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Nahrungsmittelallergie

Abstract

Als Nahrungsmittelallergie werden immunologisch vermittelte (Typ I/IV‑) Reaktionen gegen Allergene bezeichnet, die über Nahrungsmittel in das Immunsystem gelangen. Häufige Auslöser sind unter anderem Hühnereiweiß, Milcheiweiß, Weizenmehl, Erdnuss, Soja, Haselnuss und Fisch – zusätzlich können auch Kreuzallergien zu Pollen bestehen. Klinisch zeigen sich Symptome der Atemwege (z.B. Asthma), der Haut (z.B. Urtikaria) und des Kreislaufs (z.B. Hypotonie, Tachykardie) bis hin zur Anaphylaxie. Insb. bei Nahrungsaufnahme ist darüber hinaus das Auftreten einer gastrointestinalen Symptomatik mit oralem Juckreiz, Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö und Bauchkrämpfen typisch.

Diagnostisch ist vor allem die Anamnese wegweisend. Zur Verifizierung kommen insb. IgE-Nachweis in Haut oder Blut zum Einsatz. Ggf. ist eine Provokationstestung sinnvoll. Wichtigste therapeutische Maßnahme ist die Expositionskarenz. Ist dies nicht ausreichend oder nicht möglich, kommen Antihistaminika und ggf. systemische Glucocorticoide zum Einsatz. Bei schweren anaphylaktischen Reaktionen ist die Versorgung mit einem Notfallset indiziert.

Epidemiologie

  • Prävalenz [1]
    • Gesamtbevölkerung 1–4%
    • Kinder 5–10%
  • Prävalenz der Kuhmilchallergie
    • Ältere Kinder und Erwachsene ca 0,4%
    • Säuglinge 2,5%
  • Geschlecht: > (2:1) [2]

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Ätiologie

Unterscheidung Nahrungsmittelallergie (NMA) Klasse I vs. II

  • NMA Klasse I: Primäre Nahrungsmittelallergie
    • Allergene mit großer Stabilität gegenüber saurem Milieu und Verdauungsenzymen
    • Insb. Kleinkinder betroffen durch
      1. Erhöhte Permeabilität des kindlichen Darmes
      2. Unreife des kindlichen Immunsystems
    • Häufige Primärallergene
      • Im Kleinkindalter: Hühnereiweiß, Milcheiweiß, Weizenmehl, Erdnuss, Sojabohne, Haselnuss
      • Bei Erwachsenen: Fisch, Weizenmehl, Erdnuss, Sojabohne, Haselnuss, Garnele, Kiwi, Karotte, Sellerie
  • NMA Klasse II: Pollenassoziierte Nahrungsmittelallergie
    • Kreuzreaktion durch ähnliche Molekülstrukturen in Pollen und pflanzlichen Nahrungsmitteln
    • Insb. Schulkinder und Erwachsene betroffen

Jedes Nahrungsmittel kann eine Allergie auslösen!

Pathophysiologie

  • Häufig: Typ-I-Allergie (IgE-vermittelte Reaktion vom Soforttyp) [3]
  • Typ-IV-Allergie (verzögerte T-Zell-vermittelte Reaktion)
  • Kombinierte Typ I- und Typ IV-Reaktion mit verzögertem Beginn und oft chronischem Verlauf

Im Rahmen von Nahrungsmittelallergien zeigt sich typischerweise eine Störung der intestinalen Barriere.

Symptome/Klinik

Diagnostik

Anamnese [1][4]

  • Eigen- und Familienanamnese auf atopische Erkrankungen und andere gastrointestinale Erkrankungen
  • Ernährungstagebuch, insb. zur Erfassung von zeitlichen Zusammenhängen der Symptome mit bestimmten Nahrungsmitteln

Körperliche Untersuchung

  • Beurteilung der Beteiligung von Organsystemen
  • Ausschluss anderer gastrointestinaler Erkrankungen

Eliminationsdiät

  • Meiden von 1–3 Nahrungsmitteln oder Elementardiät über min. 3–4 Wochen

Hauttest

In-vitro-Allergie-Diagnostik

Oraler Provokationstest

  • Voraussetzung: Min. 7 Tage nach Absetzen von Antihistaminika und systemischen Glucocortikoiden
  1. Schleimhautprovokation: Zu testende Nahrung wird an die Lippe gehalten, ggf. in den Mund genommen und sofort wieder ausgespuckt
  2. Systemische Provokation: Zu testende Nahrung wird geschluckt (in aufsteigender Dosis)
    • Beurteilung der Reaktion: Bspw. Kribbeln im Mund, Urtikaria, Angioödem, Atemnot, Bauchschmerzen, Erbrechen, Diarrhö
    • Zeigt sich auch hier keine Reaktion, ist die Provokation negativ und das entsprechende Nahrungsmittel kann vorsichtig wieder eingeführt werden

Aufgrund des Risikos einer biphasischen Reaktion sollte insb. nach positiver oraler Provokationstestung immer eine ausreichende Nachbeobachtungszeit beachtet werden!

Bei nachgewiesener Nahrungsmittelallergie ist eine Reprovokation je nach Allergen frühestens ein Jahr später indiziert. Bei Hühnereiweiß und Nüssen sogar erst nach 2–3 Jahren.

Differentialdiagnosen

Blutbeimengungen im Stuhl sind immer abklärungsbedürftig! Mögliche Ursachen sind insb. Darminvaginationen, Kuhmilchproteinintoleranz und infektiöse Darmerkrankungen!

Die hier aufgeführten Differentialdiagnosen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Therapie

  • Strenge Expositionskarenz [1][4]
    • Meiden ursächlicher Nahrungsmittel (bei schwerer Allergie auch in Spuren)
    • Ernährungsberatung
    • Bei jungen Säuglingen: Ersatz von Mutter- bzw. Folgemilch durch ein extensiv hydrolysierte Formelnahrung (eHF) oder Aminosäureformelnahrung (AAF)
  • Symptomatische (Notfall‑)Therapie

Prognose

  • Nahrungsmittelallergien im Kindesalter: Verschwinden der Allergie nach jahrelanger Allergenkarenz möglich
  • Neu aufgetretene Nahrungsmittelallergien im Erwachsenalter: Häufig Persistenz der Symptomatik
  • Pollenassoziierte Nahrungsmittelallergien: Häufig rückläufig nach erfolgreicher spezifischer Immuntherapie

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2019

  • K52.-: Sonstige nichtinfektiöse Gastroenteritis und Kolitis
  • L23.-: Allergische Kontaktdermatitis
    • L23.6: Allergische Kontaktdermatitis durch Nahrungsmittel bei Hautkontakt
    • Exklusive: Dermatitis durch aufgenommene Nahrungsmittel (L27.2)
  • L27.-: Dermatitis durch oral, enteral oder parenteral aufgenommene Substanzen
    • L27.2: Dermatitis durch aufgenommene Nahrungsmittel
    • Exklusive: Dermatitis durch Nahrungsmittel bei Hautkontakt (L23.6, L24.6, L25.4)
  • T78.-: Unerwünschte Nebenwirkungen, anderenorts nicht klassifiziert

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2019, DIMDI.