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Grundlagen der Demographie und Soziologie

Abstract

Die Demographie als Lehre von der Bevölkerung beschreibt den aktuellen Zustand sowie die Entwicklung einer Population. Im Folgenden werden Faktoren vorgestellt, die den Zustand einer Bevölkerung beschreiben und ihre Entwicklung prägen und beeinflussen. Beispielsweise haben die Geburten- und Sterberate sowie Zu- und Auswanderung von Menschen Einfluss auf eine Population. So führen in Deutschland die sinkende Geburtenrate und die sich stetig verbessernde medizinische Versorgung dazu, dass die Bevölkerung zunehmend älter wird. Neben der Entwicklung der Bevölkerung ist auch die Struktur innerhalb einer Gesellschaft von Bedeutung. So beschreibt die Soziologie als Lehre von der Struktur einer Gesellschaft bspw. die verschiedenen Erwerbssektoren sowie Unterschiede bzgl. der Schichtzugehörigkeit innerhalb einer Gesellschaft.

Demographie und demographische Transformation

Die Demographie als Lehre von der Bevölkerung soll in den folgenden Abschnitten betrachtet werden. Die Entwicklung der Bevölkerung ist abhängig von der Geburten- und Sterberate sowie von Zu- und Auswanderung.

Grundbegriffe der Demographie

  • Fertilitätsziffer (Fruchtbarkeitsziffer): Anzahl der Geburten im Verhältnis zu Frauen im gebährfähigen Alter
  • Nettoreproduktionsziffer: Anzahl der geborenen Mädchen im Verhältnis zu Frauen im gebährfähigen Alter
  • Nuptialität: Anzahl der verheirateten Paare in einer Bevölkerungsgruppe
  • Natalität (Geburtenziffer): Anzahl der Geburten auf 1000 Einwohner in einem Jahr
  • Mortalität (Sterbeziffer): Anzahl von Gesamtsterbefällen innerhalb einer Bevölkerungsgruppe
  • Letalität: Verhältnis von Anzahl der Todesfälle zur Anzahl aller Erkrankten bezogen auf eine Krankheit
  • Altenquotient: Verhältnis der Menschen im Rentenalter (z.B. ≥65 J.) zu den Menschen im erwerbsfähigen Alter (z.B. 20-64 J.)

Demographische Transformation (Phasen-Modell des demographischen Übergangs)

Das Schema der demographischen Transformation stellt die Entwicklung einer Gesellschaft im Hinblick auf Geburten- und Sterberate im Laufe ihrer Industrialisierung dar. Das Modell wurde aus den Daten westlicher Nationen im Verlauf der Industrialisierung entwickelt und ist in einigen Aspekten auch auf andere Gesellschaften anwendbar.

  • 1. Prätransformatorische (vorindustrielle) Phase
    • Langsames Wachstum der Bevölkerung bedingt durch eine hohe Säuglingssterblichkeit bei gleichzeitig hoher Geburtenrate
  • 2. Frühtransformatorische (frühindustrielle) Phase
    • Zunahme des Bevölkerungswachstums durch Rückgang der Säuglingssterblichkeit bei gleichbleibend hoher Geburtenrate
  • 3. Transformationsphase (Umschwungphase)
    • Das Bevölkerungswachstum erreicht seinen Höhepunkt
    • Im weiteren zeitlichen Verlauf allmähliche Abnahme der Geburtenrate und beginnende Abnahme des Bevölkerungswachstums
  • 4. Spättransformatorische Phase
    • Schnelle Abnahme des Bevölkerungswachstums bedingt durch weitere Abnahme der Geburtenrate
  • 5. Posttransformationsphase
    • Langsam abnehmendes, im Verlauf stabiles Bevölkerungswachstum bei konstant niedriger Geburten- und Sterberate
  • Zweiter demographischer Übergang
    • Weitere Abnahme der Geburtenrate, so dass die Gesellschaft ohne Zuwanderung immer kleiner werden würde

Demographischer Wandel in Deutschland

  • Demographisches Altern: Bedingt durch eine zunehmend älter werdende Bevölkerung bei sinkender Geburtenrate
  • Kompression der Morbidität: Neben der steigenden durchschnittlichen Lebenserwartung, nimmt auch die Zeit des Lebens zu, in der der Mensch gesund ist
  • Medikalisierungsthese: Im Alter nimmt die Wahrscheinlichkeit vieler Erkrankungen zu: Da die Bevölkerung immer älter wird, verbringt sie mehr Zeit in Krankheit, der Zugewinn an Lebenserwartung wird sozusagen durch steigende Gesundheitskosten „erkauft“

Haupttodesursachen in Deutschland

  • Frauen: Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems
  • Männer: Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems und Lungen- und Bronchialkrebs

Haupttodesursachen in westlichen Kulturen sind nicht mehr infektiöse, akute Erkrankungen, sondern vermehrt chronische und psychische Erkrankungen. Dieser Übergang wird als epidemiologische Transition bezeichnet!

