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Mucosa-assoziiertes lymphatisches Gewebe

Abstract

Durch die direkte Verbindung zwischen Körperinnerem und der Außenwelt können Mikroorganismen über Aerodigestiv- und Urogenitaltrakt leicht in den Körper eindringen. Daher ist hier ein besonderer Schutz durch das Immunsystem von Nöten. Als MALT-System (Mucosa-Associated Lymphatic Tissue) fasst man alle Mucosa-assoziierten Lymphozyten und das lymphatische Gewebe der Schleimhäute zusammen. Diese können organartig formiert sein (z.B. Tonsillen, Peyer-Plaques) oder als solitäre Lymphfollikel in der Schleimhaut vorkommen und stellen die Immunabwehr in diesen stark pathogenexponierten Regionen sicher.

Steckbrief

  • Definition: Gesamtheit aller Mucosa-assoziierten Lymphozyten und das lymphatische Gewebe der Schleimhäute
  • Funktionen: Als lymphoepitheliales Gewebe der Schleimhäute steht das MALT-System, oftmals nur durch eine einschichtige Schleimhaut-Zellschicht getrennt, in nahezu direktem Kontakt mit der Außenwelt. Somit unterliegt es einer hohen Pathogenexposition, aus der sich seine Funktionen ableiten.
    • Gezieltes Durchschleusen von Antigenen zu den Immunzellen
    • Präsentation der Antigene
    • Verhinderung der Erregerausbreitung
    • Erregerelimination
    Lage: Lamina propria der Schleimhäute
  • Gliederung: Je nach Region lässt sich das MALT-System in unterschiedliche Abschnitte unterteilen, u.a.

Allgemeiner Aufbau

Der grundsätzliche Aufbau des Schleimhaut-assoziierten lymphatischen Gewebes ähnelt dem der sonstigen sekundären lymphatischen Organe. Neben Lymphfollikeln (B-Zonen) und T-Zonen zwischen den Follikeln besteht auch das MALT-System aus einem reticulären Grundgerüst. Außerdem verfügt es über ein spezialisiertes Epithel (Follikel-assoziiertes Epithel = FAE), humorale Abwehrmechanismen und im Gastrointestinaltrakt zusätzlich über Zellen (M-Zellen), die speziell für die Durchschleusung der Antigene prädestiniert sind.

Da das MALT-System im Vergleich zu anderen sekundär lymphatischen Organen auch mit der normalen Bakterienflora und den Nahrungsbakterien konfrontiert ist, muss sichergestellt sein, dass ein Gleichgewicht zwischen Toleranz und Abwehr bestehen bleibt!

Immunabwehr vs. Krankheitsbegünstigung
Durch ihre Funktion im Antigentransport dienen M-Zellen und intraepitheliale dendritische Zellen der Immunabwehr. Wichtig waren die M-Zellen zum Beispiel auch durch die Erleichterung der Aufnahme oraler Impfstoffe im Rahmen der noch bis vor einigen Jahren durchgeführten Polio-Schluckimpfung. M-Zellen sorgen jedoch auch für ein erleichtertes Durchkommen von Pathogenen wie dem Typhuserreger. Auch die intraepithelialen dendritischen Zellen können Erkrankungen begünstigen, indem sie z.B. im Vaginalepithel den Eintritt des HI-Virus begünstigen. Durch die Bindung und den Transport in die Lymphknoten kann so das Virus leicht die CD4+-Zellen befallen.

Die Tonsillen (= Mandeln; NALT)

Die Tonsillen liegen als lymphoepitheliale Organe im Eingangsbereich von Mund- und Nasenhöhle zum Pharynx und dienen in dieser stark antigenexponierten Region der Immunabwehr. In ihrer Gesamtheit lassen sie sich als Waldeyer-Rachenring zusammenfassen, der den oberen Teil des Pharynx umschließt und aus folgenden Anteilen besteht:

Aufbau, Lage und histologische Besonderheiten

Als sog. lymphoepitheliales Organ liegt das lymphatische Gewebe der Tonsillen eingebettet in reticulärem Bindegewebe direkt unterhalb des Epithels. Durch Einstülpungen (Krypten) des Epithels kommt es zu einer starken Oberflächenvergrößerung, die einen besseren Antigenkontakt ermöglicht und zu einem zerklüfteten Aussehen der Tonsillenoberfläche führt . Histologisch entspricht das Epithel der jeweiligen Tonsillen dem der sie umgebenden Region. Im Bereich der Follikel besitzt es als Follikel-assoziiertes Epithel einen nur lockeren Zellverband mit diskontinuierlicher Basalmembran und ist netzartig erweitert. Dadurch wird eine Interaktion zwischen Follikelepithel und Lymphozyten erleichtert. Die Lymphfollikel präsentieren sich meist als Sekundärfollikel (B-Zone) mit Keimzentrum und zur Oberfläche ausgerichteter Mantelzone. Die Zone zwischen den Follikeln wird als interfollikuläre Zone (T-Zone) bezeichnet.

