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Depression

Letzte Aktualisierung: 27.8.2021

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Depressive Episoden und rezidivierende depressive Störungen sind Krankheitsbilder, bei denen die betroffenen Patienten meist unter gedrückter Stimmung, Interessenverlust und einer Verminderung des Antriebs leiden. Die Fähigkeit zur Freude, die Konzentration, der Schlaf und das Selbstwertgefühl können beeinträchtigt sein. Die Symptomatik kann zudem von einem somatischen Syndrom begleitet werden, zu dem die folgenden Symptome gezählt werden: Verlust der Freude, Früherwachen, Morgentief, psychomotorische Hemmung, Agitiertheit, Appetitverlust, Gewichtsverlust und Libidoverlust. Abhängig von der Erfüllung der ICD-Kriterien ist eine depressive Episode als leicht, mittelgradig oder schwer zu klassifizieren.

Die Ursache der Erkrankung ist multifaktoriell, wobei genetische Faktoren, strukturell-morphologische Gehirnveränderungen, hormonelle Umstellungen sowie belastende Lebensereignisse wichtige Faktoren sind. Neurobiologisch wird die Depression mit einem Serotonin-/Noradrenalinmangel erklärt, was auch den entscheidenden Therapieansatz für Antidepressiva darstellt. Bei den Antidepressiva wird vereinfacht zwischen SSRIs, SSNRIs, SNRIs, Trizyklika und MAO-Hemmern unterschieden. Bevorzugt werden heute als Mittel der 1. Wahl SSRIs und SSNRIs verwendet.

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Multifaktorielles Geschehen

Man geht heutzutage davon aus, dass genetische, neurobiologische, sozial-psychiatrische und weitere Umweltfaktoren einen Einfluss auf die Krankheitsentstehung haben.

  • Biologische Faktoren: Genetische Disposition, Neurotransmitterstörungen, morphologische Gehirnveränderungen, hormonelle Einflüsse
  • Psychische Faktoren: Traumatische und belastende Erlebnisse, Persönlichkeitsfaktoren, lerntheoretische Erklärungen (z.B. erlernte Hilflosigkeit)

Erlernte Hilflosigkeit (nach Seligman)

Eine verhaltenspsychologische Grundlage für die Entstehung der Depression ist das Modell der erlernten Hilflosigkeit nach Seligman. Es bezeichnet das Phänomen, dass Lebewesen die gefühlte Hilflosigkeit einer subjektiv oder objektiv ausweglosen Situation (z.B. Traumen, negative Erlebnisse, Versagen) auf ihr allgemeines Verhalten übertragen und dadurch nicht mehr in der Lage sind, objektiv kontrollierbare Ereignisse zu bewältigen. Drei Aspekte, die mit der kognitiven Triade assoziiert sind, spielen dabei eine besondere Rolle:

  • Internale Kausalattribution
    • Internale Kausalattribution wird gesellschaftlich eher als positiver Charakterzug gewertet, wobei die davon ausgehende Belastung für die Psyche oft vernachlässigt wird.
  • Generalität
  • Stetigkeit

Organisch-bedingte Depression

Komorbiditäten

Monoamin-Hypothese

Antidepressiva erhöhen i.d.R. über eine Hemmung der Wiederaufnahme die Wirkung der Monoamine Serotonin und/oder Noradrenalin im Gehirn. Aufgrund des erfolgreichen therapeutischen Ansatzes führt die Monoamin-Hypothese die Depression auf einen Serotonin-/Noradrenalinmangel zurück.

Diagnosekriterien einer unipolaren depressiven Episode

Einschlusskriterien einer depressiven Episode
A: Allgemeine Voraussetzungen
B: Leitsymptome
  • Gedrückte Stimmung
  • Interessenverlust
  • Antriebsverlust
C: Weitere Symptome
  • Verminderung von Konzentration und Aufmerksamkeit
  • Vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
  • Schuldgefühle, Gefühl der Wertlosigkeit
  • Negative und pessimistische Zukunftsperspektiven
  • Gedanken an (bzw. erfolgte) Selbstverletzung oder Suizidhandlungen (siehe auch: Suizidalität im Rahmen psychiatrischer Grunderkrankungen)
  • Schlafstörungen
  • Verminderter Appetit
  • Leichte depressive Episode: Alle Kriterien von A, mindestens 2 Kriterien von B und 2 von C
  • Mittelgradige depressive Episode: Alle Kriterien von A, mindestens 2 Kriterien von B und 3-4 von C
  • Schwere depressive Episode: Alle Kriterien von A, alle Kriterien von B und mindestens 4 von C

