Zugang zu fachgebietsübergreifendem Wissen – von > 70.000 Ärzt:innen genutzt

5 Tage kostenfrei testen
Von ärztlichem Redaktionsteam erstellt & geprüft. Disclaimer aufrufen.

Obstruktives Schlafapnoe-Syndrom bei Kindern

Letzte Aktualisierung: 31.3.2021

Abstracttoggle arrow icon

Autoren: Dr. med. Anna Wings für AMBOSS, Dr. med. Alfred Wiater für die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM)

Die obstruktive Schlafapnoe (OSA) bei Kindern ist definiert als intermittierende komplette oder partielle Obstruktionen der oberen Atemwege im Schlaf, die sich klinisch meist in Form von Schnarchen und angestrengter Atmung im Schlaf äußern. In der Folge kann es zu Tagesschläfrigkeit, Hyperaktivität, emotionaler Symptomatik sowie Aufmerksamkeits- und Lernstörungen kommen, im Verlauf auch zu einer arteriellen Hypertonie und Rechtsherzbelastung. Da bei Kindern aufgrund ihrer geringen funktionellen Residualkapazität selbst kurze obstruktive Apnoen bereits zu Hypoxämien führen können, ist ein Erkennen und Behandeln der Symptomatik besonders wichtig. Diagnostisch kommt neben der symptomorientierten klinischen Untersuchung insb. die Polysomnographie zum Einsatz. Die Behandlung erfolgt kausal entsprechend den Ursachen; häufig ist eine Verkleinerung von Adenoiden und Tonsillen oder eine Gewichtsreduktion indiziert. Bei unzureichender Besserung erfolgt eine symptomatische Therapie mittels CPAP/BiPAP.

  • Im Schlaf auftretende Obstruktion der Atemwege bei Kindern ab Geburt bis zum 18. Lebensjahr als [1]
    • intermittierende, komplette obstruktive Apnoe oder
    • partielle obstruktive Hypopnoe oder
    • Kombination beider Formen der Atmungsstörung

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Prädisponierende und auslösende Faktoren[2][6]

Die Ätiologie der obstruktiven Schlafapnoe ist i.d.R. multifaktoriell!

Obstruktiver Apnoe-Hypopnoe-Index (oAHI)[5]

  • Definition: Durchschnittliche Apnoe- bzw. Hypopnoe-Episoden pro Stunde Schlaf bezogen auf die gesamte Schlafzeit, eine Apnoe-/Hypopnoe-Episode hat eine Dauer von mind. 2 Atemzügen
  • Graduierung
    • oAHI <1: Normal
    • oAHI 1–5: Milde OSA
    • oAHI >5–10: Moderate OSA
    • oAHI >10: Schwere OSA

Ab einem obstruktiven Apnoe-Hypopnoe-Index (oAHI) ≥3 pro Stunde besteht ein erhöhtes Risiko für eine arterielle Hypertonie!

Obstruktive Hypopnoe oder Apnoe[3][5][7][8]

  • Ursache: Kombination aus veränderten neuromuskulären Faktoren und verengten anatomischen Strukturen der oberen Atemwege [2]
  • Folgen

Säuglinge[2][9]

  • Symptome im Schlaf
    • Geräuschvolle Atmung (44%)
    • Schnarchen (26%), angestrengte Atmung und Apnoen
    • Exzessives Schwitzen
    • Motorische Unruhe
  • Tagessymptome: Saug-Schluck-Koordinationsstörung
  • Folgen: Gedeihstörung, vermehrte Infekte durch Aspiration, Thoraxdeformitäten (Pectus excavatum)[10]

Kleinkinder

  • Symptome im Schlaf
  • Tagessymptome: Tagesschläfrigkeit (40–80%), Mundatmung, kloßige Sprache, Hyperaktivität
  • Folgen: Verzögerte Sprachentwicklung, Untergewicht

