Energie- und Wärmehaushalt)
  • Fehlende Abkühlung in der Nacht (Temperatur sinkt nicht unter 20°C)
  • Schnelle Temperaturwechsel
  • Zusätzlich bestehende Luftverschmutzung, insb. Belastung durch Ozon

Vorerkrankungen und biografische Risikofaktoren mit erhöhter Anfälligkeit gegenüber Hitze

Allgemein sollte während Hitzeperioden auf Zeichen einer Dehydratation geachtet werden .

Medikation und Suchtmittel

Eine Vielzahl von Medikamenten sowie von legalen oder illegalen Drogen kann eine Hitzebelastung verschlimmern. Details zu zahlreichen wichtigen Stoffen sind im Abschnitt Medikamentöse Therapie unter Hitzebelastung dargestellt.

Sozialanamnese

  • Wohnort
  • Wohnsituation
  • Obdachlosigkeit
  • Pflegebedürftigkeit

Morbidität und Mortalität haben sich in der Vergangenheit an Tagen mit starker oder extremer Hitzebelastung durchschnittlich um ca. 10–15% erhöht . Die konkrete Inzidenz hitzebedingter Gesundheitsstörungen ist jedoch nur sehr schwer abschätzbar, da die Hitzebelastung für den Organismus von zahlreichen Faktoren (bspw. Tätigkeit, Alter, Dauer der Exposition) beeinflusst wird, die oftmals variabel oder nicht (vollständig) bekannt sind. Zudem muss von einer erheblichen Dunkelziffer ausgegangen werden. Grundsätzlich treten hitzeassoziierte Symptome (bspw. Kopfschmerzen) wesentlich häufiger auf als gravierendere Gesundheitsstörungen (bspw. Hitzschlag). Die Mortalität steigt (in Studien) zumeist stärker als die Morbidität . [2][6]

Hitzeassoziierte Symptome [7]

  • Abgeschlagenheit, Müdigkeit, verminderte Leistungsfähigkeit (74%)
  • Schlafstörungen (68%)
  • Kreislaufbeschwerden, insb. Hypotonie (68%)
  • Kopfschmerzen (54%)
  • Schwindel (36%)
  • Appetitlosigkeit (19%)
  • Bewusstseinsstörungen, Verwirrtheit (5%)
  • Sonstige Symptome (10%)

Hitzebedingte Gesundheitsstörungen

Für detailliertere Informationen, insb. auch zum therapeutischen Vorgehen, siehe: Hitzschlag und Sonnenstich - AMBOSS-SOP.

Hitzebedingte Exazerbationen vorbestehender Gesundheitsstörungen

Bereits durch relativ simple Alltagsmaßnahmen lässt sich das Risiko hitzeassoziierter Notfälle wie Hitzschlag und Sonnenstich verringern. Information und Beratung über entsprechende Maßnahmen sind daher ein sehr effizientes und effektives Mittel. Darüber hinaus beeinflussen zahlreiche Medikamente die Regulation des Wärmehaushalts oder weisen bei Hitze eine veränderte Pharmakokinetik auf, die vermehrt zu unerwünschten Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten führen kann. Bestehende oder geplante Medikationen sollten daher auch vor diesem Hintergrund kritisch geprüft werden. Auch ist zu bedenken, dass Hitze die Haltbarkeit vieler Medikamente beeinträchtigt.

Aufklärung über das richtige Verhalten bei Hitze ist wichtig und kann Leben retten. Die Einbeziehung von Angehörigen und die Aufforderung der Patient:innen, auch auf ihre Mitmenschen zu achten, sollte ebenfalls Inhalt der ärztlichen Beratung sein. Hilfreiche Informationsquellen auch zur Weitergabe finden sich im Abschnitt „Patienteninformationen“ sowie unter „Tipps & Links“.

