• Klinik

Meilensteine der kindlichen Entwicklung und Kindervorsorgeuntersuchungen

Abstract

Das Verinnerlichen von Grundzügen der kindlichen Entwicklung ist für die Durchführung von Kindervorsorgeuntersuchungen essentiell. Die regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen dienen der Beurteilung des körperlichen und geistigen Zustandes des Kindes, um Krankheiten früh diagnostizieren zu können. Dabei kann ein Fehlen oder Bestehenbleiben von Neugeborenenreflexen für eine zerebrale Schädigung sprechen.

Kindervorsorgeuntersuchungen

Untersuchung

Empfohlener/Optimaler Zeitraum

Tolerierter Zeitraum der Krankenkassen Untersuchungsinhalte
U1

Neugeborenes bzw. Säugling

Am ersten Lebenstag sofort nach der Entbindung
U2 3.–10. Lebenstag 3.–14. Lebenstag
U3 4.–5. Lebenswoche 3.–8. Lebenswoche
U4 3.–4. Lebensmonat 2.–4½. Lebensmonat
U5 6.–7. Lebensmonat 5.–8. Lebensmonat
U6 10.–12. Lebensmonat 9.–14. Lebensmonat
U7 Kleinkind 21.–24. Lebensmonat (2. Geburtstag) 20.–27. Lebensmonat
U7a

34.–36. Lebensmonat (3. Geburtstag)

33.–38. Lebensmonat
U8 46.–48. Lebensmonat (4. Geburtstag) 43.–50. Lebensmonat
U9

60.–64. Lebensmonat (5. Geburtstag)

58.–66. Lebensmonat
U10 Schulkind 7.–8. Lebensjahr Keine Kassenleistung*
  • Erkennen von Störungen, die häufig nach Schuleintritt auffallen
    • Lese- und Rechtschreibschwäche
    • Verhaltensauffälligkeit (z.B. ADHS)
U11 9.–10. Lebensjahr Keine Kassenleistung*
  • Schulleistungsstörungen?
  • Verhaltensauffälligkeiten?
  • Gesundheitschädigendes Verhalten (Sucht, Stress, Medienkonsum, Mangel an Bewegung)?
  • Mund-, Kiefer- und Zahnfehlbildungen
J1 Adoleszenz 12.–14. Lebensjahr
  • Impfstatus
  • Blutuntersuchung
  • Harnuntersuchung
  • Anhalt für chronische Krankheiten?
  • Schulische Entwicklung
  • Stand der Pubertät (Gespräch über Sexualität und Verhütung)
  • Gesundheitsverhalten? (Gespräch über Drogen, Rauchen, Alkohol, Adipositas/Magersucht)
J2 16.–17. Lebensjahr Keine Kassenleistung*
  • Pubertäts- und Sexualstörung?
  • Haltungsstörungen?
  • Diabetesvorsorge
  • Struma?
  • Gespräch über Gesundheitsverhalten, Berufswahl, Familie
*Vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte seit 2006 empfohlen, aber noch keine Kassenleistung
  • Bei jeder Vorsorgeuntersuchung werden Körpergröße, -gewicht und Kopfumfang gemessen und mit altersspezifischen Perzentilen verglichen
    • Perzentile: Prozentangaben, mit denen ein Messwert in Bezug auf den Wert der Altersgenossen angegeben wird
    • Beispiel: Liegt ein Kind mit seinem Geburtsgewicht auf der 75. Perzentile, bedeutet das, dass 75% aller Kinder leichter und 25% schwerer sind

Neugeborenen- und Säuglingsreflexe

Reflex Auslösung Beginn des Reflexes Verschwinden des Reflexes

Moro-Reflex (Umklammerungsreflex)

Wenn das Kind überraschend in Rückenlage zurückgeneigt wird, breitet es die Arme aus, spreizt die Finger und öffnet den Mund. Anschließend führt es die Arme wieder zusammen und ballt die Hände zur Faust Geburt 4. Lebensmonat
Saugreflex Berührung der Lippen/perioralen Region führt zur Saugreaktion Geburt Max. bis zum 6. Lebensmonat
Schreitreaktion/Schreitreflex Der Säugling wird in aufrechter Position gehalten. Berühren die Füße die Oberfläche, führt dies zu einer reflektorischen Schreitbewegung. Geburt 3. Lebensmonat
Palmarer Greifreflex Berührung der Handinnenfläche führt zum Handschluss Geburt 3.–4. Lebensmonat
Plantarer Greifreflex Berührung der Fußinnenfläche führt zu Zehenbeugung Geburt 8.–15. Lebensmonat
Babinski-Reflex Bestreichen der lateralen Fußsohle führt zu Dorsalextension der Großzehe mit Beugen und Spreizen der Kleinzehen Geburt 12. Lebensmonat
Galant-Reflex Paravertebraler Reiz der Haut führt zu einer konkaven Bewegung der Wirbelsäule in Richtung des Stimulus Geburt 6. Lebensmonat
Asymmetrisch-tonischer Nackenreflex Durch passive Drehung des Kopfes in Rückenlage strecken sich die Extremitäten ipsilateral; kontralateral kommt es zur Beugung (sogenannte Fechterstellung) Geburt 6. Lebensmonat
Symmetrisch-tonischer Nackenreflex Beugung des Kopfes (in Rückenlage) führt zur Beugung der Arme und Streckung der Beine; umgekehrte Reaktion bei Streckung des Kopfes Geburt 6. Lebensmonat
Landau-Reflex Das Kind wird bei Umgreifen des Thorax und Bauches in Bauchschwebelage gehalten. Der Säugling streckt die Beine und hebt den Kopf 4. Lebensmonat 18. Lebensmonat
Sprungbereitschaft Kind wird bei Umgreifen des Thorax und Bauches nach vorne gekippt. Reflektorisch werden die Arme zur Abstützung gestreckt 5. Lebensmonat bleibt

