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Olecranonfraktur

Letzte Aktualisierung: 2.8.2021

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Die Olecranonfraktur gehört zu den Frakturen des proximalen Unterarms. Insgesamt tritt sie eher selten auf, ursächlich ist meist eine direkte Krafteinwirkung auf den Ellenbogen (bspw. Sturz). Oftmals treten Begleitfrakturen im Ellenbogengelenk (bspw. Frakturen des Processus coronoideus) oder der oberen Extremität auf, welche mittels bildgebender Verfahren ausgeschlossen werden müssen. Um langfristige Schäden zu vermeiden, ist in den meisten Fällen eine operative Therapie indiziert (Zuggurtungs- oder Plattenosteosynthese, ggf. kombiniert mit Schraubenosteosynthese). Wichtig ist die frühfunktionelle physiotherapeutische Nachbehandlung, um Komplikationen wie einer Ellenbogensteife oder einer Bewegungseinschränkung vorzubeugen.

  • Häufigkeit: Ellenbogengelenksfrakturen machen ca. 1% aller Frakturen des Erwachsenen aus [1]
    • Davon sind ca. 10% Olecranonfrakturen [2]
    • Inzidenz: ca. 12 / 100.000 Olecranonfrakturen pro Jahr [3]
  • Häufigkeitsgipfel: 20. und 65. Lebensjahr [4]
  • Geschlecht: > [4]

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

  • Unfallmechanismus [5]
    • Direktes Trauma (häufig): Direkte Gewalteinwirkung auf das Olecranon
    • Indirektes Trauma (selten): Schermechanismus, Belastungsfraktur bei Wurfsportarten, Sturz auf den ausgestreckten Arm [6][7]
    • Begleitfraktur bei Luxationen des Ellenbogengelenks [8]
  • Unfallursache [4][7]
    • Schlag, Stoß, Stürze
    • Hochrasanztraumata (bspw. Verkehrsunfälle)

Es gibt verschiedene Systeme zur Klassifikation der Olecranonfrakturen, von denen sich jedoch bisher keines in der Klinik vollständig durchgesetzt hat.

Mayo-Klassifikation der Olecranonfraktur [9][10]

Die Mayo-Klassifikation berücksichtigt Dislokation, Stabilität und Anzahl der Frakturfragmente. Außerdem bestimmt sie das therapeutische Vorgehen.

Frakturtyp Komplexität
Mayo Typ I*
Mayo Typ II*
Mayo Typ III*
*Weitere Spezifizierung: A = einfache Fraktur, B = mehrfragmentäre Fraktur

Klassifikation der Olecranonfrakturen nach Schatzker [6][10]

Die Klassifikation nach Schatzker berücksichtigt den Verlauf der Fraktur sowie die Anzahl der Fragmente und bestimmt dadurch das jeweilige osteosynthetische Verfahren.

Typ Frakturverlauf
A Einfache Schrägfraktur
B Mehrfragmentäre Querfraktur
C Intraartikuläre Schrägfraktur
D Mehrfragmentfraktur
E Distale Schrägfraktur
F Luxationsfraktur (Mitbeteiligung des Radiuskopfes)

AO-Klassifikation der proximalen Ulnafraktur (Regio 2) - Stand 2018 [11]

Für die AO-Klassifikation wird nach der Körperregion (Unterarm = 2) der betroffene Knochen angegeben, wobei U für Ulna steht (und R für Radius). Anschließend folgt die Lokalisation (hier immer 1 = proximale Ulna). Dann werden der jeweilige Frakturtyp (A–C) und die Komplexität (1–3) angegeben. Anschließend kann ggf. noch ein Zusatz folgen (klein geschriebene Buchstaben). Eine einfache extraartikuläre Fraktur der proximalen Ulna wird demnach bspw. als „2U1A2“ bezeichnet.

