• Klinik

Akzidentelle Vergiftungen (Intoxikation)

Abstract

Eine Vielzahl von Pflanzen, Medikamenten, Haushalts- oder Industriechemikalien kann bei oraler oder inhalativer Aufnahme zur Vergiftung führen. Im Zweifel sollte der Erste-Hilfe-Leistende, aber auch der behandelnde Arzt die Giftzentrale anrufen, um Handlungs- und Therapieempfehlungen zu bekommen. Bei verschiedenen Intoxikationen ergibt sich klinisch ein typisches Bild, so dass im Zusammenhang mit der Anamnese auf die ursächliche Substanz geschlossen werden kann. Je nach Giftstoff kann daraufhin mit einem Antidot reagiert werden. So lässt sich bspw. die durch Tollkirschen oder Atropin-Überdosierung ausgelöste Hemmung der Acetylcholinrezeptoren durch Physostigmin antagonisieren. Ein weiteres bekanntes Beispiel der stoffbezogenen Therapie ist die Verabreichung von Ethanol zur Behandlung einer Methanolintoxikation.

Gifte

α-Amanitin (Knollenblätterpilzvergiftung)

  • Wirkstoffe: Phalloidin und Amanitin
  • Wirkung
  • Klinik
    • Nach ca. 12 Std. gastrointestinale Symptome (Diarrhö, Erbrechen, Koliken)
    • Später toxisches Nieren- und Leberversagen (nach ca. 3–10 Tagen)
      • Toxische Dosis: 0,1 mg/kgKG
      • Verzehr eines einzelnen Pilzes kann tödlich sein
      • Letalität bei Erwachsenen: 10–20%
  • Therapie
    • Magenspülung
    • Aktivkohle
    • Antidot: Silibinin (Substanz des Stoffkomplexes Silymarin, das sich in Mariendistelfrüchten findet)

Fliegenpilzvergiftung (Pantherina-Syndrom)

  • Wirkstoff: U.a. Ibotensäure und Muscimol
  • Klinik
    • Erbrechen und Durchfall
    • Anticholinerge Symptomatik (Mydriasis, trockene Schleimhäute, Tachykardie)
    • Rauschzustand mit Halluzinationen
  • Therapie
    • Aktivkohle oder eine Entleerung des Magens können in der ersten Stunde eine weitere Aufnahme des Giftes reduzieren
    • Supportive Maßnahmen (z.B. Rehydrierung)
    • Bei sehr ausgeprägter anticholinerger Symptomatik kann die intravenöse Gabe von 1–2 mg Physostigmin erwogen werden

Schwarze Tollkirsche - Atropa belladonna

"Feuerrot, glühend heiß, strohtrocken und total verrückt“

Phosphorsäureester (Alkylphosphate) wie Parathion (E 605)

  • Vorkommen: Insektizide, Malariabekämpfung, Fungizide, iatrogen als Miotika (Glaukomtherapie)
  • Aufnahme: Über Haut oder Schleimhäute, bspw. von Respirations- bzw. Gastrointestinaltrakt (sog. Kontaktgift)
  • Wirkung
    • Irreversible Hemmung der Acetylcholinesterase mit konsekutiver Erhöhung der Acetylcholinkonzentration und Wirkung an muskarinergen und nikotinischen Acetylcholinrezeptoren
    • Folge: Lebensbedrohliche Parasympathikusaktivierung
  • Klinik: Cholinerges Syndrom
    • Bradykardie, Miosis
    • Gastrointestinale Symptomatik (Speichelfluss↑, Diarrhö, abdominelle Schmerzen, Stuhl- und Urinabgänge)
    • Muskelzuckungen und -schwäche
    • ZNS-Symptomatik (Ruhelosigkeit, Angst, Ataxie, Tremor bis hin zum Koma)
    • Nikotinische Acetylcholinrezeptoren: Muskelzuckungen, die in Lähmungen übergehen können Periphere neuromuskuläre Atemlähmung
  • Charakteristika
    • Knoblauch- oder Lauchgeruch der Ausatemluft
    • Blaue Farbe: Speichel, Schleimhäute
  • Diagnostik: Bestimmung der Acetylcholinesterase-Aktivität in den Erythrozyten
    • Acetylcholinesterase-Aktivität↓
  • Antidot

Bei der Behandlung unbedingt auf Selbstschutz (Handschuhe, Atemschutz) achten, kontaminierte Kleidung des Patienten entfernen und dessen kontaminierte Haut großzügig mit Wasser und Seife waschen!

Hauptgefahr bei Alkylphosphatvergiftung ist die periphere und zentrale Atemlähmung!

Blausäure, Cyanide (HCN, KCN, CN)

  • Vorkommen
    • Metallindustrie
    • Bei Verbrennung stickstoffhaltiger Stoffe oder polyurethanhaltiger Schaumstoffe
    • Falsche Zubereitung von Maniokknollen
    • Bei Kindern: Verzehr von Bittermandeln (5–10 Stück)
  • Wirkung
    1. Blockierung der Atmungskette durch Bindung an das dreiwertige Eisen der Cytochromoxidase
    2. Hemmung der Zellatmung
    3. Inneres Ersticken
  • Klinik
    • Auftreten der Symptomatik
      • 15–60 Minuten nach oraler Aufnahme
      • Wenige Sekunden nach Inhalation
    • Atemnot, Schwindel, Erbrechen, Kopfschmerzen
    • Hellrote Schleimhautblutungen
    • Nekrosen im Mund- und Ösophagusbereich
    • Krämpfe, Erregungsstörungen am Herzen, Atemlähmung, Tod
  • Charakteristika
  • Therapie
    • Allgemein: Gabe von 100%igem Sauerstoff
    • Bei inhalativer Vergiftung: Hydroxocobalamin (Vitamin B12a)
    • Bei oraler Vergiftung : Methämoglobinbildner
      • 4-Dimethylaminophenol i.v. (4-DMAP)
      • Alternativ: Nitrit
      • Im Anschluss an 4-DMAP oder Nitrit: Natriumthiosulfat i.v. (Na2S2O3)