Schulkinder

  • Symptome im Schlaf: Schnarchen und angestrengte Atmung, Apnoen
  • Tagessymptome: Morgendliche Kopfschmerzen, Mundatmung, Tagesschläfrigkeit, Konzentrationsstörungen, Lern- und Schulschwierigkeiten
  • Verhaltensauffälligkeiten: Aggressives oder hyperaktives Verhalten, sozialer Rückzug
  • Emotionale Symptome: Depressivität, Angstsymptomatik

Symptombezogene klinische Untersuchungen[11]

  • Allgemein- und neuropädiatrische Untersuchung: Prädisponierende Faktoren (bspw. neuromuskuläre Erkrankung)?
  • HNO-ärztliche Untersuchung: Kehlkopfinstabilität? Anatomische Anomalien?
    • Ggf. Endoskopie zur Beurteilung einer OP-Indikation
  • Kieferorthopädische und/oder Mund-Kiefer-Gesichts-chirurgische Untersuchung: Malokklusion? Mittelgesichtshypoplasie?
    • Klinische Untersuchung
    • Kiefermodelle
    • Röntgenbilder
    • Ggf. DVT (digitale Volumentomographie), CT oder MRT
  • Logopädische Untersuchung: Orovelopharyngeale Dysfunktion?

Polysomnographie (PSG)[2][11]

  • Absolute Indikation
    • Schnarchen plus mind. 1 zusätzliches Symptom
    • Alter <2 Jahre
    • Syndrome
    • Neurologische Erkrankung
    • Kardiovaskuläre Erkrankung
    • Fehlende Übereinstimmung zwischen Anamnese und klinischem Befund
    • Symptompersistenz nach HNO-ärztlicher oder MKG-chirurgischer Intervention
    • Adipositas
  • Beurteilungskriterien der OSA mittels PSG

Diagnosekriterien für OSA bei Kindern nach der „International Classification of Sleep Disorders, 3rd Edition“[2][12]

Zur Diagnosestellung müssen sowohl die klinischen als auch die PSG-Kriterien erfüllt sein.

  • Klinische Kriterien [13]
    • Schnarchen oder angestrengte/behinderte Atmung im Schlaf
    • und/oder Tagessymptome: Tagesschläfrigkeit, Hyperaktivität, Verhaltensauffälligkeiten oder Lernstörungen
  • Polysomnographische Kriterien
    • oAHI ≥1
    • und/oder obstruktive Hypoventilation: Hyperkapnie (paCO2>50 mmHg) über mind. 25% der Schlafzeit in Kombination mit Schnarchen, Atemflusslimitation oder paradoxer Atmung

Bei einem schnarchenden Kind mit ≥1 zusätzlichem Symptom sollte immer eine PSG durchgeführt werden!

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differentialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Therapie bei Kindern mit adenotonsillärer Hyperplasie ohne weitere OSA-Risikofaktoren[4][11] (siehe: Ätiologie der OSA im Kindesalter)

  • Verkleinerung der die Obstruktion verursachenden Strukturen
  • Bei fehlendem Therapieerfolg : CPAP/BiPAP-Therapie zur Überbrückung der Obstruktion
    • Titration des optimalen Drucks im Schlaflabor während PSG
    • Dauer der CPAP/BiPAP-Therapie solange wie nötig; jährliche Auslassversuche
  • Ergänzend, insb. bei Gesichtsmuskelhypotonie: Logopädische oder myofunktionelle Therapie

Therapie bei Kindern mit zusätzlichen OSA-Risikofaktoren (siehe: Ätiologie der OSA im Kindesalter)

