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Akute Bronchiolitis im Säuglingsalter

Letzte Aktualisierung: 8.9.2021

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Die akute Bronchiolitis ist eine virale Infektion der unteren Atemwege im Säuglingsalter, bei der insb. kleine Bronchien und Bronchiolen betroffen sind. Sie wird häufig durch RS- und Rhinoviren verursacht und geht i.d.R. mit Erkältungssymptomen wie leichtem Fieber, Halsschmerzen, Schnupfen, Kopf- und Gliederschmerzen einher. Auskultatorisch zeigt sich typischerweise ein endinspiratorisches Knisterrasseln. Die akute Bronchiolitis kann mit starker Dyspnoe fulminant verlaufen, sodass eine intensivmedizinische Behandlung mit Atemunterstützung erforderlich wird. Für Hochrisikokinder (bspw. ehemalige Frühgeborene mit bronchopulmonaler Dysplasie) steht ein kurzwirksamer, monoklonaler Antikörper als passiver Impfstoff gegen RSV zur Verfügung.

Im Säuglingsalter gibt es häufig Überschneidungen zwischen einer Bronchiolitis und einer obstruktiven Bronchitis, sodass eine klare Abgrenzung schwierig ist!

  • Inzidenz: Ca. 20–30% aller Kinder im 1. Lebensjahr [1]
  • Häufigkeitsgipfel: Säuglinge im Alter von 3–6 Monaten [2]
  • Hospitalisierungsrate: Ca. 2–3% [3]
  • Saisonalität: Vorkommen insb. im Winter in nicht-tropischen Gebieten der Nordhalbkugel mit Peak im Januar/Februar

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Sowohl direkt zytopathische Effekte der Erreger als auch lokale und systemische (zelluläre) Immunreaktionen sind an der Pathogenese beteiligt . [1]

Insb. im Anfangsstadium der Erkrankung sollte unbedingt ein Kontrolltermin vereinbart werden, falls das Kind nicht stationär aufgenommen wird, da Verlauf und Schweregrad noch nicht absehbar sind!

Im Säuglingsalter gibt es häufig Überschneidungen zwischen einer obstruktiven Bronchitis und einer Bronchiolitis, sodass eine klare Abgrenzung schwierig ist!

Anamnese und Klinik sind vordergründig für die Diagnosestellung. [1]

Schweregrad der akuten Bronchiolitis [1]
Parameter Leicht Mittel Schwer
Atemfrequenz <40/min 40–70/min >70/min
saO2 bei Raumluft >92% 88–92% <88%
Sternale und/oder thorakale
Einziehungen
✓✓
Beeinträchtigung der Nahrungsaufnahme ✓✓
–: nicht vorhanden; ✓: vorhanden; ✓✓: ausgeprägt

Relevante bakterielle Sekundärinfektionen sind bei Kindern mit akuter Bronchiolitis sehr selten!

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differentialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

  • Ambulantes Vorgehen [1][2]
    • Körperliche Schonung
    • Auf ausreichende Trinkmengen achten
    • Nur bei Symptomen der Bronchialobstruktion: Inhalation mit Salbutamol und ggf. Kochsalzlösung
  • Hospitalisierungskriterien : ≥1 der folgenden
  • Stationäres Vorgehen
    • Minimal Handling
    • Ausreichende Hydratation
    • Sicherstellen der Oxygenierung
      • Bei Hypoxämie (unter Raumluft): Sauerstoffgabe
      • Ggf. Atemunterstützung: Nasale High-Flow-Therapie (HFNC)
      • Bei schwerem Verlauf: CPAP, ggf. invasive Beatmung
    • Ggf. oberflächliches nasales Absaugen
    • Nicht routinemäßig empfohlen: Atem(physio)therapie
  • Nur in Ausnahmefällen: Medikamentöse Therapie
    • Salbutamol: Nur bei zusätzlicher Bronchialobstruktion [8]
      • Dosieraerosol über Inhalierhilfe
      • Feuchtinhalation von Inhalationslösung [9]
    • Antibiotika: Nur bei dringendem V.a. oder Nachweis einer bakteriellen Infektion [8]
    • Umstritten: Hypertone Kochsalzlösung 3% (z.B. MucoClear®) inhalativ
      • Standarddosierung (ab Geburt)
      • Zu beachten
        • Insb. bei kleinen Säuglingen kann es zu einer übermäßigen Reaktion mit konsekutiver Verengung der Bronchien kommen, dann ist die Behandlung unverzüglich abzubrechen
        • Nach der Inhalation sollte, wenn möglich, eine aufrechte Haltung eingenommen werden, um das Abhusten des Schleims zu erleichtern
        • Bei Inhalation zu Hause sollten aus hygienischen Gründen vorzugsweise kleine Ampullen à 5–10 mL verschrieben werden
    • Nicht empfohlen