  • Vermeidung stärkerer körperlicher Aktivität (etwa in der Zeit von 11 bis 18 Uhr)
  • Lüften der Wohnräume morgens und abends/nachts (tagsüber Fenster geschlossen halten)
  • Beschattung der Wohnräume (wärmereflektierende Jalousien und Vorhänge, Markisen)
  • Kühlende Fußbäder
  • Kühlende Lotionen
  • Nicht in engen, ungekühlten bzw. unbelüfteten Räumlichkeiten aufhalten (bspw. in der Sonne geparktes Auto)
  • Helle, luftige Kleidung tragen
  • Trinkmenge erhöhen
  • Bevorzugt leichtes und kühles Essen einnehmen, v.a. Obst und Gemüse

Allgemein

Hitze wirkt sich verschiedentlich auf die Wirkung und korrekte Anwendung von Medikamenten aus:

  • Gesteigerte Bioverfügbarkeit bzw. Wirkung
    • Bei transdermalen therapeutischen Systemen (aufgrund erhöhter Hautperfusion)
    • Bei verminderter Leber- und Nierenperfusion
  • Ggf. erhöhte Nephrotoxizität (bei verminderter Nierenperfusion)
  • Beeinträchtigung der Aufmerksamkeit für Warnsymptome (bspw. bei Einnahme sedierend wirkender Medikamente), insb. des Durstgefühls (bspw. bei Einnahme trizyklischer Antidepressiva)
  • Störungen der zentralen Temperaturregulation und der Wärmeabgabe (durch vermindertes Schwitzen oder verminderte Hautdurchblutung, bspw. bei Einnahme von Anticholinergika)
  • Störungen des Wasser- und Elektrolythaushalts (bspw. bei Einnahme von Antidiuretika)

Die UAW risikobehafteter Medikamente müssen eng überwacht und ggf. Dosisanpassungen vorgenommen werden. Je nach Situation und Möglichkeit sollten insb. auch Umstellungen auf andere Substanzen erwogen werden (bspw. anticholinerg wirkende Medikamente möglichst absetzen)!

Spezifisch

Insb. Medikamente mit anticholinerger Wirkung (speziell Antagonismus an muscarinergen Cholinozeptoren des Typs M1) können bei Hitzebelastung ein Risiko darstellen. Antipsychotika und trizyklische Antidepressiva gehören zu den dabei relevantesten Vertretern.

Veränderte Wirkungen spezifischer Substanzen/Substanzgruppen bei Hitze

Besonders relevante Medikamente bei Hitzebelastung
Substanzgruppe Hitzerelevante Wirkungen/Nebenwirkungen Mögliche Maßnahmen zur Risikoreduktion
Anticholinergika, Parasympatholytika
  • Hemmung der Schweißproduktion
  • Möglichst absetzen bzw. auf andere Substanzgruppe umstellen
Trizyklische Antidepressiva
  • Hemmung der Schweißproduktion
Antipsychotika
Antiparkinsonika
  • Hemmung der Schweißproduktion
H1-Antihistaminika (1. Gen.)
  • Hemmung der Schweißproduktion
Sympathomimetika, Betablocker
  • Senkung der peripheren Durchblutung, dadurch verminderte Wärmeabgabe
Zentrale α2-Agonisten
  • Erhöhung der Schweißsekretionsschwelle
  • Möglichst absetzen (immer ausschleichen! )
Opioid-Pflaster
  • Hemmung der Schweißproduktion
  • Erhöhung des Temperatursollwerts
  • Strikte Kontrolle von UAW
  • Ggf. Dosisanpassung
Carbamazepin, Topiramat, Zonisamid
  • Möglichst absetzen oder auf andere Substanzgruppe umstellen
ACE-Hemmer, AT1-Rezeptorblocker
  • Durst-unterdrückend (in hoher Dosierung)
  • Potenzielle Einschränkung der Nierenfunktion
  • Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt engmaschig kontrollieren

Auswirkungen auf physiologische Schutzmechanismen

Schwächung physioloischer Hitzeschutzmechanismen
Schutzmechanismus Besonders relevante Substanzen Synergismen
Durstgefühl
  • Verminderung der peripheren Durchblutung
Schwitzen bzw. zentrale Temperaturregulation
Umverteilung von Blutvolumen in die Peripherie
  • Erhöhung bzw. schnellerer Anstieg der Bioverfügbarkeit bei transdermalen therapeutischen Systemen (z.B. Fentanyl-Pflaster, Nicotin-Pflaster)
Vigilanz
  • Erhöhung des Temperatursollwerts
  • Reduktion der Schweißproduktion
  • Hemmung der Schweißproduktion
Weitere Einfllussfaktoren
Hypovolämie-Risiko
Störungen des Elektrolythaushalts
Hypoglykämie-Risiko
Zudem ist zu beachten, dass sich hohe Temperaturen auf die Bioverfügbarkeit eines Stoffes auswirken können (bspw. bei physiologischer Verminderung der Nierenperfusion zugunsten einer erhöhten kutanen Perfusion ). Umgekehrt kann die (veränderte) Bioverfügbarkeit eines Stoffes auch Einfluss auf die physiologischen Schutzmechanismen haben (bspw. erhöhte Bioverfügbarkeit eines anticholinerg wirkenden Stoffes, dadurch vermindertes Schwitzen).


