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Breaking Bad News (Pilotprojekt in Kooperation mit der Charité Berlin)

Abstract

„Breaking Bad News“, also das Überbringen schlechter Nachrichten, ist eine Kernkompetenz, die Ärzte im Berufsalltag beherrschen müssen. In den universitären Curriculae findet das Thema deswegen mehr und mehr Berücksichtigung. Nichtsdestotrotz bleibt das Patientengespräch über lebensverändernde Diagnosen insb. in den ersten Weiterbildungsjahren eine Herausforderung. Gerade bei geringerer Berufserfahrung ist es wichtig, sich selbst und den Patienten ausreichend auf das Gespräch vorzubereiten und den Ablauf nicht einfach nur „dem gesunden Menschenverstand“ zu überlassen. Mit Sicherheit sind die Inhalte des Gesprächs beim Übermitteln einer „HIV-positiv“-Diagnose andere als bei einer missglückten orthopädischen Operation oder bei Erstdiagnose einer Alzheimer-Demenz. Das richtige Setting aber, die Vorbereitung und der „rote Faden beim Gespräch“ sind unabhängig von der Diagnose von enormer Bedeutung.

Professor Jalid Sehouli (Charité Berlin, DGGG) stellt hier freundlicherweise praktische Checklisten zur Verfügung, die seinem Buch „Von der Kunst schlechte Nachrichten gut zu überbringen“[1] entstammen und sowohl für Ärzte als auch für Patienten und Angehörige bestimmt sind. Die Checklisten sind in detaillierter Ausarbeitung aktueller Literatur entstanden. [2][3][4][5][6][7][8][9][10][11][12][13][14]

Praktische Tipps für das Setting

„Die ABC-Regel: Wann-Wo-Wer?“

  • A: Wann und wie lange?
    • Sobald wie möglich (für den Patienten) und nötig (für eine Entscheidungsfindung in einer Situation), wenn alle Befunde vorliegen.
    • In der Klinik möglichst nicht spät abends. Falls nicht anders möglich, für anschließenden Support sorgen.
    • In der Praxis Randtermine reservieren. Von vornherein zwei oder mehr Gespräche veranschlagen. Etwaige Dauer: 15–30 Minuten, nur in Ausnahmefällen länger, weil die Aufnahmefähigkeit der Patienten nach der Kernbotschaft deutlich reduziert ist.
  • B: Wo?
    • Versuchen Sie einen geschützten und stabilen physischen und atmosphärischen Raum für das Gespräch zu schaffen.
      • Möglichst in einem separaten Raum; Mitpatienten hinausbitten
      • Telefon ausschalten, Telefon umleiten
      • Taschentücher bereithalten etc.
  • C: Wer?
    • Vertrauter Arzt, evtl. mit Team-Mitglied (z.B. betreuender Pflegekraft) oder Angehörigem

Für Ärztin/Arzt: Checkliste für das Gespräch zur Übermittlung einer schlechten Nachricht

„The 10 Steps of breaking bad news for physicians“

  • Regel 1: Investieren Sie Zeit in die Vorbereitung.
  • Regel 2: Beachten Sie die inhaltliche und zeitliche Beschränkung und sprechen Sie diese vorab auch an.
  • Regel 3: Gewinnen Sie Angehörige als Verbündete und Unterstützer, wenn diese für die Patienten wichtig sind (aber fragen Sie die Patienten, ob sie diese Allianz auch wollen).
  • Regel 4: Stellen Sie viele offene Fragen, unterbrechen Sie Ihr Gegenüber nur, wenn unbedingt nötig.
  • Regel 5: Respektieren Sie subjektive eigene Erklärungsmodelle, bewerten Sie nicht.
  • Regel 6: Loten Sie den aktuellen Wissensstand Ihres Gegenübers aus und holen Sie den Patienten dort ab, wo er steht.
  • Regel 7: Geben Sie eine Warnung, bevor Sie eine negative Information oder Botschaft überbringen.
  • Regel 8: Lassen Sie Ihrem Gegenüber nach der Kernbotschaft Zeit, diese anzunehmen, nutzen Sie die Pause, Ihre eigenen und die Emotionen des Patienten wahrzunehmen.
  • Regel 9: Besprechen Sie praktisch Handhabbares.
  • Regel 10: Heben Sie das Gute hervor, schließen Sie mit etwas Positivem.