Somatisches Syndrom

Zeigt ein Patient mit leichter oder mittelgradiger Depression mindestens 4 der folgenden Symptome, so spricht man von einem zusätzlichen somatischen Syndrom bei einer Depression

  • Freudlosigkeit (Anhedonie)
  • Mangelnde Reagibilität
  • Früherwachen
  • Morgentief
  • Psychomotorische Hemmung oder Agitiertheit
  • Appetitverlust
  • Gewichtsverlust: >5% des Körpergewichts im letzten Monat
  • Libidoverlust

Schwere depressive Episoden gehen i.d.R. mit einem somatischen Syndrom einher!

Weitere Symptome

Depression bei Kindern und Jugendlichen

Bei Kindern und Jugendlichen können die klassischen depressiven Symptome (wie z.B. gedrückte Stimmung und Antriebslosigkeit) deutlich weniger stark ausgeprägt sein. Nicht selten überwiegen Symptome, die einem ADHS ähneln (z.B. Konzentrationsschwäche, Aggressivität).

  • Depressive Symptome: Gedrückte Stimmung, Schlafstörungen, Antriebsminderung
  • Kognitive Beeinträchtigungen
    • Konzentrationsschwierigkeiten und Störungen des Gedächtnisses
    • Verlust von Motivation, Leistungsfähigkeit und Aufmerksamkeit (DD: ADHS)
  • Paradoxes Verhalten: Unruhe, Aggressionen (DD: ADHS)

Die Diagnose einer Depression wird vor allem klinisch (siehe: Symptome/Klinik: Diagnosekriterien einer Depression) nach Ausschluss organischer Ursachen (z.B. durch Blutuntersuchung, EEG und ggf. Bildgebung) gestellt.

Zusätzliche Diagnostik: Polysomnografie

  • Verlängerte Einschlaflatenz
  • Reduktion des Tiefschlafs bei Erhöhung des REM-Schlaf-Anteils
  • Verkürzte erste REM-Latenz
  • Erhöhte REM-Intensität (Dichte): Vermehrte Augenbewegungen
  • Verlängerte erste REM-Phase

Andere affektive Störungen

  • Dysthymie/Dysthymia (F34.1): Leichte depressive Symptome, die kontinuierlich über mindestens zwei Jahre anhalten, werden heutzutage als Dysthymie bezeichnet. Nach der alten Nomenklatur wurde sie als neurotische Depression bezeichnet, wobei das typische Erkrankungsalter das frühe Erwachsenenalter ist. Bei Progredienz der Symptome bzw. Erfüllung der Kriterien einer Depression nach ICD-10 muss eine depressive Episode diagnostiziert werden. Dysthymie beschreibt demnach ein Dauerstimmungstief, ohne die Kriterien einer depressiven Episode zu erfüllen.
  • Saisonale affektive Störung (Winterdepression): Depressive Symptome, die alljährlich im Herbst und Winter auftreten, werden als saisonale affektive Störung bezeichnet. Die Patienten nehmen Gewicht zu und haben ein vermehrtes Schlafbedürfnis. Therapeutisch kann mithilfe der Lichttherapie eine Symptomverbesserung erzielt werden.

Differentialdiagnose zu einer wahnhaften Depression

Schizoaffektive Störung (F25)

Die schizoaffektive Psychose ist geprägt durch typische Symptome einer Schizophrenie (Wahn und akustische Halluzinationen, Ich-Störungen) begleitet von manischen und/oder depressiven Phasen. Die klare Abgrenzung zur wahnhaften Manie/Depression, bei der die affektive Störung im Vordergrund steht und Wahnsymptome begleitend sind, ist oft schwierig. Hilfreich kann die Betrachtung des Wahns sein.

Ein synthymer Wahn spricht eher für eine schwere Depression/Manie, ein parathymer Wahn hingegen für eine schizoaffektive Psychose!

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differentialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Allgemein

Eine antidepressive Therapie umfasst i.d.R. eine medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva in Kombination mit einer geeigneten Psychotherapie, wobei in Studien insb. mit kognitiven Verhaltenstherapien gute Ergebnisse erzielt werden konnten.