Tonsilla pharyngealis (= Rachenmandel)

Tonsillae palatinae (= Gaumenmandeln)

Tonsilla lingualis (= Zungenmandel) Tonsillae tubariae (= Tubenmandeln) und Seitenstränge
Lage
  • Als unpaares Organ im Rachendach am Eingang zum Nasopharynx
  • Als paarige Anhäufung von Lymphfollikeln in der Mucosa des Tubenwulstes (Torus tubarius)
  • Übergang in lymphatisches Gewebe der "Seitenstränge" in der lateralen Pharynxwand (Plica salpingopharyngea)
Histologische Besonderheiten

Adenoide Vegetationen (Polypen)
Im Vorschulalter sind Kinder besonders häufig Atemwegsinfektionen ausgesetzt. Die Rachenmandel (= Tonsilla pharyngealis) zeigt daher zu diesem Zeitpunkt ihre größte Ausprägung, später wird sie wieder kleiner. Bei einer sehr starken Hyperplasie kann es zu einer Verlegung der Choanen und des Ostiums der Tuba auditiva kommen. Die Kinder atmen vermehrt durch den Mund und können durch die Tubenverlegung einen Paukenhöhlenerguss mit Schallleitungsschwerhörigkeit entwickeln. Daher kann eine operative Entfernung (Adenotomie) der Rachenmandeln notwendig werden.

Tonsillitis (= Angina tonsillaris)
Insbesondere die stark zerklüfteten Gaumenmandeln sind sehr anfällig für eitrige Entzündungen. Im Grundschulalter sind sie am größten, danach werden sie wieder kleiner. Bei rezidivierenden Entzündungen können die Gaumenmandeln jedoch auch vergrößert bleiben. Eine operative Entfernung (Tonsillektomie) sollte aufgrund der immunologischen Funktion und des Nachblutungsrisikos jedoch nur nach reiflicher Abwägung erfolgen.

Gefäßversorgung

Die Gefäßversorgung der Tonsillen erfolgt aufgrund ihrer sehr geringen Größe nur durch kleine Blutgefäße. Aufgrund der hohen klinischen Relevanz (mögliche Nachblutungen nach einer Tonsillektomie) sollte jedoch die arterielle Versorgung der Tonsilla palatina beachtet werden, die eine hohe Variabilität aufweist.

Gefäßversorgung
Arteriell
Venös
Lymphabfluss
Lymphgefäße/-stationen

Eine Nachblutung (bspw. aus der A. maxillaris) im Anschluss an eine Tonsillektomie kann lebensgefährliche Folgen haben. Daher sollten der variable Gefäßverlauf und die arterielle Versorgung der Gaumenmandeln gut bekannt sein!

Das Darm-assoziierte lymphatische Gewebe (GALT)

Das lymphatische Gewebe des Darms dient der Immunabwehr von Pathogenen, die mit der Nahrung aufgenommen wurden. Es befindet sich in der Lamina propria des gesamten Verdauungstraktes, wo es in Form von einzelnen Immunzellen bzw. solitären Lymphfollikeln oder als Follikelaggregate (den sog. Peyer-Plaques) vorkommt. Aufgrund ihres speziellen Aufbaus soll an dieser Stelle noch einmal näher auf die Peyer-Plaques eingegangen werden.

Peyer-Plaques (Noduli lymphoidei aggregati)

Wiederholungsfragen zum Kapitel Mucosa-assoziiertes lymphatisches Gewebe

Allgemeiner Aufbau

Wodurch unterscheidet sich das Mucosa-assoziierte lymphatische Gewebe von den anderen sekundären lymphatischen Organen des Körpers?

Welcher besondere Zelltyp kommt insbesondere im Follikel-assoziierten Epithel des GALT vor und was ist seine Funktion?

Die Tonsillen (= Mandeln; NALT)

Beschreibe die Lage der Tonsilla palatina und nenne ihre histologischen Charakteristika!

Mit welcher anderen Tonsille kann man die Tonsilla palatina histologisch leicht verwechseln? Worauf sollte man bei der mikroskopischen Unterscheidung achten?

Wie wird die Tonsilla palatina arteriell versorgt? Wieso ist dies auch klinisch relevant?

Wo liegt die Tonsilla pharyngealis? Welche histologische Besonderheit weist sie auf?

Was ist eine häufige Erkrankung, die mit der Tonsilla pharyngealis zusammenhängt? Nenne typische Symptome!

Eine Sammlung von allgemeineren und offeneren Fragen zu den verschiedenen prüfungsrelevanten Themen findest du im Kapitel Beispielfragen aus dem mündlichen Physikum.