Frakturtyp Komplexität
A - Extraartikuläre Fraktur
  • A1: Avulsion der Trizepsinsertion
  • A2: Einfache Ulnafraktur
  • A3: Mehrfragmentäre Ulnafraktur

B - Partiell-artikuläre Fraktur

C - Artikuläre Fraktur

* d = einfach, e = mehrfragmentär

** n = Anteromediale Facette, o = Spitze, p = < 50%, q = ≥ 50%

*** d = einfach, r = Olecranon mehrfragmentär, s = Mitbeteiligung des Proc. coronoideus

Siehe: Pathophysiologie der Radiuskopffraktur

  • Allgemeine Frakturzeichen
  • Spezifische Zeichen [6][9]
    • Druckschmerz über dem Olecranon
    • Schmerzhafte Funktionseinschränkung
      • Extensions- und Flexionshemmung
      • Starke Gelenkschwellung

Frakturen des Processus coronoideus [9][14][15]

Frakturen des Processus coronoideus treten meist als Begleitfrakturen bei komplexen Verletzungen des Ellenbogengelenks auf (bspw. kombiniert mit Olecranonfraktur, Radiuskopf-Fraktur, Terrible-Triad-Läsion des Ellenbogens, Rupturen des Bandapparates u.a. Verletzungen von Unterarm und Hand).

Anamnese und klinische Untersuchung [7][17]

  • Anamnese mit Fokus auf Unfallmechanismus und -hergang
  • Allgemeine Frakturzeichen
  • Palpation des Ellenbogengelenks
    • Dorsale palpable Delle/palpabler Frakturspalt [6]
    • Druckschmerz über medialem/lateralem Gelenkspalt des Ellenbogengelenks: Hinweis auf Bandverletzung
  • Überprüfung der pDMS [7]
  • Verletzungen des Weichteilmantels: Offene oder geschlossene Fraktur, drohende Perforation, Wunden, Hämatom, Schwellung
  • Funktionsprüfung: Bewegungsausmaß (Flexion/Extension, Pronation/Supination)
  • Untersuchung auf weitere Begleitverletzungen: Insb. Untersuchung des ipsilat. DRUG

Bei der körperlichen Untersuchung sollte sehr vorsichtig vorgegangen werden, da jegliche Manipulation der Fraktur für den Patienten sehr schmerzhaft ist!

Apparative Diagnostik [6][7]

Die genaue Therapieplanung richtet sich nach dem Grad der Fraktur!

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differentialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Ziele der Therapie [18]

  • Schmerzfreiheit
  • Wiederherstellung von Form, Funktion und Bewegungsausmaß (Stabilität und v.a. Flexion/Extension)

Besonders wichtig ist die Wiederherstellung der Gelenkfläche und der anatomisch korrekten Form der Ulna (Länge, Achse und Rotation)!

Konservative Therapie der Olecranonfraktur [7][9]

Indikation

  • Stabile, undislozierte Frakturen (z.B. Mayo Typ I) mit einer Dislokation <2 mm in 90 °-Stellung und ohne Extensionseinschränkung
  • Eher bei älteren Patienten mit hohem Operationsrisiko zu erwägen

Durchführung/Prozedere

Die Mehrzahl der Olecranonfrakturen muss operativ versorgt werden!

Operative Therapie der Olecranonfraktur [7][17][19]

Indikationen

Mögliche Osteosynthese-Verfahren bei Olecranonfrakturen

Prozedere

Nachsorge [6][9][18]

Hier das Wichtigste in Kürze. Für detailliertere Informationen siehe auch: Nachsorge in der Orthopädie und Unfallchirurgie und Nachbehandlungsschema bei operativ versorgter Olecranonfraktur

  • Ggf. Ruhigstellung des Ellenbogens in dorsaler Oberarmgipsschiene
    • Dauer der Ruhigstellung: Max. 10 Tage
    • Regelmäßige Gipskontrollen: Überprüfung von pDMS und Untersuchung auf Druckstellen/Beschwerden am ersten Tag sowie im Verlauf
  • Regelmäßige Röntgenkontrollen
  • Thromboseprophylaxe: Basismaßnahmen wie Frühmobilisation und Bewegungsübungen [20]
  • Schmerzadaptierte Analgesie
  • Kühlung, Schonung und Hochlagerung der betroffenen Extremität
  • Materialentfernung im Verlauf je nach Verfahren
  • Physiotherapie: Abhängig von der Therapie und der postoperativ erreichten Stabilität!

