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Ischämischer Schlaganfall (Zerebrale Ischämie…)

Abstract

Beim Großteil aller Schlaganfälle handelt es sich um ischämische Schlaganfälle (Hirninfarkte). Bei diesen kommt es zu einer akuten zerebralen Durchblutungsstörung (z.B. durch Stenosen) im arteriellen Stromgebiet. Leitsymptome sind eine neu aufgetretene Hemiparese, Sprach- und Sehstörungen, wobei abhängig vom Ort der Läsion unterschiedlichste Beeinträchtigungen möglich sind. Charakteristisch ist zudem das plötzliche Einsetzen der Symptome. Wichtigstes diagnostisches Verfahren ist die kraniale CT, um eine ursächliche Blutung auszuschließen. Anschließend ist beim ischämischen Schlaganfall die schnellstmögliche Rekanalisation zur Rettung des Gebietes relativer Ischämie anzustreben („Time is brain!“).

Die ebenfalls zu den Schlaganfällen zählende intrazerebrale Blutung und Subarachnoidalblutung werden in separaten Kapiteln behandelt.

Zum thrombotischen Verschluss venöser Hirngefäße bzw. der Hirnsinus siehe: Zerebrale Sinus- und Venenthrombose

Formen des Schlaganfalls

Es werden verschiedene Formen des Schlaganfalls unterschieden. Inhalt dieses Kapitels ist nur der ischämische Schlaganfall, andere Formen werden in separaten Kapiteln behandelt.

Epidemiologie

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Ätiologie

Ursachen

Kardiale Embolien

Atherosklerose

Durch die Pathomechanismen der Atherosklerose werden die hirnversorgenden Arterien geschädigt. Mögliche Folgen sind:

  • Makroangiopathie
    • Konsequenz: Arterioarterielle Embolie (z.B. an der Karotisgabel) , seltener hämodynamische Infarkte
  • Mikroangiopathie
    • Konsequenz: Lakunäre Ischämien

Dissektion eines hirnversorgenden Gefäßes

Weitere Ursachen [2]

Kryptogene Schlaganfälle [4][5][6]

  • Häufigkeit: Bei ca. 20–25% aller ischämischen Schlaganfälle bleibt die Ursache unklar
  • ESUS (Embolic Stroke of Undetermined Source): Forschungskonzept, das embolische Mechanismen als Ursache kryptogener Schlaganfälle vermutet, wenn das Infarktmuster zu einer embolischen Ursache passt
    • Kriterien [3][2]
      • Embolisches Infarktmuster (Nachweis durch CT oder MRT)
      • Ausschluss einer Makroangiopathie der hirnversorgenden Arterien (durch Doppler-Sonographie)
      • Ausschluss einer proximalen Emboliequelle bzw. von Vorhofflimmern (durch TTE/TEE und LZ-EKG)
      • Ausschluss weiterer Schlaganfallursachen, bspw. Vaskulitis, Dissektion oder intravenöser Drogenabusus
    • Therapie: Sekundärprophylaxe mit ASS, alternativ Clopidogrel [4][7]

Risikofaktoren für den ischämischen Schlaganfall [8][2]

Die wichtigsten Risikofaktoren für den ischämischen Schlaganfall sind die arterielle Hypertonie und das Vorhofflimmern!

Klassifikation

Infarkttypen nach Verlauf [9]

Eine TIA geht mit einem hohen Risiko für einen späteren ischämischen Schlaganfall einher – Diagnostik und Sekundärprophylaxe entsprechen der des ischämischen Schlaganfalls!

Infarkttypen nach Morphologie [2]

  • Territorialinfarkt
    • Oft großes, keilförmiges Infarktareal mit kortikaler und subkortikaler Ausdehnung
    • Ätiologie: Meist embolischer Verschluss oder Arteriosklerose einer größeren Arterie
  • Hämodynamisch-bedingte Infarkte
    • Ätiologie
      • Unzureichende Perfusion in Kapillargebieten durch einen Blutdruckabfall oder ein vermindertes Herzzeitvolumen
      • Grundlage ist meist eine schon bestehende regional eingeschränkte Perfusion (bspw. durch arteriosklerotische Gefäßverengung)
      • Durch die hämodynamische Verschlechterung (bspw. Blutdruckabfall oder Herzkreislaufstillstand nach Reanimation) kommt es zur kritischen Minderperfusion mit Gewebsuntergang
    • Subtypen
      • Endstrominfarkt: Infarkt in einem nicht durch Kollateralen versorgten Endstromgebiet einer Arterie, immer subkortikal, als „Ischämie der letzten Wiese“
      • Grenzzoneninfarkt: Infarkt an der Grenze von zwei arteriellen Stromgebieten, häufig fronto-parietal oder parieto-okzipital
  • Lakunäre Infarkte

