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Alkohol (Intoxikation und Abhängigkeit)

Abstract

Die Abhängigkeit von der Substanz Ethanol ist eine Erkrankung, an der ca. 2 Millionen Menschen in Deutschland leiden. Alkoholbezogene Störungen gehören zu den am häufigsten vergebenen Krankenhausdiagnosen. Die individuelle Alkoholverträglichkeit variiert stark. Für die Diagnose einer Alkoholabhängigkeit beziehen die ICD- und DSM-Kriterien daher Abhängigkeitsmerkmale wie Toleranzentwicklung, Entzugserscheinungen und die Vernachlässigung anderer Aktivitäten zugunsten des Alkoholkonsums mit ein. Diagnostisch können neben einer genauen Alkoholanamnese Screening-Tests wie der AUDIT oder der CAGE-Test sowie die Bestimmung von CDT und Transaminasen wegweisend sein.

Klinisch sind mehrere Krankheitsbilder auf den Konsum der toxischen Substanz zurückzuführen, die unter den Verlaufs- und Sonderformen beschrieben werden. Während die akute Intoxikation, der pathologische Rausch und die Alkoholhalluzinose durch eine vermehrte Aufnahme entstehen, ist das Entzugssyndrom mit gefürchteten Komplikationen wie einem Alkoholentzugsdelir (Delirium tremens) Folge eines absinkenden Alkoholspiegels. Die zahlreichen Folgeerkrankungen (z.B. Leberzirrhose, Wernicke-Korsakow-Syndrom, periphere Polyneuropathie) führen zu einer deutlichen Einschränkung der Lebenserwartung der Patienten. Im klinischen Entzug kommt neben symptomorientierter medikamentöser Therapie mit Benzodiazepinen oder Clomethiazol der Substitution von Vitamin B1 eine wichtige Bedeutung zu. Nach dem körperlichen Entzug steht therapeutisch die postakute Langzeitentwöhnung in zugelassenen Rehabilitationseinrichtungen mit individueller Nachsorge im Vordergrund.

Epidemiologie

WHO: Global status report on alcohol and health 2014 [1]

  • Global
    • Alkohol-assoziierte Mortalität: 5,9% aller Tode, entsprechend 3,3 Millionen Menschen/Jahr
    • Große globale Varianz
      • Globale Spitzenposition Europa
        • Höchste Konsumrate
        • Höchste Rate Alkohol-assoziierter Todesfälle, jährlich ca. 74.000 Fälle
      • Niedrigste Konsumraten: Süd-Ost-Asiatische Region und östliche Mittelmeerregion
  • Deutschland
    • Durchschnittlicher Alkoholkonsum: Gesamt: 11,8 L purer Alkohol/Jahr
    • Prävalenz der Alkoholabhängigkeit
      • ca. 5%
      • ca. 1%

Häufigkeit alkoholbezogener Störungen im Krankenhaus [2]

  • Zweithäufigste Diagnose
  • Unter Männern sogar häufigste Diagnose

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Ätiologie

Die Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit ist multifaktoriell. Vereinfachend gesagt, hängt sie vom stoffeigenen Suchtpotential, der individuellen Disposition (also Vulnerabilität) und der Konsummenge ab.

  • Stoffspezifisches Suchtpotential von Alkohol
    • Neurobiologische Anpassungsvorgänge → Toleranzentwicklung
  • Disposition
    • Allgemeine Risikofaktoren
    • Persönlichkeitsbezogene Risikofaktoren [3]
    • Genetische Risikofaktoren [5]
      • Ca. 50%
      • Multigenetischer Einfluss
    • Psychosoziale und umweltbedingte Risikofaktoren
      • Sozialer Stress
      • Dysfunktionale Familienstrukturen
      • Kritische Lebensereignisse (z.B. Missbrauch, Gewalterfahrungen)
  • Exposition

Symptome/Klinik

Generelles

Allgemeine körperliche Symptome

Psychische Symptome

Neurologische Symptome

Häufige psychiatrische Komorbiditäten

  • Andere Suchterkrankung: 10% der Fälle (Nikotinkonsum nicht mitgerechnet) [6]
  • Affektive Störungen: [7] Depressionen