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

  • Mortalität: In ressourcenreichen Ländern nur gering [1][11][12]
  • Hyperreagibles Bronchialsystem: Erhöhtes Risiko für rezidivierende obstruktive Bronchitiden und Asthma bronchiale

Allgemeine Präventionsmaßnahmen [4]

RSV-Prophylaxe [1][4]

  • Passive Immunisierung mit Palivizumab (monoklonaler Antikörper) [13]
  • Indikation: Hochrisikokinder
Indikationen zur RSV-Prophylaxe mit Palivizumab [4]
Risikofaktoren für schweren Krankheitsverlauf Prophylaxe generell empfohlen Prophylaxe erwägen Einzelfallentscheidung
Frühgeburt
  • Alle Frühgeborenen (<37+0 SSW) bei
    • Behandlung wegen BPD/chronischer Lungenerkrankung mit O2-Bedarf/Beatmung in den letzten 3 Monaten und
    • Alter ≤24 Monate zu Beginn der RSV-Saison
  • Frühgeborene 29+0 bis 34+6 SSW bei
    • ≥2 Risikofaktoren und
    • Alter ≤6 Monate zu Beginn der RSV-Saison
Kardiale Erkrankung
  • Alter <6 Monate zu Beginn der RSV-Saison
  • Alter 6–12 Monate zu Beginn der RSV-Saison
Nicht-kardiale Grunderkrankung
  • Kinder mit syndromaler oder neurologischer Grunderkrankung bei zusätzlichen Risikofaktoren (Off-Label Use)
  • Durchführung
    • 1. Dosis Anfang November, während der RSV-Saison alle 4 Wochen i.m. (insg. 5 Injektionen) [8]
    • Bei stationär behandelten Kindern mit entsprechender Indikation: 1. Dosis Palivizumab 48–72 h vor Entlassung
    • Zeitgleiche Durchführung von Aktivimpfungen problemlos möglich
    • Bei labordiagnostisch gesicherter RSV-Infektion: Beenden der Prophylaxe
  • Reduzierung der RSV-bedingten Hospitalisierungsrate
    • Bei allen Frühgeborenen <36. SSW: Bis zum Alter von 6 Monaten
    • Bei Frühgeborenen <36. SSW mit medikamentös behandelter BPD: Bis zum Alter von 24 Monaten
    • Bei Kindern mit hämodynamisch relevantem Herzfehler: Bis zum Alter von 24 Monaten

Ein Aktivimpfstoff gegen RSV ist bisher nicht verfügbar!

Bei Kindern mit Indikation für Palivizumab soll eine ausführliche Aufklärung der Eltern mit gemeinsamer Entscheidungsfindung erfolgen!

Für Kinder mit hämodynamisch nicht(!) relevanten Herzfehlern, zystischer Fibrose, chronischer interstitieller Lungenerkrankung (ohne BPD) oder Lungentransplantation wird eine Prophylaxe mit Palivizumab aktuell nicht empfohlen!

Epidemiologie [4][5][6]

  • Vorkommen: Häufigster (nachgewiesener) Erreger unterer Atemwegsinfektionen bei Kindern <2 Jahren
  • Inzidenz: Weltweit 48,5 pro 1.000 <1-jährige Kinder
  • Letalität bei hospitalisierten Kleinkindern ≤2 Jahre [6]
    • 0,2% der Fälle bei Kindern ohne bekanntes erhöhtes Risiko
    • 1,2% der Fälle bei Frühgeborenen
    • 4,1% der Fälle bei Kindern mit bronchopulmonaler Dysplasie
    • 5,2% der Fälle bei Kindern mit angeborenem Herzfehler
  • Häufigkeitsgipfel: Kinder <2 Jahre und ältere Menschen [14]
  • Geschlecht

Ätiologie

  • Erreger: Respiratory-Syncytial-Virus (RS-Virus)
  • Reservoir: Mensch als einziges Reservoir
  • Pathogenese
    • Virusreplikation in den Epithelzellen der Atemwege → Reversible Epithelschädigung durch Bildung von Synzytien und Immunreaktion → Verlegung der Bronchien durch Zelldetritus, Abwehrzellen und Mukus → Nicht belüftete bzw. kompensatorisch überbelüftete Lungenareale
    • Verlauf selbstlimitierend; Regeneration der Epithelien i.d.R. innerhalb 4–8 Wochen
  • Infektionsweg: Hauptsächlich Tröpfcheninfektion
    • Indirekte Infektion über kontaminierte Hände, Gegenstände und Oberflächen möglich
  • Virusausscheidung: Ab 1 Tag nach Ansteckung
    • Bei Personen ohne Grunderkrankung über 3–8 Tage
    • Bei Frühgeborenen und Immundefizienten ggf. über Wochen bis Monate
  • Immunität: Nein, Re-Infektion häufig
  • Risikofaktoren für einen schweren Verlauf [5][6]

