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Insomnien und Parasomnien

Abstract

Zu den häufigsten Schlafstörungen gehören Insomnien und Parasomnien. Gemäß der International Classification of Sleep Disorders (ICSD) versteht man unter Insomnien Ein- und/oder Durchschlafstörungen oder nicht erholsamen Nachtschlaf mit daraus folgender Tagesmüdigkeit und Beeinträchtigung von Alltagsaktivitäten. Insomnien gelten als die häufigsten Schlafstörungen. Sie können Folge organischer oder psychischer Erkrankungen oder eines Substanzabusus sein, aber auch als eigenständiges Krankheitsbild auftreten. Während nach ICSD noch eine weitere Unterteilung erfolgt, gehören letztere nach ICD-10 zu den „nichtorganischen Insomnien“ (F51.0), um die es in diesem Kapitel gehen soll. Neben einer schlafmedizinischen Beratung kommen psychotherapeutische Behandlungsansätze und im Einzelfall schlafinduzierende Medikamente zum Einsatz.

Parasomnien hingegen sind unerwünschte Ereignisse, die beim Einschlafen, während des Schlafens oder beim Aufwachen entstehen. Sie können sowohl im REM-Schlaf als auch im NREM-Schlaf auftreten. Die häufigsten NREM-Parasomnien sind Somnambulismus (Schlafwandeln) und Pavor nocturnus (Nachtschreck). Die Ereignisse treten typischerweise während des ersten Drittels des Nachtschlafes auf und sind i.d.R. selbstlimitierend und nicht behandlungsbedürftig. Allerdings ist auf gute Schlafhygiene und beim Schlafwandeln zusätzlich auf eine sichere Schlafumgebung zu achten. Von den REM-Schlaf-Parasomnien haben Albträume die höchste Prävalenz. Diese Träume mit bedrohlichen Inhalten treten bevorzugt in der zweiten Schlafhälfte auf, da der REM-Schlaf dann am ausgeprägtesten ist. Nach dem Aufwachen sind die Betroffenen schnell wieder orientiert und können sich i.d.R. an den Trauminhalt erinnern. Wiederholt auftretende Albträume und die damit einhergehenden Schlafstörungen können Stimmungsschwankungen auslösen. Hinzu kommen die Angst ins Bett zu gehen, kognitive und Verhaltensprobleme sowie Tagesschläfrigkeit und Einschränkungen im sozialen und schulischen bzw. beruflichen Bereich, sodass eine frühzeitige Behandlung wichtig ist.

Insomnien

  • Definition: Ein- und/oder Durchschlafstörungen oder nicht erholsamer Nachtschlaf mit daraus folgender Tagesmüdigkeit und Beeinträchtigung von Alltagsaktivitäten
  • Assoziation: I.d.R. mit anderen psychischen Erkrankungen assoziiert (z.B. Depressionen, Angststörungen etc.)