Depressionen im höheren Lebensalter sollen bei mittelschwerer Ausprägung primär psychotherapeutisch und bei schwerer Ausprägung kombiniert psychotherapeutisch und medikamentös behandelt werden. (DGIM - Klug entscheiden in der Geriatrie)

Medikamentös

Die medikamentöse Therapie wird mit der kleinsten Dosierung einschleichend begonnen. Nach der S3-Leitlinie der DGPPN sollten Antidepressiva bei Erstdiagnose mindestens 4–9 Monate über die Remission einer depressiven Episode hinaus eingenommen werden. Bei Patienten mit zwei oder mehr depressiven Episoden sollte eine Rezidivprophylaxe über mindestens zwei Jahre erfolgen.

Sedierung Wirkstoffgruppe
1. Wahl Nicht erwünscht
Erwünscht
2. Wahl Nicht erwünscht
  • Suizidale Patienten: Ggf. Rezidivprophylaxe durch Kombination mit Lithium
  • Depressiver Stupor: Initial als Notfalltherapie Lorazepam, anschließend stationäre Einstellung auf Antidepressiva (ggf. weiterhin adjuvante Gabe von Lorazepam) [1][2]
  • Möglichkeiten bei Therapierefraktärität
    • Dosiserhöhung (CAVE bei SSRI: Ein Aufdosieren wird nicht empfohlen!)
    • Switching: Wechsel des Antidepressivums
    • Augmentation: Zusätzliche Gabe von Lithium
      • Bei Nicht-Ansprechen sollte Lithium wieder abgesetzt werden; bei Ansprechen sollte die Lithium-Therapie für mindestens sechs Monate fortgeführt werden

Bei der Behandlung einer Depression wird immer eine Monotherapie angestrebt!

Die Kombinationstherapie von MAO-Hemmern mit SSRI/SSNRI oder dem trizyklischen Antidepressivum Clomipramin ist wegen der Gefahr eines Serotonin-Syndroms kontraindiziert!

Interventionell/Nicht-Medikamentös

Schlafentzugstherapie (Wachtherapie)

  • Vorgehen: Vollständiger oder partieller (dann die 2. Nachthälfte betreffender) Schlafentzug
  • Effekt: Kurzfristige antidepressive Wirkung innerhalb des gleichen Tages möglich, Effekt jedoch i.d.R. nicht anhaltend
  • Ziel: Wiederherstellung der physiologischen Schlafarchitektur
  • Umsetzungsbeispiel: 3 Perioden/Woche in folgender Form
    • Von 7 Uhr (Tag 1) bis 19 Uhr (Tag 2) durchgängig wach
    • Erholungsschlaf von 19 Uhr (Tag 2) bis 7 Uhr (Tag 3)
    • Erneuter Schlafentzug
    • Kurzschlafphasen zwischendurch verringern die antidepressive Wirkung
    • Phase-Advance-Therapie (folgt einer Schlafentzugsperiode)
      • Vorverschiebung der Schlafphasen um ca. 6 h
      • In Kombination mit Schlafentzug ebenfalls antidepressiv
  • Komplikationen

Elektrokonvulsionstherapie

Siehe: Elektrokonvulsionstherapie

Schwangere [3][4][5][6][7]

Viele Schwangerschaftsdepressionen bleiben undiagnostiziert und unbehandelt, da die Symptome für die betroffenen Frauen einerseits mit Schuld- und Schamgefühlen behaftet sind und andererseits teilweise schwer von den physiologischen körperlichen und psychischen Veränderungen in der Schwangerschaft abgegrenzt werden können. Etwa 30% der Frauen mit einer Schwangerschaftsdepression entwickeln auch eine Wochenbettdepression [4]

Schwangerschaftsdepression (Peripartale Depression)

Wöchnerinnen [3][7][9][10][11]

In keiner anderen Lebensphase einer Frau ist das Risiko, an einer psychischen Störung zu erkranken, so groß wie im Wochenbett! Die Wochenbettdepression wird jedoch oftmals erst spät diagnostiziert, da die Symptome meist nach der Entlassung nach Hause auftreten und viele Frauen sich nicht trauen, darüber zu sprechen. Übrigens: Auch Väter können an einer postpartalen Depression erkranken!