Eisenvergiftung

  • Epidemiologie: Eher selten, betroffen sind meist Kleinkinder (Ingestion von Eisentabletten)
  • Symptome
  • Antidot: Deferoxamin

Methanol (siehe dort)

Medikamenten-Intoxikation

Trizyklische Antidepressiva

Physostigmin ist bei QRS-Verbreiterung kontraindiziert, da es die Herzrhythmusstörungen verschlimmern kann und im schlimmsten Fall zum Herzstillstand führt!

Barbiturate

Benzodiazepine

Flumazenil hat nur eine Halbwertszeit von unter einer Stunde und muss daher gegebenenfalls nachinjiziert werden!

Lithium

  • Klinik
    • Ataxie
    • Krämpfe
    • Dysarthrie
  • Therapie

Lokalanästhetika

Opioide

Naloxon hat nur eine Halbwertszeit von etwa 30 Minuten und muss daher gegebenenfalls nachinjiziert werden!

Paracetamol

  • Klinik: Leberzellnekrose
  • Antidot: ACC

Antidote - Überblick

Medikamente Antidote Wirkprinzipien
Anticholinergika Physostigmin Hemmung der Cholinesterase erhöht Acetylcholinspiegel
Barbiturate Natriumhydrogencarbonat Alkalisierung des Urins führt zu vermehrter Ausscheidung
Benzodiazepine Flumazenil Reversibler, kompetitiver Antagonist an der Benzodiazepin-Bindungsstelle des GABAA-Rezeptors
Digitalis Digitalis-Antitoxin Xenogene Antikörperfragmente, die Digitalisglykoside binden
Heparin Protamin Komplexbildung mit Heparin
Paracetamol N-Acetylcystein N-Acetylcystein stellt notwendige SH-Gruppen zur Entgiftung von Paracetamol-Metaboliten zur Verfügung
Phenprocoumon

Vitamin K (in schweren Fällen kann zusätzlich Prothrombinkonzentrat, Fresh frozen plasma oder rekombinanter Faktor VIIa verabreicht werden!)

Phenprocoumon ist ein kompetitiver Antagonist von Vitamin K, das bei Überdosierung substituiert werden kann
Opioide Naloxon, Naltrexon Kompetitiver (reiner) Antagonist an allen Opiodrezeptoren
Antidote weiterer Gifte
Alkylphosphate (Parathion, E 605) Atropin, Obidoxim Abschwächung des parasympathomimetischen Effekts
Blausäure (Cyanide) Methämoglobinbildner Das dreiwertige Eisen des Methämoglobins bindet Cyanide, so dass deren potentiell letale Wirkung auf die Zellatmung reduziert wird
Metalle Chelatbildner Inaktivierung durch Chelatbildung

Sonstiges

Lampenöl (Petroleum)

Zigaretten (Nikotinvergiftung)

  • Klinik
    • Erbrechen, Blässe, Tachykardie, Schwitzen
    • Hohe Mengen: Kreislaufdepression (RR, Herzfrequenz↓), Atemlähmung
  • Therapie: Aktivkohle bis 60 min. nach Ingestion

Tenside (Haarshampoo, Allzweckreiniger)

  • Klinik: Erbrechen durch Schaumbildung, davon abgesehen (falls keine Säure oder Lauge enthalten) unbedenklich
  • Therapie: Dimeticon (physikalischer Entschäumer)

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2018

T51.-: Toxische Wirkung von Alkohol

T61.-: Toxische Wirkung schädlicher Substanzen, die mit essbaren Meerestieren aufgenommen wurden

T62.-: Toxische Wirkung sonstiger schädlicher Substanzen, die mit der Nahrung aufgenommen wurden

T63.-: Toxische Wirkung durch Kontakt mit giftigen Tieren

  • T63.0: Schlangengift
    • Gift von Seeschlangen
  • T63.1: Gift anderer Reptilien
    • Gift von Echsen
  • T63.2: Skorpiongift
  • T63.3: Spinnengift
  • T63.4: Gift sonstiger Arthropoden
    • Insektenbiss oder -stich, giftig
  • T63.5: Toxische Wirkung durch Kontakt mit Fischen
    • Exklusive: Vergiftung durch verzehrte Fische (T61.0T61.2)
  • T63.6: Toxische Wirkung durch Kontakt mit sonstigen Meerestieren
    • Qualle
    • Schalentiere
    • Seeanemone
    • Seestern
    • Exklusive: Gift von Seeschlangen (T63.0), Vergiftung durch verzehrte Schalentiere (T61.2)
  • T63.8: Toxische Wirkung durch Kontakt mit sonstigen giftigen Tieren
    • Amphibiengift
  • T63.9: Toxische Wirkung durch Kontakt mit einem nicht näher bezeichneten giftigen Tier

T64: Toxische Wirkung von Aflatoxin und sonstigem Mykotoxin in kontaminierten Lebensmitteln

T65.-: Toxische Wirkung sonstiger und nicht näher bezeichneter Substanzen

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2018, DIMDI.