Insomnieformen

Diagnosen nach ICSD-2 Beschreibung Diagnosen nach ICD-10 ICD-10-Code
Anpassungsbedingte (akute) Insomnie Nichtorganische Insomnie F51.0
Psychophysiologische (chronische) Insomnie
  • Dauer mind. 1 Monat
  • Konditioniertes Schlafproblem und/oder erhöhte Arousals durch mind. 1 der folgenden Symptome
    • Exzessives Fokussieren auf die Schlafproblematik
    • Einschlafschwierigkeiten zur geplanten Bettzeit, aber Einschlafneigung bei Monotonie am Tage
    • Besserer Schlaf in fremder Schlafumgebung
    • Unfähigkeit, schlafverhindernde Gedanken zu beenden
    • Unfähigkeit, vor dem Einschlafen körperlich zu entspannen
Paradoxe Insomnie
  • Dauer mind. 1 Monat
  • Mind. 1 der folgenden Kriterien
    • Angegebenes chronisches Muster von wenig/gar keinem Schlaf
    • Im Schlaftagebuch über eine/mehrere Wochen unterdurchschnittliche Schlafzeit ohne darauf folgende Tagschlafepisoden
    • Konsistentes Missverhältnis zwischen objektiven Befunden aus Polysomnographie/Aktigraphie und subjektiven Einschätzungen
  • Mind. 1 der folgenden Symptome
    • Ständige Wahrnehmung von nächtlichen Störgeräuschen, bspw. Glockenturm
    • Anhaltendes Gedankenkreisen in der ganzen Nacht
  • Tagesbeeinträchtigung vorhanden, aber i.d.R. geringer ausgeprägt als bei angegebenem Schlafverlust zu erwarten
  • In Ausnahmefällen Sekundenschlaf, Desorientierung oder Fehler als Folge des Schlafmangels möglich
Insomnie durch inadäquate Schlafhygiene
  • Dauer mind. 1 Monat
  • Inadäquate Schlafhygiene belegt durch mind. 1 der folgenden Symptome
    • Irregulärer Schlaf-Wach-Rhythmus mit häufigem Tagschlaf
    • Konsum von schlafhindernden Substanzen, bspw. Alkohol, Nikotin oder Koffein, insb. vor dem Schlafengehen
    • Betreiben kognitiv/emotional stimulierender Aktivitäten vor dem Schlafengehen
    • Nutzen des Bettes für andere Aktivitäten als das Schlafen
    • Unfähigkeit, angenehme Schlafsituation zu schaffen
Verhaltensabhängige Insomnie in der Kindheit
  • Dauer mind. 1 Monat
  • Mind. 1 der Folgenden Kriterien
    • Assoziationsbedingte Einschlafstörung
      • Abhängigkeit von bestimmten Stimuli, Objekten oder Ritualen
    • Insomnie aufgrund mangelnder elterlicher Grenzsetzung
      • Hinhaltetaktik oder Verweigerungshaltung vor dem Schlafengehen
      • Nicht konsequentes erzieherisches Verhalten ohne verlässliche Grenzen
Insomnie durch psychische Erkrankung
  • Dauer mind. 1 Monat
  • Diagnostizierte psychische Erkrankung
  • Insomnie in zeitlichem Zusammenhang mit der psychischen Erkrankung
  • Insomnie ist ausgeprägter als typischerweise bei der psychischen Erkrankung zu erwarten und führt zu Stress bzw. wird zu unabhängigem Therapiefokus
Nichtorganische Insomnie/sonstige nichtorganische Schlafstörungen F51.0/F51.8 + Grunderkrankung
Nicht näher bezeichnete, unspezifische nichtorganische Insomnie
  • Dauer mind. 1 Monat
  • Nicht anderweitig klassifizierbar
  • Am ehesten Folge psychologischer Faktoren oder mangelnder Schlafhygiene
Nichtorganische Insomnie/nichtorganische
Schlafstörung, nicht näher bezeichnet
F51.0/F51.9
Insomnie durch Drogen, Medikamente oder Substanzen
  • Dauer mind. 1 Monat
  • Insomnie in zeitlichem Zusammenhang mit Substanzmissbrauch
Ein- und Durchschlafstörungen G47.0 + Grunderkrankung
Insomnie durch körperliche Erkrankung
  • Dauer mind. 1 Monat
  • Koexistierende körperliche Ursache, die den Schlaf hindert
  • Insomnie in zeitlichem Zusammenhang mit der körperlichen Erkrankung
Idiopathische Insomnie
  • Chronische Erkrankung mit Beginn im Säuglings-/Kindesalter
  • Kein eruierbarer Stressor bzw. keine Ursache
  • Persistierende Insomnie ohne längere Remission
G47.0
Nicht näher bezeichnete, unspezifische organische Insomnie
  • Dauer mind. 1 Monat
  • Nicht anderweitig klassifizierbar
  • Am ehesten Folge körperlicher Erkrankung oder Substanzmissbrauch

