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Parasomnien

Letzte Aktualisierung: 27.10.2021

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Parasomnien sind unerwünschte Ereignisse, die beim Einschlafen, während des Schlafens oder beim Aufwachen entstehen. Neben Insomnien gehören sie zu den häufigsten Schlafstörungen. Sie können sowohl im REM-Schlaf als auch im NREM-Schlaf auftreten.

Die häufigsten NREM-Parasomnien sind Somnambulismus (Schlafwandeln) und Pavor nocturnus (Nachtschreck). Die Ereignisse treten typischerweise während des ersten Drittels des Nachtschlafes auf und sind i.d.R. selbstlimitierend und nicht behandlungsbedürftig. Allerdings ist auf gute Schlafhygiene und beim Schlafwandeln zusätzlich auf eine sichere Schlafumgebung zu achten.

Von den REM-Schlaf-Parasomnien haben Albträume die höchste Prävalenz. Diese Träume mit bedrohlichen Inhalten treten bevorzugt in der zweiten Schlafhälfte auf, da der REM-Schlaf dann am ausgeprägtesten ist. Nach dem Aufwachen sind die Betroffenen schnell wieder orientiert und können sich i.d.R. an den Trauminhalt erinnern. Wiederholt auftretende Albträume und die damit einhergehenden Schlafstörungen können Stimmungsschwankungen auslösen. Hinzu kommen die Angst ins Bett zu gehen, kognitive und Verhaltensprobleme sowie Tagesschläfrigkeit und Einschränkungen im sozialen und schulischen bzw. beruflichen Bereich, sodass eine frühzeitige Behandlung wichtig ist.

Übersicht [1][2]
Merkmale Zeitpunkt Schlafphase Prävalenz

Schlafwandeln (Somnambulismus)

  • Umherwandeln während des Schlafs
  • Keine Reaktion beim Aufweckversuch
  • Keine Erinnerung nach dem Aufwachen
  • 1. Nachtdrittel
  • NREM
  • Insb. im (Vor‑)Schulalter, Kinder 4–6 Jahre: 30%
  • Jugendliche: 17%
  • Erwachsene: 4%
Pavor nocturnus
  • Plötzliches Aufschrecken aus dem Schlaf mit Panikschrei
  • Angstzustand mit vegetativen Symptomen
  • Keine Reaktion beim Aufweckversuch
  • Abwehren von Beruhigungsversuchen
  • Keine Erinnerung nach dem Aufwachen
  • 1. Nachtdrittel
  • NREM
  • Insb. im Kleinkindalter, im Alter von 18 Monaten fast 35%
  • Kinder 0–10 Jahre: Insg. ca. 17%
  • Erwachsene: Vereinzelt
Albträume
  • Detaillierte Träume mit bedrohlichen Inhalten
  • Angstzustand mit vegetativen Symptomen
  • Deutliche Erinnerung nach dem Aufwachen
  • 3. Nachtdrittel
  • REM

Pathogenese

  • Unklar

Risikofaktoren für Parasomnien

  • Genetische Faktoren [1]
  • Stresssituationen, bspw. Mobbing [3]
  • Schlafmangel
  • Fieber

Zusätzliche Risikofaktoren für Albträume

  • Sensible Persönlichkeitsstruktur
  • Schwere körperliche und/oder psychische Traumen (PTBS)
  • Medikamente, bspw. Montelukast
  • Assoziation mit psychosozialen Verhaltensproblemen [4]

NREM-Schlaf-Parasomnien [2][5][6]

  • Zeitpunkt: I.d.R. während des ersten Drittels des Nachtschlafes
  • Gemeinsame Klinik
    • Episoden unvollständigen Erwachens aus dem Schlaf
    • Fehlende Reaktionsmöglichkeit beim Aufweckversuch
    • Aufgehobene Wahrnehmung und partielle oder komplette Amnesie
  • Schlafwandeln
    • Plötzliches Aufstehen aus dem Bett
    • Auffälliges Verhalten
      • Agitation, Desorientierung und verworrene Reaktion auf Ansprache, starrer Blick
      • Abstruse Handlungen, wie z.B. das Urinieren in einen Schrank
    • Risiko von Selbstgefährdung
  • Pavor nocturnus
    • Plötzliches Aufschrecken aus dem Schlaf mit Panikschrei und angstbesetztem Verhalten
    • Autonome Erregung, bspw. Tachykardie, Tachypnoe, Erröten, Schwitzen, Muskeltonuserhöhung
    • Abwehren jeglicher Beruhigungsversuche

REM-Schlaf-Parasomnien

  • Zeitpunkt: I.d.R. im letzten Schlafdrittel, da der REM-Schlaf dann am ausgeprägtesten ist
  • Albträume
    • Bedrohliche Träume mit den Inhalten Verfolgung, Angst, Tod, Fallen oder Eingesperrtsein
    • Autonome Erregung, bspw. Tachykardie, Tachypnoe, Erröten, Schwitzen, Muskeltonuserhöhung
    • Beim Aufwachen rasche Reorientierung und i.d.R. vollständige Erinnerung an den Traum
    • Folgen: Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Angst, ins Bett zu gehen, kognitive und Verhaltensprobleme, Tagesschläfrigkeit und Einschränkungen im sozialen und schulischen Bereich

Basisdiagnostik

  • (Fremd‑)Anamnese durch Eltern bzw. Partner, inkl.
    • Beschreibung der Schlafstörung (Klinik) [6]
    • Zeitlicher Einordnung der Symptomatik im Schlafverlauf
    • Eigen- und Familienanamnese bezgl. schlafassoziierter Auffälligkeiten
  • Wenn möglich häusliche Videodokumentation
  • Körperliche Untersuchung

Erweiterte Diagnostik

Bei unklarer Symptomatik bzw. zum Ausschluss anderer Ursachen

Der Pavor nocturnus wird (insb. durch die Eltern) häufig als Albtraum fehlgedeutet! Eine gezielte Anamnese ist daher entscheidend.