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

Folgende Nachbehandlungsvorschläge basieren auf den Empfehlungen der DGOU [18]. Diese Schemata sind jedoch an den individuellen Heilungsverlauf anzupassen und sollten grundsätzlich auch unter Berücksichtigung von Maßgaben des Operateurs und/oder klinikinternen Standards erfolgen.

Für das allgemeine postoperative stationäre Management inkl. durchzuführender ärztlicher Verlaufskontrollen sowie für Empfehlungen zur Schmerztherapie und Thromboseprophylaxe siehe: Nachsorge in der Orthopädie und Unfallchirurgie.

Nachbehandlungsschema bei operativ versorgter Olecranonfraktur

Phase 1 – Ziel: Wundheilung und Abschwellung

Phase 2 – Ziel: Aktive und passive Beweglichkeit

Phase 3 – Ziel: Reintegration in den Alltag

  • Woche 7–8 postoperativ
    • Fortführung des Muskelaufbautrainings mit individueller Belastungssteigerung bis zur Vollbelastung unter Alltagsbedingungen
    • Röntgenkontrolle des Ellenbogens in 2 Ebenen vor Übergang zur Trainingsstabilität

Phase 4 – Ziel: Volle Belastbarkeit

  • Ab 9. Woche postoperativ: Übergang zur Trainingsstabilität
    • Funktionstraining, ggf. Rehasport und -nachsorge
  • Ab 3. Monat postoperativ
    • Wiederaufnahme des sportartspezifischen Trainings
  • Operative Therapie
    • Gute bis sehr gute Ergebnisse bezügl. Abheilung und Bewegungsausmaß in > 90% der Fälle [21]
    • Ggf. Extensionseinschränkung (meist gering: 10–15°)

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2021, DIMDI.