Epidemiologie

  • Akute Insomnien [1][2]
    • Jahresprävalenz bei Erwachsenen: 15–20%
    • Alter: Vermehrt in höherem Lebensalter
    • Geschlecht: >
  • Chronische Insomnien
    • Prävalenz [3][4][5]
      • Kinder und Jugendliche
        • 0–6 Jahre: Einschlafstörungen bei ca. 9%, Durchschlafstörungen bei 9–17,5%, kombinierte Ein- und Durchschlafstörungen bei knapp 3%
        • 7–13 Jahre: Einschlafstörungen bei 13–17%, Durchschlafstörungen bei 5–8%, kombinierte Ein- und Durchschlafstörungen bei knapp 3%
        • 14–17 Jahre: Einschlafstörungen bei 15–18%, Durchschlafstörungen bei 5–11%, kombinierte Ein- und Durchschlafstörungen bei 2–5%
      • Erwachsene: Ca. 6–10% [1]
    • Geschlecht
      • Kinder und Jugendliche
        • Alter 0–13 Jahre: =
        • Alter 14–17 Jahre: >
      • Erwachsene: >

Da ca. 60% der Schlafstörungen einen chronisch-persistierenden Verlauf zeigen, ist die Diagnose und Therapieeinleitung bereits im frühen Lebensalter essentiell!

Sobald es das Alter zulässt, sollten zur Beurteilung der Schlaf-Wach-Thematik bei Kindern Angaben sowohl der Eltern als auch Kinder einbezogen werden!

Ätiologie

Risikofaktoren für Insomnien [6][7]

  • Mangelnde Schlafhygiene
  • Übermäßige Reizeinwirkungen, insb. Medienkonsum
    • Übermäßige abendliche und nächtliche Medienaktivitäten [8]
    • Medienaktivitäten tagsüber [9]
    • Potentielle Gründe für Insomnien im Zusammenhang mit Medienkonsum
      • Übermäßiger Medienkonsum → Bewegungsmangel und erhöhtes Adipositasrisiko → Negative Auswirkung auf einen gesunden Schlaf
      • Computerspiele mit aggressivem Inhalt → Erhöhtes psychophysiologisches Erregungslevel
      • Blaues Bildschirmlicht → Hemmung der Melatoninausschüttung → Negative Auswirkung auf Ein- und Wiedereinschlafen
  • Assoziation mit psychiatrischen Erkrankungen: Insb. Depressionen, Angststörungen

Zusätzliche Risikofaktoren für Insomnien im Kindes- und Jugendalter

  • Belastung des Eltern-Kind-Verhältnisses durch
    • Negatives emotionales Verhalten dem Kind gegenüber
    • Wenig Nähe und häufige Konflikte
  • Mangelnde elterliche Grenzsetzung (insb. im Säuglings- und Kleinkindesalter) [10][11]
    • Abnorme Einschlaf- und Wiedereinschlafgewohnheiten → Teufelskreis sich gegenseitig verstärkender, negativer Erwartungshaltung bei Eltern und Kind
      • Inkonsequentes, nachgiebiges Elternverhalten → Zunehmend forderndes, das Einschlafen hinauszögerndes Verhalten des Kindes → Gereiztes Elternverhalten
    • Negative Folgen für die kindliche Sozialisation

Uneingeschränkt nachgiebiges Verhalten der Eltern nimmt den Kindern die Möglichkeit, sich selbst zu regulieren!

Erzieherisches Verhalten ist jedoch nur dann wirksam, wenn es sich nicht nur auf die Schlafthematik bezieht, sondern in ein erzieherisches Gesamtkonzept eingebettet ist!

Eine kindliche Schlafstörung führt i.d.R. zu einer elterlichen Schlafdeprivation mit Schlafschwierigkeiten und Tagesschläfrigkeit, was die Eltern-Kind-Interaktion wiederum zusätzlich belastet!

