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Persönlichkeitsstörungen

Abstract

Persönlichkeitsstörungen sind Zustandsbilder und tiefverwurzelte Verhaltensmuster, die deutlich von den in einer Gesellschaft zu erwartenden und akzeptierten Normen abweichen. In diesem Sinne müssen regionale und kulturelle Besonderheiten (z.B. abweichende Affektivität in verschiedenen Kulturen) stets mitberücksichtigt werden. Diese Verhaltensmuster beginnen i.d.R. in der Adoleszenz und sind dadurch gekennzeichnet, dass sie kaum zu beeinflussen und deswegen auch schwer zu therapieren sind. Persönlichkeitsstörungen sind nicht generell behandlungsbedürftig – Therapien werden dann notwendig, wenn der Leidensdruck für die Person (und/oder die Umwelt) oder die Beeinträchtigungen im sozialen und beruflichen Leben zu stark werden.

Bekannte Beispiele sind die „querulatorische Persönlichkeitsstörung“, bei der die Betroffenen stetig gegen vermeintliches Unrecht ankämpfen und dadurch z.B. ihre ganze Nachbarschaft wegen diverser Dinge verklagen, oder die histrionische Persönlichkeitsstörung, bei der ein massiv gesteigerter Affekt und ein theatralisches Verhalten im Vordergrund stehen. Auch hier gilt, dass eine Therapie i.d.R. nur dann notwendig ist, wenn der Leidensdruck zu stark wird. Bei der bekanntesten Störung, der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline Typus, ist dies anders, da die Betroffenen in ihrem Leben so stark beeinträchtigt sind, dass eine stationäre Therapie fast immer notwendig wird (siehe auch: Emotional instabile Persönlichkeit).

Allgemeine Kriterien von Persönlichkeitsstörungen

  • Abweichendes Verhalten
    • Eine Ich-Syntonie ist typisch
  • Stabile, tiefverwurzelte, unflexible Verhaltensmuster
  • Beginn im späten Kindesalter oder Adoleszenz
  • Subjektiver Leidensdruck und Beeinträchtigungen im sozialen und beruflichen Leben
  • Ausschluss einer organischen Ursache
  • Die Abweichung kann nicht durch andere psychische Erkrankungsmuster erklärt werden

Es ist vom ICD-10 keine feste Altersgrenze vorgesehen, ab der die Persönlichkeitsstörung generell diagnostiziert werden kann. Eine Diagnosestellung im späten Kindesalter oder in der Adoleszenz wird als unangemessen betrachtet bzw. darf nur in besonderen Fällen ausgesprochen werden. Der Grund dafür ist, dass in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen noch massive Veränderungen der Persönlichkeit stattfinden, sodass die oft „stigmatisierende“ Diagnose nicht sicher gestellt werden kann. Bei Kindern und Jugendlichen kann höchstens von einer Persönlichkeitsentwicklungsstörung gesprochen werden, hierbei handelt es sich jedoch nicht(!) um eine Diagnose nach ICD-10.

Dennoch sollte für die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung im Erwachsenenalter anamnestisch ein Beginn in der späten Kindheit oder Adoleszenz nachgewiesen werden.

Spezifische Persönlichkeitsstörungen nach ICD-Klassifikation

Die Diagnosekriterien für die einzelnen Persönlichkeitsstörungen sind sehr komplex und können in den Leitlinien (siehe: Tipps & Links zum Thema) nachgelesen werden. Im Folgenden wird ein Überblick über die einzelnen Störungen gegeben.

Clustereinteilung nach DSM-5

Nach dem amerikanischen Klassifikationssystem DSM-5 können Persönlichkeitsstörungen in drei Cluster eingeteilt werden. In den Clustern werden Persönlichkeitsstörungen anhand gemeinsamer Ausprägungen gruppiert (z.B. würde man als Außenstehender sowohl eine Person mit paranoider als auch mit schizoider Persönlichkeitsstörung als eine „sonderbare“ Person bezeichnen). In Deutschland wird diese Einteilung zur Diagnosestellung nicht genutzt, sie gibt aber einen guten Überblick über die verschiedenen Formen.

Cluster Charakteristika Persönlichkeitsstörungen
Cluster A
  • sonderbar
  • exzentrisch
Paranoide Persönlichkeitsstörung
Schizoide Persönlichkeitsstörung
Schizotype Persönlichkeitsstörung
Cluster B
  • dramatisch
  • emotional
  • impulsiv
Emotional instabile Persönlichkeitsstörung
Histrionische Persönlichkeitsstörung
Dissoziale Persönlichkeitsstörung
Narzisstische Persönlichkeitsstörung
Cluster C
  • ängstlich
  • vermeidend
  • unsicher
Ängstliche Persönlichkeitsstörung
Abhängige Persönlichkeitsstörung
Zwanghafte Persönlichkeitsstörung

Therapie

Aufgrund der tiefen „Verwurzelung“ in der Psyche ist eine Therapie von Persönlichkeitsstörungen generell schwierig. Während bei leichten Formen eine Therapiebedürftigkeit kontrovers diskutiert wird, ist bei schweren Ausprägungen eine Therapie aufgrund des Leidensdrucks für den Patienten (und/oder die Umwelt) oder die Beeinträchtigungen im sozialen und beruflichen Leben zumeist unumgänglich. Neben Psychoedukation und verschiedenen psychotherapeutischen Verfahren wird dabei häufig auch eine medikamentöse Therapie in Abhängigkeit von der Art der Symptome (z.B. Antipsychotika bei wahnhafter Ausprägung einer paranoiden Persönlichkeitsstörung) eingesetzt. Ziel ist dabei vor allem die Verbesserung der Lebenssituation der Patienten.

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2018

F60.-: Spezifische Persönlichkeitsstörungen

F61: Kombinierte und andere Persönlichkeitsstörungen

  • Diese Kategorie ist vorgesehen für Persönlichkeitsstörungen, die häufig zu Beeinträchtigungen führen, aber nicht die spezifischen Symptombilder der in F60.- beschriebenen Störungen aufweisen. Daher sind sie häufig schwieriger als die Störungen in F60.- zu diagnostizieren.
  • Beispiele:
    • Kombinierte Persönlichkeitsstörungen mit Merkmalen aus verschiedenen der unter F60.- aufgeführten Störungen, jedoch ohne ein vorherrschendes Symptombild, das eine genauere Diagnose ermöglichen würde.
    • Störende Persönlichkeitsänderungen, die nicht in F60.- oder F62.- einzuordnen sind, und Zweitdiagnosen zu bestehenden Affekt- oder Angststörung sind.
  • Exklusive: Akzentuierte Persönlichkeitszüge (Z73)

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2018, DIMDI.