Symptome/Klinik

Allgemeine Überlegungen

  • Leitsymptom des Schlaganfalls: Akutes fokal-neurologisches Defizit, d.h.
    • Neurologische Defizite, die sich einem bestimmten arteriellen Versorgungsgebiet zuordnen lassen
      • Klassisch: Hemiparese, Hemihypästhesie, Sprach- und Sehstörungen (z.B. verwaschene Artikulation, Wortfindungsstörungen oder plötzlich aufgetretene Hemianopsie)
      • Aber: Auch unspezifische Symptome möglich
    • Plötzlicher Beginn (innerhalb von Sekunden)

Jedes plötzlich aufgetretene neurologische Defizit ist verdächtig auf einen Schlaganfall und muss als Notfall behandelt werden!

Klinik nach betroffenem Gefäß

Hirninfarkte im Karotisstromgebiet (vordere Zirkulation)

Hirninfarkte im vertebrobasilären Stromgebiet (hintere Zirkulation) [2][14]

Allgemein

Vertebralis-Stromgebiet

Klassische Symptome von Infarkten im vertebrobasilären Stromgebiet sind die „4 D“: Dysarthrie, Dysphagie, Diplopie, Dizziness (engl. für Schwindel)! [15]

Basilaris-Stromgebiet [2][16][17][18]

Basilarisinfarkte können wegen ihrer stotternden und teils unspezifischen Symptomatik (insb. Schwindel) an andere Ursachen erinnern und werden initial häufig übersehen! [17]

Klinik nach betroffenem Hirngebiet

Kortikale Areale

Subkortikale Areale

Kleinhirninfarkte

Hirnstamminfarkte

  • Ursache: Verlegung von bspw. Aa. cerebelli oder A. basilaris
  • Klinik allgemein: Schwindel, Dysarthrie, Blickparese, Ataxie, Dysphagie, Singultus, Hemi- oder Tetraparese
  • Weitere Informationen siehe auch: Hirnstammsyndrome

Lakunäre Infarkte [2][15]

Multiinfarktsyndrome

Dissektionssyndrome

Diagnostik

Anamnese und körperliche Untersuchung [3]

Schnellstmöglich muss bei V.a. auf Schlaganfall die (CT‑)Bildgebung erfolgen! Anamnese und Untersuchung sollten bei Patienten, die potentiell im Thrombolyse- oder Thrombektomiezeitfenster sind, nicht länger als 5 Minuten dauern! [20]

Labordiagnostik bei Schlaganfall [3]

Bildgebung bei Schlaganfall

Bei V.a. einen Schlaganfall muss für die anschließende Therapie herausgefunden werden, ob es sich um ein ischämisches oder um ein hämorrhagisches Ereignis handelt. Diese Unterscheidung ist am besten mit einem cCT möglich. Auch wenn sich ein ischämischer Infarkt erst nach einigen Stunden demarkiert, ist eine frische Blutung sofort zu identifizieren.

Die Bildgebung dient insb. dem Ausschluss einer intrazerebralen Blutung als Ursache der Defizite! Zeigt sich keine Blutung, wird von einer frischen Ischämie ausgegangen – und die entsprechende Notfalltherapie eingeleitet!

Die cCT ist die wichtigste Untersuchung bei V.a. Schlaganfall und sollte innerhalb von 25 Minuten nach Eintreffen des Patienten begonnen werden! [21]

CT-Diagnostik[3]

Nativ-cCT

  • Indikation: Alle Patienten mit akutem V.a. Schlaganfall
  • Ziele
    • Ausschluss einer Hirnblutung
    • Ggf. Nachweis ischämischer Frühzeichen
    • Ggf. Abschätzung des Infarktkerns bei Mediainfarkt: Quantifizierung mithilfe des ASPECT-Score
    • Ggf. Nachweis subakuter/älterer Hirninfarkte
Befunde des ischämischen Schlaganfalls im Nativ-cCT