Verlaufs- und Sonderformen

Die Alkoholabhängigkeit kann unterschiedliche Verlaufsformen annehmen. Dazu gehören:

Akute Alkoholintoxikation

Allgemein

  • Definition: Vorübergehendes Zustandsbild nach Alkoholaufnahme, das u.a. durch Störung von Bewusstsein, Kognition und Affekt geprägt ist
  • Pathophysiologie: Die Toleranz von Alkohol ist individuell verschieden ausgeprägt, wobei Blutalkoholkonzentrationen >5‰ i.d.R. letal enden. Alkohol wird in kleinen Mengen über die Mund- und Magenschleimhaut sowie den Ösophagus resorbiert, der Großteil jedoch im proximalen Dünndarm. Dabei ist die Resorptionsrate von vielen Faktoren abhängig.

Symptome in Abhängigkeit zur Promillekonzentration

  • Dosisabhängig biphasische Wirkung
    • Leicht (ca. 0,5–1,5‰): Stimulierende Wirkungen stehen im Vordergrund
      • Gesteigerter Antrieb, Euphorisierung (Enthemmung, Rededrang), mangelnde Kritikfähigkeit
      • Hautrötung
      • Tachykardie
      • Gang- und Standunsicherheit
    • Mittelschwer (ca. 1,5–2,5‰): Übergang von stimulierender zu zunehmend sedierender Wirkung
      • Benommenheit, evtl. amnestische Lücken
      • Übelkeit und Erbrechen
      • Zunahme der Gangunsicherheit und lallender Sprache
      • Einschränkung des Sehens und der Schalllokalisation
      • Erhebliche Reduktion von Aufmerksamkeit und Reaktion
      • Ausgeprägte Enthemmung
    • Schwer (ab ca. 2,5‰): Sedierende Wirkung mit starken Bewusstseinsstörungen
      • Illusionäre Verkennung
      • Schwere Dysarthrie, Schwindel, Ataxie
      • Vegetative Störungen mit
      • Übergang ins alkoholische Koma mit
        • Stark eingeschränktem Bewusstsein
        • Erloschenen Schutzreflexen
        • Atemdepression
      • Bis zu Tod durch Atemdepression und Kreislaufversagen („asphyktisches Stadium“)

Vorgehen bei akuter Alkoholintoxikation

Aufgrund der verzögerten Resorptionszeit (ca. 40 Minuten) können alkoholisierte Patienten im Verlauf eine gefährliche Verschlechterung ihrer Vitalfunktionen entwickeln.

Pathologischer Rausch

  • Kurzbeschreibung: Der pathologische Rausch darf nicht mit einem akuten Erregungszustand bei Alkoholabusus verwechselt werden, er stellt vielmehr eine seltene Unterform der akuten Alkoholintoxikation dar. Es handelt sich um einen kaum zu unterbrechenden Erregungszustand, zu dem es schon bei geringen Alkoholmengen bei Personen mit Prädisposition (meist hirnorganische Vorschädigung) kommen kann. Insgesamt ist die Evidenz für dieses Krankheitsbild niedrig.
  • Charakteristika
    • Vor allem junge Personen mit hirnorganischer Vorschädigung
    • Atemalkohol: Selten über 1,0‰
  • Klinik
  • Therapie

Alkoholhalluzinose

Alkoholentzugssyndrom

Allgemein

  • Synonym: Prädelir, unvollständiges Delir
  • Verlauf
    • Maximum meist innerhalb von 48 h nach Dosisreduktion/Alkoholabstinenz
    • Abklingen meist nach 3–7 Tagen

Typische Alkoholentzugssymptomatik

Bei starker Entzugssymptomatik mit Auftreten von Komplikationen wie Halluzinationen, Krampfanfällen oder Orientierungsstörungen vollzieht sich der Übergang in das lebensbedrohliche Alkoholentzugsdelir!