  • Behandlung einer zugrunde liegenden Erkrankung (z.B. Gewichtsreduktion bei Adipositas)
  • Weitere Maßnahmen je nach Ursache
    • Optimieren der Schlafhygiene
    • Allergenkarenz
    • CPAP/BiPAP-Therapie
    • Tracheostoma
    • Kieferorthopädische Behandlung
      • Bspw. Tübinger Gaumenplatte mit Sporn (bei Pierre-Robin-Symptomatik)
    • Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie
  • Abhängig von
    • Möglichen zugrunde liegenden Erkrankungen
    • Prädisponierenden Faktoren (siehe: Ätiologie der OSA im Kindesalter)
    • Zeitpunkt des Therapiebeginns; je früher eine Therapie beginnt, umso besser ist die Prognose für
      • Regredienz kardiovaskulärer Komplikationen [6]
      • Positive Entwicklung des Gesichtsschädelwachstums
  • Entwicklungsstörungen[2][9]
    • Wachstumsstörungen
    • Verformungen des Gesichtsschädels
    • Verformungen des Thoraxskeletts
    • Kognitive Störungen
  • Verhaltensstörungen
    • Hyperaktivität
    • Aggressives Verhalten
    • Emotionale Störungen
  • Aufmerksamkeits- , Konzentrations- und Schulleistungsstörungen
  • Kardiovaskuläre Komplikationen

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

Definitionen[11]

  • Schnarchen: In- und/oder exspiratorisches Atemgeräusch der oberen Atemwege, das ausschließlich im Schlaf auftritt
  • Habituelles Schnarchen: Deutlich hörbares Schnarchen in ≥4 von 7 Nächten
  • Kontinuierliches Schnarchen: Gleichbleibend in Lautstärke und Ausprägung
  • Intermittierendes Schnarchen: Variierend in Lautstärke und Ausprägung

Epidemiologie/Ätiologie

Prozedere

  • Bei schnarchenden Kindern im Alter von 2–8 Jahren mit adenoiden Vegetationen ohne Risikofaktoren
  • Primäre Polysomnographie (PSG) zum Ausschluss einer OSA
    • Bei schnarchenden Kindern mit ≥1 zusätzlichem Symptom
    • Bei Trisomie 21 oder komplexen Syndromen und Fehlbildungen (auch ohne Schnarchen): PSG schon im Säuglingsalter
    • Bei Patienten mit Risikofaktoren für eine OSA
      • Zusätzlich schlafmedizinische Untersuchung und Therapie in spezialisierten Zentren

Medikamentöse Therapie

  • Bei Kindern im typischen Alter (2–8 J.) ohne Risikofaktoren und/oder bei Ausschluss einer OSA: Antiinflammatorische Therapie (über 6 Wochen)
  • Bei Vorliegen einer OSA: Siehe Therapie der OSA bei Kindern

Auch ohne Nachweis einer adenotonsillären Hyperplasie kann bei habituellem Schnarchen eine antiinflammatorische Therapie erfolgreich sein!

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2021, DIMDI.