  1. Hackl et al.: Olekranonfrakturen In: Der Unfallchirurg. Band: 121, Nummer: 11, 2018, doi: 10.1007/s00113-018-0567-7 . | Open in Read by QxMD p. 911-922.
  2. Tamaoki et al.: Reproducibility of classifications for olecranon fractures In: Injury. Band: 45, 2014, doi: 10.1016/s0020-1383(14)70015-4 . | Open in Read by QxMD p. S18-S20.
  3. Lenz et al.: Nonoperative treatment of olecranon fractures in the elderly—a systematic review In: Obere Extremität. Band: 14, Nummer: 1, 2018, doi: 10.1007/s11678-018-0488-7 . | Open in Read by QxMD p. 48-52.
  4. Ruchholtz et al.: 2.4 Proximale Unterarmfrakturen (proximale Ulna und Radiuskopf). Georg Thieme Verlag 2016, ISBN: 978-3-131-77191-9 .
  5. Markus Müller und Mitarbeiter: Chirurgie für Studium und Praxis (2018/19). 14. Auflage Medizinische Verlags- und Informationsdienste 2018, ISBN: 978-3-929-85113-7 .
  6. Weigel, Nerlich: Praxisbuch Unfallchirurgie. Springer 2011, ISBN: 978-3-642-10789-4 .
  7. Dresing K, Spering C: Frakturen des Olekranons – Diagnostik und Therapieoptionen In: Chirurgische Praxis. Band: 84, 2018, .
  8. Bühren, Marzi: Checkliste Traumatologie. Thieme 2016, ISBN: 978-3-135-98108-6 .
  9. Hanns-Peter Scharf: Orthopädie und Unfallchirurgie. Elsevier 2011, ISBN: 978-3-437-24401-8 .
  10. Baierlein: Frakturklassifikation. Thieme 2010, ISBN: 978-3-131-53231-2 .
  11. Kellam et al.: Fracture and Dislocation Classification Compendium - 2018 In: Journal of Orthopaedic Trauma. Band: 32, 2018, doi: 10.1097/bot.0000000000001063 . | Open in Read by QxMD .
  12. Siebenlist et al.: Fractures of the proximal ulna: current concepts in surgical management In: EFORT Open Reviews. Band: 4, Nummer: 1, 2019, doi: 10.1302/2058-5241.4.180022 . | Open in Read by QxMD p. 1-9.
  13. Nachbehandlungsempfehlungen 2018 - Arbeitskreis Traumarehabilitation. Stand: 1. Oktober 2018. Abgerufen am: 11. Dezember 2018.
  14. Ewerbeck et al.: Standardverfahren in der operativen Orthopädie und Unfallchirurgie. 4. Auflage Thieme 2014, ISBN: 3-132-43157-5 .
  15. Kleber, Trampuz: Antibiotikaprophylaxe in der Orthopädie und Unfallchirurgie – was, wann und wie lange applizieren? In: OP-JOURNAL. Band: 30, Nummer: 01, 2014, doi: 10.1055/s-0034-1368332 . | Open in Read by QxMD p. 8-10.
  16. S3-Leitlinie Prophylaxe der venösen Thromboembolie (VTE). Stand: 15. Oktober 2015. Abgerufen am: 6. November 2017.
  17. Nöldeke S: Klinikleitfaden Chirurgische Ambulanz. 4. Auflage Elsevier 2015, ISBN: 978-3-437-22942-8 .
  18. Faschingbauer et al.: Ellengelenknahe Unterarmfrakturen In: Trauma und Berufskrankheit. Band: 9, Nummer: S02, 2007, doi: 10.1007/s10039-006-1144-9 . | Open in Read by QxMD p. S192-S196.
  19. Lindemann-Sperfeld et al.: Frakturen des Processus coronoideus ulnae In: Trauma und Berufskrankheit. Band: 4, Nummer: Supplement 1, 2002, doi: 10.1007/s100390100472 . | Open in Read by QxMD p. S87-S90.
  20. Müller-Mai, Ekkernkamp: Frakturen auf einen Blick. Springer 2015, ISBN: 978-3-642-27428-2 .
  21. Karlsson et al.: Fractures of the olecranon: a 15- to 25-year followup of 73 patients. In: Clinical orthopaedics and related research. Nummer: 403, 2002, p. 205-12.
  22. Grifka, Kuster: Orthopädie und Unfallchirurgie. Springer 2011, ISBN: 978-3-642-13110-3 .
  23. Leschinger et al.: Biomechanik des Ellenbogengelenks In: Orthopädie und Unfallchirurgie up2date. Band: 11, Nummer: 03, 2016, doi: 10.1055/s-0041-108914 . | Open in Read by QxMD p. 159-176.
  24. Seitz, Rüther: Funktionelle Anatomie und Biomechanik des Ellenbogens. Springer 2013, ISBN: 978-3-642-34671-2 , p. 7-19.
  25. Siebenlist, Biberthaler: Akute Kapsel-Band-Verletzungen des Ellenbogens In: Trauma und Berufskrankheit. Band: 17, Nummer: S1, 2013, doi: 10.1007/s10039-013-1987-9 . | Open in Read by QxMD p. 132-139.
  26. Hollinger B, Franke S: Behandlungsalgorithmus der Ellenbogenluxation In: OUP. Band: 06/2014, 2014, doi: 10.3238/oup.2014.0292–0299 . | Open in Read by QxMD .