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Durchfall

Letzte Aktualisierung: 28.4.2021

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Durchfallerkrankungen treten bei Menschen sehr häufig auf, sind jedoch in den meisten Fällen selbstlimitierend. Die genaue Definition ist in der Literatur nicht einheitlich, im Allgemeinen werden aber folgende Kriterien genannt: Mind. drei Stuhlentleerungen am Tag, ein Wassergehalt >75% und/oder ein Stuhlgewicht >250 g. Länger bestehende Durchfälle oder schwere Verläufe bedürfen einer weitergehenden Abklärung, da nicht-infektiöse Ursachen oder eine Erregerpersistenz in diesen Fällen wahrscheinlicher werden. Bei infektiösen Geschehen ist es grundsätzlich wichtig, die potentielle Gefahr einer epidemischen Verbreitung zu berücksichtigen, sodass auch Maßnahmen zum Schutz der Umgebung zu treffen sind.

  • Diarrhö: Zutreffen von mind. einem der folgenden Kriterien [1]
    1. Zu häufige Stuhlentleerung: ≥3 ungeformte Stühle in 24 h
    2. Verminderte Stuhlkonsistenz: Wassergehalt des Stuhls >75%
    3. Erhöhtes Stuhlgewicht:>250 g täglich
  • Definitionen nach zeitlichem Verlauf
    • Akute Diarrhö: Dauer ≤2 Wochen (meist wenige Tage)
    • Chronische Diarrhö: Dauer >2 Wochen

Für viele infektiöse Gastroenteritiden gilt eine namentliche Meldepflicht bei Erregernachweis!

Bei Personen mit beruflichem Kontakt zu Lebensmitteln oder bei Hinweisen auf eine Epidemie sowie bei Botulismus, HUS, Cholera und Typhus ist bereits der Krankheitsverdacht meldepflichtig!

  • Pathophysiologische Grundlage: Alle Formen der Diarrhö sind letztlich auf ein Ungleichgewicht zwischen Sekretion und Resorption im Gastrointestinaltrakt zurückzuführen.
    • Physiologische Verhältnisse: Eintritt von 9 L Flüssigkeit/Tag in das Jejunum → Durchtritt von 3 L in das Ileum → Durchtritt von 1,5 L in das Caecum 100 mL werden letztlich mit dem Stuhlgang ausgeschieden → Von 9000 mL Flüssigkeit werden täglich im Dünndarm und Dickdarm somit 8900 mL (rück‑)resorbiert.
Zuordnung nach pathophysiologischen Prinzipien
Pathophysiologie Exemplarische Erkrankungen
Malabsorptive und osmotische Diarrhö
Hypermotile Diarrhö
  • Schnelle Darmpassage → Verringerte Kontaktzeit mit der intestinalen Resorptionsfläche
Exsudativ-entzündliche Diarrhö
  • Defekte der intestinalen Schleimhaut → Exsudation osmotisch wirksamer Substanzen
Sekretorische Diarrhö
  • Bakterientoxine → Hemmung der GTPase des G-Proteins in Enterozyten → Erhöhung des cAMP-Spiegels → Steigerung der cAMP-abhängigen Sekretion von Wasser und Chlorid in das Darmlumen

Bei einer Vielzahl von Durchfallerkrankungen können mehrere Pathomechanismen gleichzeitig vorliegen, sodass sich in der Differentialdiagnostik nicht immer eindeutige Befunde ergeben!

Ursachen malabsorptiver Diarrhö

Ursachen osmotischer Diarrhö

Ursachen hypermotiler Diarrhö

Ursachen exsudativ-entzündlicher Diarrhö

Ursachen sekretorischer Diarrhö

Bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen liegen Durchfällen sowohl exsudativ-entzündliche als auch malabsorptive Prozesse zugrunde!

Bakterielle Durchfallerkrankungen

Virale Gastroenteritis

Parasitäre Gastroenteritis

Wurmerkrankungen

Sondergruppe: Opportunistische gastrointestinale Infektionen bei HIV

Paradoxe Diarrhö

Dyschezie

  • Definition: Erhöhte Sensibilität des Rektums gegenüber Dehnungsreizen mit folgender häufiger Entleerung kleiner Stuhlmengen
  • Vorkommen: Bei (insb. entzündlichen) Affektionen des Rektums

Pseudodiarrhö

  • Inkontinenz vs. Diarrhö: Häufig beschreiben Patienten mit Stuhlinkontinenz das unwillkürliche Austreten von Stuhl als Durchfall, für eine erfolgreiche Behandlung müssen beide Zustände gegeneinander abgegrenzt werden.
    • Abgrenzung der Inkontinenz zur Diarrhö: Die Stuhlfrequenz ist auch bei der Inkontinenz erhöht, das Stuhlgewicht jedoch normal.
      • Digital-rektale Untersuchung: Bei Inkontinenz kann der Patient kaum Druck aufbauen, dies spricht für eine Sphinkterinsuffizienz
      • Stuhlschmieren: Die Patienten schildern verschmierten Stuhl in der Unterwäsche, keine Flüssigkeit und Durchnässung
      • Vertiefung der Anamnese: I.d.R. empfinden Patienten Durchfall weniger peinlich als die Schilderung, nicht mehr einhalten zu können – eine genauere und einfühlsame Befragung ist häufig sehr hilfreich.

