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Persönlichkeitsstörungen

Letzte Aktualisierung: 24.6.2021

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Persönlichkeitsstörungen sind Zustandsbilder und tiefverwurzelte Verhaltensmuster, die deutlich von den in einer Gesellschaft zu erwartenden und akzeptierten Normen abweichen. In diesem Sinne müssen regionale und kulturelle Besonderheiten (z.B. abweichende Affektivität in verschiedenen Kulturen) stets mitberücksichtigt werden. Diese Verhaltensmuster beginnen i.d.R. in der Adoleszenz und sind dadurch gekennzeichnet, dass sie kaum zu beeinflussen und deswegen auch schwer zu therapieren sind. Persönlichkeitsstörungen sind nicht generell behandlungsbedürftig – Therapien werden dann notwendig, wenn der Leidensdruck für die Person (und/oder die Umwelt) oder die Beeinträchtigungen im sozialen und beruflichen Leben zu stark werden.

Bekannte Beispiele sind die „querulatorische Persönlichkeitsstörung“, bei der die Betroffenen stetig gegen vermeintliches Unrecht ankämpfen und dadurch z.B. ihre ganze Nachbarschaft wegen diverser Dinge verklagen, oder die histrionische Persönlichkeitsstörung, bei der ein massiv gesteigerter Affekt und ein theatralisches Verhalten im Vordergrund stehen. Auch hier gilt, dass eine Therapie i.d.R. nur dann notwendig ist, wenn der Leidensdruck zu stark wird. Bei der bekanntesten Störung, der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline Typus, ist dies anders, da die Betroffenen in ihrem Leben so stark beeinträchtigt sind, dass eine stationäre Therapie fast immer notwendig wird (siehe auch: Emotional instabile Persönlichkeit).

  • Abweichendes Verhalten
  • Stabile, tiefverwurzelte, unflexible Verhaltensmuster
  • Beginn im späten Kindesalter oder Adoleszenz
  • Subjektiver Leidensdruck und Beeinträchtigungen im sozialen und beruflichen Leben
  • Ausschluss einer organischen Ursache
  • Die Abweichung kann nicht durch andere psychische Erkrankungsmuster erklärt werden

Es ist vom ICD-10 keine feste Altersgrenze vorgesehen, ab der die Persönlichkeitsstörung generell diagnostiziert werden kann. Eine Diagnosestellung im späten Kindesalter oder in der Adoleszenz wird als unangemessen betrachtet bzw. darf nur in besonderen Fällen ausgesprochen werden. Der Grund dafür ist, dass in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen noch massive Veränderungen der Persönlichkeit stattfinden, sodass die oft „stigmatisierende“ Diagnose nicht sicher gestellt werden kann. Bei Kindern und Jugendlichen kann höchstens von einer Persönlichkeitsentwicklungsstörung gesprochen werden – dabei handelt es sich jedoch nicht(!) um eine Diagnose nach ICD-10.

Dennoch sollte für die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung im Erwachsenenalter anamnestisch ein Beginn in der späten Kindheit oder Adoleszenz nachgewiesen werden.

