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Kindliche Femurfraktur

Letzte Aktualisierung: 4.8.2022

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Die Femurfraktur ist eine eher seltene Verletzung im Kindesalter, die typischerweise nach einem Verkehrsunfall oder einem Sturz bei Sport- bzw. Freizeitaktivitäten auftritt. Nach Lokalisation werden proximale, Schaft- und distale Frakturen unterschieden, wobei Schaftfrakturen am häufigsten sind. Klinisch kommt es v.a. zu allgemeinen Frakturzeichen wie lokalem (Druck‑)Schmerz, Hämatom oder Schwellung und einer Gangunfähigkeit. Die Diagnose ist i.d.R. verlässlich anhand von Anamnese und körperlicher Untersuchung sowie konventionellen Röntgenaufnahmen zu stellen.

Die Therapie wird maßgeblich vom Alter des verletzten Kindes und der Lokalisation der Fraktur beeinflusst. Besonders Kleinkinder bis zu 3 Jahren werden häufig konservativ behandelt. Bei älteren Kindern bzw. bei offenen oder dislozierten Frakturen ist dagegen fast immer eine operative Versorgung notwendig. Zu den möglichen Komplikationen zählen neben der avaskulären Hüftkopfnekrose im Kindesalter v.a. Wachstumsstörungen der distalen Wachstumsfuge sowie bleibende Bewegungs- und Funktionseinschränkungen.

Epidemiologie der kindlichen Femurfraktur [1]
Fraktur Inzidenz Geschlechterverhältnis
0–4 Jahre 5–9 Jahre 10–14 Jahre 15–19 Jahre
Proximale Femurfraktur 2 2 5 4 >
Femurschaftfraktur 25 12 8 16
Distale Femurfraktur 3 3 6 7

Eine Femurfraktur kommt bei Kindern insg. selten vor, die Schaftfraktur ist dabei die häufigste Form!

Die Inzidenz kindlicher Femurfrakturen hat zwischen den Jahren 2002 und 2017 deutlich abgenommen, das Geschlechterverhältnis gleicht sich zunehmend an!

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Insb. bei Kindern, die noch nicht gehen können, ist eine Kindesmisshandlung als Ursache auszuschließen! [6]

AO-Klassifikation [7]

Epiphysäre Fraktur

AO-Klassifikation der proximalen epiphysären Femurfraktur im Kindesalter (Regio 31-E/)
Frakturtyp Komplexität
1 – Epiphysiolyse
2 – Epiphysiolyse mit metaphysärem Keil
7 – Avulsionsfraktur
8 – Intraartikuläre Flake-Fraktur

Metaphysäre Fraktur (Schenkelhalsfraktur)

AO-Klassifikation der proximalen metaphysären Femurfraktur im Kindesalter (Regio 31-M/)
Frakturtyp Frakturlage Grad Komplexität
2 – Inkomplette Fraktur Transzervikal I
Basozervikal II
Pertrochantär III
3 – Komplette Fraktur Transzervikal I
Basozervikal II
Pertrochantär III
7 – Avulsionsfraktur

Klassifikation nach Delbet [8]

Klassifikation nach Delbet
Frakturtyp Lokalisation Risiko einer posttraumatischen avaskulären Hüftkopfnekrose
I Transepiphysär 38%
II Transzervikal 28%
III Basozervikal 18%
IV Pertrochantär 5%

AO-Klassifikation [7]

AO-Klassifikation der kindlichen diaphysären Femurfraktur (Regio 32-D/)
Frakturtyp Komplexität
4 – Transverse Fraktur
5 – Schräg- oder Spiralfraktur

AO-Klassifikation [7]

Metaphysäre Fraktur

AO-Klassifikation der distalen metaphysären Femurfraktur im Kindesalter (Regio 33-M/)
Frakturtyp Komplexität
2 – Inkomplette Fraktur
3 – Komplette Fraktur
7 – Avulsionsfraktur

Epiphysäre Fraktur

AO-Klassifikation der distalen epiphysären Femurfraktur im Kindesalter (Regio 33-E/)
Frakturtyp Komplexität
1 – Epiphysiolyse
2 – Epiphysiolyse mit metaphysärem Keil
3 – Epiphysäre Fraktur
4 – Epi-/metaphysäre Fraktur
8 – Intraartikuläre Flake-Fraktur
  • Allgemeine Frakturzeichen, bspw.
    • Lokaler (Druck‑)Schmerz
    • Hämatom, Schwellung
    • Sichtbare Fehlstellung
    • Bewegungseinschränkung
    • Schonhaltung in Beugestellung
  • Motorische und/oder sensible Ausfälle
  • Durchblutungsstörungen

Viele Wirkstoffe zur Analgesie bzw. Analgosedierung (bspw. Fentanyl, Esketamin oder Midazolam) können über einen speziellen Zerstäuber auch intranasal verabreicht werden! Dem Kind kann so der Stress einer Venenpunktion zunächst erspart bleiben!

Durch die Ruhigstellung des Oberschenkels sollten keine weiteren Schmerzen zugefügt werden! Eine Bewegung des Hüftgelenkes sollte vermieden werden!