Therapie des Alkoholentzugssyndroms [8]

Stadienunabhängige, allgemeine Therapie

Medikamentöse Empfehlungen bei Alkoholentzugssyndrom [8]

  • Nutzen
    • Milderung der Entzugssymptomatik
    • Verhinderung von Komplikationen (insb. Entzugsdelir und Krampfanfälle)
  • Indikation
    • Bei leichten Alkoholentzugssymptomen optional
    • Bei mittelschweren und schweren Entzugssymptomen oder bei Komplikationen in der Vergangenheit empfohlen
  • Symptomgesteuerte Medikationsgabe vs. festes Dosierschema: Score-Systeme dienen der Objektivierung der Schwere des Entzugssyndroms, z.B. indem Punkte für vorhandene Entzugssymptome wie Tachykardie oder Tremor vergeben werden
    • Vor- und Nachteile der symptomgesteuerten Gabe
      • Vorteile: Geringer Medikationsverbrauch, oft kürzere Behandlungsdauer
      • Nachteile: Engmaschige Überwachung und Kenntnis in Handhabung notwendig

Etablierte Score-Systeme

  • Clinical Institute Withdrawal Assessment for Alcohol Scale (CIWA-Ar)
    • Beschreibung: 10-Item-Fragebogen, der die Ausprägung typischer Symptome des Alkoholentzugssyndroms erfragt und somit die Schwere des Entzugssyndrom objektiviert.
    • Durchführung
      • Durch geschulte Pflegekraft oder ärztliches Personal
      • Alle 4–8 Stunden, bis die Entzugssymptomatik mehr als 24 Stunden lang unter 8 Punkten liegt
    • Auswertung: Schweregrad des Entzugssyndroms nach Gesamtscore
      • ≤ 15 Punkte: Mildes Entzugssyndrom
      • 16–20 Punkte: Moderates Entzugssyndrom
      • 20–67 Punkte: Schweres Entzugssyndrom
    • Medikamentöse Empfehlungen: je nach Klinikstandard [9]
  • Alkohol-Entzugssyndrom-Skala (AES)
    • Beschreibung: Scoring-System, das aus Symptomen vegetativer und psychischer Symptomatik zwei Teilscores errechnet, die zu einem Gesamtwert addiert werden. Je höher der Wert, desto ausgeprägter ist das Alkoholentzugssyndroms. Die medikamentöse Therapie kann dann am Punktwert orientiert erfolgen.
    • Durchführung
      • Durch geschulte Pflegekraft oder ärztliches Personal
      • Stündlich in den ersten 36 Stunden oder so lange Score-Wert ≥ 6 Punkte
      • Zweistündlich ab Score-Wert < 6 Punkten
    • Auswertung
      • Teilscore Psychische Störungen
      • Gesamtscore (Addition beider Teilscores):
        • < 6 Punkte: I.d.R. keine Medikation erforderlich
        • ≥ 6 Punkte: Gabe von Clomethiazol , Diazepam oder Lorazepam bis bei stündlicher Reevaluation AES-Gesamtscore < 6 Punkten liegt

Substanzklassen

Alkoholentzugsdelir

Allgemein

Therapie des Alkoholentzugsdelirs [8] [10]

  • Allgemeines
    • Verlegung auf IMC/ICU
    • Legen eines intravenösen Zugangs zur Volumengabe und Bilanzierung sowie zum Elektrolytausgleich
    • Monitoring, Patientensicherung, ggf. Sitzwache, ggf. Veranlassung der vorläufigen Unterbringung bei akuter Eigen- oder Fremdgefährdung
  • Medikamentös: CAVE! Keine Gabe sedativer Medikation oberhalb von 1‰ Blutalkohol außerhalb der Intensivstation! [11]

Antipsychotika wie Haloperidol senken die Krampfschwelle!

