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Migräne

Letzte Aktualisierung: 12.10.2021

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Bei der Migräne handelt es sich um einen rezidivierend auftretenden, meist einseitig lokalisierten Kopfschmerz, welcher oftmals mit Übelkeit, Erbrechen, Phono- oder Photophobie einhergeht. In etwa 10–30% der Fälle kommt es dabei zu Auraphänomenen. Damit werden reversible fokale neurologische Ausfälle, wie z.B. Gesichtsfeldausfälle (Flimmerskotome) oder Paresen, bezeichnet, die nicht länger als eine Stunde anhalten. Therapie der Wahl beim akuten Migränekopfschmerz sind bei leichten Attacken nichtsteroidale Antiphlogistika (z.B. ASS), bei schweren Attacken Triptane. Zusätzlich sollte in jeder Akutsituation ein Mittel gegen die Übelkeit gegeben werden (z.B. Metoclopramid). Treten Attacken häufiger als dreimal im Monat auf oder halten länger als 72 Stunden an, ist prophylaktisch die Einnahme von Betablockern sinnvoll.

  • Sehr häufige primäre Kopfschmerzerkrankung
  • Geschlecht: > (3:1) im mittleren Erwachsenenalter, im Kindesalter keine unterschiedliche Verteilung
  • Alter: Erstmanifestation meist zwischen 15. und 25. Lebensjahr

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

  • Familiäre Disposition
  • Über die pathophysiologische Ursache der Erkrankung gibt es viele Theorien, aber keine eindeutigen Erkenntnisse
  • Mögliche Triggerfaktoren
    • Klimaeinflüsse: Wetterwechsel, Kälte
    • Genussmittel: Alkohol, Nikotin, Zitrusfrüchte, Milchprodukte, tyraminhaltige Lebensmittel (Schokolade, Rotwein)
    • Veränderungen des Schlaf-Wach-Rhythmus, Zeitverschiebungen
    • Nach einer anstrengenden, stressigen Zeit (sog. "Feiertagsmigräne")
    • Bei Frauen zusätzlich
  • Kopfschmerz [1]: Die pathophysiologische Grundlage ist bisher nicht eindeutig geklärt!
  • Begleitsymptomatik (Übelkeit, Erbrechen, Licht-/Geräuschempfindlichkeit): Herabsetzung endogener antinozizeptiver Hirnstammfunktionen
  • Aura: Langsame Ausbreitung einer Depolarisationswelle, meist beginnend am Okzipitalpol; Veränderung kortikaler neuronaler Aktivität („Cortical Spreading Depression“)
  • Prodromi: Stunden bis Tage vor Aura und Kopfschmerz treten limbisch/dienzephal vermittelte Symptome auf
  • Prodromi (fakultativ, etwa bei einem Drittel der Betroffenen)
    • Vorboten Stunden bis 2 Tage vor der Migräneattacke
      • Stimmungsveränderung
      • Heißhunger oder Appetitlosigkeit
      • Schwierigkeiten beim Schreiben und Lesen
      • Vermehrtes Gähnen
      • Polyurie
      • Polydipsie
  • Kopfschmerzen
    • Lokalisation: Ca. 60% einseitig (kann auch während eines Anfalls die Seite wechseln), insb. frontal, frontotemporal, retroorbital
    • Dauer: 4–72 Stunden
    • Verlauf: Langsam zunehmender Schmerz
    • Charakter: Pulsierend, bohrend, hämmernd
  • Begleitphänomene
    • Phonophobie
    • Photophobie
    • Appetitlosigkeit
    • Übelkeit
    • Erbrechen
    • Leichtes Augentränen
    • Geruchsüberempfindlichkeit
    • Verstärkung durch körperliche Tätigkeiten
  • Migräne mit Aura [2] (früher Migraine accompagnée)

Die Diagnose Migräne kann anhand diagnostischer Kriterien gestellt werden. Landläufig werden unter „Migräne“ jedoch häufig zahlreiche nicht ärztlich diagnostizierte Kopfschmerzformen subsumiert!