Laxantienabusus

Anamnese [2]

  • Dauer und Beginn der Symptomatik: Bei Hinweis auf chronische Diarrhö ggf. erweiterte Diagnostik planen
  • Stuhlbeschaffenheit: Ggf. Hinzunahme der Bristol Stool Chart
    • Beimengung von Blut oder Eiter als Hinweis für eine geschädigte Integrität der Schleimhaut erfragen
  • Begleitsymptome: Erlauben eine Einschätzung der Akuität und Bedrohlichkeit
  • Alter und Komorbiditäten
  • Nahrungsmittel: Auftreten Stunden nach einer Mahlzeit, insb. wenn mehrere Personen nach gemeinsamer Mahlzeit betroffen sind, spricht für eine Lebensmittelvergiftung
    • Suspekte Lebensmittel: Nahrungsmittel mit Milch, Ei, Fleisch, Geflügel und Fisch, die ungenügend erhitzt bzw. aufgewärmt wurden
  • Umgebung und Beruf
    • Durchfallerkrankungen bei Kontaktpersonen
    • Tätigkeit in Gastronomie und Lebensmittelherstellung und -verkauf (entsprechende Meldepflichten)
    • Erforderlichkeit einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung prüfen
    • Möglichkeit getrennter Toilettennutzung im Falle eines ambulanten Prozederes erfragen
  • Medikamente: Insb.
  • Auslandsaufenthalt: Je nach Gebiet sind ggf. andere Erreger (insb. Parasitosen) oder Ernährungsgewohnheiten zu beachten

Basisdiagnostik

Einschätzung des Schweregrades und der Behandlungsdringlichkeit

Schwere Verläufe sollten stationär behandelt werden, bei moderaten Verläufen sollte die Zugehörigkeit zu Risikogruppen beurteilt und individuell entschieden werden!

Erweiterung der Diagnostik bei akuter Diarrhö

  • Indikationen zur erweiterten Diagnostik
    • Schwerer Verlauf, Red Flags bei Durchfall oder Zugehörigkeit zu Risikogruppen für einen schweren Verlauf bzw. bei stationärer Behandlungsbedürftigkeit
    • Symptompersistenz nach Anbehandlung eines initial unkomplizierten Erkrankungsfalles
    • Beschäftigte in lebensmittelrelevanten Bereichen bzw. in der Patientenversorgung
  • Maßnahmen

Diese Tabelle zeigt eine Auswahl schwerwiegender Diagnosen bei vorliegender Diarrhö, die eine schnellstmögliche Diagnostik und/oder Behandlung erfordern. Das Fehlen oder Vorhandensein bestimmter diagnostischer Hinweise schließt eine Erkrankung jedoch nicht aus.

Red Flags für einen sofortigen Handlungsbedarf bei Durchfall
Mesenterialischämie [3] Toxisches Megakolon [4] Hämolytisch-urämisches Syndrom [5][6] Endokrine Krise [7][8][9] Schwerer viraler/bakterieller Infekt [10][11]
Stuhlveränderungen
  • Diarrhö
  • Wässrige Diarrhö
  • Gelegentlich Blutauflagerungen (Hämatochezie)
Zeitlicher Verlauf
  • Initial: 10–14 Tage anhaltende Diarrhö
  • Im Verlauf: Ileussymptomatik
Starke Schmerzen
  • Initialstadium: Krampfartig
  • Latenzstadium: Dumpf („fauler Frieden“)
  • Spätstadium: Generalisierte Peritonitis

B-Symptomatik
  • Je nach Erreger
Palpatorische Auffälligkeiten
  • Spätstadium: Peritonismus
  • Gespanntes Abdomen, ggf. Peritonismus
  • Ggf. Peritonismus
  • Ggf. Peritonismus[10]
Kreislaufstörungen
Pathologische Laborparameter
Weitere Symptome und Befunde
  • Veränderung der Symptomatik je nach zeitl. Verlauf

Risikofaktoren
  • U.a. Absetzen der Dauermedikation
  • Schwere Erkrankungen (Infektionen, kardiale Notfälle), Stress
  • Alter: Kleinkinder, >60 Jahre
  • Immunsuppression
Weiterführende Links
Legende: ✓ Häufig vorkommend, — nicht typisch