Wochenbettdepression (Postpartale Depression)

Wochenbettpsychose (Postpartale Psychose) [8][11]

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F32.-: Depressive Episode

F33.-: Rezidivierende depressive Störung

  • Inklusive: Rezidivierende Episoden (F33.0 oder F33.1): depressive Reaktion, psychogene Depression, reaktive Depression, Saisonale depressive Störung
  • Exklusive: Rezidivierende kurze depressive Episoden (F38.1)
  • F33.0: Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte Episode
  • F33.1: Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode
  • F33.2: Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische Symptome
  • F33.3: Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode mit psychotischen Symptomen
  • F33.4: Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig remittiert
  • F33.8: Sonstige rezidivierende depressive Störungen
  • F33.9: Rezidivierende depressive Störung, nicht näher bezeichnet
    • Monopolare Depression o.n.A.

F34.-: Anhaltende affektive Störungen

F53.-: Psychische oder Verhaltensstörungen im Wochenbett, anderenorts nicht klassifiziert

  • F53.0: Leichte psychische und Verhaltensstörungen im Wochenbett, anderenorts nicht klassifiziert
  • F53.1: Schwere psychische und Verhaltensstörungen im Wochenbett, anderenorts nicht klassifiziert
  • F53.8: Sonstige psychische und Verhaltensstörungen im Wochenbett, anderenorts nicht klassifiziert
  • F53.9: Psychische Störung im Wochenbett, nicht näher bezeichnet

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2021, DIMDI.

  1. Gründer, Benkert: Handbuch der Psychopharmakotherapie. 2. Auflage Springer 2011, ISBN: 978-3-642-19843-4 .
  2. Schneider, Weber-Papen: Facharztwissen Psychiatrie und Psychotherapie. Springer 2011, ISBN: 978-3-642-17191-8 .
  3. Kainer et al.: Facharztwissen Geburtsmedizin. Urban & Fischer 2016, ISBN: 978-3-437-23752-2 .
  4. Bader et al.: Schwangerschaftsdepression und deren Behandlung In: Der Nervenarzt. Band: 81, Nummer: 3, 2009, doi: 10.1007/s00115-009-2821-2 . | Open in Read by QxMD p. 267-276.
  5. Kittel-Schneider, Reif: Behandlung psychischer Störungen in Schwangerschaft und Stillzeit In: Der Nervenarzt. Band: 87, Nummer: 9, 2016, doi: 10.1007/s00115-016-0177-y . | Open in Read by QxMD p. 967-973.
  6. Bergemann, Paulus: Psychopharmakotherapie in der Schwangerschaft In: Der Nervenarzt. Band: 87, Nummer: 9, 2016, doi: 10.1007/s00115-016-0192-z . | Open in Read by QxMD p. 943-954.
  7. Schneider, Härter: S3-Leitlinie/Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression - Langfassung, 2. Auflage Nummer: 2. Auflage, 2015, doi: 10.6101/AZQ/000364 . | Open in Read by QxMD .
  8. Kühner: Psychiatrische Erkrankungen in Schwangerschaft und Stillzeit In: Der Nervenarzt. Band: 87, Nummer: 9, 2016, doi: 10.1007/s00115-016-0175-0 . | Open in Read by QxMD p. 926-936.
  9. Bamberg, Dudenhausen: Das Wochenbett In: Der Gynäkologe. Band: 42, Nummer: 9, 2009, doi: 10.1007/s00129-009-2433-8 . | Open in Read by QxMD p. 711-719.
  10. Härtl et al.: Wochenbettdepression In: Der Gynäkologe. Band: 39, Nummer: 10, 2006, doi: 10.1007/s00129-006-1867-5 . | Open in Read by QxMD p. 813-819.
  11. Dorsch: Baby Blues oder postpartale Depression? In: MMW - Fortschritte der Medizin. Band: 152, Nummer: 48, 2010, doi: 10.1007/bf03367491 . | Open in Read by QxMD p. 27-31.
  12. Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie 2010 .
  13. Bandelow et al.: Kurzlehrbuch Psychiatrie. 2. Auflage Steinkopff 2008, ISBN: 978-3-798-51835-3 .
  14. S3-Leitlinie (Nationale Versorgungsleitlinie) Unipolare Depression. Stand: 30. Mai 2017. Abgerufen am: 7. November 2017.