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Orthopädische Untersuchung des Knies

Letzte Aktualisierung: 9.6.2021

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Das Kniegelenk ist sowohl das größte als auch eines der biomechanisch komplexesten Gelenke des menschlichen Körpers und ermöglicht nicht nur den aufrechten Gang und Stand, sondern auch körperliche Höchstleistungen. Entsprechend häufig ist es Opfer chronischer degenerativer Veränderungen und akuter Traumata. Daher sind funktionell-anatomische Kenntnisse über das Kniegelenk sowie die Fähigkeit zur klinischen Prüfung seiner Strukturen von großer Bedeutung im klinischen Alltag.

In diesem Kapitel werden neben anatomischen und funktionellen Grundlagen des Knies auch die wichtigsten klinischen Untersuchungen und Tests für dessen einzelne Strukturen detailliert und mit Hilfe von Fotos, Illustrationen sowie Lehrvideos erläutert.

Grundsätzlicher Gelenkaufbau und Bewegungsausmaß

Die Beweglichkeit im Kniegelenk (Articulatio genus) resultiert aus der Kopplung zweier Gelenke:

Weitere (patho)physiologisch bedeutsame Bestandteile des Kniegelenkes

  • Beschreibung der Beschwerden
  • Anamnese des Unfallherganges
  • Sozial- und Berufsanamnese
    • Meniskusbelastende berufliche Tätigkeiten?
    • Art und Umfang sportlicher Aktivitäten?
  • Eigenanamnese
    • Bisherige Therapie der Beschwerden?
    • Vorerkrankungen allgemein und bzgl. des Gelenks?

Inspektion

Gehender Patient

  • Evaluation des Gangbildes
  • Einbeinstand
  • Kniebeuge

Stehender Patient: Beurteilung der Beinachsen

  • Von ventral (Genu valgum/Genu varum?)
    • Norm: Femurkondylen und mediale Malleolen berühren sich im aufrechten Stand mit geschlossenen Beinen [1]
    • Genua valga (X-Beine)
      • Nur die Femurkondylen berühren sich im aufrechten Stand mit geschlossenen Beinen
      • Pathologisch bei intermalleolärem Abstand (Sprunggelenk) >5 cm
      • Kniegelenkszentrum liegt weiter als 4–8 mm medial der Mikulicz-Linie
      • Folge: Vermehrte Belastung und Abnutzung des lateralen Kniegelenks
    • Genua vara (O-Beine)
      • Nur die medialen Malleolen berühren sich im aufrechten Stand mit geschlossenen Beinen
      • Pathologisch bei interkondylärem Abstand (Kniegelenk) >3 cm
      • Kniegelenkszentrum liegt lateral der Mikulicz-Linie
      • Folge: Vermehrte Belastung und Abnutzung des medialen Kniegelenks
  • Von lateral (Genu recurvatum/Genu flexum?)

Liegender Patient

  • Muskelkonturen und -tonus der umliegenden Muskulatur
  • Entzündungszeichen
  • Stellung der Patella
    • Zentrale Lage: Physiologischer Befund
    • Seitabweichung: Hinweis auf Patellaluxation
    • Dislokation nach kranial: Hinweis auf Riss der Patellarsehne
  • Patellaränder

Palpation

Neutral-0-Methode

Prüfung der Seitenstabilität

Untersuchung der medialen und lateralen Aufklappbarkeit des Kniegelenks

  • Durchführung
    • Die Untersuchung erfolgt am liegenden Patienten und sowohl in Streckung als auch in 10-20° Beugung.
    • Der Untersucher umgreift das obere Sprunggelenk sowie den distalen Oberschenkel. Das Kniegelenk wird nun gegen das Widerlager am Oberschenkel nach außen (=Varus-Stress) und innen (=Valgus-Stress) aufgeklappt.
  • Befund und Bedeutung

Prüfung der Patellaverschieblichkeit

  • Durchführung (Patient liegt, Knie gestreckt)
    1. Medialisierung/Lateralisierung
      • Ober- und Unterschenkel werden mit beiden Händen umgriffen, die Patella wird mit beiden Daumen nach medial bzw. mit beiden Zeigefingern nach lateral mobilisiert.
    2. Kaudalisierung/Kranialisierung
      • Der Unterarm wird unter das Kniegelenk des Patienten gelegt, wodurch es leicht gebeugt wird
      • Die Patella wird mit dem Handballen nach kaudal geschoben und mit den Fingern nach kranial gezogen
  • Befund und Bedeutung