Klinik

Nichtorganische Insomnie (F51.0): Diagnosekriterien

  • Symptome
    • Ein- und/oder Durchschlafstörungen
    • Zu frühes (morgendliches) Erwachen
    • Nicht erholsamer Schlaf
  • Auftreten: Mind. 3×/Woche über mind. 1 Monat
  • Folgen: Leidensdruck bzw. Beeinträchtigung von Alltagsaktivitäten
  • Bei Kindern
    • Hinauszögern des Zubettgehens
    • Schwierigkeit bis Unmöglichkeit, ohne elterliche Intervention einzuschlafen

Folgen [12]

  • Tagesmüdigkeit und/oder Einschlafneigung
  • Unwohlsein und Stimmungsschwankungen
  • Auffälligkeiten des (Sozial‑)Verhaltens, bspw. Hyperaktivität, Impulsivität, Reizbarkeit, aggressives Verhalten, aber auch Antriebslosigkeit
  • Einschränkung von Aufmerksamkeit, Konzentration und Gedächtnis und/oder schulischer/beruflicher Leistungsfähigkeit
  • Erhöhtes Risiko für Fehlleistungen oder Unfälle
  • Sorgen um den Schlaf
  • Bei Kindern und Jugendlichen: Meist Vorstellung primär durch die Eltern, manchmal auch Vorstellung auf Initiative des Kindes wegen unerholsamen Schlafes

Die Tagesmüdigkeit infolge des nicht erholsamen Schlafes ist ein relevanter Diagnosefaktor der chronischen Insomnie!

Diagnostik

Basisdiagnostik [13][14]

  • (Fremd‑)Anamnese durch Eltern bzw. Partner, inkl.
    • Zeitlicher Einordnung der Symptomatik im Schlafverlauf
    • Eigen- und Familienanamnese bzgl. Schlaf-assoziierter Auffälligkeiten
    • Gezieltes Fragen bzgl.
      • Schlafdauer
      • Schlafstörenden Faktoren
      • Schlafstörenden Substanzen, insb. Kaffee, Alkohol
      • Medikamenten
      • Psychiatrischen Erkrankungen, insb. Depression, Angsterkrankung
    • Zuhilfenahme von Schlaffragebögen und -tagebüchern über mind. 3 Wochen
      • Bei Kindern zusätzlich
        • Kinderschlafcomic: Zur altersgerechten Befragung von Kindern im Alter von 5–10 Jahren
        • Schlafinventar für Kinder und Jugendliche: Befragung von Kindern und Jugendlichen im Alter von 5–18 Jahren und deren Eltern
  • Körperliche Untersuchung zum Ausschluss somatischer Erkrankungen, die immer wieder zu einer Unterbrechung des Schlafes führen können
    • Siehe hierzu: Differentialdiagnosen bei Insomnien

Erweiterte Diagnostik

I.d.R. ist die Diagnose klinisch so eindeutig, dass auf eine apparative Diagnostik verzichtet werden kann!

Bei atypischer oder therapieresistenter Symptomatik, Häufigkeitszunahme oder zusätzlichen Symptomen sowie bei Differenzen zwischen den anamnestisch geschilderten Symptomen und objektiv erfassbaren Parametern sollte eine erweiterte Abklärung erfolgen!

Differentialdiagnosen

Therapie

Psychoedukation bei Insomnie [2]

  • Gesunde Ernährung und regelmäßiger Sport
  • Schlafhygiene
    • Regelmäßige Schlaf-Wach-Zeiten
    • Tag am Abend ausklingen lassen, bei Kindern Schlafritual durchführen
    • Ruhiges, dunkles, angenehm kühles Schlafzimmer und bequemes Bett
    • Einige Stunden vor dem Schlafengehen sollte das Folgende vermieden werden
      • Alkohol
      • Stimulanzien, insb. Kaffee und Nikotin
      • Große Mahlzeiten bzw. leerer Magen
      • Medienkonsum, bspw. über TV, Internet und Smartphone
      • Schwere körperliche Anstrengung
    • Nachts kein helles Licht anmachen
  • Stimuluskontrolle
    • Im Bett kein Arbeiten, Lesen oder Essen
    • Erst schlafengehen, wenn man müde ist
    • Bei (Wieder‑)Einschlafproblemen: Aufstehen, sich mit einer entspannenden Tätigkeit beschäftigen und erst bei Müdigkeit wieder ins Bett zurückkehren
    • Nachmittagsschlaf vermeiden; wenn überhaupt, dann max. bis 15 Uhr und max. 1 Stunde
    • Schlafrestriktion (nur bei Erwachsenen)
    • Bei Kindern
      • Schlafen oder Zubettgehen nicht als Strafe verwenden
      • Ggf. sukzessives Verkürzen des Mittagsschlafes
  • Entspannungsverfahren, bspw. autogenes Training, progressive Muskelentspannung, imaginative oder meditative Verfahren