  • Aura ohne Kopfschmerz [1] [4] [5]
    • Klinik
    • Diagnostik:
      • Erschwerte Diagnosestellung aufgrund der fehlenden Kopfschmerzen
      • Differenzialdiagnostische Abklärung (z.B. TIA) besonders wichtig, insb. bei
        • Erstmaligem Auftreten der Aura bei Pat. >40 Jahre
        • Prolongierter oder sehr kurzer Aura
        • Ausschließlichen Negativsymptomen (z.B. Hemianopsie)
  • Migräne mit Hirnstammaura (früher: Migräne vom Basilaristyp) [5]
  • Ophthalmoplegische Migräne [5]
    • Epidemiologie: Meist Kinder betroffen
    • Klinik
      • Migränekopfschmerzen
      • Paresen eines oder mehrerer Nerven für die Okulomotorik (Hirnnerven III, IV, VI) → Doppelbilder
  • Vestibuläre Migräne [5]
    • Epidemiologie: Häufigste Ursache spontan rezidivierender Schwindelattacken im mittleren Lebensalter
    • Klinik: Schwindel im Sinne einer Bewegungsillusion der Umwelt als Migräneaura mit Zeichen einer peripher- oder zentral-vestibulären Störung
      • Vestibuläre Aurasymptome können den migränetypischen Kopfschmerzen vorausgehen oder als isolierte Migräneaura auftreten
    • Diagnostik: Diagnosestellung insb. über gründliche Anamnese, bei Erstmanifestation mit zentralen vestibulären Symptomen ist eine MRT-Bildgebung zum sicheren Ausschluss anderer zentraler Ursachen sinnvoll
    • Therapie
  • Hemiplegische Migräne: Hemiparesen oder Hemiplegien im Rahmen der Aura
  • Retinale Migräne: Reversible Attacken von Migränekopfschmerzen mit monokularen visuellen Phänomenen wie Flimmerskotomen oder Erblindung
  • Periodische Syndrome in der Kindheit (vermutlich Vorläufer einer Migräne im Erwachsenenalter): Zyklisches Erbrechen, abdominelle Schmerzen, Blässe, paroxysmaler Schwindel, Beschwerdefreiheit zwischen den Attacken

  • Klinische Diagnose der klassischen Migräne ohne Aura [5]: Anamnestisch mind. fünf Attacken, die folgende Kriterien erfüllen und nicht auf eine andere Erkrankung zurückzuführen sind
    • Dauer (ca. 4–72 Stunden)
    • Mind. zwei der folgenden Kriterien bzgl. der Kopfschmerzen werden erfüllt
      • Lokalisation (meistens einseitig)
      • Pulsierender Charakter
      • Mittlere bis starke Intensität
      • Verstärkung durch körperliche Tätigkeiten
    • Auftreten von mind. einem der folgenden Begleitsymptome
      • Übelkeit und/oder Erbrechen
      • Photophobie und Phonophobie
  • Diagnosekriterien weiterer Verlaufsformen der Migräne: In der IHS-Klassifikation [5] abgebildet (frei verfügbar)
  • Allgemeine Untersuchung beim Leitsymptom Kopfschmerz zum Ausschluss anderer Ursachen
  • Zusatzdiagnostik
    • MRT
      • Indikation
        • Erstmaliges Auftreten einer Migräne bei Patienten >40 Jahre
        • Sehr häufige Aurasymptomatik
        • Veränderung des Kopfschmerzcharakters
        • Bisher effektive Therapie nicht mehr wirksam
        • Außergewöhnliche Klinik (z.B. zum Ausschluss einer Subarachnoidalblutung)
        • Persistierende neurologische oder psychopathologische Auffälligkeiten
      • Mögliche Befunde: Sog. „White Matter Lesions“
    • VEP: I.d.R. Normalbefund im Intervall

Für das Notfallmanagement von Kopfschmerzen zunächst unklarer Ursache siehe: Kopfschmerzen - AMBOSS-SOP

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differentialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Allgemein

  • Patienten von äußeren Reizen (Licht, lauten Geräuschen usw.) abschirmen
  • Bettruhe

Medikamentöse Akuttherapie [6]

Eine möglichst frühe und hochdosierte Medikamenteneinnahme (mit anschließender, klinischer Befundkontrolle) ist häufig entscheidend für den Therapieerfolg