Prüfung auf Facettendruckschmerz

Tanzende Patella

  • Durchführung (Patient liegt, Knie gestreckt)
    1. Der Untersucher streicht mit einer Hand den Recessus suprapatellaris von kranial nach kaudal aus
    2. Anschließend drückt der Untersucher die Patella von ventral gegen das Femur
  • Befund und Bedeutung
    • Pathologisch: Druck auf die Patella führt zu einem spürbaren „Anschlagen“ der Patella an ihr femorales Gleitlager : Hinweis auf intraartikulären Erguss über 10 mL (z.B. bei Meniskusruptur)

Zohlen-Zeichen

Apprehension-Test der Patella

  • Durchführung (Patient liegt)
    1. Das Kniegelenk sollte in ca. 20–30° Flexion sein → Dies verstärkt eine mögliche Subluxationsneigung und führt damit ggf. zu einer verstärkten Apprehension-Reaktion während der weiteren Untersuchung
    2. Ober- und Unterschenkel werden nun mit beiden Händen umgriffen und die Patella wird vorsichtig nach lateral bewegt , wobei fortwährend der Quadriceps sowie das Gesicht des Patienten inspiziert werden.
  • Befund: Abwehrspannung im Quadriceps oder eine mimische Angstreaktion des Patienten (= „apprehension“ engl. für „Befürchtung“) → Positiver Apprehension-Test der Patella
  • Bedeutung: Dient u.a. zum Nachweis einer Luxationsneigung bei stattgehabter Patellaluxation, bei der die Patella jedoch spontan reponiert ist

Nach einer bereits stattgehabten Luxation kann der Apprehension-Test zur erneuten Luxation führen, weshalb er nur mit großer Vorsicht durchgeführt werden sollte!

Pivot-Shift-Test (Vorderes Kreuzband)

Der Pivot-Shift-Test ist ein „absoluter Test“, d.h. sein Ergebnis ist auch ohne Evaluation im Seitenvergleich valide!

Lachman-Test (Vorderes Kreuzband)

Schubladen-Tests (Vorderes und hinteres Kreuzband)

  • Durchführung (Patient liegt)
    1. Der Untersucher stellt das im Kniegelenk 90° gebeugte Bein des Patienten auf
    2. Die Tibia wird mit beiden Händen umgriffen
    3. Der Untersucher zieht Tibia zu sich hin und drückt sie von sich weg
  • Befund
    • Physiologisch: Im Seitenvergleich keine erhöhte Verschieblichkeit der Tibia gegen das Femur
    • Pathologisch: Im Seitenvergleich erhöhte Verschieblichkeit der Tibia nach vorne (= vordere Schublade) oder nach hinten (= hintere Schublade)

Gravity-Sign (Hinteres Kreuzband)

  • Durchführung (Patient liegt)
    1. Das Bein des Patienten wird in Knie und Hüfte jeweils 90° gebeugt
    2. Der Untersucher stabilisiert die Ferse des Patienten mit seiner Hand und begutachtet die Kniekontur
  • Befund und Bedeutung
    • Physiologisch: Keine Veränderung der vorderen Kniekontur
    • Pathologisch: Der Schwerkraft folgendes Absinken der Tibia nach kaudal mit deutlich sichtbarer Dellenbildung an der vorderen Kniekontur (Hinweis auf eine Läsion des hinteren Kreuzbandes)

Weitere Tests: siehe Diagnostik - Bandverletzungen des Knies

Payr-Zeichen (Innenmeniskus)

  • Lagerung: Patient sitzt im Schneidersitz
  • Durchführung: Untersucher drückt mit beiden Händen synchron von oben auf die gebeugten Kniegelenke
  • Ergebnis: Schmerzen in einem Knie → Hinweis auf Innenmeniskusläsion (v.a. Hinterhorn)

Steinmann-I-Zeichen (Innen- und Außenmeniskus)

Steinmann-II-Zeichen (Innen- und Außenmeniskus)