Anamnese und körperliche Untersuchung [4]

Bildgebende Diagnostik

Konventionelle Röntgenaufnahme

Bei eindeutiger OP-Indikation kann präoperativ auf die zweite Ebene verzichtet werden!

Weitere Verfahren [19][20][21]

Weitere bildgebende Diagnostik bei kindlichen Femurfrakturen
Verfahren Typische Indikationen Mögliche Befunde
CT
MRT
  • Durchblutung des Hüftkopfes
  • Fugenverletzung
  • Weichteilschaden
  • (Undislozierte) Fraktur
Sonografie
  • Frakturausschluss bei unklarem radiologischen Befund
  • Nachweis einer Epiphysenlösung (Salter-Harris-I-Verletzung) bei Neugeborenen und Babys
  • Epiphysiolyse
  • Gelenkerguss
  • Ligamentäre Verletzung

Die Therapie der kindlichen Femurfraktur ist abhängig von der Lokalisation, dem Dislokationsgrad sowie dem Lebensalter.

Für die gemeinsame initiale Versorgung siehe:

Für das weitere therapeutische Vorgehen in Abhängigkeit von der Lokalisation siehe:

Konservative Therapie

Operative Therapie

  • Indikation
  • Vorgehen
  • Verlaufskontrolle: Konventionelle Röntgenaufnahme
    • Tag 0: Intraoperative Abschlusskontrolle
    • Tag 28–35: Kallusbildung, Belastungsfreigabe
    • Vor Implantatentfernung
  • Nachbehandlung
    • Belastung und Mobilisierung individuell abhängig von Alter des Kindes, Frakturtyp und Art der Osteosynthese!
    • Belastungsaufbau bei Kallusbildung nach ca. 5–6 Wochen
    • Physiotherapie zum Belastungsaufbau sinnvoll
    • Bei transepiphysärer Fraktur: Becken-Bein-Gips postoperativ [24]
    • Bei Schrauben-/Plattenosteosynthese
      • Postoperative Lagerung in einer Schiene oder auf einem Kissen
      • Passive Bewegung für 1–2 Wochen
      • Entlastung an Unterarmgehstützen für ältere Kinder
      • Implantatentfernung nach 4–6 Monaten
    • Bei intramedullärer Nagelung

Konservative Therapie

  • Indikation
  • Vorgehen
  • Verlaufskontrolle: Konventionelle Röntgenaufnahme
    • Tag 0: Nach Becken-Bein-Gips Anlage
    • Tag 3: Nach Extensionsverband
    • Tag 14–21: Konsolidierung und Freigabe
  • Nachbehandlung: Eigenmobilisation nach erfolgter Ruhigstellung

Unabhängig vom Dislokationsgrad heilen fast alle Femurschaftfrakturen bei Neugeborenen konservativ aus!

Operative Therapie

  • Indikation
    • Alter: Kinder >3 Lebensjahr
    • Überschreiten der altersspezifischen Korrekturgrenzen
Akzeptable Fehlstellung am Femurschaft [25]
Fehlstellung im 1. Lebensjahr ≤3. Lebensjahr ≤10. Lebensjahr >10 Jahre
Varus/Valgus (°) 30/20 25/15 10/10 5/5
Ante-/Rekurvation (°) 20/15 20/10 15/10 5/5
Verkürzung (cm) 2 2 1 1
  • Vorgehen
    • Offene Reposition und Plattenosteosynthese
    • Geschlossene oder offene Reposition und Anlage eines Fixateur externe
    • Geschlossene Reposition und intramedulläre Nagelung (ESIN oder lateraler Adoleszentennagel)
  • Verlaufskontrolle: Konventionelle Röntgenaufnahme
    • Tag 0: Intraoperative Abschlusskontrolle
    • Tag 28: Kallusüberbrückung/Konsolidierung
    • Tag 56: Sportfreigabe
    • Vor Implantatentfernung
  • Nachbehandlung
    • Bei intramedullärer Nagelung (ESIN)
      • Primär übungsstabil: Mobilisierung an Unterarmgehstützen
      • Sohlenkontakt bis zur überbrückenden Kallusbildung (ca. 4 Wochen)
      • Gangschule
      • Implantatentfernung nach 6 Monaten
    • Bei Fixateur externe
      • Primär belastungsstabil
      • Abhängig von Weichteilschaden und Verletzungsbild
      • Entfernung bei Kallusbildung nach 6–8 Wochen
    • Nachkontrollen: Regelmäßige posttraumatische klinische Kontrollen

Femurschaftfrakturen werden ab dem 3. Lebensjahr fast immer operativ versorgt!

Konservative Therapie

Operative Therapie

Ein hoher postoperativer Schmerzmittelbedarf kann auf das Vorliegen einer Ischämie oder eines Kompartmentsyndroms hinweisen!

Allgemeine Komplikationen

Postoperative Komplikationen

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2022, DIMDI.