Emotional belastende Reizeinwirkung v.a. im Rahmen des Medienkonsums begünstigt Insomnien und ist insb. abends dringend zu vermeiden!

Das Bett sollte nur zum Schlafen verwendet werden! Ausnahme sind sexuelle Aktivitäten.

Zusätzliche Aspekte der Psychoedukation bei Insomnie im Kindes- und Jugendalter

  • Schlafberatung als Präventivmaßnahme, bspw. bei Vorsorgeuntersuchungen
    • Häufig fehlendes Bewusstsein bei Eltern und Kindern über die Bedeutung des erholsamen Schlafes für eine gesunde Entwicklung
  • Zusammenhang zwischen innerer Uhr und sozialen Zeitgebern
    • Säuglinge
      • Licht hat im frühen Säuglingsalter noch keine hinreichende Zeitgeberfunktion
      • Regelmäßiges Stillen als sozialer Zeitgeber ist der wichtigste Faktor zur Etablierung eines stabilen Schlaf-Wach-Rhythmus
      • Unnötiges nächtliches Stillen oder Füttern konditioniert wiederholtes Aufwachen und sollte daher vermieden werden
    • Kinder und Jugendliche
      • Stabile Rhythmen auch im späteren Lebensalter bedeutend für erholsamen Schlaf
      • Kinder mit regelmäßigen Zubettgeh- und Aufstehzeiten haben signifikant seltener Ein- und Durchschlafstörungen oder Tagesmüdigkeit als Kinder mit unregelmäßigen Schlaf-Wach-Zeiten
  • Schlafhygiene und Stimuluskontrolle
  • Einschlafrituale
    • Kurzes, etwa 10-minütiges Einschlafritual in Begleitung eines Elternteils
    • Zeit nehmen, den Tag im positiven Sinne Revue passieren zu lassen
    • Relativieren von auftretenden Sorgen und Ängsten, die dem Schlafen entgegenstehen
    • Ggf. Vorsingen eines Liedes oder Vorlesen kurzer Geschichten
    • Konfrontationen sollten nie(!) am Abend ausgetragen werden
  • Fördern der Eigenständigkeitsentwicklung des Kindes
    • Alleine einzuschlafen und nachts alleine wiedereinzuschlafen wird nur gelingen, wenn dem Kind auch tagsüber die Möglichkeit gegeben wird, sich von der Bezugsperson zu lösen
    • Ggf. vorübergehende Fremdbetreuung tagsüber
  • Umgang mit Medienkonsum [15]
    • Empfehlung für altersabhängige Maximaldauer pro Tag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung für Medienkonsum
      • Kinder 0–2 Jahre: Max. 20 min
      • Kinder 3–5 Jahre: Max. 30 min
      • Kinder 6–10 Jahre: Max. 45 min
      • Kinder 11–13 Jahre: Max. 60 min
    • Spätestens nach dem Zubettgehen: Medienkonsum (insb. über das Smartphone) reduzieren
      • Maßnahmen möglichst mit anderen Eltern aus der Peer Group des Kindes absprechen – es fällt dem Kind leichter, eine mediale Auszeit zu nehmen, wenn seine Freunde auch nicht erreichbar sind
  • Therapeutischer Ansatzpunkt: Deeskalation der Eltern-Kind-Interaktion
    • Änderung der Schlafumgebung
    • Verhaltensplan in kleinen Schritten, möglichst unter Nutzung positiver Verstärkung durch symbolische Belohnung des Kindes bei Fortschritten (siehe auch: Verfahren im Kleinkindesalter)
    • Therapeutisches Folgegespräch nach etwa 3 Wochen
    • Beratung von Jugendlichen oft erschwert durch pubertäre Noncompliance

Säuglinge sollten im Elternschlafzimmer bei einer Temperatur von 17–18 °C in einem separaten, evtl. ans Elternbett angedockten Bett in Rückenlage in einem Schlafsack schlafen – ohne(!) Kopfbedeckung, ohne(!) weitere Decke und ohne(!) Nestchen, Kuscheltiere, Himmel, Kopfkissen etc.