  1. Sateia: International Classification of Sleep Disorders-Third Edition In: Chest. Band: 146, Nummer: 5, 2014, doi: 10.1378/chest.14-0970 . | Open in Read by QxMD p. 1387-1394.
  2. American Academy of Sleep Medicine: International Classification of Sleep Disorders 3rd Edition. 3. Auflage American Academy of Sleep Medicine 2014, ISBN: 978-0-991-54341-0 .
  3. Kwok, Ng et al.: Cardiovascular changes in children with snoring and obstructive sleep apnoea In: Annals of the Academy of Medicine, Singapore. Band: 37, Nummer: 8, 2008, p. 715-21.
  4. Ahn: Treatment of obstructive sleep apnea in children In: Korean Journal of Pediatrics. Band: 53, Nummer: 10, 2010, doi: 10.3345/kjp.2010.53.10.872 . | Open in Read by QxMD p. 872.
  5. Dehlink, Tan: Update on paediatric obstructive sleep apnoea In: J Thorac Dis.. Band: 8, Nummer: 2, 2016, doi: 10.3978/j.issn.2072-1439.2015.12.04 . | Open in Read by QxMD p. 224–235.
  6. Schnoor et al.: Obstruktive Schlafapnoe im Kindesalter In: Der Anaesthesist. Band: 61, Nummer: 1, 2012, doi: 10.1007/s00101-011-1970-4 . | Open in Read by QxMD p. 69-80.
  7. Malakasioti et al.: Oxidative stress and inflammatory markers in the exhaled breath condensate of children with OSA In: Sleep and Breathing. Band: 16, Nummer: 3, 2011, doi: 10.1007/s11325-011-0560-7 . | Open in Read by QxMD p. 703-708.
  8. Ye et al.: CD4+T-lymphocyte subsets in nonobese children with obstructive sleep apnea syndrome In: Pediatric Research. Band: 78, Nummer: 2, 2015, doi: 10.1038/pr.2015.76 . | Open in Read by QxMD p. 165-173.
  9. Perfect et al.: Risk of Behavioral and Adaptive Functioning Difficulties in Youth with Previous and Current Sleep Disordered Breathing In: SLEEP. 2013, doi: 10.5665/sleep.2536 . | Open in Read by QxMD .
  10. Wiater et al.: Obstruktives Schlafapnoesyndrom im Kindesalter In: Deutsches Ärzteblatt. Band: 99, Nummer: Heft 49, 2002, p. 3324–3330.
  11. Urschitz et al.: Schnarchen bei Kindern In: Monatsschrift Kinderheilkunde. Band: 161, Nummer: 4, 2013, doi: 10.1007/s00112-012-2851-x . | Open in Read by QxMD p. 347-350.
  12. Stuck, Weeß: Die neue „International Classification of Sleep Disorders“ In: Somnologie - Schlafforschung und Schlafmedizin. Band: 19, Nummer: 2, 2015, doi: 10.1007/s11818-015-0010-z . | Open in Read by QxMD p. 126-132.
  13. Wiater, Lehmkuhl: Handbuch Kinderschlaf. Schattauer Verlag 2011, ISBN: 978-3-794-52764-9 .
  14. Schulz et al.: Obstruktive Schlafapnoe – ein wichtiger kardiovaskulärer Risikofaktor In: Deutsches Ärzteblatt. Band: 12, Nummer: 103, 2006, .
  15. Fischman et al.: Disordered Sleep as a Cause of Attention Deficit/Hyperactivity Disorder In: Clinical Pediatrics. Band: 54, Nummer: 8, 2014, doi: 10.1177/0009922814548673 . | Open in Read by QxMD p. 713-722.
  16. Stuck et al.: Praxis der Schlafmedizin. Springer 2013, ISBN: 978-3-642-34881-5 .
  17. Braun et al.: Kindliches OSAS und Seromukotympanon In: HNO. Band: 60, Nummer: 3, 2012, doi: 10.1007/s00106-011-2410-0 . | Open in Read by QxMD p. 216-219.
  18. Wiater, Scheuermann: Diagnostik von Schlafstörungen In: Monatsschrift Kinderheilkunde. Band: 155, Nummer: 7, 2007, doi: 10.1007/s00112-007-1559-9 . | Open in Read by QxMD p. 600-607.
  19. Paditz et al.: Häufigkeit von OSAS-Symptomen im Kleinkindesalter —Vorstudie, Multizenterstudie der AG Pädiatrie DSGM In: Somnologie - Schlafforschung und Schlafmedizin. Band: 3, Nummer: 6, 1999, doi: 10.1007/s11818-999-0041-4 . | Open in Read by QxMD p. 313-318.
  20. Urschitz et al.: Medikamentöse Behandlung von Atmungsstörungen bei adenotonsillärer Hyperplasie In: Monatsschrift Kinderheilkunde. Band: 161, Nummer: 9, 2013, doi: 10.1007/s00112-013-2976-6 . | Open in Read by QxMD p. 843-846.
  21. Urschitz et al.: Tagesschläfrigkeit bei Kindern und Jugendlichen In: Monatsschrift Kinderheilkunde. Band: 157, Nummer: 6, 2009, doi: 10.1007/s00112-009-1995-9 . | Open in Read by QxMD p. 611-620.