Diagnostik

Allgemein

Anamnese

  • Etablierte Screeningtests
    • AUDIT: Alcohol Use Disorder Identification Test [11]
      • Von der WHO entwickelter Screening-Test
      • Ziel: Früherkennung von riskantem Alkoholkonsum
      • Kurz- und Langversion mit 10 bzw. 8 Items/Fragen
      • Dauer ca. 5–10 Minuten
      • Sehr gute psychometrische Eigenschaften [12]
    • CAGE: Einfacher Alkoholismus-Test, der der groben Orientierung dient
      • C (Cut down drinking): „Haben Sie jemals daran gedacht, weniger zu trinken?
      • A (Annoyed): „Ärgert Sie die Kritik Ihres Umfelds an Ihrem Alkoholkonsum?
      • G (Guilty): „Empfinden Sie Schuldgefühle aufgrund ihres Trinkverhaltens?
      • E (Eye opener): „Brauchen Sie morgens nach dem Aufwachen Alkohol, um leistungsfähig zu werden?
      • Auswertung:
        • Jede positiv beantwortete Frage entspricht einem Punkt
        • Zwei oder mehr Positiv-Antworten → Wahrscheinlicher Alkoholmissbrauch bzw. Alkoholabhängigkeit
        • Gemischte Evidenz bezüglich der psychometrischen Güte des Tests [13] [14] [15] [16]

„Weniger (Cut-Down) Kritik (Annoyed) ist gewiss (Guilty) ein Muntermacher (Eye-Opener)“

  • Alkoholanamnese
    • Konsummenge
      • Riskante tägliche Alkoholmenge nach WHO: >24 g/Tag, >12 g/Tag
        • Beispiele: Das entspricht für Frauen mehr als 0,1 L Wein oder Sekt und mehr als 0,25 L Bier oder 4 cL Schnaps pro Tag. Bei Männern ist ein Konsum entsprechend ab der doppelten Menge gesundheitsgefährdend.
    • Häufigkeit/Trinkmuster
      • Einstiegsalter
      • Trinkmuster: Traditionelle Typologie Alkoholabhängiger nach Jellinek
        • Alpha- und Beta-Alkoholiker (sog. Problemtrinker und Gelegenheitstrinker): Zwar suchtgefährdet, aber noch nicht abhängig
        • Gamma-Alkoholiker: Trinkmuster variabel, viele Räusche, dazwischen kurze Abstinenzphasen
        • Delta-Alkoholiker (sog. Spiegeltrinker): Konstant hoher Konsum ohne häufige Räusche
        • Epsilon-Alkoholiker (sog. Quartalstrinker): Phasen mit exzessartigen Räuschen und starkem Kontrollverlust, dazwischen lange abstinente Intervalle
    • Vergangene Entzüge
      • Wie viele stattgehabte Entzüge? Ambulant oder (teil‑) stationär?
      • Abstinenzzeiten?
      • Stattgehabte Komplikationen wie Delir oder Krampfanfall im Entzug?
    • Motivationsstatus bezüglich aktuellem Alkoholentzug
  • Drogenanamnese
  • Komorbiditäten
    • Psychiatrisch
    • Somatisch
  • Familien- und Sozialanamnese
    • Ressourcen?
    • Risikofaktoren?

Körperliche Untersuchung

Labor

  • Akuter Alkoholabusus
    • Ethanol in der Atemluft oder im Blut
    • Ethylglucuronid (EtG) und Ethylsulfat (EtS) im Urin
      • Ethylglucuronid und -sulfat werden meist zusammen in der Urinprobe bestimmt, um falsch-negative Befunde infolge der Aktivität bakterieller Glucuronidasen (→ Abbau von Ethylglucuronid) in besiedelten Urinproben zu vermeiden.
  • Chronischer Alkoholabusus