Zeit nach Symptombeginn

Typische Darstellung
2–6 Stunden

Ggf. Frühzeichen wie

12–24 Stunden

Zunehmende Demarkierung

  • Hypodensität im Infarktgebiet
  • Ggf. Ödembildung (insb. bei großen Infarkten) mit Kompression von Umgebungsstrukturen
Tag 10–18

Fogging-Phase

  • Passagere Nicht-Sichtbarkeit des Infarkts
Ab 3. Woche

Definitive Demarkierung

  • Bleibende Hypodensität im Infarktareal (liquorisodense Infarktnarbe)
  • Befunde einer intrazerebralen Blutung im Nativ-cCT
    • Darstellung im cCT: Nachweis der Blutung → Hyperdense Darstellung von frischem Blut (früher sichtbar als ischämischer Schlaganfall)
      • Akute Blutung: Hyperdense Raumforderung
      • Hyperakute Blutung: Hypodense Raumforderung (vor Eintreten der Blutkoagulation)

Erweiterte (kontrastmittelgestützte) CT-Diagnostik [3]

  • CT-Angiographie
    • Indikation
      • V.a. proximalen Gefäßverschluss, der potentiell einer mechanischen Thrombektomie zugänglich wäre
      • Immer bei V.a. Basilaristhrombose
    • Alternativ: MRA oder transkranielle Duplexsonographie (wenn ohne Zeitverzögerung möglich!)
  • Perfusions-CT
    • Indikation
      • Patientenselektion für mechanische Thrombektomie
      • Zum Ausschluss weiterer Differentialdiagnosen bei unklarer Klinik (sog. „Stroke Mimics“)
    • Zusatznutzen
      • Direkter Nachweis von Perfusionsstörungen schon in der Akutphase
      • Einschätzung des Verhältnisses zwischen bereits infarziertem Gewebe und Penumbra
    • Alternative: Einschätzung der Penumbra durch Perfusions-Diffusions-Mismatch im MRT

cMRT [3]

  • Indikation
    • In Akutsituation
      • Bei unklarem Zeitfenster (insb. bei Wake-up Strokes) oder Symptombeginn >4,5 h als Grundlage für eine revaskularisierende Therapie
      • Ggf. bei V.a. Infarkt im vertebrobasilären Stromgebiet
    • Im Verlauf
      • Zum Ausschluss von Differentialdiagnosen bei unklarer Klinik (sog. „Stroke Mimics“)
      • Zur Darstellung des Infarktmusters
  • Zusatznutzen
    • Frühere Darstellung von Infarktgewebe (DWI-MRT)
    • Einschätzung des Risikogewebes (Penumbra) durch Mismatch-Bildgebung möglich
    • Hohe Sensitivität auch bei kleinen und infratentoriellen Läsionen
  • Sequenzen der „Schlaganfall-MRT [22]
    • FLAIR („Fluid-Attenuated Inversion Recovery“): MRT-Sequenz, bei der durch einen zusätzlichen Impuls das Signal von Wasser unterdrückt wird, sodass andere Gewebe besser zur Darstellung kommen
    • Diffusions-MRT (= DWI-MRT, „Diffusion Weighted Imaging“) : Stellt das Areal des Gehirns dar, in dem die Diffusion eingeschränkt ist (also den „Infarkt-Kern“) → In diesem Areal sind bereits alle Zellen irreversibel geschädigt
    • Perfusions-MRT (= PWI-MRT, „Perfusion Weighted Imaging“): Stellt das Areal des Gehirns dar, in dem die Durchblutung eingeschränkt ist → In diesem Gebiet sind die Nervenzellen zum Teil bereits irreversibel, zum Teil aber auch noch reversibel geschädigt
    • Blutungssensitive Sequenz (Meist T2*−gewichtete Gradientenechosequenz)
    • MR-Angiographie: Stellt das Gefäßsystem dar und kann extra- und intrakranielle Gefäßstenosen zeigen
  • Darstellung von Infarktarealen in der MRT

DWI-FLAIR-Mismatch [3][23][24]

  • Ziel: Zeitliche Einordnung ischämischer Läsionen bei unklarem Zeitfenster (insb. bei Wake-up Strokes)
  • Auswertung
    • Mismatch besteht, wenn sich in DWI-Messung Infarktareal zeigt, aber in FLAIR-Sequenz nicht („FLAIR-negativ“)
    • Da sich ein Infarktareal in der FLAIR-Sequenz erst nach ca. 4,5 h demarkiert, kann bei Mismatch auf ein frisches Geschehen geschlossen werden → Eine Thrombolysetherapie ist dann noch möglich