  1. Gonser et al.: Substantial decrease in paediatric lower extremity fracture rates in German hospitals in 2017 compared with 2002: an epidemiological study In: BMC Musculoskeletal Disorders. Band: 21, Nummer: 1, 2020, doi: 10.1186/s12891-020-03393-0 . | Open in Read by QxMD .
  2. Von Laer et al.: Frakturen und Luxationen im Wachstumsalter. 7. Auflage Thieme 2020, ISBN: 978-3-132-41756-4 .
  3. Dial, Lark: Pediatric proximal femur fractures In: Journal of Orthopaedics. Band: 15, Nummer: 2, 2018, doi: 10.1016/j.jor.2018.03.039 . | Open in Read by QxMD p. 529-535.
  4. S2e-Leitlinie Proximale Femurfrakturen des Kindes. Stand: 25. Oktober 2021. Abgerufen am: 20. Mai 2022.
  5. Loder et al.: Epidemiology and Mechanisms of Femur Fractures in Children In: Journal of Pediatric Orthopaedics. Band: 26, Nummer: 5, 2006, doi: 10.1097/01.bpo.0000230335.19029.ab . | Open in Read by QxMD p. 561-566.
  6. Kertai: Behandlung der Femurschaftfraktur im Wachstumsalter In: Trauma und Berufskrankheit. Band: 20, Nummer: S1, 2017, doi: 10.1007/s10039-017-0269-3 . | Open in Read by QxMD p. 1-5.
  7. Slongo et al.: Fracture and dislocation classification compendium for children: the AO pediatric comprehensive classification of long bone fractures (PCCF). In: Journal of orthopaedic trauma. Band: 21, Nummer: 10 Suppl, doi: 10.1097/00005131-200711101-00020 . | Open in Read by QxMD p. S135-60.
  8. Brousil, Hunter: Femoral fractures in children In: Current Opinion in Pediatrics. Band: 25, Nummer: 1, 2013, doi: 10.1097/mop.0b013e32835c20e0 . | Open in Read by QxMD p. 52-57.
  9. Schmittenbecher: Dia- und metaphysäre Femurfrakturen im Kindesalter In: Der Chirurg. Band: 92, Nummer: 5, 2021, doi: 10.1007/s00104-020-01342-0 . | Open in Read by QxMD p. 485-496.
  10. Duffy et al.: The clinical features, management options and complications of paediatric femoral fractures In: European Journal of Orthopaedic Surgery & Traumatology. Band: 31, Nummer: 5, 2021, doi: 10.1007/s00590-021-02933-1 . | Open in Read by QxMD p. 883-892.
  11. Sepúlveda et al.: Distal femoral fractures in children In: EFORT Open Reviews. Band: 7, Nummer: 4, 2022, doi: 10.1530/eor-21-0110 . | Open in Read by QxMD p. 264-273.
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  13. Piccolo et al.: Pediatric musculoskeletal injuries: role of ultrasound and magnetic resonance imaging In: MUSCULOSKELETAL SURGERY. Band: 101, Nummer: S1, 2017, doi: 10.1007/s12306-017-0452-5 . | Open in Read by QxMD p. 85-102.
  14. Patterson et al.: Management of Pediatric Femoral Neck Fracture In: Journal of the American Academy of Orthopaedic Surgeons. Band: 26, Nummer: 12, 2018, doi: 10.5435/jaaos-d-16-00362 . | Open in Read by QxMD p. 411-419.
  15. Lark et al.: Complications After Pediatric Hip Fractures In: Journal of the American Academy of Orthopaedic Surgeons. Band: 28, Nummer: 1, 2020, doi: 10.5435/jaaos-d-17-00689 . | Open in Read by QxMD p. 10-19.
  16. Marzi: Kindertraumatologie. Springer 2006, ISBN: 978-3-798-51623-6 .
  17. Kastrup et al.: SOPs in Anästhesiologie und Schmerztherapie. Georg Thieme Verlag 2013, ISBN: 978-3-131-69441-6 .
  18. Fachinformation - Cefuroxim. . Abgerufen am: 27. Januar 2022.
  19. S3-Leitlinie Prophylaxe der venösen Thromboembolie (VTE). Stand: 15. Oktober 2015. Abgerufen am: 6. November 2017.
  20. Georgeades et al.: Venous thromboembolism prophylaxis after pediatric trauma In: Pediatric Surgery International. Band: 37, Nummer: 6, 2021, doi: 10.1007/s00383-020-04855-1 . | Open in Read by QxMD p. 679-694.
  21. Fachinformation - Nurofen Junior Fiebersaft Orange 2%. . Abgerufen am: 9. März 2022.
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  24. Fachinformation - ben-u-ron 75mg Zäpfchen. . Abgerufen am: 9. März 2022.
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  27. Fachinformation - Dipidolor. . Abgerufen am: 10. März 2022.
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  29. Dietz, Schlickewei: Femurschaftfrakturen im Kindesalter In: Der Unfallchirurg. Band: 114, Nummer: 5, 2011, doi: 10.1007/s00113-011-1970-5 . | Open in Read by QxMD p. 382-387.
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