Diagnosekriterien der Alkoholabhängigkeit

  • Nach ICD-10:
    1. Starker Wunsch oder Zwang des Konsums (sog. Craving)
    2. Verminderte Kontrollfähigkeit über Beginn, Beendigung und Menge des Konsums
    3. Entzugssymptomatik
    4. Toleranzentwicklung
    5. Vernachlässigung/Einschränkung/Aufgabe von sozialen, beruflichen oder Freizeitaktivitäten zugunsten des Alkoholkonsums; hoher Zeitaufwand, um Alkohol zu beschaffen, zu konsumieren oder sich von der Wirkung zu erholen
    6. Fortgesetzter Konsum trotz Kenntnis über anhaltendes/wiederkehrendes körperliches oder psychisches Problem, das durch Alkohol verursacht oder verstärkt wird
  • Nach DSM-5: Substanzgebrauchsstörung durch Alkohol (Englisch: „substance use disorder“)
    1. Durch Konsum bedingtes Versagen in der Erfüllung wichtiger Verpflichtungen in den Bereichen Arbeit, Schule oder Häuslichkeit
    2. Wiederholter Konsum trotz dadurch bedingter physischer Schädigung
    3. Wiederholter Konsum trotz wiederkehrender sozialer oder interpersoneller Probleme
    4. Toleranzentwicklung, sichtbar durch die verminderte Wirkung einer bestimmten Konsummenge bzw. notwendiger Dosissteigerung
    5. Entzugssymptome bei Nicht-Konsum der Substanz oder Vermeidung von Entzugssymptomen durch erneuten Substanzkonsum
    6. Kontrollverlust: Höherer Konsum oder länger andauernder Konsum als ursprünglich geplant
    7. Anhaltender Wunsch, die Substanz zu konsumieren oder erfolglose Versuche der Kontrolle des Konsums
    8. Erhöhter Zeitaufwand für die Beschaffung und den Konsum der Substanz sowie längere Dauer der Erholung nach Konsum
    9. Vernachlässigung wichtiger Aktivitäten oder Reduktion von Aktivitäten zugunsten des Substanzkonsums
    10. Fortgesetzter Konsum trotz Kenntnis der negativen gesundheitlichen Folgen (physisch oder psychisch)
    11. Craving: Ausgeprägtes Verlangen oder starker Drang, die Substanz zu konsumieren

Therapie

Allgemeine Therapieziele

  • Primär: Abstinenz
  • Sekundär: Konsumreduktion

Mögliche Behandlungsangebote

Zum allgemeinen Vorgehen bei Abhängigkeitserkrankungen siehe: Therapie von Abhängigkeiten

Behandlungsangebote (stationär und ambulant)

Früh- und Kurzinterventionen

  • Beschreibung: Interventionen von sehr kurzer Dauer , die auf Reduktion/Alkoholabstinenz abzielen
  • Bestandteile
    • Personalisiertes Feedback
    • Individuelle Zielfindung
    • Konkrete Ratschläge

Entgiftung

Qualifizierte Entzugsbehandlung

Hierbei handelt es sich um die Regelbehandlung der Alkoholabhängigkeit in der psychiatrischen Pflichtversorgung in Deutschland. Diese beinhaltet neben der Entgiftungsbehandlung interdisziplinäre Therapieansätze.

  • Ziel: Anlage eines Fundaments zur Abstinenz durch
    • Förderung von Problemeinsicht
    • Stärkung der Motivation zur Abstinenz
    • Vermittlung des Patienten in Nachbehandlungsangebote
  • Setting: In Deutschland i.d.R. stationär
  • Therapeutische Berufsgruppen: Unter anderem ärztlich, sozialdienstlich, psychologisch, ergo- und physiotherapeutisch, pflegerisch
  • Behandlungsdauer
    • I.d.R. bis zu 3 Wochen
    • Die Behandlungsdauer kann jedoch je nach Schweregrad, Komplikationen und Komorbiditäten variieren.
  • Bausteine
    • Entgiftung
    • Einbezug/Therapie psychischer und somatischer Begleit- und Folgeerkrankungen
    • Motivationsarbeit: Bspw. gruppentherapeutische Programme, Wissensvermittlung, Rückfallprävention, Entspannung
    • Nachbehandlung: Bahnung von bzw. Vermittlung in spezifische Behandlungsangebote

Entwöhnung (Postakutbehandlung)

Die Entwöhnungsbehandlung kann als medizinische Rehabilitationsmaßnahme im Anschluss (möglichst zeitnah) an die qualifizierte Entzugsbehandlung erfolgen.