Perfusions-Diffusions-Mismatch (PWI-DWI-Mismatch, „Penumbra Imaging“) [25][21]

  • Ziel: Abschätzung der Penumbra
  • Auswertung
    • Die Diskrepanz (= Mismatch) von Perfusions- und Diffusions-MRT entspricht in etwa der Penumbra
    • Je größer das Mismatch, desto mehr Gewebe könnte prinzipiell durch eine Thrombolysetherapie bzw. mechanische Thrombektomie gerettet werden

Weitere Diagnostik [3]

Übersicht klinisch wichtiger Skalen und Scores

ABCD2-Score [13]

  • Ziel
  • Durchführung/Auswertung
    • Vergabe von 1 oder 2 Punkten bei Vorhandensein prognostisch ungünstiger Patientencharakteristika
    • Aufsummieren der einzelnen Punktwerte
    • 0–7 Punkte erreichbar
    • Je höher die Punktzahl, desto höher das Schlaganfallrisiko
      • 0–3 Punkte: Niedriges Risiko (Zwei-Tages-Risiko 1%)
      • 4–5 Punkte: (Zwei-Tages-Risiko 4%)
      • 6–7 Punkte: Hohes Risiko (Zwei-Tages-Risiko 8%)
Kriterium Punktzahl
A Alter: Patientenalter ≥60 Jahre?
  • Nein: 0
  • Ja: 1
B Blutdruck: Blutdruck in Akutsituation ≥140/90 mmHg?
  • Nein: 0
  • Ja: 1
C

Clinical Features: Symptome des Patienten?

  • Andere Symptome: 0
  • Verwaschene Sprache ohne Schwäche: 1
  • Halbseitige Schwäche: 2
D

Dauer: Dauer der Symptome?

  • 10–59 Minuten: 1
  • ≥60 Minuten: 2
D Diabetes: Patient mit Diabetes mellitus?
  • Nein: 0
  • Ja: 1

ASPECTS (Alberta Stroke Program Early CT Score) [26]

  • Ziel
    • Abschätzen der Prognose von Patienten mit Mediainfarkt anhand früher CT-Veränderungen
    • Unterstützung bei Entscheidung zur mechanischen Thrombektomie [3][27][28][29][30][31][32]
    Durchführung/Auswertung
    • Das Media-Stromgebiet wird CT-morphologisch in 3 subkortikale (Nucleus Caudatus, Nucleus lentiformis und Capsula interna) und 7 kortikale Bereiche (Insellappen und M1–M6) aufgeteilt
    • Für jedes Gebiet mit Infarktfrühzeichen wird 1 Punkt vom Ausgangsscore 10 abgezogen
    • 0–10 Punkte erreichbar
    • Je niedriger die Punktzahl, desto schlechter die Prognose (schlechteres Outcome und höheres Risiko intrazerebraler Blutungen)

GUSS (Gugging Swallowing Screen) [33]

  • Ziel
    • Standardisiertes Dysphagie-Screening von Schlaganfallpatienten
    • Anwendung insb. in Akutphase zur Pneumonieprophylaxe
  • Durchführung/Auswertung
    • Indirekter Schluckversuch (Voruntersuchung): Beurteilung von Vigilanzniveau, Hustenstoß und Schluckakt mit trockenem Schluckversuch (Speichelschlucken)
    • Direkter Schluckversuch (wenn Schluckakt in Voruntersuchung erfolgreich): Direkter Schluckversuch mit Getränk bzw. Essen
    • Beobachtung, ob Anzeichen einer Aspiration auftreten (bspw. Husten, Heiserkeit oder Drooling)
    • 0–20 Punkte erreichbar
    • Je niedriger die Punktzahl, desto schwerer ist die Dysphagie
    • Je nach GUSS-Score Verordnung von angepasster Dysphagie-Kost

NIHSS (National Institutes of Health Stroke Scale)

