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Cannabis (Intoxikation und Abhängigkeit)

Abstract

Cannabis stellt die in Deutschland am häufigsten konsumierte illegale Droge dar. Die Hauptwirkstoffe THC und Cannabidiol werden aus der Hanfpflanze gewonnen und i.d.R. inhalativ als gedrehte Zigaretten (Joints) oder oral, z.B. in Form von Keksen (sog. Spacecookies), konsumiert. Bei etwa 1% der deutschen Bevölkerung liegt ein Cannabismissbrauch bzw. eine -abhängigkeit vor.

Cannabis besitzt eine euphorisierende und sedativ-anxiolytische Hauptwirkung. Je nach Züchtung können unterschiedlich stark ausgeprägte halluzinogene und psychotische Wirkungen hinzukommen.

In Deutschland ist die Verordnung von cannabishaltigen Medikamenten bei schwerkranken Patienten unter bestimmten Bedingungen möglich. Die Evidenzlage ist hier noch gering, wobei aufgrund der erleichterten Verordnung in den kommenden Jahren eine Verbesserung der Datenlage zu erwarten ist.

Epidemiologie

  • Lebenszeitprävalenz des Cannabis-Konsums [1]
    • Jugendliche (12–17 Jahre): Ca. 10%
    • Erwachsene: Ca. 35%
  • Prävalenz des regelmäßigen Konsums [1]
    • Jugendliche (12–17 Jahre): Ca. 1%
    • Erwachsene: Ca. 4%
  • Prävalenz von Missbrauch/Abhängigkeit: Ca. 1% der erwachsenen Gesamtbevölkerung [2]

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Herstellungs- und Konsumformen

  • Herstellungsformen
    • Marihuana (sog. „Gras“): Getrocknete Blätter und Blüten der Hanfpflanze
    • Haschisch (sog. „Dope“, „Shit“): Harz der Blütenstände der Hanfpflanze
  • Konsumformen
    • Inhalativ: Als selbst gedrehte Zigaretten (sog. „Joints“) oder in Wasserpfeifen (sog. „Bongs“)
    • Oral: Verarbeitung des in Öl gelösten THCs, z.B. in Kuchen oder Plätzchen (sog. „Space-Cookies“)

Wirkstoffe und Wirkmechanismus

  • Wirkstoffe [2]
    • Tetrahydrocannabinol (THC): Hauptwirkstoff
    • Cannabidiol (CBD): Weiterer Wirkstoff, der die THC-Wirkung moduliert und damit für viele angenehme Effekte verantwortlich ist
  • Wirkmechanismus: Bindung an die spezifischen Cannabinoid-Rezeptoren CB1, CB2 → U.a. Hemmung eines GABAergen Interneurons → Hemmung des inhibitorischen Effekts auf nachgeschaltete dopaminerge Neurone → Erhöhung der Dopaminausschüttung im Nucleus accumbens des mesolimbischen Belohnungssystems [2]

Wirkungen und Nebenwirkungen

Wirkungen

  • Initial: Euphorie (oft mit sog. „Lachflashs“), Entspannung und halluzinogene Effekte
  • Im Verlauf: Passivität, Antriebshemmung und gesteigerter Appetit/Heißhungerattacken
  • Zeitlicher Ablauf
    • Inhalativer Konsum: Wirkeintritt innerhalb weniger Minuten, Wirkmaximum nach 20–30 Minuten, insg. Anhalten der Wirkung über 2–3 Stunden
    • Oraler Konsum: Wirkeintritt nach ca. 30 Minuten, Wirkmaximum nach 2–3 Stunden, insg. Anhalten der Wirkung über 3–6 Stunden

Nebenwirkungen/Komplikationen

  • Körperlich
    • Übelkeit, Erbrechen
    • Tachykardie
    • Vasodilatation mit konjunktivaler Injektion
    • Appetitsteigerung, Mundtrockenheit mit Durstgefühl
    • Lebensbedrohliche Komplikationen sind selten, kommen aber insb. in Form kardiovaskulärer oder zerebraler Komplikationen vor [3] [4]
  • Psychisch
  • Langzeitfolgen bei chronischem Konsum
    • Pulmonale Folgeerkrankungen des inhalativen Konsums
    • Erhöhtes Risiko für komorbide psychische Erkrankungen, insb.
      • Affektive Störungen [5]
      • Bei entsprechender Disposition: Auslösung schizophrener Psychosen bzw. Verschlechterung einer bestehenden Schizophrenie [6]
    • Neurotoxische Effekte mit Beeinträchtigung kognitiver Funktionen [7] [8] [9]
    • Assoziation mit geringerem Bildungserfolg (insb. frühzeitiger Schulabbruch und Arbeitslosigkeit) [10] [11]

