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Kardiovaskuläre Risikoabschätzung

Abstract

Degenerative kardiovaskuläre Erkrankungen machen einen erheblichen Teil der globalen Gesamtmortalität aus und haben eine breite gemeinsame pathogenetische Basis. Obwohl die Bedeutung einzelner Faktoren je nach Erkrankung (und auch von Patient zu Patient) variiert, so stellen genetische Dispositionen, ungünstige Ernährungsweisen, mangelndes körperliches Training und Tabakkonsum zentrale Risikofaktoren für fast alle diese Erkrankungen dar.

Die Abschätzung des individuellen kardiovaskulären Gesamtrisikos ist dementsprechend von zentraler Bedeutung bei der Prävention und Behandlung kardiovaskulärer Erkrankungen. Es existiert eine Vielzahl verschiedener Verfahren – die Auswahl des geeignetsten Verfahrens richtet sich dabei individuell nach dem Patienten und der konkreten klinischen Situation, wobei in Europa die Verwendung des Systemic Coronary Risk Estimation (SCORE) empfohlen wird.

Hintergrund

Kardiovaskuläre Erkrankungen

  • Definition: Alle Erkrankungen des Herzens oder der Gefäße, insb. degenerativer Genese
  • Bedeutung: Haupttodesursache in Deutschland und weltweit
  • Ätiologie: Meistens Atherosklerose

Wichtigste Erkrankungen

Die meisten kardiovaskulären Erkrankungen sind Folge einer Atherosklerose und gleichen sich daher in vielen Präventions- und Therapiemaßnahmen.

Grundsätzliche Überlegungen

  • Gemeinsame Pathogenese: Risikofaktoren, Therapie- und Präventionsmaßnahmen gleichen sich
  • Akutbehandlung: Zeitnahe Wiederherstellung einer ausreichenden Perfusion
  • Langfristiges Management: Beseitigung von Risikofaktoren

Scores zur Abschätzung des kardiovaskulären Risikos

Prinzip

  • Ziele
    • Identifikation von Personen mit erhöhtem Risiko, kardiovaskuläre Krankheiten zu entwickeln
    • Risikoadaptierte Prävention und Therapie
  • Erstellung: Basieren auf großen epidemiologischen Studien
  • Übersicht verschiedener Scores
    • SCORE: Von der European Society of Cardiology empfohlen
    • PROCAM
      • Basiert auf der PROCAM-Studie
      • Validiert für deutsche Bevölkerung
    • Framingham
      • Basiert auf der Framingham-Studie
      • Validiert insb. für die US-amerikanische Bevölkerung
    • Reynolds-Risk-Score
      • Gut geeignet für Einschätzung des kardiovaskulären Gesamtrisikos
      • Gute Differenzierung einzelner Erkrankungen
      • Aktuell nicht sehr verbreitet

Systemic Coronary Risk Estimation (SCORE) [1]

Die aktuellen ESC-/DGK-Leitlinien zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen empfehlen die Anwendung des SCORE zur kardiovaskulären Risikoabschätzung.

  • Ziel: Abschätzung des individuellen 10-Jahres-Risikos, an den Folgen einer kardiovaskulären Erkrankung zu sterben
  • Prinzip: Vorberechnete Risikogruppen unter Einbeziehung mehrerer Faktoren
  • Zu beachten:
    • Vortestwahrscheinlichkeit: Keine Anwendung bei sehr hoher Vortestwahrscheinlichkeit für kardiovaskuläre Erkrankungen
    • Geographische Risikogruppen
      • Für Deutschland ist hier normalerweise der Chart für „Länder mit niedrigem Risiko“ maßgeblich
      • Die geographische Differenzierung zwischen Ländern mit niedrigem und mit hohem/sehr hohem Risiko hat keinen Einfluss auf die Einschlusskriterien, d.h. SCORE kann auch bei Patienten angewandt werden, die in einem (Hoch‑)Risikoland leben oder aus einem solchen stammen
  • Vorgehen
    1. Auswahl des Charts (nach Land)
    2. Auswahl der Reihe (nach Altersgruppe)
    3. Auswahl der relevanten Seite (nach Geschlecht)
    4. Auswahl des relevanten Blocks (nach Tabakkonsum)
    5. Ermittlung des passenden Einzelkästchens mit dem individuellen Risiko (Zahl entspricht Prozentwert) anhand des systolischen arteriellen Blutdrucks und des Gesamtcholesterinspiegels
    6. Modifikation der Risikoabschätzung (optional)
      • Prinzip
        • Erhöhung der prognostischen Aussagekraft durch Einbeziehung zusätzlicher Faktoren → Ggf. Neubewertung des Risikos
        • I.d.R. nur sinnvoll, wenn der zuvor ermittelte Wert nahe an einer Grenze liegt, deren Überschreiten eine therapeutische Konsequenz hätte
      • Potentielle Faktoren
  • Download der Charts: Siehe [2] oder unter Tipps & Links
  • HeartScore: SCORE ist auch in einer digitalisierten, interaktiven Version verfügbar – diese heißt „HeartScore“ und kann nach Anmeldung kostenfrei genutzt bzw. heruntergeladen werden, siehe [3]

Diese digitalisierte Version des SCORE darf nicht mit dem fast gleichnamigen Verfahren „HEART-Score“ verwechselt werden. Der „HEART-Score“ ist zur Risikostratifikation von Patienten mit Myokardinfarkt im akuten Setting gedacht, er wird in Deutschland klinisch aber kaum genutzt! [4]

PROCAM-Score [5]

Die Angaben beziehen sich auf den „PROCAM-Gesundheitstest“.

  • Ziel: Abschätzung des 10-Jahres-Risikos für das Auftreten eines Herzinfarkts
  • Berücksichtigte Faktoren
  • Gilt für Patienten von 20 bis inkl. 75 Jahren
  • Rechner: Siehe [6] oder unter Tipps & Links

Framingham-Scores [7][8]

  • Abschätzung des 10-Jahres-Risikos für das Auftreten von kardiovaskulären Ereignissen
  • Berücksichtige Faktoren
    • Geschlecht
    • Alter
    • Nikotinstatus
    • Derzeit laufende antihypertensive Therapie
    • Gesamtcholesterinspiegel
    • HDL-Spiegel
    • Systolischer arterieller Blutdruck
  • Gilt für Patienten von 30 bis inkl. 74 Jahren
  • Details inkl. Rechner: Siehe [9] oder unter Tipps & Links

Reynolds-Risk-Score [10][11][12]

  • Abschätzung des 10-Jahres-Risikos für das Auftreten von schweren kardiovaskulären Ereignissen (bspw. Myokardinfarkt oder ischämischer Schlaganfall)
  • Berücksichtige Faktoren
  • Scheint den Framingham-basierten Verfahren überlegen, derzeit aber noch keine große Verbreitung in der Praxis
  • Details inkl. Rechner: Siehe [10] oder unter Tipps & Links

Aktuelle ESC-/DGK-Leitlinien zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen empfehlen die Nutzung des SCORE!

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