I.d.R. ist die Diagnose klinisch so eindeutig, dass auf eine apparative Diagnostik verzichtet werden kann!

Bei einer atypischen Symptomatik, Frequenzzunahme des Auftretens oder zusätzlichen Symptomen sollte eine erweiterte Abklärung erfolgen!

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differentialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Allgemeine Maßnahmen [2][5]

Zusätzlich bei NREM-Schlaf-Parasomnien (Schlafwandeln und Pavor nocturnus) [2][6]

  • Umsetzen der Empfehlungen zur Schlafhygiene und zur Schlafumgebung
  • Bei Kindern zusätzlich
    • Ausführliche Beratung der Eltern über die Einordnung der Symptomatik als Entwicklungsphänomen mit spontanem Sistieren bis zur Pubertät
    • Ggf. antizipatorisches Wecken
  • Kein Wecken während der Symptomatik!
  • Beim Schlafwandeln zusätzlich: Sicherung der Schlafumgebung zuhause und in ungewohnter Umgebung, um Verletzungen zu vermeiden
  • Bei ausgeprägter, persistierender Symptomatik

Zusätzlich bei REM-Schlaf-Parasomnien (Albträumen)

Emotional belastende Reizeinwirkung v.a. im Rahmen des Medienkonsums begünstigt Parasomnien und ist insb. abends dringend zu vermeiden!

Von allen Parasomnien haben Albträume die höchste Relevanz und sollten insb. wegen der damit einhergehenden psychosozialen Belastungen frühestmöglich behandelt werden!

Es ist wichtig, sich mit der Angstthematik auseinanderzusetzen und Ängste zu überwinden, um eine Aufrechterhaltung der Albträume zu verhindern!

  • I.d.R. spontanes Sistieren bis zum Jugendalter
  • Lebenslanges Auftreten möglich

F51.-: Nichtorganische Schlafstörungen

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2021, DIMDI.

  1. Wiater, Lehmkuhl: Handbuch Kinderschlaf. Schattauer Verlag 2011, ISBN: 978-3-794-52764-9 .
  2. Mayer et al.: S3-Leitlinie Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen 2009, doi: 10.1007/s11818-009-0430-8 . | Open in Read by QxMD .
  3. Sauseng et al.: Nachtschreck, Schlafwandeln und Albträume In: Monatsschrift Kinderheilkunde. Band: 164, Nummer: 12, 2016, doi: 10.1007/s00112-016-0170-3 . | Open in Read by QxMD p. 1096-1102.
  4. Krakow, Zadra: Clinical management of chronic nightmares: imagery rehearsal therapy. In: Behavioral sleep medicine. Band: 4, Nummer: 1, 2006, doi: 10.1207/s15402010bsm0401_4 . | Open in Read by QxMD p. 45-70.
  5. Ebner, Deuschl: EEG. Georg Thieme Verlag 2010, ISBN: 978-3-131-55632-5 .
  6. Bruni et al.: NREM sleep instability in children with sleep terrors: The role of slow wave activity interruptions In: Clinical Neurophysiology. Band: 119, Nummer: 5, 2008, doi: 10.1016/j.clinph.2008.01.015 . | Open in Read by QxMD p. 985-992.
  7. Petit et al.: Childhood Sleepwalking and Sleep Terrors: A Longitudinal Study of Prevalence and Familial Aggregation. In: JAMA pediatrics. Band: 169, Nummer: 7, 2015, doi: 10.1001/jamapediatrics.2015.127 . | Open in Read by QxMD p. 653-8.
  8. Wolke, Lereya: Bullying and Parasomnias: A Longitudinal Cohort Study In: PEDIATRICS. Band: 134, Nummer: 4, 2014, doi: 10.1542/peds.2014-1295 . | Open in Read by QxMD p. e1040-e1048.
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  10. Stuck et al.: Praxis der Schlafmedizin. Springer 2013, ISBN: 978-3-642-34881-5 .
  11. Kamtsiuris et al.: Der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS): Stichprobendesign, Response und Nonresponse-Analyse In: Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz. Band: 50, Nummer: 5-6, 2007, doi: 10.1007/s00103-007-0215-9 . | Open in Read by QxMD p. 547-556.
  12. Einsatz von Melatonin bei Kindern mit Schlafstörungen - Stellungnahme der Arbeitsgruppe Pädiatrie der DGSM .
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  24. Garrison et al.: Media Use and Child Sleep: The Impact of Content, Timing, and Environment In: PEDIATRICS. Band: 128, Nummer: 1, 2011, doi: 10.1542/peds.2010-3304 . | Open in Read by QxMD p. 29-35.
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