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Angststörungen und Phobien (F40 - F41…)

Abstract

Phobien sowie Angst- und Panikstörungen sind Krankheitsbilder, die mit dem Leitsymptom Angst einhergehen. Sie entstehen multifaktoriell durch das Zusammenspiel von genetischen, neurobiologischen, kognitiven und psychosozialen Faktoren und werden in der Regel mit einer Kombination aus medikamentöser Therapie mit SSRIs und psychotherapeutischen Verfahren (v.a. Verhaltenstherapie) behandelt. Anhand des Charakters und der Situation, in der die Ängste auftreten, werden die generalisierte Angststörung, die Panikstörung und phobische Störungen voneinander unterschieden: Bei der generalisierten Angststörung liegen die Ängste als chronischer Dauerzustand vor. Die Panikstörung ist durch Panikattacken (plötzliche, anfallsartig auftretende, wiederkehrende Angstattacken) in unterschiedlichen unspezifischen Situationen charakterisiert. Phobische Störungen beinhalten Ängste vor definierten Situationen oder Objekten. Diese können sich z.B. in Form von Angst vor öffentlichen Plätzen (Agoraphobie), vor sozialen Situationen (soziale Phobien) oder vor spezifischen, eng umschriebenen Situationen/Objekten, wie z.B. Höhe oder Spinnen (spezifische Phobien) äußern.

Übersicht

Angstzustände im Rahmen von Angststörungen und Phobien

Angstzustände
Charakter Situation
Generalisierte Angststörung Dauerzustand Unspezifisch
Panikstörung Akut: Panikattacke Unspezifisch
Phobische Störungen Akut: Panikattacke Spezifisch

Phobische Störungen (F40)

  • Kurzbeschreibung (ICD-10): Eine Gruppe von Störungen, bei der Angst ausschließlich oder überwiegend durch eindeutig definierte, eigentlich ungefährliche Situationen hervorgerufen wird.
  • Ätiologie: Phobische Störungen entstehen in der Regel nicht durch unangenehme Lernerfahrungen, sondern sind wahrscheinlich genetisch fest verankert: Nichtsdestotrotz können durch Verhaltenstherapie mit Konfrontationsverfahren gute therapeutische Ergebnisse erzielt werden. Vermutlich besteht prädisponierend eine gesteigerte Aktivität der Amygdala („Angstzentrum des Gehirns“) [1]
  • Klinik: Phobische Störungen können in spezifischen Situationen von leichtem Unbehagen bis hin zu "Panikattacken" führen. Den Patienten ist in der Regel bewusst, dass es sich um irrationale Ängste handelt, jedoch können sie aufgrund ihres manchmal schon jahrelangen Vermeidungsverhaltens die Ängste nicht mehr beherrschen und neigen eher zu verstärktem Vermeidungsverhalten.
  • Formen:
    • Agoraphobie (F40.0): Bei der Agoraphobie stehen die Ängste, alleine in die Öffentlichkeit zu gehen und sich alleine mit Verkehrsmitteln zu bewegen, im Vordergrund. Weiterhin kommt es vermehrt zu Angstsymptomen bei Menschenmengen und auf öffentlichen Plätzen (von griech. agorá = "Marktplatz"). Es besteht eine häufige Komorbidität mit Panikstörungen (Agoraphobie mit Panikstörung F40.01), Depressionen und Zwangsstörungen. Durch ein konsequentes Vermeidungsverhalten wird die Angstsituation nur selten erlebt: Betroffene verlassen das Haus nur selten und nach Möglichkeit nur in Begleitung
    • Soziale Phobie (F40.1): Der Patient fürchtet und vermeidet Situationen, in denen er im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Sowohl Gespräche mit Vorgesetzten, Behörden als auch Präsentationen vor einem Auditorium und Wortmeldungen in Kleingruppen werden gefürchtet. Auch zwischenmenschliche Beziehungen in größeren Gruppen werden vermieden.
    • Spezifische Phobie (F40.2): Der Patient leidet unter einer Angst, die sich spezifisch auf eine eng umschriebene Situation (z.B. Höhe → Akrophobie, geschlossene Räume → Klaustrophobie) oder ein spezifisches Objekt bezieht (z.B. Spinnen → Arachnophobie oder BlutHämatophobie). Ausgenommen sind hierbei Situationen, die der Agoraphobie oder sozialen Phobie zuzuordnen sind (s.o.). Einem Patienten, der unter einer spezifischen Phobie leidet, ist bewusst, dass seine Ängste irrational und übertrieben sind. Spezifische Phobien sind weit verbreitet und häufig nicht behandlungsbedürftig. Patienten entwickeln in der Regel ein Vermeidungsverhalten des angstauslösenden Stimulus, mit dem sie in ihrem Leben jedoch meist gut zurechtkommen.

