• Klinik

Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS…)

Abstract

Die hyperkinetischen Störungen, zu denen auch das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom gezählt wird, sind durch einen Mangel an Ausdauer bei kognitiven Beschäftigungen und eine sprunghafte Tendenz charakterisiert. Das Verhalten wirkt im Vergleich zur gesellschaftlichen Norm hyperaktiv und desorganisiert. Neben der Unaufmerksamkeit und der Hyperaktivität ist zudem eine ausgeprägte Impulsivität typisch. Die Symptome müssen zur Diagnosestellung erstmalig vor dem 7. Lebensjahr auftreten, über mindestens 6 Monate vorliegen und in mehreren Situationen (klassischerweise: Schule und häusliche Umgebung) zu beobachten sein. Die Therapie sollte stets multimodal unter Einbeziehung der Familien und der Kindergärten/Schulen erfolgen. Medikamentös ist der BtM-rezeptpflichtige Amphetamin-Abkömmling Methylphenidat (Ritalin®) das Mittel der Wahl, da hier eine Reduzierung des Aufmerksamkeitsdefizits und des Konfliktpotentials gezeigt werden konnte. Als wichtige Nebenwirkungen sollten eine überschießende sympathomimetische Wirkung und eine Wachstumsretardierung beachtet werden.

Epidemiologie

  • Geschlecht: > (4–8 : 1)
  • Alter: Beginn meistens vor dem 6. Lebensjahr
  • Stärkste Ausprägung der Symptome meist im frühen Schulalter

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Ätiologie

Multifaktorielle Erkrankung

  • Genetische Disposition: Familiäre Häufung, Dopaminrezeptor-D4-Polymorphismus
  • Soziale Faktoren: Gestörte familiäre Strukturen, traumatische Erlebnisse

Assoziationen

Wie die meisten psychiatrischen Erkrankungen ist ADHS mit weiteren Erkrankungen assoziiert:

Symptome/Klinik

Kriterien zur Diagnosestellung

  • Beginn der Störung: Vor dem 7. Lebensjahr
  • Symptomdauer: Die Symptome müssen über mindestens sechs Monate in einem mit dem Entwicklungsstand des Kindes nicht zu vereinbarenden und unangemessenen Ausmaß vorliegen
  • Situation: Die Kriterien dürfen nicht isoliert, sondern müssen in mehr als einer Situation vorliegen: Z.B. Schule und häusliche Umgebung

Symptome

  • Aufmerksamkeitsdefizit
  • Hyperaktivität
  • Impulsivität
    • Unfähigkeit, zurückhaltend zu agieren
    • Vorschnelles, unüberlegtes Handeln
    • Impulsivität im sozialen Kontakt mit unangemessenen Reaktionen (Schreien, Gewalt)
  • Weitere Auffälligkeiten
    • Aggressivität im Rahmen der Impulsivität
    • Distanzlosigkeit gegenüber Erwachsenen

Therapie

Allgemein

Medikamentös

Methylphenidat (z.B. Ritalin®, Concerta®---------)

  • Substanzklasse: Psychostimulanzien (Psychoanaleptika), Amphetamin-Abkömmling
  • Wirkung
    • Gesteigerte geistige Leistungsfähigkeit: Verbesserte Konzentration mit Besserung der Kognition (Lernen, Erinnern, Kombinieren), des Kurzzeitgedächtnisses und der Feinmotorik
    • Reduzierung des Konfliktpotentials
    • Euphorie
  • Nebenwirkungen
    • Sympathomimetische Wirkung
      • RR-Anstieg, Tachykardie
      • Einschlafstörung
      • Mundtrockenheit, Schwitzen
      • Appetitminderung, Obstipation: Regelmäßige Kontrolle der Körpergröße und des Gewichts, um ein Wachstumsdefizit frühzeitig zu erkennen!
    • Epileptogenes Potential: Methylphenidat senkt die Krampfschwelle
    • Selten: Priapismus nach Absetzen des Medikaments
  • Dosierung: Einschleichendes Auftitrieren, da Wirkung individuell sehr verschieden

Amphetamine wie Methylphenidat sind BtM-pflichtig!