  • Ziel: Standardisierte und zeitsparende Beurteilung der Schwere neurologischer Defizite beim Schlaganfall
    • Anwendung bspw im Rahmen von
      • Akutphase (Objektivierung der Defizite, insb. durch regelmäßige Testung auf der Stroke Unit)
      • Verlaufsbeurteilung
      • Prognostischer Abschätzung
      • Klinischen Studien
  • Durchführung/Auswertung
    • Testung verschiedener neurologischer Funktionsbereiche anhand von 13 Items (7–9 Min.)
    • Abgestufte Punktevergabe je nach Ausführung
    • Aufsummieren der einzelnen Punktwerte
    • 0–42 Punkte erreichbar
    • Je höher die Punktzahl, desto schwerer die Defizite
    • Sonderfälle beachten: Besondere Punktevergabe in vielen Situation, bspw. bei vorbestehenden Defiziten, Koma-Patienten oder Sprachbarriere
    • Hilfestellungen zur Durchführung: Internetbasierte Kursangebote der National Stroke Association (kostenlos) (Siehe: Tipps & Links)
NIHSS: Tabellarische Übersicht
Funktionsbereiche/Items Abstufung
1A: Vigilanz

Vigilanz testen

  • 0: Wach
  • 1: Benommen
  • 2: Stuporös
  • 3: Komatös
1B: Orientierung

Frage nach Monat und Alter

  • 0: Beide Fragen richtig beantwortet
  • 1: Eine Frage richtig beantwortet
  • 2: Keine Frage richtig beantwortet
1C: Befolgung von Aufforderungen

Aufforderung, die Augen und die Faust zu schließen

  • 0: Führt beide Aufforderungen richtig aus
  • 1: Führt nur eine der Aufforderungen richtig aus
  • 2: Führt keine der Aufforderungen richtig aus
2: Blickparese

Aufforderung, dem Finger des Untersuchers zu folgen (Finger wird horizontal durch das Blickfeld geführt)

  • 0: Normal
  • 1: Partielle Blickparese
  • 2: Komplette Blickparese oder forcierte Blickdeviation
3: Gesichtsfeld

Grobe Gesichtsfeld-Perimetrie

  • 0: Keine Einschränkung
  • 1: Partielle einseitige Hemianopsie
  • 2: Komplette einseitige Hemianopsie
  • 3: Blindheit oder komplette beidseitige Hemianopsie
4: Faziale Parese

Mimik prüfen (rechts und links getrennt testen, Punktwerte addieren!)

  • 0: Normal und symmetrische Motorik
  • 1: Geringe Parese
  • 2: Partielle Parese
  • 3: Vollständige Parese
5 A+B: Armparese

Aufforderung, den Arm anzuheben (rechts und links getrennt testen, Punktwerte addieren!)

  • 0: Kein Absinken
  • 1: Leichtes Absinken des Arms
  • 2: Absinken auf Bett
  • 3: Kein Anheben gegen Schwerkraft möglich
  • 4: Vollständige Armparese
6 A+B: Beinparese

Aufforderung, das Bein anzuheben (rechts und links getrennt testen, Punktwerte addieren!)

  • 0: Kein Absinken
  • 1: Absinken
  • 2: Absinken auf Bett
  • 3: Kein Anheben gegen Schwerkraft möglich
  • 4: Vollständige Beinparese
7: Extremitätenataxie

Aufforderung zum Finger-Nase-Versuch und Knie-Hacke-Versuch

  • 0: Keine Ataxie
  • 1: Ataxie einer Extremität
  • 2: Ataxie beider Extremitäten
8: Hemihypästhesie

Testen von Berührungsempfinden und Schmerz an beiden Körperhälften

  • 0: Keine Hypästhesie
  • 1: Leichte Hypästhesie
  • 2: Schwere Hypästhesie
9: Aphasie

Sprache beobachten, ggf. Gegenstände benennen lassen

10: Dysarthrie

Sprache beobachten, ggf. Wortliste lesen lassen

  • 0: Keine Dysarthrie
  • 1: Leichte Dysarthrie
  • 2: Schwer Dysarthrie/stumm
11: Neglect

Auslöschungs- und Vernachlässigungsphänomene prüfen

mRS (modified Rankin Scale) [34][35]

  • Ziel: Grobe Einschätzung des Behinderungsgrades nach Schlaganfall
  • Durchführung/Auswertung
    • Zuordnung eines Punktwertes von 0–6, je nach Behinderungsgrad
    • Je höher der Punktwert, desto schwerer die Beeinträchtigung
  • Anwendungsbereiche: Insb. zur Verlaufsbeurteilung oder für Outcome-Studien
mRS: Tabellarische Übersicht

