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Kindesmisshandlung

Abstract

Kindesmisshandlung bezeichnet eine bewusst oder unbewusst gewaltsame und nicht-zufällige Schädigung des Kindeswohls. Vereinfacht kann zwischen psychischer, körperlicher und sexueller Misshandlung unterschieden werden, wobei diese drei Formen bei tatsächlichem Missbrauch i.d.R. nicht voneinander zu trennen sind. Aus rechtsmedizinischer Sicht ist die Differenzierung zwischen unfallbedingten Verletzungen und Misshandlungen wichtig. In dieser Übersicht werden die Charakteristika von Verletzungen und Verbrühungen vereinfacht dargestellt, um ein Grundverständnis für die Unterscheidungsmerkmale zu gewinnen.

Überblick

  • Psychische Misshandlungen: Psychische Misshandlungen sind schwer nachzuweisen, häufig liegen nur unspezifische Zeichen (z.B. Vernachlässigung) und schwer zurückzuverfolgende Spätschäden vor.
    • Vernachlässigung: Wachstumsverzögerung , Pflegezustand und Kleidung geben Hinweise
  • Körperliche Misshandlungen (Battered Child Syndrom)
Verletzungen Verdächtig Unverdächtig
Lokalisation
Muster
  • Gleichmäßigkeit
  • Multiple Verletzungen verschiedenen Alters und Lokalisation
  • Ungleichmäßigkeit
  • Stockschlag: Durch den Schlag mit einem Stock/Stange wird das Blut am Ort der Gewalteinwirkung nach außen gedrängt, was zu charakteristischen Doppelstriemen mit blassem Mittelsaum führt.
  • Brandwunden: Folgende Aspekte sind verdächtig:
  • Shaken-Baby-Syndrom (Schütteltrauma)
  • Sexuelle Übergriffe: Sehr verdächtig für einen sexuellen Übergriff bei Kindern sind Verletzungen im Genital-, Anal- und Oralbereich, Schwangerschaft sowie Geschlechtskrankheiten.
  • Münchhausen-by-proxy-Syndrom

Shaken-Baby-Syndrom (Schütteltrauma)

  • Kurzbeschreibung: Trauma des Kopfes mit Abriss der Brückenvenen und Hirnschädigung durch erhebliche Rotations- und Scherkräfte
  • Befunde
    • Häufig: Äußerlich keine oder nur kaum sichtbare Verletzungen
    • Auge: Ausgeprägte Netzhautblutungen bei einem Kind sprechen sehr deutlich für eine Kindesmisshandlung
    • Gehirn
      • Diffuse axonale Schädigung
        • Unmittelbare neurologische Ausfälle nach dem „Schütteln“
        • Langfristig: Seh-, Hör- und Sprachausfälle und massive neurologische Beeinträchtigungen
        • Hohe Letalität und entscheidende Todesursache
      • Ruptur intrakranieller Gefäße: Der Abriss der Brückenvenen führt meistens zu einem Subduralhämatom , aber auch zu subarachonoidalen und ausgeprägten retinalen Blutungen
        • Lokalisation: Unterschiedlich, vor allem aber interhemisphärisch
      • Shaken-Impact-Syndrom: Zusätzliches Werfen des Kindes auf eine harte Oberfläche mit traumatischer Schädigung des Schädels im Rahmen eines Shaken-Baby-Syndroms.

25% aller Kinder, die einem Schütteltrauma ausgesetzt wurden, versterben!

Verbrühungen

Grundsätzlich sprechen gleichmäßige Verbrennungen/Verbrühungen für Misshandlungen.

Misshandlung (Eintauchen des Kindes) Unfallbedingt
Begrenzungen
  • Klare Begrenzungslinien zur gesunden Haut
  • Symmetrien
  • Keine klaren Begrenzungen
  • Keine Symmetrien

Verbrühungstiefe

  • An allen Stellen ähnlich
  • Unterschiedlich
Abrinnspuren
  • Keine Abrinnspuren beim Eintauchen einzelner Körperteile
  • Typische Abrinnspuren in Vertiefungen, z.B. pfeilartige im Thoraxbereich

Extremitäten

  • Immersionsverbrühungen: Verbrühung (strumpfförmig) des gesamten Fuß/der gesamten Hand durch Eintauchen der Extremität
  • Ungleichmäßige Verbrühungen
  • Gesprenkelte Verbrühungen

Bei Verbrühungen kommt es charakteristischerweise nicht zu Veränderungen an den Haaren und Wimpern! Gekräuselte, rotbraun-gefärbte Haare und Wimpern sprechen für eine direkte Flammeneinwirkung!

Inobhutnahme von Kindern und Jugendlichen (§ 42, Sozialgesetzbuch VIII)

Nach § 42 des Sozialgesetzbuches VIII ist das Jugendamt berechtigt und verpflichtet, ein Kind oder einen Jugendlichen in seine Obhut zu nehmen, wenn:

  • das Kind oder der Jugendliche um Obhut bittet
  • eine dringende Gefahr für das Wohl des Kindes oder des Jugendlichen die Inobhutnahme erfordert und
    • die Personensorgeberechtigten nicht widersprechen oder
    • eine familiengerichtliche Entscheidung nicht rechtzeitig eingeholt werden kann
  • ein ausländisches Kind oder ein ausländischer Jugendlicher unbegleitet nach Deutschland kommt und sich weder Personensorge- noch Erziehungsberechtigte im Inland aufhalten.

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2018

  • T74.-: Missbrauch von Personen
    • Kodiere zunächst die akute Verletzung, falls möglich.
    • T74.0: Vernachlässigen oder Imstichlassen
    • T74.1: Körperlicher Missbrauch
      • Ehegattenmisshandlung o.n.A.
      • Kindesmisshandlung o.n.A.
    • T74.2: Sexueller Missbrauch
    • T74.3: Psychischer Missbrauch
    • T74.8: Sonstige Formen des Missbrauchs von Personen
      • Mischformen
    • T74.9: Missbrauch von Personen, nicht näher bezeichnet
      • Schäden durch Missbrauch:
        • eines Erwachsenen o.n.A.
        • eines Kindes o.n.A.

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2018, DIMDI.