  • Ziel: Langfristige Aufrechterhaltung der Abstinenz verbessern
  • Setting: Ambulante, teilstationäre oder stationäre Angebote
    • Ambulante Angebote
      • Fach- oder Institutsambulanz einer psychiatrischen Klinik
      • Zugelassene ambulante Suchtberatungs- oder Behandlungsstellen
    • Teilstationäre Angebote: Tagesklinische psychiatrische Angebote
    • Stationäre Angebote: Anerkannte Fachkliniken zur suchtspezifischen Rehabilitation
  • Bausteine
    • Verstärkte psychotherapeutische Behandlung, insb. in Form kognitiver Verhaltenstherapie und psychodynamischer Kurzzeittherapie
    • Gesundheitliche Rehabilitation/Restitution
    • Bahnung der Rückkehr in die Häuslichkeit bzw. Vermittlung weiterer Angebote
    • Bspw. Angehörigenarbeit, Paartherapie
    • Ggf. Einleitung einer Pharmakotherapie mit einer Anticraving-Substanz
  • Dauer: Individuell, je nach Erkrankungsstadium und Ressourcen
  • Angebotsübersicht: siehe Tipps & Links

Adaption

Die Adaptionsbehandlung, also der zweite Schritt der medizinischen Rehabilitation, kann Teil der Entwöhnungsbehandlung sein oder im Anschluss an selbige erfolgen.

  • Ziel: Reintegration in Beruf und Gesellschaft
  • Bausteine
    • Vorbereitung der selbstständigen Lebensführung
    • Vorbereitung der Rückkehr in den Beruf
    • Vorbereitung des Umfelds
    • Therapeutische Einzel- und Gruppentherapie
  • Zielgruppe: Insb. Patienten mit beruflicher und sozialer Desintegration

Nachbetreuung und Selbsthilfe

  • Optionen
    • Anbindung an Fachambulanzen oder Beratungsstellen
    • Allgemeine ambulante Psychotherapie
    • Selbsthilfegruppen
      • Lange Tradition und weite Verbreitung in der Behandlung der Alkoholabhängigkeit
      • Nachweisliche Verbesserung der Abstinenzdauer bei Anbindung an Selbsthilfegruppen [17]

Medikamentöse Optionen zur Rezidivprophylaxe bei Alkoholabhängigkeit (Anticraving-Substanzen)

  • Indikation: Ergänzend zu laufenden psychosozialen oder -therapeutischen Angeboten
  • Ziel: Rückfallvermeidung durch Minderung des Trinkverlangens
  • Mögliche Präparate
    • Wirkung über glutamaterges System
      • Acamprosat
    • Wirkung über opioiderges System
    • Aversions-Therapie
      • Disulfiram
        • Wirkweise: Blockade der hepatischen Aldehyddehydrogenase → Reduktion des Alkoholabbaus und vermehrter Anfall von Acetaldehyd → Vergiftungssymptomatik mit Übelkeit, Erbrechen und Hypotonie bei Alkoholeinnahme, sog. „Acetaldehyd-Syndrom“ → Konditionierungsreaktion
        • Indikation: Wenn andere Therapieformen nicht zum Erfolg geführt haben
        • Beachte
          • Bei Alkoholkonsum unter Medikation kann das resultierende Acetaldehyd-Syndrom im Extremfall zu Atemdepression, Krampfanfällen und Tod führen!
          • Differenzierte Aufklärung und Begleitung des Patienten wichtig
          • In Deutschland nicht mehr zugelassen → Off-Label-Use!

Komplikationen

Bedeutung der Folgeerkrankungen bei der Alkoholabhängigkeit

Langjähriger Alkoholkonsum kann zu verschiedenen Folgeschäden in allen Organsystemen führen.

Die Diagnose einer Alkoholabhängigkeit sollte immer auch die Suche nach Folgeerkrankungen einschließen! Umgekehrt sollte bei Patienten mit typischen Alkohol-Folgeerkrankungen immer ein Screening auf eine Alkoholabhängigkeit erfolgen!

Folgeerkrankungen (Auszug)

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

Prognose

  • Die Alkoholabhängigkeit stellt für die meisten Patienten eine chronische Erkrankung mit einer lebenslangen Neigung zu Rückfällen dar
  • Eine langfristige Stabilisierung erreichen ca. 40–50% der Patienten [18]

Rechtsmedizinische Grundlagen

Wichtige Begrifflichkeiten

  • Alkoholabbau: Eliminationsrate
  • Resorptionsdefizit
  • Restalkohol
  • Nachtrunk

Widmark-Formel

Die Widmark-Formel wird zur Schätzung des Blutalkoholspiegels genutzt.