Nach anfänglicher Eingewöhnungszeit ist ein regelmäßiger Stillrhythmus förderlich für einen stabilen Schlaf-Wach-Rhythmus!

Verhaltenstherapeutische Maßnahmen bzgl. des Schlafverhaltens sollten immer in ein erzieherisches Gesamtkonzept integriert sein!

Der Umgang mit Medien wird zu einem gesellschaftlichen Kernthema, das nicht nur schlafmedizinisch relevant ist!

Es ist wichtig, Eltern und Kind klar zu machen, dass zu Schlafstörungen führende Verhaltensweisen nicht über Nacht verändert werden können und immer wieder Rückschritte zu erwarten sind!

Bei frühzeitigem Behandlungsbeginn können die meisten Kinder und Jugendlichen mit einer chronischen Insomnie auf diese Weise erfolgreich therapiert werden!

Psychotherapeutische Behandlungsansätze [16]

Psychotherapeutische Behandlungsansätze kommen nur bei schwerer Symptomatik zum Einsatz, wenn eine reine Schlafberatung nicht zum Erfolg führt.

  • Verfahren insb. im Kleinkindesalter
    • Positive Verstärkung: Belohnung des Kindes bei erfolgreichem Zubettgehen oder Wiedereinschlafen
    • Diskriminierung: Verstärkung des Zielverhaltens, schlafen zu gehen oder wieder einzuschlafen durch repetitive Ansagen
    • Shaping: Standardisierung der Abläufe durch immer wiederkehrende, aufeinanderfolgende Schritte
    • Positive Routine am Abend: Fördert in entspannender Atmosphäre das Einschlafen
    • Fading: Erleichtern des Einschlafens durch Anwesenheit eines Elternteils in der Einschlafsituation, bei Fortschritten schrittweises Reduzieren der Anwesenheit
    • Graduelle Extinktion [17]
      • Nach dem Zubettbringen verlassen die Eltern das Schlafzimmer
      • Bei ausbleibendem Beruhigen des Kindes kommen die Eltern nach wenigen Minuten zurück ins Zimmer
      • Nach kurzer Beruhigung des Kindes verlassen sie dann wieder das Zimmer
      • Zeit bis zum Wiederkommen jeweils um einige Minuten verlängern
  • Verfahren insb. bei älteren Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen
    • Konzipieren von Problemlösungsstrategien
    • Vorverlagerung des Nachdenkens über Probleme vor die Schlafenszeit, bspw. Gedankenstuhl
    • Ablenkende Techniken, bspw. willkürlicher Gedankenstopp mit Ersetzen des Grübelns durch Entspannungsverfahren (bspw. PMR oder autogenes Training)
    • Kognitive Umstrukturierung mit Ersetzen schlafstörender Gedanken durch schlaffördernde Gedanken

Insb. Fading und graduelle Extinktion sind nur dann sinnvoll, wenn das Kind auch tagsüber an kurze elterliche Abwesenheiten gewöhnt ist (bspw. durch Versteckspiele oder vorübergehende Fremdbetreuung) und von seiner Reifeentwicklung her imstande ist, den Ablauf positiv umzusetzen!

Insb. bei älteren Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen verhindern oft stressbedingte Faktoren mit Grübeln und innerer Anspannung das Einschlafen und Wiedereinschlafen!