Für den Patienten/die Patientin: Checkliste für das Gespräch zur Übermittlung einer schlechten Nachricht

„The five key questions for patients“

  1. Kann ich mich auf das Gespräch vorbereiten?
    • Kann ich den Zeitpunkt mitbestimmen?
    • Möchte ich, dass eine Vertrauensperson dabei ist?
    • Wer sollte dabei sein, wenn es eine gute Nachricht wird, wer, wenn es eine schlechte Nachricht wird?
  2. Wie kann ich alle Informationen, die mir mitgeteilt werden, erfassen?
    • Fragen Sie nach oder bitten Sie Ihre Vertrauensperson, Notizen zu machen. Grundsätzlich werden aber im Gespräch zu schlechten Nachrichten eher zu viele als zu wenige Informationen gegeben, in Folgegesprächen können weitere Informationen eingeholt werden.
  3. Fordern Sie Pausen ein und versuchen Sie selbst, Ihre Emotionen und Gedanken auszudrücken!
    • Nehmen Sie sich alle Zeit, die Sie brauchen, um sich zu orientieren und dem weiteren Gespräch folgen zu können. Ist Ihnen alles zu viel, sagen Sie es und bitten Sie um eine kleine Auszeit. Konzentrieren Sie sich auf die Kernbotschaft der schlechten Nachricht.
  4. Was ist die Kernbotschaft?
    • Habe ich sie verstanden?
    • Bitten Sie den Überbringer der schlechten Botschaft abschließend, ein Fazit zu formulieren.
  5. Wie kann mir jetzt geholfen werden?
    • Was könnten die nächsten praktischen Schritte sein?
    • Wer kann mich dabei unterstützen?
    • Wer kann meine Trauer und Unsicherheit begleiten?
    • Bei wem kann ich heute bleiben?
    • Wie komme ich jetzt nach Hause?
    • Was hat mir sonst im Leben im Umgang mit schlechten Nachrichten geholfen?

Für Angehörige: Checkliste für das Gespräch zur Übermittlung einer schlechten Nachricht

„The six key topics for relatives“

  1. Kann ich mich auf das Gespräch vorbereiten?
    • Was weiß ich zum bisherigen Verlauf der Krankheit, der Gespräche?
    • Wie ernst ist die Situation jetzt? Möchte und kann ich das Gespräch und die Situation aushalten?
    • Möchte die betroffene Person, dass ich dabei bin?
  2. Das Gespräch beobachten
    • Wie kann ich alle Informationen, die mitgeteilt werden, erfassen?
    • Welche Rolle kann und soll ich übernehmen? Fragen Sie die betroffene Person.
  3. Die Situation aushalten
    • Der Rhythmus des Gesprächs sollte nur von der betroffenen Person und dem Überbringer der schlechten Nachricht bestimmt werden.
    • Versuchen Sie nicht als Moderator oder Anwalt aufzutreten, sondern eher als stiller Beisitzer anwesend zu sein, der aber natürlich auch Fragen stellen darf.
  4. Auf die Kernbotschaft der schlechten Nachricht konzentrieren
    • Was ist die Kernbotschaft?
    • Habe ich das auch verstanden?
  5. Nach dem Gespräch
    • Nach dem Gespräch anbieten, das Fazit und das gesamte Gespräch nochmals zu besprechen.
    • Respektieren Sie aber auch, wenn gewünscht wird, dass zunächst gar nicht gesprochen wird.
    • Versuchen Sie sich darauf zu konzentrieren, praktische Hilfen wie den Nachhauseweg zu organisieren oder die Einkäufe zu übernehmen.
    • Fragen Sie einfach, ob Sie dableiben sollen und bieten Sie an, der betroffenen Person zuzuhören.
    • Setzen Sie sich selbst nicht unter Druck, perfekte unmittelbare Lösungsansätze zu erarbeiten.
  6. Selbstreflektion
    • Wie kann ich meine Rolle und mein Wirken beim Umgang mit der schlechten Nachricht reflektieren?
    • Wer hilft mir dabei, ohne der betroffenen Person das Gefühl zu vermitteln, eine „zusätzliche Last“ zu sein?
    • Brauche ich professionelle Unterstützung?