Angststörungen

Bei der Angststörung handelt es sich um eine multifaktorielle Erkrankung, die auf genetische, neurobiologische, lernkognitive und psychosoziale Faktoren zurückzuführen ist.

  • Ätiologie
    • Lerntheorie: Fehlkonditionierung
    • Genetische Komponente
    • Neurobiologie
      • Die Angststörung steht im Zusammenhang mit einer Störung im Serotonin-System → Therapie mit SSRI
      • Störung der inhibitorischen GABAergen Transmission
      • Vermutlich gesteigerte Aktivität der Amygdala („Angstzentrum des Gehirns“)[1]
    • Psychosoziale Faktoren: Emotional belastende und traumatische Erlebnisse erhöhen das Risiko an einer Angststörung zu erkranken

Generalisierte Angststörung (F41.1)

Bei der generalisierten Angststörung treten die Angstsymptome situationsunabhängig und als Dauerzustand über Wochen bis Jahre auf. Plötzlich auftretende Symptome im Sinne einer Panikattacke sprechen gegen eine generalisierte Angststörung und eher für eine Panikstörung.

  • Klinik: Stärke und Art der Symptomatik sind typischerweise sehr wechselhaft. Die zeitlichen Abstände, in denen es zu Symptomen kommt, sind ebenfalls sehr unterschiedlich.
    • Vegetativ: Palpitationen, Herzrasen, Zittern, Schweißausbrüche, Schwindel, Mundtrockenheit
    • Gastrointestinal: Bauchschmerzen
    • Psychisch
      • Schreckhaftigkeit und Angstzustände als Dauerzustand und nicht situationsgebunden
      • Konzentrations- und Schlafstörungen
      • Negative Vorahnungen
  • Differentialdiagnosen

Panikstörung (episodische paroxysmale Angst, F41.0)

Der Patient leidet unter plötzlichen, anfallsartig auftretenden, wiederkehrenden Panikattacken in unspezifischen Situationen. Panikattacken dauern typischerweise 5–10 Minuten, wobei die Intensität der Symptome innerhalb dieser Zeit zunimmt.

  • Klinik der Panikattacken
    • Vegetativ
      • Schwitzen, Zittern, Hitzewallungen, Kälteschauer, Mundtrockenheit
      • Herzrasen (EKG: Sinustachykardie, ansonsten meist unauffälliger Befund)
      • Atemnot, Erstickungsgefühl und Hyperventilation
      • Schwindel und Ohnmachtsgefühle (aber keine Bewusstlosigkeit)
      • Übelkeit, Bauchschmerzen
    • Psychisch
    • Anfallsdauer: Wenige Minuten
    • Komplikation: Die Folge der unspezifischen Panikattacken ist häufig ein grundsätzliches Vermeidungsverhalten mit sozialem Rückzug und deutlicher Einschränkung der Lebensqualität.

Gemeinsame Therapie von Phobien und Angststörungen

Da insb. Benzodiazepine in Akutsituationen eine schnelle Symptomverbesserung bewirken, kann es bereits nach kurzer Zeit zu einer Fixierung auf die Substanzen und zu einer Abhängigkeit kommen!

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2018

F40.-: Phobische Störungen

F41.-: Andere Angststörungen

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2018, DIMDI.

Patienteninformationen