Medikamentöse Therapie [2][1]

Eine medikamentöse Therapie erfolgt nur im Ausnahmefall bei ausgeprägter, persistierender Symptomatik. Im Kindes- und Jugendalter kommen zur medikamentösen Therapie nur Baldrian oder Melatonin zum Einsatz, während bei Erwachsenen eine Vielzahl an Medikamenten möglich ist. Bei vielen Medikamenten besteht ein erhöhtes Risiko für Abhängigkeitsentwicklung, insb. infolge einer Langzeitanwendung bei chronischer Insomnie. Daher sollte die Verordnung von schlafinduzierenden Medikamenten möglichst kurz gehalten werden. Auch Bedarfsintervalltherapien können sinnvoll sein.

Benzodiazepine oder andere Sedativa bzw. Hypnotika bei älteren Patienten sollen nicht als Mittel der 1. Wahl im Falle von Schlafstörungen, Agitation oder Delir eingesetzt werden.

Komplikationen

Prognose

  • 60% der Ein- und/oder Durchschlafstörungen zeigen einen chronisch-persistierenden Verlauf [5]

Parasomnien

Formen

Schlafwandeln [18][2]

  • Merkmale
    • Umherwandeln während des Schlafs
    • Keine Erinnerung nach dem Aufwachen
  • Prävalenz
    • Insb. im Schulalter
    • Kinder 4–6 Jahre: 30%, Jugendliche: 17%
    • Erwachsene: 4%
  • Schlafphase: NREM
  • Zeitpunkt: 1. Nachtdrittel

Pavor nocturnus [18][2]

  • Merkmale
    • Plötzliches Aufschrecken aus dem Schlaf
    • Panikschrei
    • Keine Erinnerung nach dem Aufwachen
  • Prävalenz
    • Insb. im Kleinkindalter, im Alter von 18 Monaten fast 35%
    • Kinder 0–10 Jahre: Insg. ca. 17%
    • Erwachsene: Vereinzelt
    • Schlafphase: NREM
    • Zeitpunkt: 1. Nachtdrittel

Albträume [18][2]

  • Merkmale
    • Detaillierte Träume mit bedrohlichen Inhalten
    • Deutliche Erinnerung nach dem Aufwachen
  • Lebenszeitprävalenz: Fast 100%
  • Prävalenz
    • Kinder: 10–50%
    • Erwachsene: 2–8%
  • Zeitpunkt: 3. Nachtdrittel

Ätiologie

Pathogenese

  • Unklar

Risikofaktoren für Parasomnien

  • Genetische Faktoren [18]
  • Stresssituationen, bspw. Mobbing [19]
  • Schlafmangel
  • Fieber

Zusätzliche Risikofaktoren für Albträume

  • Sensible Persönlichkeitsstruktur
  • Schwere körperliche und/oder psychische Traumen (PTBS)
  • Medikamente, bspw. Montelukast
  • Assoziation mit psychosozialen Verhaltensproblemen [20]

Klinik

NREM-Schlaf-Parasomnien [16][2][21]

  • Zeitpunkt: I.d.R. während des ersten Drittels des Nachtschlafes
  • Gemeinsame Klinik
    • Episoden unvollständigen Erwachens aus dem Schlaf
    • Fehlende Reaktionsmöglichkeit beim Aufweckversuch
    • Aufgehobene Wahrnehmung und partielle oder komplette Amnesie
  • Schlafwandeln
    • Plötzliches Aufstehen aus dem Bett
    • Auffälliges Verhalten
      • Agitation, Desorientierung und verworrene Reaktion auf Ansprache, starrer Blick
      • Abstruse Handlungen, wie z.B. das Urinieren in einen Schrank
    • Risiko von Selbstgefährdung
  • Pavor nocturnus
    • Plötzliches Aufschrecken aus dem Schlaf mit Panikschrei und angstbesetztem Verhalten
    • Autonome Erregung, bspw. Tachykardie, Tachypnoe, Erröten, Schwitzen, Muskeltonuserhöhung
    • Abwehren jeglicher Beruhigungsversuche

