Neurophysiologie

Da bleibt einem die Spucke weg

Vor mündlichen Prüfungen sind viele Menschen sehr aufgeregt. Aufregung bedeutet akuten Stress für unseren Körper: Der Mund fühlt sich trocken an, die Hände sind schwitzig, das Blut rauscht einem laut durch den Kopf und das Herz schlägt schneller. Bedanken darf man sich beim sympathischen Nervensystem.

In Stresssituationen wird der Sympathikus mit seiner leistungssteigernden Wirkung aktiv und stellt unseren Körper sozusagen auf „Kämpfen oder Flucht“ ein („fight or flight“). Die Verdauung wird heruntergefahren, was auch bedeutet, dass in den Speicheldrüsen weniger und schleimigeres Sekret produziert wird. Schweißsekretion, Herzfrequenz und Blutdruck steigen an, um die Muskulatur ausreichend mit Blut zu versorgen und zu kühlen.

Was bei einem Kampf gegen Bären und Säbelzahntiger hilfreich war, ist in mündlichen Prüfungen häufig lästig. Falls euch die Prüfer jedoch auffressen wollen, seid ihr natürlich bestens gewappnet.

Aber im Ernst: Ruhe bewahren, das AMBOSS-Kapitel über die mündliche Physikumsprüfung lesen, Prüfungssituationen mit Freunden durchspielen und vielleicht die ein oder andere Entspannungsübung einlegen – dann klappt es auch mit den Nerven.

Woher die schrumpeligen Finger beim Baden wirklich kommen

Bei längerem Baden gelangt Wasser durch Osmose in die oberflächlichen Hautzellen, wodurch die Haut aufquillt und Runzeln bildet - dieser Irrglaube ist weit verbreitet!

Jedoch entstehen die Falten wahrscheinlich durch eine sympathisch vermittelte Vasokonstriktion in den Händen und Füßen, nachdem Wasser in die Ausführungsgänge der Schweißdrüsen eingedrungen ist. Die Vasokonstriktion führt zu einer Volumenabnahme(!) des Gewebes und damit zu einer Faltung der darüberliegenden Haut.

Unterstützt wird diese These dadurch, dass bei Patienten mit peripheren Nervenläsionen keine Schrumpelhaut an Händen oder Füßen beim Baden auftritt. Dieser Effekt ist so deutlich, dass er sogar als Testmethode für periphere Nervenläsionen genutzt werden kann!

Wozu die Schrumpelhaut dient, ist noch unklar. Man vermutet, dass die Falten ähnlich dem verstärkten Profil von Winterreifen wirken und z.B. das Greifen nasser Gegenstände erleichtern sollen.

Der Duft nach Keksen und Kindheit

Wir alle kennen das: Man riecht den Duft von Apfelstrudel, Tee und ausgeblasenen Kerzen und schon sitzen wir in Gedanken wieder im Wohnzimmer unserer Eltern und warten auf das Christkind. Dass der menschliche Geruchssinn mit dem Gedächtnis eng verknüpft ist, ist weitgehend bekannt. Woran das liegt, konnte die Wissenschaft allerdings noch nicht abschließend klären.

Man weiß jedoch bereits, dass der Geruchssinn eine besonders enge Verknüpfung mit dem Hippocampus hat, der „Schaltzentrale“ unseres Gedächtnisses. In wissenschaftlichen Studien wurde mithilfe von MRT-Untersuchungen herausgefunden, dass mit Gerüchen verknüpfte Erinnerungen zu einer verstärkten Aktivität des rechten vorderen Hippocampus führen.

Was lernen wir daraus? Immer schön im weihnachtlichen Wohnzimmer die AMBOSS-Kapitel lesen und bei der Prüfung bloß nicht die Zimtsterne vergessen! ;)

Berauschende Weihnachtszeit

Muskat sorgt für das besondere Etwas in Muttis Kartoffelbrei, weihnachtlichen Plätzchen und Glühwein – aber das Gewürz hat auch seine Tücken: In hohen Dosen kann es zu halluzinogenen Wirkungen sowie nicht zu unterschätzenden Vergiftungserscheinungen kommen (u.a. Übelkeit, Tachykardie, Kopfschmerzen und Angstzustände)!

Grund hierfür ist vermutlich das enthaltene Myristicin, das in seiner Struktur einer Vorstufe des im Ecstasy enthaltenen MDMA ähnelt und als schwacher Hemmer der Monoaminoxidase wirkt. Der Abbau ihrer Substrate, u.a. Adrenalin und Noradrenalin, ist folglich reduziert, sodass deren Effekte im Körper verstärkt auftreten können.

Um einen halluzinogen-toxischen Effekt zu erzielen, müssten allerdings sehr große Mengen Muskatnuss konsumiert werden, sodass ein “normaler” Konsum von Glühwein eher aus anderen Gründen berauscht…

Winterschlaf is coming

Die Tage werden kürzer und dahin ist die ganze Energie, mit der man im Sommer morgens aus dem Bett gehüpft ist und auch eine Vorlesung um acht kein Problem war. Eines ist klar: Je weniger Sonne wir abbekommen, desto müder fühlen wir uns. Aber warum ist das so?

Mit dafür verantwortlich ist die Zirbeldrüse (Glandula pinealis), eine kleine Drüse im Gehirn. Sie bildet aus dem wichtigen Monoamin Serotonin das müde machende Hormon Melatonin. Diese Reaktion wird lichtabhängig gesteuert. Je weniger Licht auf den Sehnerv trifft, desto mehr Melatonin wird synthetisiert und ausgeschüttet. Die Folge: Wir fühlen uns müde und abgeschlagen.

Man geht außerdem davon aus, dass eine heruntergesetzte Aktivität serotonerger Neurone eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Depressionen spielt. Substanzen, die die Serotoninkonzentration im synaptischen Spalt erhöhen, gehören bei deren Behandlung sogar zu den Medikamenten der ersten Wahl.

Der ganze Körper ist eine Uhr

Jetlag, Schichtarbeit, Partyweekend oder einfach nur der Beginn der Sommerzeit – die innere Uhr des Körpers muss sich immer wieder an die äußeren Bedingungen anpassen. Gut, dass der zirkadiane Rhythmus flexibel ist. Aber was sind eigentlich die Taktgeber der inneren Uhr, die für den Tag-Nacht-Rhythmus zuständig ist?

Unsere innere Uhr besteht eigentlich aus ganz vielen Uhren, die in den verschiedenen Geweben nach ihren eigenen Zeitplänen ticken. Es gibt allerdings eine “Masterclock”: Der endogene Taktgeber all dieser einzelnen Uhren ist der Ncl. suprachiasmaticus des Hypothalamus. Die molekulare Basis des Takts bilden Proteine, deren Level in einem 24h-Rhythmus oszillieren.

Für die Entdeckung dieser Mechanismen erhielten Jeffrey C. Hall, Michael Rosbash und Michael W. Young 2017 den Nobelpreis für Medizin.

Nobelpreis in Physiologie oder Medizin 2017 (nobelprize.org)

Neurophysiologische Untersuchungen und Schlaf (in AMBOSS)

Zwischenhirn (in AMBOSS)