Überblick

  • Paranoide Persönlichkeitsstörung (F60.0) : Stetiges Misstrauen: Selbst unbedeutende Ereignisse werden so wahrgenommen, als wären sie gegen einen selbst gerichtet. Typisch ist auch die häufige Beschäftigung mit „Verschwörungen“ als Erklärungen für Ereignisse in der näheren Umgebung und der Welt im Allgemeinen.
    • Querulatorische Persönlichkeit: Die Betroffenen kämpfen stetig gegen vermeintliches Unrecht (z.B. Umschubsen eines Fahrradfahrers, der die Verkehrsregeln missachtet hat)
  • Schizoide Persönlichkeitsstörung (F60.1): Einzelgänger, der durch emotionale Kühle, Anhedonie und wenig Interesse an sozialen Kontakten auffällt; er neigt zu Isolation und Vereinsamung
  • Dissoziale Persönlichkeitsstörung (Soziopathische Persönlichkeitsstörung, F60.2): Person handelt häufig dissozial, mit Mangel an Empathie und ohne Schuld- und Verantwortungsbewusstsein. Charakteristisch ist auch eine geringe Frustrationstoleranz, die sich u.a. durch eine starke Impulsivität zeigt. Diese Störung findet sich häufig bei Straftätern.
  • Emotional instabile Persönlichkeitsstörung (F 60.3): Impulsiver und Borderline-Typus
  • Histrionische Persönlichkeitsstörung (F60.4) : Person mit übertriebenen theatralischen Affekten und Verhaltensweisen, die für Dritte oberflächlich und übertrieben wirken. Leichtes Missempfinden wird maßlos übersteigert dargestellt. Die Person sieht in allem immer Besonderes und Spannendes und möchte grundsätzlich im Mittelpunkt stehen.
  • Zwanghafte Persönlichkeitsstörung (Anankastische Persönlichkeitsstörung , F60.5): Die Person ist übertrieben gewissenhaft. Der Perfektionismus wird durch ständige Kontrollen und Vorsicht erhalten. Während ein Patient mit Zwangsstörungen durch seine Zwänge sein Leben nicht organisieren kann, können zwanghafte Persönlichkeiten durch Tugenden wie Pünktlichkeit und Perfektionismus sehr erfolgreich sein.
  • Ängstliche Persönlichkeitsstörung (Vermeidende Persönlichkeitsstörung, F60.6): Die Person ist durch stetige Unsicherheit und Besorgtheit gekennzeichnet. Sie neigt zur übertriebenen Sorge vor potentiellen Gefahren alltäglicher Situationen, was zu Vermeidungsverhalten führt.
  • Abhängige Persönlichkeitsstörung (Asthenische Persönlichkeitsstörung , F60.7): Die Person verlässt sich stetig auf andere Menschen. Lebensentscheidungen werden passiv durch Entscheidungen anderer Menschen getroffen, die eigenen Wünsche werden dabei untergeordnet. Es besteht die Neigung, sich vermeintlich Erfahreneren unterzuordnen. Abhängige Persönlichkeiten haben Angst verlassen zu werden, haben aber auch Angst einen Partner zu verlassen.
  • Sonstige spezifische Persönlichkeitsstörungen (F60.8):
    • Z.B.: Narzisstische Persönlichkeitsstörung: Die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist durch Selbstüberschätzung, eine extreme Empfindlichkeit gegenüber Kritik und ggf. einer Unfähigkeit der Empathie charakterisiert
  • Schizotype Persönlichkeitsstörung (F21): Die Schizotype Persönlichkeitsstörung wurde früher eher den wahnhaften Störungen zugerechnet und wird nun immer mehr als Persönlichkeitsstörung betrachtet. Sie ist durch paranoid bizarre Ideen und Anomalien des Denkens gekennzeichnet.

Clustereinteilung nach DSM-5

Nach dem amerikanischen Klassifikationssystem DSM-5 können Persönlichkeitsstörungen in drei Cluster eingeteilt werden. In den Clustern werden Persönlichkeitsstörungen anhand gemeinsamer Ausprägungen gruppiert (z.B. würde man als Außenstehender sowohl eine Person mit paranoider als auch mit schizoider Persönlichkeitsstörung als eine „sonderbare“ Person bezeichnen). In Deutschland wird diese Einteilung zur Diagnosestellung nicht genutzt, sie gibt aber einen guten Überblick über die verschiedenen Formen.

Aufgrund der tiefen „Verwurzelung“ in der Psyche ist eine Therapie von Persönlichkeitsstörungen generell schwierig. Während bei leichten Formen eine Therapiebedürftigkeit kontrovers diskutiert wird, ist bei schweren Ausprägungen eine Therapie aufgrund des Leidensdrucks für den Patienten (und/oder die Umwelt) oder die Beeinträchtigungen im sozialen und beruflichen Leben zumeist unumgänglich. Neben Psychoedukation und verschiedenen psychotherapeutischen Verfahren wird dabei häufig auch eine medikamentöse Therapie in Abhängigkeit von der Art der Symptome (z.B. Antipsychotika bei wahnhafter Ausprägung einer paranoiden Persönlichkeitsstörung) eingesetzt. Ziel ist dabei v.a. die Verbesserung der Lebenssituation der Patienten.

F60.-: Spezifische Persönlichkeitsstörungen

F61: Kombinierte und andere Persönlichkeitsstörungen

  • Diese Kategorie ist vorgesehen für Persönlichkeitsstörungen, die häufig zu Beeinträchtigungen führen, aber nicht die spezifischen Symptombilder der in F60.- beschriebenen Störungen aufweisen. Daher sind sie häufig schwieriger als die Störungen in F60.- zu diagnostizieren.
  • Beispiele:
    • Kombinierte Persönlichkeitsstörungen mit Merkmalen aus verschiedenen der unter F60.- aufgeführten Störungen, jedoch ohne ein vorherrschendes Symptombild, das eine genauere Diagnose ermöglichen würde.
    • Störende Persönlichkeitsänderungen, die nicht in F60.- oder F62.- einzuordnen sind, und Zweitdiagnosen zu bestehenden Affekt- oder Angststörung sind.
  • Exklusive: Akzentuierte Persönlichkeitszüge (Z73)

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2021, DIMDI.

  1. Bandelow et al.: Kurzlehrbuch Psychiatrie. 2. Auflage Steinkopff 2008, ISBN: 978-3-798-51835-3 .
  2. Gleixner et al.: Neurologie und Psychiatrie für Studium und Praxis (2011/12). 8. Auflage Medizinische Verlags- und Informationsdienste 2011, ISBN: 978-3-929-85157-1 .