Meilensteine der Entwicklung

Alter

Motorik

Das Kind kann …

Sprachentwicklung

Das Kind kann …

Sozialverhalten

Das Kind kann …

Neugeborenes
  • Kopf drehen, aber nicht kontrollieren
  • Seufzen
  • Schreien
  • Spontan lächeln
1 Monat
  • Gegenstände fixieren
  • Licht oder Gesichter fixieren
2 Monate
  • Kopf anheben in Bauchlage
  • Reaktive Laute bilden
  • Zurücklächeln (soziales Lächeln; ab 6 Wochen)
3 Monate
  • Kopf kontrollieren
  • Sich in Bauchlage auf die Unterarme stützen
  • Hände betrachten
  • Spontan vokalisieren
  • Sich Stimmen zuwenden
6 Monate
  • Gegenstände greifen und reichen
  • Sich in Bauchlage auf die Hände stützen
  • Sich aus Rückenlage auf die Seite drehen
  • Sitzen (hingesetzt) für kurze Zeit
  • Vokalisiert antworten
  • Plaudern
  • Laut lachen
9 Monate
  • Sich hinsetzen und frei sitzen
  • Sich zum Stehen hochziehen
  • Mit Unterstützung stehen
  • Kriechen
  • Scherengriff
  • Sprachlaute imitieren (5–9 Monate)
  • Fremdeln
12 Monate
  • Frei stehen
  • Pinzettengriff
  • „Mama“, „Papa“ sagen (9–12 Monate)
15 Monate
  • Frei laufen
  • Aus dem Glas trinken
  • Selbstständig essen
  • Passiver Wortschatz: 100–150 Wörter (12–18 Monate)
  • Aktiver Wortschatz: 20–30 Wörter (12–18 Monate)
  • Einwortsätze (12–18 Monate)
2 Jahre
  • Sicher laufen und Hindernisse umgehen
  • Kritzeln
  • Aktiver und passiver Wortschatz 50–200 Wörter (16–20 Monate)
  • „Wortschatzspurt“ (ab 18 Monaten)
  • Zwei- und Dreiwortsätze (18–24 Monate)
  • Händewaschen
  • „Nein!“ sagen
  • Um Hilfe bitten
  • Bilderbuch ansehen
3 Jahre
  • Dreirad fahren
  • Turm aus Klötzen bauen
  • Flasche auf- und zudrehen
  • Vor- und Nachnamen sagen
  • Singular und Plural richtig verwenden
  • Geschichten verstehen
  • Mit anderen Kindern spielen
  • Sich mit Hilfe anziehen
  • Tagsüber trocken sein, nachts teilweise
4 Jahre
  • Treppenlaufen
  • Erwachsenengriff
  • Selbst von Erlebnissen erzählen
  • Hinterfragen („Warum?“)
5 Jahre
  • Auf einem Bein hüpfen
  • Nahezu fehlerfrei sprechen
  • Sich selbstständig anziehen

Denver Entwicklungsskalen (Denver Developmental Screening Test)

  • Definition: Standardisierter Suchtest zur Früherkennung von Entwicklungsverzögerungen mit 105 Aufgaben. Der Test kann vom Kinderarzt im Rahmen von Kindervorsorgeuntersuchungen durchgeführt werden (orientierender Einblick in die kindliche Entwicklung)
  • Durchführung: Jederzeit zwischen dem 1. Lebensmonat und dem 6. Lebensjahr
  • Überprüfte Fähigkeiten
    • Grobmotorik: Kopf heben, sitzen, stehen, gehen, auf einem Bein stehen
    • Feinmotorik: Beweglichem Objekt mit den Augen folgen, Gegenstände greifen, Turm aus Klötzen bauen
    • Sprache: Sprachlaute imitieren, „Mama“, „Papa“ sagen, Bild benennen
    • Sozialer Kontakt: Lächeln, fremdeln, sich selbstständig an- und ausziehen

Milch- und Wechselgebiss

Ernährung des Neugeborenen und Säuglings

  • Stillen (Muttermilch)
    • Empfohlene Ernährung des Säuglings im ersten Lebensjahr
    • Deckt in den ersten 4–6 Monaten den kompletten Nährstoffbedarf des Säuglings ab (mit Ausnahme von Vitamin K und D ) → In der Regel keine zusätzliche Nahrung oder Flüssigkeit notwendig
    • Milchbildung: Saugreflex führt zur Ausschüttung von Prolaktin (→ Milchproduktion) und Oxytocin (→ Milchfluss/Milchejektion)
    • Immunologisch wirksam (antiinfektiös, antiinflammatorisch, enthält Immunglobulin A)
    • Fördert Mutter-Kind-Beziehung
  • Säuglingsnahrung
    • Industriell hergestellte Nahrung als Muttermilchersatz ist erforderlich, wenn Säuglinge nicht gestillt werden können bzw. eine Gewichtszunahme des Säuglings nicht zu beobachten ist
    • Enthalten als Proteinquelle Kuhmilch
  • Beikost
    • Lebensmittelergänzung zur Muttermilch oder dem Muttermilchersatz, um den steigenden Energie- und Nährstoffbedarf des Kindes abzudecken
    • Empfohlener Beginn: Etwa zwischen 4. und 6. Lebensmonat (Anfangs mit Gemüse-Kartoffel-Fleischbrei)