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Medikamenten-induzierter Kopfschmerz

Abstract

Der Medikamenten-induzierte Kopfschmerz (auch medication-overuse headache, MOH) ist eine sekundäre Kopfschmerzform, bei der vorbestehende primäre Kopfschmerzen chronifizieren, weil die Patienten zu häufig Schmerzmittel einnehmen. Entgegen der Erwartung der Betroffenen verbessert sich die Symptomatik durch die eingenommenen Schmerzmittel nicht, sondern verschlechtert sich sogar, woraufhin wiederum weitere Schmerzmittel eingenommen werden. Am häufigsten sind Patienten mit Migräne und Spannungskopfschmerz betroffen. Die Symptomatik ähnelt in der Regel jener der Grunderkrankung, wobei die Beschwerden häufiger auftreten. Die Therapie besteht im Wesentlichen darin, die Medikamente zu pausieren und anschließend die zugrunde liegenden Kopfschmerzen leitliniengerecht zu behandeln. Es ist essentiell für Ärzte und Pharmazeuten, sich dieser unerwünschten Arzneimittelwirkung bei Kopfschmerzpatienten bewusst zu sein.

Epidemiologie

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Ätiologie

  • Übergebrauch von Analgetika
    • Pathophysiologische Hintergründe unzureichend verstanden
    • Alle Schmerzmittel, die gegen primäre Kopfschmerzerkrankungen (insb. Migräne, Spannungskopfschmerz) eingesetzt werden, können zu Medikamenten-induziertem Kopfschmerz führen
    • Risiko insb. bei Triptanen, Opioiden und Kombinationsanalgetika erhöht
  • Weitere Risikofaktoren
    • Weibliches Geschlecht
    • Niedriger sozioökonomischer Status
    • Psychiatrische Komorbiditäten
    • Metabolisches Syndrom
    • Körperliche Inaktivität
    • Rauchen

Bei regelmäßiger Schmerzmitteleinnahme aus anderen Gründen als einer primären Kopfschmerzerkrankung kommt es nicht zu einem Medikamenten-induzierten Kopfschmerz! [1]

Symptome/Klinik

  • Symptomatik ähnelt der des primären Kopfschmerzes
    • Bei Migräne
      • Migräne-ähnliche Symptomatik mit einseitigen, pulsierenden Schmerzen und Symptomen wie Photophobie, Übelkeit, Erbrechen
      • Frequenz des Auftretens erhöht
      • Begleitsymptomatik kann durch eingenommene Schmerzmittel teilweise unterdrückt werden und so Diagnostik erschweren
    • Bei Spannungskopfschmerz
      • Häufig beidseitige, dumpf drückende Schmerzen
      • Frequenz des Auftretens erhöht

Diagnostik

Klinisch-neurologische Diagnostik

Diagnosekriterien des Medikamenten-induzierten Kopfschmerzes gemäß International Classification of Headache Disorders (ICHD-3)

  • Alle Kriterien müssen zutreffen
Kriterien Beschreibung
A
  • Kopfschmerzen an ≥15 Tagen pro Monat
  • Vorbestehende Kopfschmerzerkrankung
B
C
  • Nicht besser durch eine andere Diagnose aus der Klassifikation begründbar
  • In der Klassifikation bestehen für jede Substanz im Hinblick auf die Einnahmedauer abweichende Kriterien, die hier unter B redaktionell zusammengefasst worden sind
  • Die auslösende(n) Substanz(en) sollte(n) jeweils in der Diagnose angegeben werden
  • Nicht mehr Bestandteil der o.g. Diagnosekriterien ist die Besserung der Symptomatik (Abklingen, Rückkehr zur ursprünglichen Kopfschmerzsymptomatik) zwei Monate nach Medikamentenpause!

Therapie

Medikamenten-induzierter Kopfschmerz - Therapieansätze

Patientenschulung und Analgetikareduktion

  • Indikation
    • Übergebrauch von NSAID u.ä., Triptanen
    • und fehlende psychiatrische Komorbiditäten
  • Ziel: Reduktion der Einnahmetage unter 10 bzw. 15 Tage
  • Durchführung
    • Patientenedukation zu Krankheitsbild, Umgang mit Medikation und nicht-medikamentösen Therapieverfahren
    • Patient reduziert Bedarfsmedikation selbst

Medikamentöse Migräneprophylaxe

  • Indikation
    • Vorliegen eines Medikamenten-induzierten Kopfschmerzes bei chronischer Migräne
    • Scheitern der Analgetikareduktion (vorheriger Schritt) nach 2–3 Monaten
  • Ziel: Etablierung einer medikamentösen Migräneprophylaxe, Besserung der Symptomatik und Reduktion der Einnahmetage von Bedarfsanalgetika unter 10 bzw. 15 Tage
  • Durchführung
    • Optionen für die Prophylaxe
      • Topiramat p.o. (Erwachsene)
      • OnabotulinumtoxinA per injectionem an verschiedene Stellen von Stirn, Schläfe, Nacken und Schulter
    • Patientenedukation zu Krankheitsbild, Umgang mit Medikation und nicht-medikamentösen Therapieverfahren
    • Bei anhaltendem Medikamentenübergebrauch (>3 Monate): Medikamentenpause („Entzug“)

Medikamentenpause („Entzug“)

  • Indikationen
  • Ziel: Besserung der Symptomatik, Reduktion der Einnahmetage unter 10 bzw. 15 Tage
  • Durchführung
    • Ambulant, in Tagesklinik oder stationär je nach Komorbiditäten, Ausprägung der Symptomatik und persönlichen Umständen des Betroffenen
    • Absetzen von Nicht-Opioid-Analgetika, Triptanen und Ergotamin
    • Ausschleichen von Opioid-Analgetika, Benzodiazepinen oder Barbituraten
    • Häufig passagere Symptomverschlechterung (einige Tage)
    • Mit Beginn Medikamentenpause: Einleitung der prophylaktischen medikamentösen Therapie des primären Kopfschmerzes
    • Patientenedukation zum Umgang mit Medikation und zu nicht-medikamentösen Maßnahmen

Prognose

  • Rezidivquote: 25–35%

Prävention

  • Leitliniengerechte prophylaktische Behandlung von Migräne und Spannungskopfschmerzen
  • Führen eines Kopfschmerztagebuches
  • Regelmäßige Vorstellung von Risikopatienten in der Praxis zur Therapieoptimierung und Patientenschulung
  • Schulung ärztlichen und pharmazeutischen Personals über Konsequenzen exzessiven Analgetikakonsums bei Kopfschmerzerkrankungen

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2018

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2018, DIMDI.