Punktwert

Behinderungsgrad Klinik
0 Keine Behinderung, keine Symptomatik
  • Überhaupt keine Symptome
1

Keine signifikante Behinderung trotz Symptomatik

  • Kann sich eigenständig versorgen
2 Leichte Behinderung
  • Braucht in einzelnen Bereichen wenig Hilfe
  • Fast selbstständige Versorgung
3 Mäßige Behinderung
  • Braucht Hilfe in mehreren Bereichen
  • Weitgehend selbstständige Versorgung
  • Gehen noch ohne Hilfe
4 Schwere Behinderung
  • Braucht Hilfe bei Aktivitäten des tägl. Lebens
  • Keine selbstständige Versorgung möglich
  • Gehen nur mit Hilfe
5 Sehr schwere Behinderung
  • Ständige Hilfe und Überwachung notwendig
  • Bettlägerigkeit
  • Inkontinenz
6 Tod

TICI (Thrombolysis In Cerebral Infarction Scale) [36] [37]

  • Ziel: Standardisierte Erfassung des Behandlungserfolges nach Rekanalisierung
  • Durchführung/Auswertung: Einstufung der Perfusion des zuvor verschlossenen Gefäßes anhand von angiographischer Bildgebung
TICI: Tabellarische Übersicht
Grad Perfusion nach Rekanalisation
0 Keine
1 Fluss distal des Verschlusses vorhanden, aber mit inkompletter Füllung
2 a Antegrader Fluss und <50% Perfusion des Territoriums
b Antegrader Fluss und >50% Perfusion des Territoriums
c Antegrader Fluss mit fast kompletter Perfusion des Territoriums, aber langsamem Fluss oder kleinen Embolien
3 Komplette Perfusion aller distalen Äste
  • Interpretation: TICI 2b/3 oder höher entspricht erfolgreicher Rekanalisation

Weitere

Pathologie

  • Verlauf und Histologie
    • Initiale Nekrose und Demarkation (0–5 Tage) mit ödematöser Erweichung und Auflockerung; sichtbare Abgrenzung zu vitalem Gewebe
    • Resorptionsphase (ab 5. Tag) mit kleinzystischem Zerfließen; Einwanderung von Makrophagen mit lipidgefüllten Vakuolen im Zytoplasma
    • Organisationsphase (ab 1.–8. Woche) mit Kapillarproliferation, Ausbildung eines zystischen Parenchymdefektes, reaktive Gliose im Randbereich

Elektive Parenchymnekrose

  • Bedeutung: Hypoxiebedingter, selektiver Untergang von einzelnen Nervenzellen bei erhaltenem umliegenden Gewebe
  • Vorkommen: Hypoxische/ischämische Schädigung des Hirns mit anschließender Reperfusion (inkomplette Ischämie) z.B. durch passageren Herzkreislaufstillstand; Epilepsie (Ammonshornsklerose)
  • Histologie
    • Gliazellen und Gefäße bleiben erhalten; Deckung des Defekts durch Astrogliavermehrung
    • Laminäre oder pseudolaminäre Schichtung möglich
    • Makroskopisches Abblassen der geschädigten Schichten durch verminderte Anfärbbarkeit

Therapie

Allgemeine Überlegungen zum klinischen Management von Schlaganfall und TIA

Die wichtigsten Ziele sind:

Präklinisches Management beim ischämischen Schlaganfall

Keine Gabe gerinnungsaktiver Substanzen!

Vorgehen in der Notaufnahme

Schnellstmöglich muss bei V.a. auf Schlaganfall die (CT‑)Bildgebung erfolgen! Anamnese und Untersuchung sollten bei Patienten, die potentiell im Thrombolyse- oder Thrombektomiezeitfenster sind, nicht länger als 5 Minuten dauern! [20]

Alle prinzipiell für eine Thrombolysetherapie infrage kommenden Patienten sollten mit dem zuständigen Fach- bzw. Oberarzt besprochen werden!

Akuttherapie im Krankenhaus

Bei Eintreffen des Patienten mit V.a. Schlaganfall/TIA im Krankenhaus steht nach Diagnosesicherung und Blutungsausschluss im cCT oder MRT die Entscheidung an, ob eine rekanalisierende Therapie möglich ist.

Rekanalisierende Therapie des ischämischen Schlaganfalls

Thrombolysetherapie [21]