Migration und Akkulturation

  • Migration (Bevölkerungswanderung): Dauerhafter Wohnortwechsel von Menschen.
  • Akkulturation: Vorgang der Eingliederung in eine Gesellschaft und ihre Kultur
    • Integration (Soziologie): Erfolgt, wenn sich ein Individuum in die neue Kultur eingliedert, seine ursprüngliche Kultur aber noch beibehält
    • Assimilation (Soziologie): Erfolgt, wenn sich ein Individuum vollständig an die neue Kultur anpasst und seine alte Kultur aufgibt
    • Separation (Soziologie): Erfolgt, wenn ein Individuum an seiner alten Kultur festhält und nicht an Kontakt zu der neuen Kultur interessiert ist
    • Marginalisierung: Erfolgt, wenn ein Individuum weder an seiner eigenen, ursprünglichen Kultur festhält, noch Kontakt zu der neuen Kultur besteht

Struktur der Gesellschaft

In dem folgenden Abschnitt wird auf die verschiedenen Erwerbssektoren und die Schichtzugehörigkeiten in einer Gesellschaft eingegangen. Die Schichtzugehörigkeit hängt dabei von verschiedenen Statusmerkmalen ab und ist nicht zwangsläufig konstant innerhalb einer Generation oder eines Individuums. Auch hat die Schichtzugehörigkeit Einfluss auf das Gesundheits- und Krankheitsverhalten.

Änderungen der Erwerbsstruktur

Man unterscheidet zwischen drei Erwerbssektoren. Laut der Hypothese der Tertiarisierung nach Fourastié wird im Laufe der Zeit die Beschäftigung in den ersten beiden Sektoren im Vergleich zu der Beschäftigung im tertiären Sektor verstärkt abnehmen. Dies liegt daran, dass die Tätigkeiten der ersten beiden Sektoren im Rahmen der vermehrten Technisierung durch Maschinen ersetzbar sind, die Tätigkeiten des tertiären Sektors jedoch eher nicht.

  • Primärer Sektor: Urproduktion
  • Sekundärer Sektor: Güterverarbeitung
  • Tertiärer Sektor: Dienstleistung und Handel

Soziale Schicht

Die sog. meritokratische Triade hilft dabei zu ermitteln, in welcher Schicht sich ein Individuum befindet. Sie setzt sich aus folgenden drei Statusmerkmalen zusammen. Je besser ein Individuum ausgebildet, je angesehener sein Beruf und je höher sein Einkommen ist, desto höher ist die soziale Schicht, in der er sich befindet.

  • Ausbildung
  • Beruf
  • Einkommen

Schichtindices

  • Dienen dazu, verschiedene Gruppen oder Mitglieder der Gesellschaft hinsichtlich ihres sozialen Status zu vergleichen
  • Werden bei den Mitgliedern einer Gesellschaft anhand individuell ausgewählter Statusmerkmale (z.B. Ausbildung, Beruf, Einkommen) oder anhand deren Ausprägung berechnet
  • Werden mehrere Statusmerkmale verwendet, um den Schichtindex zu berechnen, spricht man von einem multiplen Schichtindex

Statuskonsistenz und Statusinkonsistenz

Soziale Mobilität

Unter sozialer Mobilität versteht man die Änderung der sozialen Position, dabei werden verschiedene Dimensionen unterschieden. Die Wichtigsten sind die horizontale oder vertikale Mobilität sowie die Intra- oder Intergenerationenmobiität.

  • Vertikale Mobilität: Veränderung des sozialen Status mit Übergang von einer sozialen Schicht in eine andere. Dies kann selbstverständlich sowohl einen sozialen Aufstieg als auch einen sozialen Abstieg bedeuten.
  • Horizontale Mobilität: Veränderung eines Statusmerkmales ohne dass sich dadurch die Schichtzugehörigkeit verändert
  • Intragenerationenmobilität: Veränderung des sozialen Status innerhalb einer Generation im Laufe des Lebens einer Person
  • Intergenerationenmobilität: Veränderung des sozialen Status zwischen zwei oder mehr Generationen

Soziale Opportunitätsstruktur

  • Definition: Beschreibt die Zugangschancen zu verschiedenen Ressourcen (z.B. Bildung, Arbeit) in einer Gesellschaft
    • Nicht jedes Mitglied der Gesellschaft hat den gleichen Zugriff auf materielle (z.B. Geld, Wohnraum, Kleidung) und immaterielle (z.B. ärztliche Versorgung, Pflegeleistungen) Ressourcen

Deprivation

Deprivation bedeutet zunächst einmal Mangel oder Verlust. Je nachdem, worauf sich dieser Mangel bezieht, unterscheidet man verschiedene Formen der Deprivation.

