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Opioide (Intoxikation und Abhängigkeit)

Letzte Aktualisierung: 29.9.2021

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Unter den Opioiden finden sich sowohl als Arzneimittel verwendete Wirkstoffe als auch das illegale Heroin. Beiden Gruppen ist die Wirkung an μ-Rezeptoren gemein. Die akute Opioidintoxikation zeichnet sich durch die Trias Bewusstseinsstörung, beidseitige Miosis und Atemdepression aus und stellt einen medizinischen Notfall dar. Das je nach Wirkstoff unterschiedlich starke Abhängigkeitspotential von Opioiden muss bei der medizinischen Verordnung bedacht werden. Beim Opioidentzugssyndrom zeigt sich als Rebound-Effekt der sedativ-parasympathischen Hauptwirkung ein Syndrom übermäßiger Sympathikusaktivierung. Für die Therapie der Opioidabhängigkeit stehen neben der Entzugs- und Entwöhnungsbehandlung auch Substitutionstherapien zur Verfügung.

Für Informationen zu Opioiden, die als Arzneimittel zur Verfügung stehen, siehe: Opioide

  • Opium: Alkaloidhaltiges Extrakt aus dem getrockneten Milchsaft des Schlafmohns (Papaver somniferum)
  • Opiate: Oberbegriff für die natürlich vorkommenden Alkaloide des Opiums
  • Opioide: Oberbegriff für an Opioidrezeptoren bindende Substanzen

Sonderfall: Postoperativer Opioid-Überhang [1][2]

  • Ätiologie
  • Therapie
    • Physiologischen Abbau abwarten oder
    • Medikamentöse Antagonisierung mit Naloxon i.v.
      • Verlängerte Überwachungszeit nach medikamentöser Antagonisierung obligat
      • Komplikationen
        • Aufhebung der analgetischen Wirkung
        • Akute Entzugserscheinungen
        • Naloxoninduziertes Lungenödem

Bei Naloxon besteht aufgrund der dosisabhängigen Wirkdauer (kürzer als bei den meisten Opioiden) die Gefahr einer Remorphinisierung des Patienten!

Eine Buprenorphin-Intoxikation lässt sich aufgrund der hohen Rezeptoraffinität nicht durch nachträgliche Gabe von Naloxon antagonisieren!

Epidemiologie

  • Deutschland
    • Prävalenz: Ca. 166.000 Menschen [4]
    • Opiatabhängige Patienten in Substitutionstherapie: 78.800 (Stand 2017) [5]
    • Anstieg der Versicherten mit Opioidverordnung zwischen 2000 und 2010 um 37% [6]
  • USA: Epidemische Opioid-Abhängigkeit seit den 1990ern [7]
    • Prävalenz: Ca. 2,1 Millionen [8]
    • Vervierfachung der opioidassoziierten Todesfälle seit 1999 [9]
    • Anteil opioidabhängiger Patienten mit chronischen (nicht-tumorbedingten) Schmerzen: Ca. 10% [10]

Diagnosekriterien

Opioidentzugssyndrom

Es handelt sich hierbei um einen Rebound-Effekt mit übermäßiger Sympathikusaktivierung.

Therapie der Opioidabhängigkeit

Opioidentzugsbehandlung

  • Indikation: Insb. bei guten Erfolgsaussichten einer Abstinenz aufgrund von
    • Jungem Patientenalter
    • Kurzer Dauer der Abhängigkeit
    • Geringen gesundheitlichen und sozialen Folgeschäden
    • Guter Compliance
  • Durchführung [11]
    • Setting: I.d.R. stationäre qualifizierte Entzugsbehandlung
    • Formen
      • Warmer Entzug: Gabe eines Opioids als Substitution mit langsamer, schrittweiser Reduktion , bspw. Methadon
      • Kalter Entzug: Abruptes Absetzen des Opioids, nicht empfohlen
    • Begleitmedikation
    • Zusätzliche Bestandteile
      • Diagnostik und Therapie ggf. bestehender komorbider Erkrankungen
      • Psychotherapeutische Mitbehandlung
      • Bahnung der anschließenden Entwöhnungsbehandlung
  • Therapieformen nach der Entzugsbehandlung
    • Entwöhnungsbehandlungen
    • Ambulante Nachbetreuung
    • Selbsthilfegruppen
    • Dauertherapie mit Naltrexon

Substitutionsbehandlung bei Opioidabhängigkeit [12] [13] [11]