Ambulantes Prozedere

  • Indikation: Bei leichten Fällen möglich, bei moderater Schwere des Verlaufs entscheiden die Risikofaktoren für einen schweren Verlauf bzw. die individuelle ärztliche Einschätzung
  • Orale Rehydratation: Ausgleich von Volumen- und Elektrolytverlust
    • Präparate zur oralen Rehydratation (ORS): Enthalten Glucose, Natriumchlorid, Kaliumchlorid und Natriumcitrat, können ab dem Säuglingsalter eingesetzt werden
    • Alternative: Mit Zucker gesüßter Tee, salzige Brühen
  • Schonkost: Meiden von Fett, fructosereichen Säften und Softdrinks, Alkohol und Koffein
  • „Stopfkost“ bevorzugen: Zwieback, Reis, Pellkartoffeln, Salzstangen
  • Supportive Therapie bzw. Beratung
    • Antiemetika: Bei Übelkeit und Erbrechen, z.B. Domperidon p.o. oder Dimenhydrinat supp.
    • Probiotika: Können Erkrankungsdauer verkürzen (begrenzte Evidenz), bspw. Präparate auf Basis von Saccharomyces boulardii
    • Antidiarrhoika: Nicht routinemäßig, da Erkrankungsschwere und Erkrankungsdauer hierdurch verlängert werden können
    • Sport: Sportliche Aktivitäten vorübergehend reduzieren
    • Berufsverbot: Bei Tätigkeit in lebensmittelverarbeitendem Gewerbe, in Gemeinschaftseinrichtungen bzw. bei Tätigkeiten mit vielfältigen Menschenkontakten
    • Antibiotika: Nur bei Nachweis einer speziellen Genese, Virostatika sind bei Durchfallerkrankungen nicht sinnvoll
    • Meldepflicht: Je nach Erregernachweis sind die Meldepflichten an das örtliche Gesundheitsamt zu beachten!

Stationäres Prozedere

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Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2021, DIMDI.

  1. S1-Leitlinie Akuter Durchfall. Stand: 1. September 2013. Abgerufen am: 12. April 2018.
  2. Truninger: Diarrhoe beim älteren Patienten In: Therapeutische Umschau. Band: 71, Nummer: 9, 2014, doi: 10.1024/0040-5930/a000550 . | Open in Read by QxMD p. 545-550.
  3. Herold: Innere Medizin 2017. Herold 2016, ISBN: 3-981-46606-3 .
  4. G. Wöste, O. Schröder: Intensivtherapie bei Ileus und toxischem Megakolon. Springer Berlin Heidelberg 2015, ISBN: 978-3-642-54675-4 , p. 1-16.
  5. S2k-Leitlinie: Hämolytisch-urämisches Syndrom im Kindesalter. Stand: 1. November 2016. Abgerufen am: 1. Oktober 2020.
  6. Brandis M et al.: Das hämolytisch-urämische Syndrom In: Deutsches Ärzteblatt. 2002, .
  7. C. Zimmer, M. Günnicker, J. Peters: Anästhesiologisches Vorgehen bei Hemihepatektomie bei einem Patienten mit Karzinoid-Syndrom In: AINS - Anästhesiologie · Intensivmedizin · Notfallmedizin · Schmerztherapie. Band: 36, Nummer: 12, 2001, doi: 10.1055/s-2001-18985 . | Open in Read by QxMD p. 763-767.
  8. K. Reschke, H. Lehnert: Die thyreotoxische Krise In: Der Internist. Band: 44, Nummer: 10, 2003, doi: 10.1007/s00108-003-1051-0 . | Open in Read by QxMD p. 1221-1230.
  9. S. Burger-Stritt, S. Hahner: Nebennierenkrise In: Der Internist. Band: 58, Nummer: 10, 2017, doi: 10.1007/s00108-017-0307-z . | Open in Read by QxMD p. 1037-1041.
  10. H.-J. Epple, M. Zeitz: Enteritis infectiosa In: Der Internist. Band: 52, Nummer: 9, 2011, doi: 10.1007/s00108-011-2862-z . | Open in Read by QxMD p. 1038-1046.
  11. Gertrude Seiberl, Elisabeth Bischof, Christoph Wenisch: Akute infektiöse Diarrhoe In: Wiener klinische Wochenschrift Education. Band: 1, Nummer: 3, 2006, doi: 10.1007/s11812-006-0017-2 . | Open in Read by QxMD p. 137-152.
  12. M. Wadl, D.E. Müller-Wiefel, K. Stark, A. Fruth, H. Karch, D. Werber: Enteropathisches hämolytisch-urämisches Syndrom In: Monatsschrift Kinderheilkunde. Band: 159, Nummer: 2, 2010, doi: 10.1007/s00112-010-2272-7 . | Open in Read by QxMD p. 152-160.
  13. Herold et al.: Innere Medizin. Eigenverlag 2012, ISBN: 978-3-981-46602-7 .
  14. S2k-Leitlinie Gastrointestinale Infektionen und Morbus Whipple. Stand: 31. Januar 2015. Abgerufen am: 16. Februar 2017.
  15. Longmore et al.: Oxford Handbook of Clinical Medicine. Oxford University Press Inc. 2014, ISBN: 978-0-199-60962-8 .
  16. Messmann: Klinische Gastroenterologie. 1. Auflage Thieme 2011, ISBN: 978-3-131-47251-9 .
  17. Siegenthaler, Blum: Klinische Pathophysiologie. 9. Auflage Thieme 2013, ISBN: 978-3-131-76089-0 .
  18. WHO, Department of Child and Adolescent Health and Development: The treatment of diarrhoea : a manual for physicians and other senior health workers. World Health Organization (WHO) 2005, ISBN: 9-241-59318-0 .