  • Blutalkohol (Promille, ‰) = Alkoholmenge (Gramm) / (Körpergewicht (kg) × Reduktionsfaktor)
    • Alkoholmenge (Gramm, g) = getrunkenes Volumen (mL) × (Vol.% ) × 0,8 g/mL
    • Reduktionsfaktor: = 0,7 , = 0,6
    • Beispiel: Ein Mann von 75 kg hat sechs Flaschen Bier (500 mL, 5% Alkohol) getrunken
      • Alkoholmenge = 6 × 500 mL × 5/100 × 0,8 = 120 g
      • Blutalkohol = 120 g / (75 kg × 0,7) = 2,28‰

Unter Berücksichtigung des Resorptionsdefizits und des Alkoholabbaus über die Zeit entsteht folgende modifizierte Formel.

  • Berechnung des Blutalkohols: Blutalkohol (Promille, ‰) = Alkohol (Gramm) × (1 - Resorptionsdefizit) / (Körpergewicht × Reduktionsfaktor) − Eliminationsrate × Anzahl der Stunden (h) seit Trinkbeginn
    • Beispiel: Ein Mann von 75 kg hat sechs Flaschen Bier (500 mL, 5% Alkohol) über vier Stunden getrunken
      • Blutalkohol = ((120 g × 0,9) / (75 kg × 0,7)) − (0,1‰ × 4) = 1,65‰
  • Rückrechnung des Blutalkohols (BAK) zur Beurteilung der Schuldfähigkeit während einer Straftat: BAK zum Tatzeitpunkt = BAK aus Blutprobe (Promille, ‰) + Eliminationsrate × Anzahl der Stunden (h) zwischen Tat und Blutentnahme
    • Maximal-BAK: Eliminationsrate pro Stunde = 0,2‰ + einmaliger Sicherheitszuschlag von 0,2‰
    • Mindest-BAK: Eliminationsrate pro Stunde = 0,1‰
    • Beispiel: Eine BAK von 1,65‰ wird in der Blutprobe vier Stunden nach einer Straftat nachgewiesen. Seitdem hat der vermeintliche Straftäter keinen weiteren Alkohol konsumiert
      • Maximal-BAK zur Tatzeit: 1,65‰ + 0,2‰ × 4 + 0,2‰ = 2,65 ‰
      • Mindest-BAK zur Tatzeit: 1,65‰ + 0,1‰ × 4 = 2,05 ‰

Blutalkoholnachweis (Ethanol)

  • Klinische Zwecke: Durchführung eines Verfahrens, meist Alkoholdehydrogenase-Verfahren
  • Forensische Zwecke: Durchführung zweier Verfahren, meist Alkoholdehydrogenase-Verfahren und Gaschromatographie

Alkoholbestimmung post mortem

Die Entnahme der Blutprobe muss stets aus der Vena femoralis erfolgen. Herznahes Blut kann durch Diffusion von Alkohol aus dem Magen das Ergebnis verfälschen.

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2018

  • F10.-: Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol
    • F10.0: Akute Intoxikation [akuter Rausch]
      • Akuter Rausch bei Alkoholabhängigkeit
    • F10.1: Schädlicher Gebrauch
    • F10.2: Abhängigkeitssyndrom
      • Chronischer Alkoholismus
    • F10.3: Entzugssyndrom
    • F10.4: Entzugssyndrom mit Delir
    • F10.5: Psychotische Störung
    • F10.6: Amnestisches Syndrom
      • Alkohol- oder substanzbedingte amnestische Störung
    • F10.7: Restzustand und verzögert auftretende psychotische Störung
      • Alkoholdemenz o.n.A.
      • Chronisches hirnorganisches Syndrom bei Alkoholismus
    • F10.8: Sonstige psychische und Verhaltensstörungen
    • F10.9: Nicht näher bezeichnete psychische und Verhaltensstörung

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2018, DIMDI.