REM-Schlaf-Parasomnien

  • Zeitpunkt: I.d.R. im letzten Schlafdrittel, da der REM-Schlaf dann am ausgeprägtesten ist
  • Albträume
    • Bedrohliche Träume mit den Inhalten Verfolgung, Angst, Tod, Fallen oder Eingesperrtsein
    • Autonome Erregung, bspw. Tachykardie, Tachypnoe, Erröten, Schwitzen, Muskeltonuserhöhung
    • Beim Aufwachen rasche Reorientierung und i.d.R. vollständige Erinnerung an den Traum
    • Folgen: Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Angst, ins Bett zu gehen, kognitive und Verhaltensprobleme, Tagesschläfrigkeit und Einschränkungen im sozialen und schulischen Bereich

Diagnostik

Basisdiagnostik

  • (Fremd‑)Anamnese durch Eltern bzw. Partner, inkl.
    • Beschreibung der Schlafstörung (Klinik) [21]
    • Zeitlicher Einordnung der Symptomatik im Schlafverlauf
    • Eigen- und Familienanamnese bezgl. schlafassoziierter Auffälligkeiten
  • Wenn möglich häusliche Videodokumentation
  • Körperliche Untersuchung

Erweiterte Diagnostik

Bei unklarer Symptomatik bzw. zum Ausschluss anderer Ursachen

Der Pavor nocturnus wird (insb. durch die Eltern) häufig als Albtraum fehlgedeutet! Eine gezielte Anamnese ist daher entscheidend.

I.d.R. ist die Diagnose klinisch so eindeutig, dass auf eine apparative Diagnostik verzichtet werden kann!

Bei einer atypischen Symptomatik, Frequenzzunahme des Auftretens oder zusätzlichen Symptomen sollte eine erweiterte Abklärung erfolgen!

Differentialdiagnosen

Therapie

Allgemeine Maßnahmen [16][2]

Zusätzlich bei NREM-Schlaf-Parasomnien (Schlafwandeln und Pavor nocturnus) [2][21]

  • Umsetzen der Empfehlungen zur Schlafhygiene und zur Schlafumgebung
  • Bei Kindern zusätzlich
    • Ausführliche Beratung der Eltern über die Einordnung der Symptomatik als Entwicklungsphänomen mit spontanem Sistieren bis zur Pubertät
    • Ggf. antizipatorisches Wecken
  • Kein Wecken während der Symptomatik!
  • Beim Schlafwandeln zusätzlich: Sicherung der Schlafumgebung zuhause und in ungewohnter Umgebung, um Verletzungen zu vermeiden
  • Bei ausgeprägter, persistierender Symptomatik
    • Hypnose
    • Ggf. intermittierende medikamentöse Therapie, bspw. mit Clonazepam (zugelassen ab dem Säuglingsalter)
      • Dosierung Kinder
      • Dosierung Erwachsene

Zusätzlich bei REM-Schlaf-Parasomnien (Albträumen)

  • Nach dem Aufwachen aus einem Albtraum: Kurz den Trauminhalt erzählen lassen und dann beruhigend das Wiedereinschlafen fördern
  • Verhaltenstherapie, inkl. Imagery Rehearsal Therapy [24]
  • Bei Vorkommen im Rahmen einer posttraumatischen Belastungsstörung: Ggf. gezielte Traumatherapie

Emotional belastende Reizeinwirkung v.a. im Rahmen des Medienkonsums begünstigt Parasomnien und ist insb. abends dringend zu vermeiden!

Von allen Parasomnien haben Albträume die höchste Relevanz und sollten insb. wegen der damit einhergehenden psychosozialen Belastungen frühestmöglich behandelt werden!

Es ist wichtig, sich mit der Angstthematik auseinanderzusetzen und Ängste zu überwinden, um eine Aufrechterhaltung der Albträume zu verhindern!

Prognose

  • I.d.R. spontanes Sistieren bis zum Jugendalter
  • Lebenslanges Auftreten möglich

Patienteninformationen

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2019

F51.-: Nichtorganische Schlafstörungen

G47.-: Schlafstörungen

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2019, DIMDI.