Die meisten (Notfall‑)Medikamente, z.B. Antibiotika, Sympathomimetika, Insulin, Analgetika und Sedativa zeigen eine reduzierte Wirksamkeit, wenn die Lagerungstemperatur 25°C überschreitet!

  • Abonnieren des Newsletters des Deutschen Wetterdienstes (DWD) über Hitzewarnungen [15] → Begünstigt die Sensibilisierung des Praxisteams, insb. die zeitnahe Weitergabe relevanter Informationen an Risikopatient:innen
  • Einführung einer frühjährlichen Teambesprechung zur Planung des Vorgehens bei Hitzewellen [16]
    • Festlegung einer verantwortlichen Person für die Planung
    • Festlegung eines Triageverfahrens bei Hitzewellen
    • Identifikation von Risikopatient:innen
    • Schulung der Praxismitarbeitenden
    • Sensibilisierung des Personals für den Eigenschutz
    • Evaluierung der getroffenen Maßnahmen
  • Anpassung der Praxisabläufe, um eine Hitzebelastung der Patient:innen frühzeitig zu erkennen und nach Möglichkeit zu vermeiden
    • Angebot spezieller früher und später Sprechzeiten, Schaffung eines kühlen Raumklimas, Bereitstellung von Getränken
    • Soweit möglich Vermeidung körperlicher Anstrengung im Rahmen von Diagnostik und Therapie
  • Planung von Hausbesuchen zur Präventions- und Verhaltensberatung während Hitzewellen
  • In Hitzewellen Sicherstellung täglicher Besuche oder Anrufe [17]
  • Beachtung der Lagerungsbedingungen von Medikamenten [18][19]
    • Temperatur an den Lagerorten regelmäßig bzw. kontinuierlich überprüfen
    • Ggf. vor UV-Licht schützen
    • Bei Sprays Temperaturen über ca. 50°C vermeiden (Explosionsgefahr)
    • Hitze-empfindliche Medikamente nach starkem Hitzestress bzw. generell mind. einmal im Jahr ersetzen

Bei Fragen oder Unklarheiten zu Lagerungsbedingungen von Medikamenten sollte immer Rücksprache mit der beliefernden Apotheke gehalten werden!

Klimawandel und Gesundheit (2) – Hitze (August 2021)

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  1. Suttorp et al.: Harrisons Innere Medizin. 20. Auflage Thieme 2020, ISBN: 978-3-132-43524-7 .
  2. Ebi et al.: Hot weather and heat extremes: health risks In: The Lancet. Band: 398, Nummer: 10301, 2021, doi: 10.1016/s0140-6736(21)01208-3 . | Open in Read by QxMD p. 698-708.
  3. Gauer, Meyers: Heat-Related Illnesses. In: American family physician. Band: 99, Nummer: 8, 2019, p. 482-489.
  4. Samuels et al.: Physiological mechanisms of the impact of heat during pregnancy and the clinical implications: review of the evidence from an expert group meeting In: International Journal of Biometeorology. Band: 66, Nummer: 8, 2022, doi: 10.1007/s00484-022-02301-6 . | Open in Read by QxMD p. 1505-1513.
  5. Hitzebedingte Gesundheitsstörungen in der hausärztlichen Praxis - DEGAM S1- Handlungsempfehlung. Stand: 1. Juni 2020. Abgerufen am: 22. Juli 2022.
  6. Markante Hitzewellen seit 1950. Stand: 19. Juni 2017. Abgerufen am: 22. Juli 2022.
  7. DAK-Hitzereport 2022 - Gesundheitsverhalten bei extremer Hitze: Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung .
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