  • Lagerung: Rückenlage mit initial gestreckten Beinen
  • Durchführung
    1. Untersucher palpiert den im Steinmann-I-Zeichen ermittelten Schmerzpunkt
    2. Untersucher umfasst den Knöchel (oder die Ferse) mit der einen und das Kniegelenk mit der anderen Hand
    3. Untersucher beugt nun das Kniegelenk an und streckt es anschließend wieder
  • Ergebnis
    • Schmerzwanderung von vorne nach hinten bei Beugung des Kniegelenks → Hinweis auf Meniskusschädigung
    • Schmerzwanderung von hinten nach vorne bei Streckung des Kniegelenks → Hinweis auf Meniskusschädigung
    • Seitenbetonung des Schmerzes → Hinweis auf betroffenen Meniskus (medial oder lateral)

McMurray-Test (Innen- und Außenmeniskus)

  • Lagerung: Rückenlage mit maximal gebeugtem Knie- und Hüftgelenk
  • Durchführung
    1. Untersucher palpiert den lateralen (bzw. medialen) Gelenkspalt des Knies
    2. Untersucher fixiert den Fuß an der Ferse und rotiert dann den Unterschenkel des Patienten nach innen (bzw. außen)
    3. Anschließend wird das Bein des Patienten gestreckt, bis es eine 90°-Stellung im Kniegelenk hat (das Hüftgelenk bleibt dabei um 90° gebeugt, die Rotation des Unterschenkels und der Druck auf den Gelenkspalt bleiben erhalten)
  • Ergebnis: Blockierungsphänomene, bspw. ein palpierbares Schnappen oder Klicken, sowie mediale oder laterale Knieschmerzen → Hinweis auf Meniskusläsion im eher posterioren Anteil

Bragard-Test (Knie) (Innen- und Außenmeniskus)

Apley-Grinding-Zeichen (Innen- und Außenmeniskus)

Der englische Begriff „Grinding“ (dt. „schleifen“) bezieht sich auf das Schleifen der Femurkondylen auf den Menisken, das bei der Prüfung des Zeichens provoziert wird. Da die Untersuchung am besten unter axialer Kompression im Kniegelenk durchgeführt werden kann, wird sie auch Apley-Kompressions-Test genannt.

Böhler-Zeichen (Innen- und Außenmeniskus)

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3D-Modell

Exkurse

  1. Pjontek et al.: Heidelberger Standarduntersuchung. Medizinische Fakultät Heidelberg 2012, ISBN: 978-3-000-45957-3 .
  2. Aumüller et al.: Duale Reihe Anatomie. 1. Auflage Thieme 2006, ISBN: 978-3-131-36041-0 .
  3. Makhmalbaf et al.: Accuracy of Lachman and Anterior Drawer Tests for Anterior Cruciate Ligament Injuries In: The Archives of Bone and Joint Surgery. Band: 1, Nummer: 2, 2013, doi: 10.22038/abjs.2013.2081 . | Open in Read by QxMD .
  4. Rossi et al.: Clinical examination of the knee: know your tools for diagnosis of knee injuries In: Sports Medicine, Arthroscopy, Rehabilitation, Therapy & Technology. Band: 3, Nummer: 1, 2011, doi: 10.1186/1758-2555-3-25 . | Open in Read by QxMD .
  5. van Eck et al.: Methods to diagnose acute anterior cruciate ligament rupture: a meta-analysis of physical examinations with and without anaesthesia In: Knee Surgery, Sports Traumatology, Arthroscopy. Band: 21, Nummer: 8, 2012, doi: 10.1007/s00167-012-2250-9 . | Open in Read by QxMD p. 1895-1903.
  6. Schünke: Funktionelle Anatomie - Topographie und Funktion des Bewegungssystems. 1. Auflage Thieme 2000, ISBN: 978-3-131-18571-6 .
  7. Schabus, Bosina: Das Knie. Springer 2007, ISBN: 978-3-211-29686-8 .
  8. Wieden, Sittig: Leitfaden Schmerztherapie. Urban & Fischer 2005, ISBN: 978-3-437-23170-4 .
  9. Pförringer, Gorschewsky: Die Patella aus orthopädischer und sportmedizinischer Sicht. Schattauer 2005, ISBN: 978-3-794-52366-5 .
  10. Hepp, Locher: Orthopädisches Diagnostikum. 8. Auflage Thieme 2014, ISBN: 978-3-133-24008-6 .