Klinik

Therapie

Siehe: Akute Bronchiolitis - Therapie

Prävention

Siehe: Akute Bronchiolitis - Prävention

Meldepflicht

Gemäß dem Infektionsschutzgesetz (IfSG) besteht keine bundesweite Meldepflicht für das RS-Virus. Es gibt jedoch eine amtliche Meldepflicht in Sachsen.

  • Labormeldepflicht
    • Nach IfSGMeldeVO (nur in Sachsen ): Namentliche Meldepflicht bei direktem oder indirektem Erregernachweis, wenn dieser auf eine akute Infektion hinweist

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2021, DIMDI.

  1. Schorlemer, Eber: Akute virale Bronchiolitis und obstruktive Bronchitis bei Kindern In: Monatsschrift Kinderheilkunde. Band: 168, Nummer: 12, 2020, doi: 10.1007/s00112-020-00993-x . | Open in Read by QxMD p. 1147-1157.
  2. Bronchiolitis in Children: Diagnosis and Management. Stand: 1. Juni 2015. Abgerufen am: 8. Januar 2021.
  3. Hancock et al.: The heterogeneity of viral bronchiolitis: A lack of universal consensus definitions In: Pediatric Pulmonology. Band: 52, Nummer: 9, 2017, doi: 10.1002/ppul.23750 . | Open in Read by QxMD p. 1234-1240.
  4. Leitlinie zur Prophylaxe von schweren Erkrankungen durch Respiratory Syncytial Virus (RSV) bei Risikokindern. Stand: 30. Oktober 2018. Abgerufen am: 4. Januar 2021.
  5. Sommer: Risk Factors for Severe Respiratory Syncytial Virus Lower Respiratory Tract Infection In: The Open Microbiology Journal. Band: 5, Nummer: 1, 2011, doi: 10.2174/1874285801105010144 . | Open in Read by QxMD p. 144-154.
  6. Thorburn et al.: Mortality and morbidity of nosocomial respiratory syncytial virus (RSV) infection in ventilated children--a ten year perspective. In: Minerva anestesiologica. Band: 78, Nummer: 7, 2012, p. 782.
  7. Ralston et al.: Clinical Practice Guideline: The Diagnosis, Management, and Prevention of Bronchiolitis In: PEDIATRICS. Band: 134, Nummer: 5, 2014, doi: 10.1542/peds.2014-2742 . | Open in Read by QxMD p. e1474-e1502.
  8. Wigger, Stange: Medikamente in der Pädiatrie: Inklusive Neonatologie/ Intensivmedizin. 4. Auflage Urban & Fischer 2013, ISBN: 3-437-21454-3 .
  9. Florin et al.: Viral bronchiolitis In: The Lancet. Band: 389, Nummer: 10065, 2017, doi: 10.1016/s0140-6736(16)30951-5 . | Open in Read by QxMD p. 211-224.
  10. Dittrich et al.: Giemen im Vorschulalter In: Monatsschrift Kinderheilkunde. Band: 168, Nummer: 11, 2020, doi: 10.1007/s00112-020-00995-9 . | Open in Read by QxMD p. 1015-1024.
  11. Jartti et al.: Bronchiolitis needs a revisit: Distinguishing between virus entities and their treatments In: Allergy. Band: 74, Nummer: 1, 2018, doi: 10.1111/all.13624 . | Open in Read by QxMD p. 40-52.
  12. Kleines: Virale Atemwegserkrankungen – Influenza, RSV und neue Viren In: Pädiatrie up2date. Band: 12, Nummer: 03, 2017, doi: 10.1055/s-0043-114856 . | Open in Read by QxMD p. 227-243.
  13. Respiratorische Synzytial-Virus-Infektionen (RSV), RKI-Ratgeber für Ärzte. Stand: 18. Januar 2015. Abgerufen am: 9. Oktober 2017.
  14. Mammas et al.: Update on current views and advances on RSV infection (Review) In: International Journal of Molecular Medicine. Band: 46, Nummer: 2, 2020, doi: 10.3892/ijmm.2020.4641 . | Open in Read by QxMD p. 509-520.