Relative Deprivation

  • Besteht, wenn sich ein Individuum oder eine soziale Gruppe im Vergleich mit anderen Individuen oder sozialen Gruppen benachteiligt fühlt
  • Beispiel: Jemand, der befördert wurde, könnte so mit dem Ausmaß seiner Beförderung im Vergleich („relativ“) mit anderen Beförderten unzufrieden sein, anstelle sich mit deutlich benachteiligteren Mitarbeitern zu vergleichen und seine Beförderung positiv zu bewerten

Strukturelle Deprivation

  • Besteht, wenn einem Individuum oder einer Gruppe von Menschen weniger Möglichkeiten zur Teilhabe an der Gesellschaft zur Verfügung stehen als anderen
  • Beispiel: In sozial schwächeren Wohngebieten besteht häufig auch eine schlechtere Infrastruktur und ein geringeres kulturelles Angebot

Ein Indikator für Deprivation ist die Einkommensungleichheit: Wer wenig verdient, hat im Vergleich zu Besserverdienenden weniger Möglichkeiten auf gesellschaftliche Teilhabe!

Gini-Koeffizient

  • Wert zwischen 0 und 1, der als Maß für die Ungleichheit in einer Gesellschaft herangezogen werden kann
  • Wird beispielsweise zur Beurteilung der Einkommensverteilung in Gesellschaften verwendet
  • 0 = gleichmäßige Verteilung (Einkommensgleichheit)
  • 1 = maximal ungleichmäßige Verteilung (Einkommensungleichheit)
  • Je höher der Gini-Koeffizient, desto ungleicher die Verteilung

Der Klassenbegriff nach Karl Marx

  • Karl Marx beschreibt zwei Klassen der kapitalistischen Gesellschaft:
    • Die Bourgeoisie/Kapitalisten (die wohlhabenden Bürger)
    • Das Proletariat (die besitzlose Arbeiterklasse)
  • Die Klassenzugehörigkeit hängt dabei vom Besitz bzw. der Verfügung über Produktionsmittel ab

Gesundheit und Krankheit in den verschiedenen sozialen Schichten

Das Gesundheits- und Krankheitsverhalten ist in den verschiedenen sozialen Schichten unterschiedlich ausgeprägt (= sozialer Gradient). So zeigen Personen aus unteren Schichten tendenziell ein „stärkeres“ gesundheitsgefährdendes Verhalten als Personen aus höheren Schichten, was wiederum ein höheres Mortalitätsrisiko in den niedrigeren Schichten bedingt (= sozialer Gradient der Mortalität). Es besteht häufig ein inverser Zusammenhang zwischen dem Sozialstatus und dem Erkrankungsrisiko. Ein weiterer Unterschied bezieht sich auf die Inanspruchnahme von Naturheilmitteln. Diese werden häufiger von Personen aus höheren Schichten angewendet.

Verursachungshypothese vs. Drifthypothese

  • Verursachungshypothese: Laut dieser Hypothese ist die Ungleichverteilung von Gesundheit und Krankheit zwischen den einzelnen sozialen Schichten durch höhere Belastungen und ein gesundheitsgefährdenderes Verhalten der unteren Schichten verursacht.
    • Beispiele
      • Schlechtere Wohnverhältnisse
      • Höhere Arbeitsbelastung
      • Ungünstiges Gesundheitsverhalten
      • Ungünstiges Krankheitsverhalten
  • Soziale Drifthypothese: Laut dieser Hypothese können Erkrankungen zu einer sozialen Ungleichheit führen. Erkrankt ein Individuum bspw. an einer psychiatrischen Erkrankung, so könne dies zu einem sozialen Abstieg in eine niedrigere soziale Schicht führen.

Ökologische Studien
Die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Risikofaktoren (z.B. der Einkommensungleichheit) und Erkrankungen ist ein wichtiger Bestandteil epidemiologischer Forschung. In sogenannten „ökologischen Studien“ werden Daten aus der zu untersuchenden Bevölkerungsgruppe gesammelt (sog. „Aggregatdaten“), welche dann ins Verhältnis zu bspw. der Erkrankungshäufigkeit gesetzt werden.

Unterschiedliche Krankheitsvorkommen in sozialen Schichten

Die meisten Krankheiten sind in unteren Schichten höher ausgeprägt als in oberen Schichten. Es gibt jedoch auch Beispiele für Krankheiten, die in höheren Schichten vermehrt vorkommen.

Beispiele für Krankheiten
Vorkommen vermehrt in unteren Schichten Koronare Herzkrankheit, Herzinfarkt, Karies, Bronchialkarzinom, Diabetes mellitus, Schlaganfall, Herzinsuffizienz, Asthma bronchiale, Aids, Depressionen, Schizophrenie, Substanzmissbrauch
Vorkommen vermehrt in oberen Schichten Allergien, Neurodermitis, Anorexia nervosa (Magersucht)