Migräne-Notfallmedikation

  • Chronische Migräne
    • Kopfschmerzen an ≥15 Tagen/Monat über ≥3 Monate, ohne dass ein Medikamentenübergebrauch besteht
    • Dabei an ≥8 Tagen/Monat typische Migränesymptomatik
  • Status migraenosus: Migräneattacke, die länger als 3 Tage anhält
  • Migränöser Infarkt: Persistierende Migräne mit Aurasymptomen in Kombination mit einem Infarktgeschehen (z.B. klinisch fokal-neurologische Ausfälle)
    • Diagnosekriterien und Klinik
      • Persistenz der Aura über mind. 60 Minuten
      • Nachweis eines Infarktgeschehens (in einem relevanten Hirnareal) in der Bildgebung (mittels MRT oder CCT)
      • Der ischämische Infarkt ist nicht auf eine andere Erkrankung zurückzuführen
  • Persistierende Aura ohne Hirninfarkt: Dauer der Aurasymptome >1 Woche, aber kein morphologisches Korrelat für einen Hirninfarkt in der Bildgebung
  • Zerebraler Krampfanfall: Getriggert durch eine Migräneattacke

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

Nichtmedikamentös [6]

  • Lebensstiländerung (Vermeidung von Stress)
  • Ausdauersport (3×/Woche Schwimmen, Fahrradfahren, Joggen)
  • Muskelrelaxation nach Jacobson
  • Biofeedback-Training
  • Akupunktur
  • Neuraltherapie, bspw. okzipitale Nervenblockade (in Ausnahmefällen)

Medikamentös [6]

Schwangerschaft und Stillzeit[6]

Kinder und Jugendliche[6]

  • One-Minute Telegram (aus unserer englischsprachigen Redaktion)

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Migräne – Update aus der Forschung (März 2021)

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In Kooperation mit Meditricks bieten wir dir Videos zum Einprägen relevanter Fakten an. Die Inhalte sind vielfach auf AMBOSS abgestimmt oder ergänzend. Viele Meditricks gibt es in Lang- und Kurzfassung zur schnelleren Wiederholung. Eine Übersicht über alle Videos findest du in dem Kapitel Meditricks.

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  • G43.-: Migräne
    • Soll bei Arzneimittelinduktion die Substanz angegeben werden, ist eine zusätzliche Schlüsselnummer (Kapitel XX) zu benutzen.
    • Exkl.: Kopfschmerz o.n.A. (R51)
    • G43.0: Migräne ohne Aura [Gewöhnliche Migräne]
    • G43.1: Migräne mit Aura [Klassische Migräne]
      • Migräne:
        • Äquivalente
        • Aura ohne Kopfschmerz
        • basilär
        • familiär-hemiplegisch
        • mit:
          • akut einsetzender Aura
          • prolongierter Aura
          • typischer Aura
    • G43.2: Status migraenosus
    • G43.3: Komplizierte Migräne
    • G43.8: Sonstige Migräne
    • G43.9: Migräne, nicht näher bezeichnet

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2021, DIMDI.

  1. S1-Leitlinie Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne. Stand: 31. Januar 2018. Abgerufen am: 29. Juni 2018.
  2. Müller: Migräne-Antikörper nur alle drei Monate - EU-Zulassung von Fremanezumab In: DAZ.online. 2019, .
  3. Müller: Erster Migräne-Antikörper im deutschen Markt In: Deutsche Apotheker Zeitung. 2018, .
  4. Amundsen et al.: Pharmacological treatment of migraine during pregnancy and breastfeeding In: Nature Reviews Neurology. 2015, doi: 10.1038/nrneurol.2015.29 . | Open in Read by QxMD .
  5. S2k-Leitlinie Behandlung der Migräne und idiopathischer Kopfschmerzsyndrome in der Schwangerschaft und Stillzeit. Stand: 1. März 2009. Abgerufen am: 20. September 2018.
  6. Sumatriptan Embryotox. . Abgerufen am: 20. Februar 2019.
  7. Diener et al.: Therapie und Verlauf neurologischer Erkrankungen. 7. Auflage Kohlhammer 2017, ISBN: 978-3-170-31612-6 .
  8. Göbel: Migräne. Springer 2012, ISBN: 978-3-642-25558-8 .
  9. Sachsenweger et al.: Duale Reihe Augenheilkunde. Thieme 2002, ISBN: 978-3-131-28312-2 .
  10. Göbel: Die Kopfschmerzen. 3. Auflage Springer 2012, ISBN: 978-3-642-20694-8 .
  11. International Headache Society (IHS): The International Classification of Headache Disorders, 3rd edition In: Cephalalgia. Band: 38, Nummer: 1, 2018, doi: 10.1177/0333102417738202 . | Open in Read by QxMD p. 1-211.
  12. Mumenthaler, Mattle: Neurologie. 12. Auflage Thieme 2008, ISBN: 978-3-133-80012-9 .