  • Indikation: Insb. bei
    • Lange bestehender Abhängigkeit mit geringer Erfolgsaussicht einer Abstinenz
    • Schwangerschaft
  • Therapeutisches Ziel
    • Hintenanstellen der Abstinenz zugunsten eines kontrollierten Konsums
    • Reduktion von Risiken eines illegalen und insb. intravenösen Drogenkonsums
    • Reduktion der Beschaffungskriminalität
    • Überlebenssicherung
  • Ablauf
    • Ärztliche Verordnung des Substitutionsmittels, i.d.R durch Allgemeinmediziner mit suchttherapeutischer Qualifikation
    • I.d.R. Einnahme des Substitutionsmittels nach ärztlichem Kontakt direkt vor Ort
    • In Ausnahmefällen auch Mitgabe des Rezepts zur eigenverantwortlichen Einnahme
    • Kontrolle des Therapieverlaufs über den gesamten Behandlungszeitraum hinweg anhand klinischer Einschätzung und ggf. laborchemischer Kontrollen
    • Einbindung der Substitution in interdisziplinäres Behandlungskonzept mit
      • Möglichkeit der Mitbehandlung von Komorbiditäten
      • Mitbetreuung durch Psychotherapeuten und Sozialarbeiter
    • Unbefristete Dauertherapie
    • Ggf. Herabdosierung der Substitutionsdosis und/oder Entzugsbehandlung im Verlauf
  • Wirkweise der Substitutionsmittel: Ausbleiben des „Kicks“ und Verzögerung von Entzugssymptomen
    • „Opioidblockade“ durch Besetzung der Rezeptoren
    • Langsamer Wirkeintritt und längere Wirkdauer durch orale Gabe
  • Mögliche Substanzen zur Substitution: Opioide mit langer Halbwertszeit, u.a. [14]
  • Problematik bei zusätzlich konsumierten Suchtmitteln
    • Ggf. Dosisanpassung der Substitution zur Vermeidung einer Überdosierung
    • Ggf. Entzugsbehandlung der Zweitdroge unter Substitutionstherapie
    • Ausführliche Patientenaufklärung über Risiken lebensgefährlicher Übersedierung bei Konsum zusätzlicher Suchtmittel

Ärztliche Heroinverordnung bei Opioidabhängigkeit [15]

  • Bei besonders schweren Verläufen und unter bestimmten Kriterien möglich
  • Ziele
    • Gewinnung der Patienten für das Hilfesystem
    • Einbindung in interdisziplinäres Behandlungskonzept

Zum allgemeinen Vorgehen bei Abhängigkeitserkrankungen siehe: Therapie von Abhängigkeiten

  • Im Blut: Bis ca. 24 Stunden
  • Im Urin: Bis zu einer Woche
  • In Haaren
    • Nachweis von Morphin und Morphinmetabolit-Anreicherung in Haarabschnitten bei häufigem Konsum
    • Grober Rückschluss auf den Konsumzeitraum anhand der Haarlänge

F11.-: Psychische und Verhaltensstörungen durch Opioide

T40.-: Vergiftung durch Betäubungsmittel und Psychodysleptika [Halluzinogene]

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2021, DIMDI.

  1. Freye: Opioide in der Medizin. 8. Auflage Springer Medizin Verlag Heidelberg 2010, ISBN: 978-3-540-88796-6 .
  2. Wilhelm: Praxis der Anästhesiologie. Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018, ISBN: 978-3-662-54567-6 .
  3. Smith: Opioid Metabolism In: Mayo Clinic Proceedings. Band: 84, Nummer: 7, 2009, doi: 10.1016/s0025-6196(11)60750-7 . | Open in Read by QxMD p. 613-624.
  4. Kraus et al.: Estimation of the number of people with opioid addiction in Germany In: Deutsches Aerzteblatt Online. 2019, doi: 10.3238/arztebl.2019.0137 . | Open in Read by QxMD .
  5. Bericht zum Substitutionsregister .
  6. Schubert et al.: Increase in Opiate Prescription in Germany Between 2000 and 2010 In: Deutsches Aerzteblatt Online. 2013, doi: 10.3238/arztebl.2013.0045 . | Open in Read by QxMD .
  7. Annual Surveillance Report of Drug-Related Risks and Outcomes United States .
  8. Key Substance Use and Mental Health Indicators in the United States: Results from the 2016 National Survey on Drug Use and Health .
  9. Hedegaard et al.: Drug Overdose Deaths in the United States, 1999–2016 In: NCHS Data Brief. Nummer: no. 294, 2017, .
  10. Just et al.: Dependence on prescription opioids—prevention, diagnosis and treatment In: Deutsches Aerzteblatt Online. 2016, doi: 10.3238/arztebl.2016.0213 . | Open in Read by QxMD .
  11. Batra, Bilke-Hentsch: Praxisbuch Sucht. Thieme 2016, ISBN: 978-3-131-49202-9 .
  12. Richtlinie zur Durchführung der substitutionsgestützten Behandlung Opioidabhängiger. Stand: 2. Oktober 2017. Abgerufen am: 28. März 2018.
  13. Therapie der Opiatabhängigkeit – Teil 1: Substitutionsbehandlung. Stand: 29. Januar 2014. Abgerufen am: 28. März 2018.
  14. Therapie der Opiatabhängigkeit - Teil 1: Substitutionsbehandlung. Stand: 1. November 2013. Abgerufen am: 24. Juli 2018.
  15. Verordnung über das Verschreiben, die Abgabe und den Nachweis des Verbleibs von Betäubungsmitteln (Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung - BtMVV). Stand: 22. Mai 2017. Abgerufen am: 28. März 2018.
  16. Zöllner, Schäfer: Opioide in der Anästhesie In: Der Anaesthesist. Band: 57, Nummer: 7, 2008, doi: 10.1007/s00101-008-1408-9 . | Open in Read by QxMD p. 729-742.