Therapie bei Intoxikation

  • Supportive Therapie (Beruhigung und Reizabschirmung): I.d.R. ausreichend
  • Medikamentöse Therapie

Cannabisabhängigkeit

Diagnosekriterien

Entzugssymptome [12] [2]

  • Häufige körperliche Symptome [4]
    • Appetit- und Gewichtsverlust
    • Schlafstörungen
    • Motorische Unruhe, Tremor
  • Häufige psychische Symptome
  • Medikamentöse Therapieoptionen
    • Selten notwendig
    • Ggf. bei starker Entzugssymptomatik intermittierend Gabe eines Benzodiazepins oder Antipsychotikums

Therapie der Cannabisabhängigkeit

  • Therapieangebote
    • I.d.R. als ambulante Entzugs- und Entwöhnungstherapie
    • Teilstationäre und stationäre Entzugs- und Entwöhnungstherapien insb. bei starker Entzugssymptomatik, schwieriger sozialer Situation oder psychiatrischen Komorbiditäten sinnvoll
    • Selbsthilfegruppen
    • Internetbasierte Entwöhnungsprogramme : Siehe Tipps & Links
  • Zum allgemeinen Vorgehen bei Abhängigkeitserkrankungen siehe: Therapie von Abhängigkeiten

Medizinische Verwendung von Cannabis

  • Voraussetzungen zur Verordnung: [13] [14] In Deutschland ist die Verordnung von cannabishaltigen Medikamenten bei schwer kranken Patienten unter bestimmten Bedingungen möglich
    • Verpflichtende Begleiterhebung
    • Klärung der Kostenübernahme durch die Krankenkasse
    • Verschreibung im Rahmen eines BtM-Rezepts
    • Keine anderen verfügbaren Behandlungsoptionen oder
    • Andere Behandlungsoptionen sind aufgrund zu erwartender Nebenwirkungen oder im Hinblick auf den Krankheitszustand des Patienten nicht möglich
  • Verfügbare Präparate [13]
    • Getrocknete Cannabisblüten und ölige Cannabisextrakte
    • Fertigarzneien / Isolierte Einzelsubstanzen
      • Nabilon (Handelsname: Canemes®--------, vollsynthetisches Derivat, als Kapseln)
      • Nabiximols (Handelsname: Sativex®--------, Extrakt aus Cannabispflanze als Sublingualspray)
      • Dronabinol (Handelsname: Marinol®--------, vollsynthetisches Derivat, als Kapseln)
  • Anwendungsgebiete: z.B. [13]
    • Übelkeit und Erbrechen im Rahmen einer Chemotherapie bei Krebspatienten: Zulassung für Nabilon
    • Mittelschwere bis schwere Spastik bei Multipler Sklerose: Zulassung für Nabiximols
    • Weitere Anwendungsgebiete ohne Zulassung, u.a.
      • Behandlung chronischer, insb. neuropathischer Schmerzen [15]
      • Chronisch entzündliche Darmerkrankungen [16]
  • Nebenwirkungen: z.B.
    • Zentralnervöse Nebenwirkungen wie Schwindel, Somnolenz, Konzentrationsstörungen
    • Gastrointestinale Nebenwirkungen (v.a. Übelkeit)
  • Kontraindikationen: z.B.
  • Evidenzlage [17] [18]
    • Geringe Evidenz für viele Indikationen
    • Verbesserung der Datenlage in den kommenden Jahren aufgrund der erleichterten Verordnung zu erwarten

Rechtsmedizinischer Nachweis

  • Urin: Je nach Konsumhäufigkeit kann die Nachweisbarkeit zwischen ca. 3 Tagen (Gelegenheitskonsum) bis zu mehreren Wochen (starker Konsum) liegen [2]
  • Blut [2]
    • Nachweis von aktivem THC ca. 12–72 h nach Konsum (je nach Konsummuster)
    • Nachweis von THC-Metaboliten bis zu mehrere Wochen (je nach Konsummuster)