Atomoxetin

  • Wirkung: Selektiver Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI). Wirkprinzip ist eine sympathomimetische Wirkung über die Vermehrung der Noradrenalinkonzentration im synaptischen Spalt
  • Vorteil: Kein Abhängigkeitspotential → Kein BTM-Rezept notwendig
  • Einschränkung: In Meta-Analysen konnte gezeigt werden, dass Kinder und Jugendliche unter Atomoxetin-Behandlung vermehrt zu suizidalen Handlungen neigen. Eine besondere Beobachtung (vor allem zu Beginn der Therapie) ist deshalb indiziert.

Prognose

ADHS im Erwachsenenalter

In den meisten Fällen limitiert sich die Erkrankung mit dem Ende der Adoleszenz selbst. Da vor allem die Hyperaktivität abnimmt und dadurch die Erkrankung weniger auffällt, hat man lange Zeit geglaubt, dass die Erkrankung im Erwachsenenalter nicht existiert.

  • In einem Drittel der Fälle ist ein Fortbestehen der Störung ins Erwachsenenalter zu verzeichnen. Die Diagnosestellung orientiert sich zur Zeit an den Wender-Utah-Kriterien:
    • Aufmerksamkeitsstörung: Unaufmerksamkeit bei Gesprächen; erhöhte Ablenkbarkeit
    • Die motorische Hyperaktivität wird eher durch innere Unruhe und sprunghaftes Verhalten abgelöst
    • Affektlabilität: mit gehäuft deprimierter Stimmung, die als Unzufriedenheit oder Langeweile beschrieben wird
    • Desorganisiertes Verhalten: Bürokratische, berufliche und soziale Aufgaben werden begonnen aber nicht vollendet
    • Sprunghaftes Verhalten mit emotionaler Überreagibilität, Frustrationsintoleranz und Impulsivität

Patienteninformationen

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Ritalin

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2018

  • F90.-: Hyperkinetische Störungen
    • Diese Gruppe von Störungen ist charakterisiert durch einen frühen Beginn, meist in den ersten fünf Lebensjahren, einen Mangel an Ausdauer bei Beschäftigungen, die kognitiven Einsatz verlangen, und eine Tendenz, von einer Tätigkeit zu einer anderen zu wechseln, ohne etwas zu Ende zu bringen; hinzu kommt eine desorganisierte, mangelhaft regulierte und überschießende Aktivität. Verschiedene andere Auffälligkeiten können zusätzlich vorliegen. Hyperkinetische Kinder sind oft achtlos und impulsiv, neigen zu Unfällen und werden oft bestraft, weil sie eher aus Unachtsamkeit als vorsätzlich Regeln verletzen. Ihre Beziehung zu Erwachsenen ist oft von einer Distanzstörung und einem Mangel an normaler Vorsicht und Zurückhaltung geprägt. Bei anderen Kindern sind sie unbeliebt und können isoliert sein. Beeinträchtigung kognitiver Funktionen ist häufig, spezifische Verzögerungen der motorischen und sprachlichen Entwicklung kommen überproportional oft vor. Sekundäre Komplikationen sind dissoziales Verhalten und niedriges Selbstwertgefühl.
    • Exklusive: Affektive Störungen (F30-F39), Angststörungen (F41.-, F93.0), Schizophrenie (F20.‑), Tief greifende Entwicklungsstörungen (F84.‑)
    • F90.0: Einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung
    • F90.1: Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens
    • F90.8: Sonstige hyperkinetische Störungen
    • F90.9: Hyperkinetische Störung, nicht näher bezeichnet
      • Hyperkinetische Reaktion der Kindheit oder des Jugendalters o.n.A.
      • Hyperkinetisches Syndrom o.n.A.

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2018, DIMDI.